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Eis und Wasser, Wasser und Eis

Roman. Originaltitel: Is och vatten, vatten och is.
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Produktdetails
Titel: Eis und Wasser, Wasser und Eis
Autor/en: Majgull Axelsson

ISBN: 3570100413
EAN: 9783570100417
Libri: 6154336
Roman.
Originaltitel: Is och vatten, vatten och is.
Übersetzt von Christel Hildebrandt
Bertelsmann Verlag

Oktober 2010 - gebunden - 542 Seiten

Vielschichtiger Psychokrimi und bewegende Familiensaga mit großem Finale im ewigen Eis


Die erfolgreiche Krimiautorin Susanne befindet sich an Bord eines Eisbrechers mitten im Polarmeer und versucht herauszufinden, wer ihre Kajüte verwüstet und mit Lippenstift hasserfüllte Botschaften hinterlässt. Was Susanne nicht weiß: Ihre Vergangenheit holt sie ein. Lange verheilt geglaubte Wunden brechen auf, als ihr klar wird, dass ihr Stiefbruder, der schwedische Teenie-Star, der in den 1960ern für immer verschwand, der Schlüssel zu allem ist.


Raffiniert verknüpft Majgull Axelsson die Vergangenheit mit der Gegenwart, das Leben in einer schwedischen Kleinstadt mit der klaustrophobischen Enge auf einem Eisbrecher - und hält uns dabei die ganze Zeit in Atem.




Majgull Axelsson, geboren 1947, ist eine der erfolgreichsten und beliebtesten Autorinnen Schwedens. Für ihre Romane erhielt sie die wichtigsten Literaturpreise des Landes. In Deutschland wurde sie mit ihrem Bestseller »Die Aprilhexe« einem breiten Lesepublikum bekannt. Zuletzt erschien von ihr bei C.Bertelsmann »Die ich nie war«.

Das weiß sie in dem Moment, als sie den Schlüssel ins Schloss steckt, weiß es, ohne es wirklich zu wissen, bereits als sie den Schlüssel herumdreht. Der Zylinder dreht sich ohne Widerstand. Aber sie hat doch abgeschlossen, als sie hinausging? Doch, ja. Sie schließt immer ab, wenn sie kommt und wenn sie geht, sie schließt sich sogar nachts ein, obwohl alle sagen, das sei gefährlich. Aber jetzt ist die Tür nicht abgeschlossen. Jemand ist in ihrer Kabine gewesen. Wieder.
Sie zögert einen Moment, schaut sich zunächst im Gang nach links und rechts um, bevor sie die Hand auf die Klinke legt. Niemand ist zu sehen, aber sie hört Musik und Stimmen aus der Nachbarkabine. Dort wohnen Magnus und Ola, einer von ihnen lacht laut, und das beruhigt sie. Magnus ist ein schweigsamer Riese mit blauen Augen, Ola ein lächelnder Matrose, der mindestens eine Stunde täglich im Fitnessraum zubringt. Die kommen, wenn sie ruft. Dessen ist sie sich sicher. So gut wie sicher.
Dennoch zögert sie noch einige Sekunden, bevor sie die Tür öffnet, bleibt dann mit gerecktem Kinn in der Türöffnung stehen und wittert wie ein Hund. Derjenige, der in ihre Kabine geht, wenn sie nicht dort ist, hinterlässt immer einen Geruch, einen leichten Hauch von Benzin oder Öl, Tabak oder Aftershave, stark genug, dass sie ihn bemerken muss, und dennoch so schwach, dass sie mit niemandem darüber reden kann.
Sie tritt über die Schwelle und bleibt erneut stehen. Schaut sich um, schnuppert noch einmal und zieht die Mundwinkel hinunter. Heute riecht es weder nach Öl oder Benzin noch nach Tabak oder Aftershave. Sondern nach Urin. Obwohl das wahrscheinlich ein viel zu vornehmer Ausdruck dafür wäre. Denn
Tatsache ist: Es stinkt nach Pisse. Das ist das hässlichste Wort, das sie kennt, aber nun mal das einzige, das den Gestank angemessen beschreibt. Jemand hat tatsächlich in ihre Kabine gepisst.
Die Scham überrascht sie. Sie durchzuckt ihren Körper und treibt sie dazu, sofort die Tür hinter sich zuzu
werfen. Niemand soll erfahren, wie es in ihrer Kabine riecht, niemand soll einen Grund haben zu glauben, sie würde so riechen, niemand soll... Sie holt tief Luft und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür. Zeit, sich zu besinnen. Zeit, sachlich und vernünftig zu denken. Zeit, sich umzuschauen und zu registrieren, was er dieses Mal gemacht hat.
Die Spuren seiner Anwesenheit, die er hinterlässt - denn es ist doch wohl ein Er? Es muss doch wohl ein Er sein? -, sind normalerweise deutlich genug, dass sie sehen kann, dass er da war, und dennoch so subtil, dass sie niemand anderem auffallen würden. Es hätte ja sie selbst sein können, die ihre Kulturtasche auf dem rauen Stoff des Sofas ausgekippt hat, die Decke und Laken aus der frisch bezogenen Koje herausgerissen und in einem unordentlichen Haufen wieder hineingeworfen oder den Schrank geöffnet und die saubere Unterwäsche herausgerissen hat. Doch so war es nicht. Das war jemand anderes. Jemand, der mindestens viermal in ihre Kajüte eingedrungen ist und Spuren und Gerüche hinterlassen hat.
Das Schiff krängt, und sie spreizt die Finger, drückt die Handflächen gegen die Tür hinter sich, um die Balance zu halten. Die Berührung ist eine Ermahnung. Sachlich und vernünftig, so sollte man sein. Also richtet sie sich auf und macht ein paar Schritte in die Kabine hinein, um sich einen Überblick zu verschaffen, stellt sich breitbeinig hin, um weitere Krängungen zu parieren. Sie ist erst seit acht Tagen an Bord, aber der Körper hat sich den neuen Lebensbedingungen bereits angepasst. Deshalb sitzt sie breitbeinig wie ein Mann unten in der Bar, deshalb haucht sie draußen an Deck auf die Knöchel, bevor sie die Hände in die Achselhöhlen steckt, deshalb nimmt sie zwei Stufen auf einmal, wenn sie auf weichen Gummisohlen die Treppe zur Brücke hinaufeilt, zur täglichen Besprechung mit den Forschern und dem Kapitän. Sie sagt bei diesen Besprechungen selten etwas, schüttelt nur leicht den Kopf, sodass der Pferdeschwanz im Nacken ki
tzelt. Nein, als Vertreterin der Künstler hat sie nichts hinzuzufügen. Das Wort selbst berührt sie peinlich. Ist sie wirklich eine Künstlerin? Dessen ist sie sich nicht so sicher. Sie weiß nur, dass sie dort sitzt, weil Marcus - und er ist wirklich ein Künstler - nicht zu diesen Treffen gehen will. Er hat keine Zeit für so etwas, ist vollauf damit beschäftigt, auf dem Schiff eine Runde nach der anderen zu drehen und vor sich hin zu murmeln. Anfangs dachte sie, er wäre manisch, aber jetzt hat sie sich ein paarmal mit ihm unterhalten und weiß, dass er ziemlich zögerlich und nachdenklich sein kann. Er ist einfach zu sehr damit beschäftigt zu schauen, sodass es den Anschein hat, als hätte er die Fähigkeit zu hören verloren. Bereits am dritten Tag hat sie aufgehört, ihm zu berichten, was am Tisch des Kapitäns gesagt wurde, denn er schaute so verwirrt drein, wenn sie es versuchte, dass ihr klar wurde, dass er die Morgenbesprechungen bereits vergessen hatte. Inzwischen nickt sie ihm nur vage lächelnd zu, wenn sie sich draußen auf Deck begegnen oder zufällig in der Messe am selben Tisch sitzen.
Vielleicht sollte sie auch aufhören, zu diesen Morgenbesprechungen zu gehen. Hat sie doch nie etwas zu sagen, und es kommt immer häufiger vor, dass sie die Konzentration verliert und nicht mehr hört, was die anderen sagen. Stattdessen lässt sie den Blick über die Runde schweifen und verweilt bei jedem Gesicht. Ist es einer von ihnen? Dieser blasse Chemiker, der jedes Mal errötet, wenn er angesprochen wird? Oder Sture, der Meteorologe, der immer mit verschränkten Armen dasitzt, als erwarte er, persönlich für Nebel und hohen Seegang angeklagt zu werden? Könnte es dieser Dozent sein, der sein langes Haar zu einem grauen Pferdeschwanz gebunden hat und dessen Namen sie sich einfach nicht merken kann? Oder ist es Fredrik mit seinen braunen Augen, der immer zwischen kontroversen Meinungen vermittelt und mit Kompromissvorschlägen kommt, ein geborener Diplomat, wie geschaffen zum Steuerm
ann?
Nein. Das kann sie nicht glauben. Warum sollte einer dieser Männer, die jeden Morgen um den Konferenztisch des Kapitäns sitzen, in ihre Kabine gehen und seine Spuren hinterlassen wollen? Sie kennt keinen von ihnen und weiß nichts über sie, sie kennen sie nicht und wissen nur das von ihr, was in den Zeitungen stand, wenn überhaupt. Und die Frauen an dem Tisch? Kann man sich überhaupt vorstellen, dass eine fröhliche, muntere Professorin wie Ulrika auf die Idee kommen könnte, in der Unterwäsche eines anderen Menschen herumzuwühlen? Oder dass so eine ruhige Nette wie Katrin, die fünf Sprachen spricht und in Physik wie auch in Chemie promoviert hat, mit einem heimlichen Hass hinter der freundlichen Fassade herumläuft? Ganz zu schweigen von Jenny, der Vertreterin der jungen Doktoranden, die mit großem Ernst jedes einzelne Wort aufschreibt, das gesagt wird, aber schon aus geringstem Anlass wie ein Schulmädchen kichert?
Nein, das ist nicht möglich. Es kann niemand von ihnen sein. Aber dennoch steht fest, dass jemand im Laufe des Abends in ihrer Kabine gewesen ist. Das Fenster ist geschlossen. Die Tür zur Toilette steht sperrangelweit offen. Als sie die Kabine verlassen hat, um in die Bar zu gehen, war es umgekehrt. Aber mitten in all ihrer Furcht keimt ein Fünkchen Schadenfreude. Die offene Tür besagt, dass er im Badezimmer war. Also hat er ihre Nachricht erhalten. Endlich.
Vorsichtig schaut sie durch die Türöffnung. Der Klodeckel ist hochgeklappt. Ebenso die Brille. Also ein Mann. Der Duschvorhang ist vorgezogen, die weiße Folie mit den blassgelben Blumen leuchtet im Dämmerlicht der Nacht, der Seegang lässt ihn wie ein Rapsfeld im Sommerwind schwanken. Aber das ist eine Bewegung, die auch gut etwas anderes verbergen könnte. Jemand könnte hinter dem Vorhang stehen und auf sie warten, bereit.
Blödsinn. Wer immer es auch ist, er ist ein Feigling und ein Waschlappen, und sie denkt gar nicht daran, sich von seinen idiotischen Einfällen ins Bockshorn ja
gen zu lassen. Deshalb macht sie einen Schritt in den Raum, noch bevor sie zu Ende gedacht hat, zieht den Vorhang zur Seite und stellt fest, dass die Dusche leer ist. Erleichterung überfällt sie, sie spürt, wie ihr die Knie weich werden, und muss sich gegen die Wand lehnen, während sie ausatmet. Es dauert ein paar Sekunden, bevor sie sieht, dass die Wand an ihrer Schulter streifig ist, dass ein gelbbrauner Strich über die beigefarbene Oberfläche verläuft, ein klebriger Streifen, der vorher nicht dort gewesen ist. Dieses Ekelschwein! Ohne nachzudenken zieht sie sich den Pullover aus und wirft ihn durch die Türöffnung in den Raum. Sie will ihn später in der Nacht über Bord werfen, es reicht nicht, ihn zu waschen, sie will niemals wieder etwas an ihrer Haut spüren, das überhaupt nur in Berührung gekommen ist mit diesem widerlichen..._
Sie umschlingt sich mit den Armen und dreht sich zum Spiegel um. Ja. Er hat ihre Mitteilung erhalten, das ist offensichtlich. Kurz bevor sie die Kajüte verließ, ist sie ins Bad gegangen und hat mit dem Lippenstift das Gleiche geschrieben, das sie in den letzten Tagen jedesmal schrieb, wenn sie die Kabine verließ: GOTT SIEHT DICH, DU SCHWEIN! Das ist eine Nachricht, die nicht gut angekommen ist. Er hat den Lippenstift über den ganzen Spiegel verschmiert, den Text mit einem Handtuch weggewischt, sodass er nicht mehr zu lesen ist, und es dann zu Boden geworfen, bevor er seine eigene Mitteilung mit demselben Lippenstift in viel größeren Buchstaben geschrieben hat: FOTZE!
Sie muss ein paarmal schlucken, um sich zu beruhigen. Eine brillante Antwort. Äußerst begabt. Und außerdem hat dieser Vollidiot ihren Lippenstift abgebrochen, das sieht sie jetzt, den einzigen Lippenstift, den sie mit auf die Expedition genommen hat, ihr absolut einziges Exemplar des Lancome Long Lasting Juicy Rouge der Farbe Nummer 132. Sie wird ihn umbringen. Sobald sie ihn zu fassen bekommt, wird sie ihm die Ohren abschneiden und ihn dann erschlagen.
Natürli
ch nur unter der Bedingung, dass er sie nicht zuerst erschlägt. Und dass es kein böses Omen war, dass das Gesicht, das sie im Spiegel erblickte, so blass war, dass es aussah, als gehörte es einem ihrer eigenen Mordopfer.
Kurz HINTER DEM Cape Farewell ändern sie den Kurs. Der nächtliche Steuermann koppelt den Autopiloten aus und legt seine Hand auf den Steuerknüppel, einen kleinen Joystick, viel kleiner als der Schalthebel eines Autos, der die ganze gelbe Wucht des Eisbrechers Oden lenkt. Mit leichter Hand, aber dennoch ganz vorsichtig richtet er den Bug langsam Richtung Norden aus, maßvoll und beherrscht in jeder Bewegung, beim Griff um den runden Knopf des Lenkstabs, in der leichten Beuge des Ellbogengelenks, in der sanften Anspannung des Bizeps. Trotzdem will es nicht. Er lenkt zwar sein Schiff, ist jedoch nicht Herr über die Wellen des Atlantiks, die es jetzt fangen, als es sich querlegt, und mit ihm spielen, wie man mit einem sehr kleinen Kind spielt; mit vorgetäuschter Heftigkeit und großer Vorsicht heben sie seinen massigen Körper hoch in den hellgrauen Nachthimmel, um ihn gleich wieder tief in das dunklere Grau der Wellentäler eintauchen zu lassen, sie ziehen ihn hoch und lassen ihn sinken, ziehen ihn hoch und lassen ihn sinken.
Ohne es selbst zu merken, schiebt der Steuermann die Zungenspitze vor und lässt sie beim Steuern helfen, während sich die Rückenmuskeln anspannen und der Griff um den Steuerknüppel fester wird. Er ist vollkommen konzentriert, dennoch versteckt sich ein Lächeln in den Fältchen um die Augen. Genau hier will er sein. Niemals irgendwo anders. Wenn er sich ein Paradies nach dem Tod aussuchen könnte, dann müsste es genau so sein: eine ewige Nachtwache auf der Brücke der Oden, genau in dem Moment, als das Schiff dem Atlantik den Rücken zuwendet und in die Davis Strait hineinfährt, Baffin Island irgendwo an der Backbordseite und Grönlands Westküste wie ein Schatten steuerbord. Er könnte die gesamte Ewigkeit in dieser Einsamkeit verbr
ingen, da sie die trostreiche Gewissheit birgt, dass er von Menschen umgeben ist, von vielen, aber dennoch nicht mehr, als er zählen kann, und dass die meisten ruhig in ihren Kajüten schlafen. Nur er und zwei Männer in blauen Overalls tief unten im Maschinenraum sind im Augenblick wach. Vorausgesetzt, dass nicht alle von dem Seegang aufgewacht sind natürlich, daliegen und sich an den Kojenrändern festhalten, voller Angst, herauszufallen. Was sie ruhig tun können. Hauptsache, dass niemand auf die Brücke kommt und Steuermann Leif Eriksson in seiner besten Stunde stört.
So. Das Gieren ist abgeschlossen. Der stumpfe Bug zeigt geradewegs Richtung Norden, und das Schaukeln hat aufgehört. Die Oden, dieses Femininum mit dem schwedischen Namen des männlichen Gottes Odin, rollt ruhig weiter. In offenem Fahrwasser bewegt sie sich wie eine Frau im neunten Monat oder wie ein Ringer außerhalb des Rings. Doch bald, nach nur ein paar Stunden oder Tagen, wird sie diesen unnatürlichen Zustand hinter sich lassen und ins Eis hineingleiten. Das ist ihr wahres Element, in dem sie tanzt.
Leif Erikssson schaltet den Autopiloten ein, streckt den Rücken und spürt, wie die Anspannung von ihm abfällt. Das Paradies? Verdammt, auf was für verrückte Ideen man doch spät- nachts kommen kann. Es ist wohl eher anzunehmen, dass er in der Hölle landet. Aber auch dort weiß er genau, wie es aussehen wird. Es wird ein ewiger Nachmittag in diesem alten Schuppen sein, den seine Frau Ferienhaus nennt und von ihren Eltern geerbt hat, an einem glühend heißen Tag, an dem die Sickergrube geleert und die Fenster gestrichen werden müssen, an dem die Alte schlecht gelaunt ist und der Whisky zur Neige geht, an dem sein Teenagersohn zurück in die Stadt will, zu seinem lebenswichtigen Computer.
Ach was. All das kann er vergessen. Er wird erst in anderthalb Monaten nach Hause kommen, und dann sind die Ferien vorbei, und die Sommerhütte ist für diese Saison geschlossen. Er ist noch einmal davongekommen,
auch in diesem Sommer. Und den Preis dafür hat er bereits bezahlt, seine Frau war zwei Wochen lang beleidigt, als er ihr eröffnet hatte, dass er sich zur Expedition gemeldet hatte, taute dann jedoch auf, als er andeutete, dass das Geld, all diese albernen Extraeinnahmen, zum Kauf von irgendeinem unnützen Kram verwendet werden könnte. Sie beruhigt sich jedes Mal, wenn er ihr unnütze Dinge verspricht. Er kann sich kaum noch daran erinnern, was es dieses Mal war Neue Kacheln in der Küche? Nein, das war letztes Jahr. Ein Heimkino, das war es. Verdammter Mist. Das bedeutete, dass er sich früher oder später durch eine Gebrauchsanweisung von mindestens 400 Seiten quälen musste. Vielleicht sollte er am nächsten Tag zu Hause anrufen und ihr vorschlagen, diesen blöden Apparat schon jetzt zu kaufen, mit Installation und allem.
Lieber nicht. Er hat keine Lust, mit ihr zu reden. Er möchte überhaupt mit niemandem reden. Das Einzige, wozu er Lust hat: vollkommen allein sechs Treppen hoch auf der Brücke der Oden zu sitzen und den Horizont zu betrachten. Vielleicht würde ja bereits heute Nacht ein Eisberg auftauchen. Er hofft das. Eisberge werden, genau wie alles andere, größer und schöner, wenn man sie in Einsamkeit erlebt. Er blinzelt in die graue Unendlichkeit. Nein. Noch ist nichts zu sehen, und eigentlich weiß er ja auch, dass es noch zu früh ist. Morgen vielleicht.
Das Schiff erzittert. Leif Eriksson runzelt die Stirn und beugt sich vor, sitzt ein paar Sekunden lang reglos da, mit erhobener Hand, bereit, den Steuerknüppel zu greifen, wenn das nötig ist, aber nichts passiert. Er lässt die Hand sinken und steht auf. Zeit für einen Kaffee. Und für ein paar Eintragungen ins Logbuch.
Den Becher in beiden Händen, geht er eine Runde über die Brücke, während er die weiße Nacht draußen betrachtet. Die Mittsommernachtssonne ist eine Silbermünze hinter den Wolken. Einen Moment lang wird er von einer leicht surrealen Stimmung gepackt und meint zu fliegen, dann blinzelt er s
chnell und sammelt sich. Er fliegt nicht, er befindet sich nur hoch über dem Meer, oben auf dem sechsten Deck, breitbeinig und sicher steht er auf dem Teppichboden. Vielleicht ist es das Licht, das ihm einen Streich spielt. Er kann voraus und nach achtern gucken, nach steuerbord und nach backbord, wenn er sich nur dreht, und dennoch sieht er nicht alles, denn vor den großen Fenstern steigt der Nebel der späten Nacht langsam zum Himmel und löst alle Konturen auf. Seine Finger sind kalt, und automatisch wirft er einen Blick auf das Thermometer, obwohl er weiß, dass die Außentemperatur nichts mit der Wärme hier oben auf der Brücke zu tun hat. Er hat hier schon in Hemdsärmeln gesessen, wenn draußen vierzig Grad minus herrschten. Die Brücke der Oden ist sicher in ihrer Unveränderlichkeit. Auch wenn der Sturm draußen heult, sind alle Geräusche hier drinnen gedämpft, und auch im schlimmsten Seegang steht die Ausrüstung sicher festgeschraubt an ihrem Platz. Normalerweise fällt nicht einmal ein Blatt Papier zu Boden, und sollte das doch passieren, dann wird es sofort von dem Nächststehenden aufgehoben. Er verzieht das Gesicht. An Land bräuchte man wohl eine Konferenz und Verhandlungen darüber, wer sich dafür krumm macht. Das ist ein Grund, warum er es vorzieht, zur See zu fahren. Man kommt um eine ganze Menge Blödsinn herum.
Die Nacht ist dunkler geworden, doch das liegt eher an mehr Wolken und Nebel als am Stand der Mittsommernachtssonne. Dennoch muss es kälter geworden sein, das kann er sehen, wenn er nach achtern schaut. Das Kielwasser, das vor ein paar Stunden noch grau und weiß schäumte, hat sich buchstäblich in Silber verwandelt. Die Wellen verlaufen nur ein paar Meter seitwärts, bevor sie auslaufen und ganz verschwinden, das ist eine zögerliche kleine Bewegung, die aufzuhören scheint, bevor sie vollständig ausgeführt wurde. Leif Eriksson nimmt einen Schluck Kaffee und folgt ihnen mit dem Blick. Eine Eishaut? Jetzt schon? Er dreht sich um und späht in Fahrtrichtun
g. Ja. Hier ist es ebenso. Die Wasseroberfläche glänzt wie Wasser, bewegt sich aber so gut wie gar nicht, sie befindet sich in dieser sonderbaren Zwischenphase, in der sie weder Eis noch Wasser ist.
Aha. Sieh einer an. Dann wird es bald richtiges Eis zu brechen geben. Er nickt vor sich hin und lässt sich wieder auf seinen Stuhl sinken, lehnt den Kopf gegen die Nackenstütze und richtet den Blick auf den Horizont. So bleibt er eine ganze Weile sitzen, reglos bis auf das langsame Heben und Senken der Augenlider, und endlich verstummen auch seine Gedanken.
Eine Bewegung am Rande seines Gesichtsfelds versetzt auch ihn wieder in Bewegung, er richtet sich so hastig auf, dass der kalte Kaffee fast über den Becherrand schwappt, und blinzelt aufs Deck hinunter, um besser sehen zu können. Wer ist das? Und was macht diese Frau da unten auf Deck um halb zwei Uhr nachts? Er stellt seinen Becher ab und beugt sich vor, bis er fast ans Fensterglas stößt, reibt sich mit Daumen und Zeigefinger die Augenwinkel, um besser sehen zu können. Ist das eine der Forscherinnen? Nein. Die ersten Proben werden doch nicht vor vier Uhr morgens entnommen, bis dahin schlafen sie, so tief sie nur können. Und außerdem würde keiner all dieser Chemiker oder Ozeanografen, oder wie sie sich nun alle nennen mögen, im bloßen Nachthemd an Deck herumlaufen. Denn dass dem so ist, kann er deutlich sehen. Die Frau, die über die vorderen Decks läuft, trägt zwar die blaue Windjacke des Polarforschungssekretariats, aber es besteht kein Zweifel, dass sie die nur über ein weißes Nachthemd gezogen und dann ihre nackten Füße in ein paar braune Stiefel gesteckt hat. Sie sieht aus wie eine verirrte Lucia, mit ausgestrecktem rechten Arm und etwas Weißem, nein, etwas Schwarzem, nein, es ist sowohl weiß als auch schwarz, was da von ihrer Hand baumelt. Sie geht ganz bis zum Vorderdeck und klettert die kleine Treppe an der Reling hoch, beugt sich über den Rand und wirft ohne das geringste Zögern das Schwarzweiße ins
Meer. Dann dreht sie sich um und hüpft mit einem kindlichen Schlusssprung wieder aufs Deck, steckt ihre Hände in die Taschen und macht sich auf den Rückweg. Erst als der Wind ihr gewelltes Haar zu packen bekommt, kann Leif Eriksson sie erkennen. Das ist ja dieses blasse Wesen, diese Frau, die so durchsichtig ist wie eine rohe Krabbe und ebenso farblos. Zurückhaltend. Definitiv keine von denen, um die sich die männliche Besatzung prügelt. Es sieht aus, als spürte sie, dass sie beobachtet wird, denn plötzlich bleibt sie stehen und schaut zur Brücke hoch, hebt dann zögerlich die Hand zum Gruß. Sie kann ihn nicht sehen, das weiß er, niemand, der auf den vorderen Decks steht, kann in die Brücke hineinsehen, nicht einmal bei vollem Tageslicht, dennoch fühlt er sich veranlasst, ebenso zögerlich die Hand zur Antwort zu heben. Sekunden später ist sie verschwunden.
Leif Eriksson lässt sich wieder auf seinen Stuhl fallen und verzieht das Gesicht. Was um Himmels willen ist da eben passiert? Er wirft einen Blick auf die Uhr. 01.34 Uhr. Er müsste eine Notiz im Logbuch machen, und dafür ist der Zeitpunkt wichtig. Dann wird der Kapitän morgen die Sache übernehmen und ihr eine Lektion erteilen. Nichts darf hier ins Meer geworfen werden, das wissen doch alle. Der gesamte Eisbrecher ist ein geschlossenes System, ein System, das zwar Meerwasser fürs Labor aufsaugt, aber keinerlei menschlichen Abfall von sich gibt. Das fehlte noch. Was hätte denn ein Forschungsschiff für einen Sinn, wenn es selbst das Wasser verschmutzt, das es untersuchen will?
Die hat sie ja wohl nicht mehr alle!
Seine eigene Stimme überrascht ihn. Sie zittert etwas, was ihm peinlich ist, und dass ihm das peinlich ist, macht ihn noch wütender.
Scheiße, die hat sie doch echt nicht mehr alle!
Er nimmt seinen Becher und bringt ihn in die Pantry, kippt den kalten Kaffee aus und schenkt sich neuen nach, bevor er zurück zum Steuerknüppel geht, sich hinsetzt und zu entspannen versucht. Was ihm nicht
gelingt. Plötzlich ist das Wasser draußen nur Wasser, die Küste nur eine Küste und der Himmel nur ein Himmel.
Leif Eriksson nimmt einen Schluck Kaffee. Tja. So viel zum Thema ungestörte Nachtwache. Vielen Dank auch. Vielen, vielen Dank.
DIE SONNE BLENDET Anders, als er aufsteht, er muss blinzeln, während er aus dem Fenster guckt. Er weiß natürlich, warum. An einem Morgen vor nicht einmal einem halben Jahr hat er Eva eine kleine Privatvorlesung über dieses Thema gehalten. Mit jedem Tag, der vergeht, werden die Proteinfibern hinter der Linse im Auge immer gröber, hatte er erklärt, und je gröber sie werden, desto mehr Elastizität verliert die Linse. Eines Tages würde sie sich dann gar nicht mehr an Licht und Dunkelheit anpassen können, aber bis dahin war es noch sehr lange hin. Das hoffte er zumindest. Hoffte es, glaubte es, meinte es zu wissen.
Willst du damit sagen, dass du blind werden wirst?, fragte Eva damals. Sie saß auf der Bettkante und zog sich die Strumpfhose an. Er selbst stand am Fenster und knöpfte sich sein Hemd zu. Als er sie ansah, wich sie seinem Blick aus. War es das erste Mal? Nein. Ihr Blick war seinem schon seit langer Zeit verschlossen.
Nein. Aber wenn ich lange genug lebe, werde ich den Star kriegen. Wie alle. Du auch.
Darauf hatte sie nichts erwidert, war nur aufgestanden und hatte die Strumpfhose mit einer plumpen, stampfenden Bewegung zurechtgerückt, bevor sie ihm den Rücken zuwandte und sich zur Schranktür drehte. Er war noch eine Weile dort stehen geblieben und hatte sich dumm gefühlt. Warum musste er immer so dozieren? Sie hatte schon seit vielen Jahren aufgehört, ihm mit ihrer Bewunderung zu schmeicheln. Dann hatte er sich wieder zum Fenster umgedreht und die Jalousien hochgezogen, seine Augen dem Licht geöffnet, vor dem er vor wenigen Minuten noch zurückgewichen war. Ihm traten damals die Tränen in die Augen.
Auch jetzt treten ihm die Tränen in die Augen, aber er blinzelt sie schnell fort. Die langsame Anpassu
ng des Auges ist abgeschlossen, er kann durch das Fenster gucken und lässt sich von dem einfangen, was er dort sieht. Ein glitzerndes Meer. Blauer Himmel. Und in weiter Ferne eine Küste, die in tiefstes Violett getaucht ist. Grönland. Er seufzt und streicht sich über den Bauch. Endlich. Acht Tage lang ist die Oden über ein bleigraues Meer getuckert, eingeklemmt unter einem ebenso bleigrauen Himmel, acht Tage lang hat er mit dem Gefühl gekämpft, dass er selbst sich in ein graues Nichts auflösen und verschwinden könnte. Noch gestern lag er den ganzen Nachmittag schwermütig und reglos in seiner Koje, nicht in der Lage, aufzustehen und irgendetwas anzupacken, was auch nur Arbeit ähnelte, nicht in der Lage, sich selbst einzureden, dass es nur vorübergehend so war, dass all das Grau weichen würde und Aber jetzt ist es vorüber. Jetzt ist der neunte Morgen, und das Meer ist blau. Sie sind in der Nordwestpassage. Nun fängt die richtige Reise an.
Jetzt hat er es eilig, will nicht länger warten. Deshalb schnaubt er laut unter eiskaltem Wasser in der Dusche, zieht sich den Pullover über, noch bevor er sich ordentlich den Rücken abgetrocknet hat, und fährt sich mit der Hand durch das feuchte Haar, während er die Tür öffnet und auf den Gang hinaustritt. Dort ist alles wie üblich in bester Ordnung, vor jeder Kajütentür stehen grobe Schuhe und Stiefel ordentlich auf ihren Regalen, und zerfledderte Comics liegen in symmetrischen Stapeln da. Ansonsten ist es leer. Nicht ein Mensch zu sehen. Niemand sieht ihn. Deshalb geht er mit einer ausgestreckten Hand und lässt die Fingerspitzen über die Wand laufen. Sicherheitshalber.
Es gibt eigentlich nur eine Sache zu bedenken, hatte Folke an jenem Nachmittag im Krankenhaus gesagt. Man muss immer eine Hand frei haben auf dem Schiff. Immer. Ganz gleich, was man macht. Du musst das bereits bei den ersten Sicherheitsinstruktionen zur Sprache bringen. Ich habe genügend gebrochene Arme und Beine gesehen, nur weil sie sich nicht richtig ha
ben abstützen können, wenn sich das Schiff auf die Seite gelegt hat.
Anders hatte lachen müssen. Folke bemerkte das und grinste unter seinem Schnurrbart.
Was zum Teufel Nun ja, das hier ist an Land passiert.
Folke war auf einer seiner eigenen Stationen aufgenommen worden, und hier lag er nun mit dem Bein in Streckgips, etwas benommen durch eine ungewöhnlich großzügige Dosis Schmerzmittel. Das Pflegepersonal und andere Ärzte gaben sich an seiner Tür die Klinke in die Hand, gleichzeitig schmunzelnd und voller Mitleid. Der Orthopäde war auf der Orthopädie gelandet! Armer Folke! Diesen Sommer würde er nicht ins Eis kommen.
Er hatte Anders, nur wenige Stunden nachdem er auf der Station aufgenommen worden war, angerufen. Und Anders hatte gleich beim ersten Klingeln geantwortet. Das war ihm zur Gewohnheit geworden. In den letzten Wochen war er jedes Mal zusammengezuckt, sobald es nur klingelte. Doch sie war es nicht. Sie war es nie.
Was treibst du?, wollte Folke wissen.
Dosensuppen aufwärmen. Aus dem Fenster starren. Überlegen, ob man den Toaster mit in die Badewanne nimmt. Das trieb er so.
Warum?
Willst du ins Nördliche Eismeer fahren?
Nein.
Warum denn nicht?
Warum sollte ich?
Weil ich dir erzählt habe, wie fantastisch es ist, ins Nördliche Eismeer zu fahren.
Ach so. Und warum fährst du nicht selbst?
Mir ist ein kleines Missgeschick dazwischengekommen. Wie man so sagt.
Bist du verletzt?
Kann man wohl sagen. Rechter Schenkelknochen und Ellbogen. Dazu noch gewisse Kniekomplikationen.
Was ist denn passiert?
Eine Angeltour draußen auf dem Land. Ein glittschiger Felsen, als ich an Land gehen wollte. Aber was soll's, das Schlimmste ist, dass die Oden am Montag in See sticht.
Erst als er sich ins Auto setzte, um ins Krankenhaus von Heisingborg zu fahren, wurde ihm klar, dass Folke es gewusst haben musste. Warum sonst hätte er ausgerechnet Anders angerufen? Es musste doch genügend Leute geben, die sehr v
iel erpichter darauf waren, als Schiffsarzt auf einer wissenschaftlichen Expedition mitzufahren. Orthopäden und Chirurgen aus Folkes eigenem Krankenhaus beispielsweise. Warum sollte er sich also ausgerechnet einen blöden niedergelassenen Allgemeinarzt aussuchen, wenn er nicht gewusst hätte, dass dieser Hausarzt den ganzen Sommer in seinen vier Wänden herumlief und die Bitterkeit in sich hineinfraß? Natürlich würde kein erfolgreicher Arzt mit intakter Familie sich mit nur drei Tagen Vorbereitungszeit auf eine Polarexpedition aufmachen. Also musste er es gewusst haben. Und wenn Folke es wusste, dann wussten es auch viele andere. Es gab Anzeichen, die darauf hindeuteten, Zeichen, die er hätte sehen und verstehen müssen, die er jedoch nicht wahrgenommen hatte. Hatte nicht die älteste Sprechstundenhilfe in der Praxis letzte Woche eines Morgens den Kopf schräg gelegt und mit honigsüßer Stimme gefragt, wie es ihm eigentlich gehe? Er hatte sie mit einer Mischung aus Verachtung und Verwirrung angestarrt, ohne jedoch wirklich zu verstehen. Und hatte nicht der alte Zementfabrikant, der vom Krebs aufgefressen wurde, Anders nur ein paar Tage später auf den Rücken geklopft und ihm angestrengt fröhlich erklärt, man dürfe niemals aufgeben? Seh'n Sie mich an! Fünfundachtzig Jahre alt und halb tot, aber aufgegeben habe ich immer noch nicht. Und das sollten Sie auch nicht tun, Anders!
Sie wussten es. Vielleicht hatten sie es die ganze Zeit über gewusst. Vielleicht war er der Einzige in der ganzen Stadt, der keine Ahnung von Evas Verhältnis mit diesem Kerl gehabt hatte. Vielleicht hatten Patienten wie Kollegen ihn schon seit vielen Monaten voller Mitleid und Verachtung angesehen, vielleicht hatten sie schon seit über einem Jahr hinter seinem Rücken geredet und geflüstert. Hat Eva Jansson was mit diesem Bengtsson? Meine Güte!
Der Gedanke hatte ihn von der Straße abbiegen und auf einen kleinen Kiesweg fahren lassen.



»Axelsson hat einen schärferen Blick auf die Abgründe der Seele als jeder andere Autor, den ich kenne. >Eis und Wasser, Wasser und Eis< ist ein teuflisch guter Roman.«

Gedruckte Welten


 
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