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Schau Dich nicht um

Roman. Originaltitel: Tell Me No Secrets. 'Goldmanns Ta…
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Produktdetails
Titel: Schau Dich nicht um
Autor/en: Joy Fielding

ISBN: 3442430879
EAN: 9783442430871
Roman.
Originaltitel: Tell Me No Secrets.
'Goldmanns Taschenbücher'.
Übersetzt von Mechtild Sandberg-Ciletti
Goldmann TB

1. April 1995 - kartoniert - 448 Seiten

Jess Koster, junge und erfolgreiche Staatsanwältin in Chicago, fühlt sich verfolgt. Wer ist der Mann, dessen Gesicht ihr aus jeder Menschenmenge entgegenstarrt? Und welche Verbindung gibt es zu dem Angeklagten, dem sie gerade eine brutale Vergewaltigung nachweisen will? Oder bildet sich Jess das alles nur ein? Keine Hirngespinste jedenfalls sind die beispiellosen Terrorakte, mit denen sie unter Druck gesetzt wird und die sie schier um den Verstand bringen. Ganz langsam wächst in ihr der Verdacht, Opfer eines teuflischen Plans zu sein.


Joy Fielding gehört zu den unumstrittenen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller »Lauf, Jane, lauf« waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida.
Er wartete auf sie, als sie zur Arbeit kam. So schien es Jess jedenfalls, die ihn sofort sah. Er stand reglos an der Ecke California Avenue und 25. Stra'. Sie sp'rte, da'er sie beobachtete, als sie aus der Parkgarage kam und 'ber die Stra' zum Administration Building lief. Seine dunklen Augen waren k'er als der Oktoberwind, der in seinem str'igen hellen Haar spielte, seine blo'n H'e waren 'ber den Taschen seiner abgetragenen braunen Lederjacke zu F'ten geballt. Kannte sie ihn?
Seine Haltung ver'erte sich leicht, als Jess n'rkam, und sie sah, da'sein voller Mund zu einem halben L'eln verzogen war, bei dessen Anblick es sie kalt 'berlief; als w''e er etwas, das sie nicht wu'e. Es war ein L'eln ganz ohne W'e, das L'eln eines Mannes, dem es als Kind Spa'gemacht hatte, Schmetterlingen die Fl'gel auszurei'n, dachte sie schaudernd und ignorierte das kaum wahrnehmbare Kopfnicken, mit dem er sie gr''e, als ihre Blicke sich trafen. Ein L'eln voller Geheimnisse, begriff sie. Sie wandte sich hastig ab und hatte pl'tzlich Angst, als sie die Treppe hinauflief.
Sie sp'rte, wie der Mann hinter ihr sich in Bewegung setzte, wu'e, ohne sich umzusehen, da'er hinter ihr die Treppe hinaufging. Als sie oben ihre Schulter gegen die schwere Dreht'r aus Glas dr'ckte, sah sie, da'der Fremde auf der obersten Stufe stehengeblieben war. Sein Gesicht spiegelte sich in den rotierenden Glasfl'en, erschien, verschwand und erschien von neuem, und das wissende L'eln wich nicht von seinen Lippen.
Ich bin der Tod, hauchte das L'eln. Ich bin gekommen, dich zu holen.
Jess h'rte sich nach Luft schnappen und merkte am F''scharren hinter sich, da'sie die Aufmerksamkeit eines der W'ter auf sich gezogen hatte. Mit einem Ruck drehte sie sich herum und sah dem Mann entgegen, der sich ihr vorsichtig n'rte und dabei zum Holster seiner Dienstwaffe griff.
'Stimmt was nicht?' fragte er.
'Ich wei'nicht', antwortete Jess. 'Da drau'n ist ein Mann, der -' Der was? fragte sie sich stumm, w'en
d sie dem W'ter in die m'den blauen Augen sah. Der ins Warme m'chte, weil es drau'n so kalt ist? Der ein Grinsen hat, da'man G'ehaut bekommt? War das in Cook County neuerdings ein Verbrechen? Der W'ter sah an ihr vorbei zur T'r, und sie folgte mit den Augen langsam seinem Blick. Dort war niemand.
'Ich seh anscheinend Gespenster', sagte Jess entschuldigend und fragte sich, ob das zutreffe, war froh, da'der junge Mann, wer immer er sein mochte, fort war.
'So was kann schon mal vorkommen', sagte der W'ter und lie'sich Jess' Ausweis zeigen, obwohl er wu'e, wer sie war. Dann winkte er sie durch den Metalldetektor, wie er das seit vier Jahren jeden Morgen gewohnheitsm'g tat.
Jess mochte feste Gewohnheiten. Sie stand jeden Morgen Punkt Viertel vor sieben auf und zog nach einer hastigen Morgentoilette die Sachen an, die sie am Abend zuvor sorgf'ig zurechtgelegt hatte. Zum Fr'hst'ck schlang sie ein gefrorenes St'ck Kuchen direkt aus der Tiefk'hltruhe hinunter und sa'eine Stunde sp'r vor ihrem aufgeschlagenen Terminkalender und ihren Akten am Schreibtisch. Wenn sie gerade an einem Fall arbeitete, gab es immer etwas mit ihren Mitarbeitern zu besprechen, Strategien mu'en entworfen, Fragen formuliert, Antworten abgestimmt werden. (Eine gute Staatsanw'in stellte niemals eine Frage, auf die sie die Antwort nicht schon wu'e.) Wenn sie sich auf einen bevorstehenden Proze'vorbereitete, galt es, Informationen zu sammeln, Spuren nachzugehen, Zeugen zu vernehmen, mit Polizeibeamten zu sprechen, Konferenzen abzuhalten, Pl' zu koordinieren. Alles mu'e klappen wie am Schn'rchen. Jess Koster liebte 'erraschungen im Gerichtssaal so wenig wie au'rhalb.
Hatte sie sich von dem vor ihr Hegenden Tag ein vollst'iges Bild gemacht, so pflegte sie bei einer Tasse schwarzen Kaffee und einem Krapfen eine kleine Pause einzulegen, um die Morgenzeitung zu lesen. Mit den Todesanzeigen fing sie an. Immer las sie zuerst die Todesanzeigen. Ashcroft, Pauline, im Alter von siebenundsechzig J
ahren -ganz pl'tzlich verstorben; Barrett, Ronald, neunundsiebzig Jahre alt, nach l'erer Krankheit friedlich entschlafen; Black, Matthew, geliebter Ehemann und Vater... statt Kr'en Spenden an die Herzforschung von Amerika. Jess wu'e selbst nicht mehr, wann sie angefangen hatte, die Todesanzeigen zur Routinelekt're zu machen, und sie wu'e auch nicht, warum. Es war eine ziemlich ausgefallene Gewohnheit f'r jemanden, der knapp drei'g Jahre alt war, selbst f'r eine Anw'in bei der Staatsanwaltschaft von Cook County in Chicago. 'Na, jemand gefunden, den Sie kennen?' hatte einer ihrer Kollegen einmal gefragt. Jess hatte den Kopf gesch'ttelt. Es war nie jemand darunter, den sie kannte.
Suchte sie nach ihrer Mutter, wie ihr geschiedener Mann einmal unterstellt hatte? Oder erwartete sie vielleicht, ihren eigenen Namen zu sehen?
Der Fremde mit dem str'igen blonden Haar und dem b'sen L'eln dr'te sich r'cksichtslos in ihre Gedanken. Ich bin der Tod, sprach er h'hnisch, und seine Stimme brach sich an den nackten B'row'en. Ich bin gekommen, dich zu holen.
Jess senkte die Zeitung und lie'ihren Blick langsam durch das Zimmer wandern. Drei Schreibtische aus mehr oder weniger zerkratztem Walnu'olz standen willk'rlich verteilt vor mattwei'n W'en. Bilder waren keine da, weder Landschaften noch Portr', nichts au'r einem alten Poster von Bye Bye Birdie, das mit mittlerweile vergilbtem Tesafilm festgeklebt an der Wand gegen'ber ihrem Schreibtisch hing. Die durch und durch zweckm'gen Metallregale waren mit juristischen Fachb'chern vollgestopft. Die ganze Einrichtung wirkte so, als k'nnte sie jederzeit zusammengepackt und abtransportiert werden. Und so war es auch. Es kam h'ig genug vor. Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft wurden turnusm'g von Abteilung zu Abteilung versetzt. Es war nicht empfehlenswert, sich irgendwo zu heimisch zu f'hlen.
Jess teilte sich das B'ro mit Neil Strayhorn und Barbara Cohen, die ihr als Vertreter beziehungsweise Vertreterin beigeordnet ware
n. Jess war als Leiterin ihrer Gruppe f'r alle gr''ren Entscheidungen 'ber Arbeits- und Vorgehensweise der Gruppe zust'ig. In Cook County gab es siebenhundertf'nfzig Staatsanw'e, 'ber zweihundert waren allein in diesem Geb'e untergebracht; zu jeder Abteilung geh'rten achtzehn Staatsanw'e, drei pro Zimmer, und alle waren sie Abteilungsleitern unterstellt. Sp'stens um halb neun pflegte es in dem Labyrinth von B'ros im zw'lften und dreizehnten Stockwerk des Administration Building so lebhaft und laut zuzugehen wie auf dem Wrigley Field, so schien es Jess jedenfalls meistens, die diese kurzen Augenblicke des Friedens und der Ruhe vor der Ankunft der anderen im allgemeinen sehr geno'
Heute allerdings war das anders. Der junge Mann hatte sie verst'rt, sie aus ihrem gewohnten Rhythmus geworfen. Was war es nur an ihm, das ihr so vertraut erschien, fragte sie sich. In Wahrheit hatte sie sein Gesicht ja gar nicht richtig gesehen, hatte 'ber dieses schaurige L'eln hinaus kaum etwas wahrgenommen, w' niemals f'g gewesen, ihn einem Polizeizeichner zu beschreiben, h'e ihn bei einer Gegen'berstellung niemals erkannt. Er hatte sie ja nicht einmal angesprochen. Weshalb ging er ihr nicht aus dem Kopf?
Sie wandte sich wieder den Todesanzeigen zu. Bederman, Marvin, 74, nach langer Krankheit in Frieden heimgegangen; Edwards, Sarah, im einundneunzigsten Lebensjahr verschieden...
'Du bist aber fr'h da!' sagte jemand von der T'r her.
'Ich bin immer fr'h da', antwortete Jess, ohne aufzusehen. Die M'he konnte sie sich sparen. H'e nicht der aufdringliche Duft des Aramis Eau de Colognes Greg Oliver verraten, so h'e es auf jeden Fall der selbstbewu'e, schwadronierende Ton seiner Stimme getan. Im Amt hie'es allgemein, Greg Olivers hohe Erfolgsquote im Gerichtssaal werde nur von seinen Rekorden im Schlafzimmer 'bertroffen. Aus eben diesem Grund achtete Jess stets darauf, da'ihre Gespr'e mit dem vierzigj'igen Staatsanwalt von nebenan streng sachlich und unpers'nlich blieben. Nac
h ihrer gescheiterten Ehe mit einem Anwalt stand f'r sie fest, da'eine neue Beziehung zu einem Kollegen nicht in Frage kam.
'Kann ich was f'r dich tun, Greg?'
Greg Oliver durchma'den Raum zwischen der T'r und ihrem Schreibtisch mit drei schnellen Schritten. 'Zeig mal, was du da liest.' Er beugte sich vor, um ihr 'ber die Schulter zu sehen. 'Die Todesanzeigen? Du Heber Himmel, was die Leute nicht alles tun, um ihren Namen in die Zeitung zu kriegen.'
Jess mu'e wider Willen lachen. 'Greg, ich hab einen Haufen zu tun...'
'Das sehe ich.'
'Nein, wirklich', behauptete Jess mit einem raschen Blick in sein auf konventionelle Weise gutaussehendes Gesicht, das die fl'ssige Schokolade seiner Augen bemerkenswert machte. 'Ich mu'um halb zehn im Gerichtssaal sein.'
Er sah auf seine Uhr. Eine Rolex. Aus Gold. Sie hatte l'en h'ren, da'er vor kurzem Geld geheiratet hatte. 'Da hast du noch massenhaft Zeit.'
'Die Zeit brauch ich, um Ordnung in meine Gedanken zu bringen.'
'Oh, ich wette, die sind schon l'st in Ordnung', entgegnete er und richtete sich auf. aber nur. um sich seitlich an ihren Schreibtisch zu lehnen und ganz offen sein Spiegelbild im Glas des Fensters hinter ihr zu pr'fen, w'end er mit der Hand fl'chtig 'ber einen Stapel s'erlich geordneter Papiere strich. 'Ich bin 'berzeugt, da'es in deinem Kopf genauso ordentlich zugeht wie auf deinem Schreibtisch.'
Er lachte, und dabei verzog sich der eine Winkel seines Mundes leicht nach unten. Jess fiel sofort wieder der Fremde mit dem unangenehmen L'eln ein.
'Schau dich doch an', sagte Greg, der ihre Reaktion falsch verstand. 'Du bist total nerv's und angespannt, nur weil ich versehentlich ein paar von deinen Papieren verschoben habe.' Er r'ckte sie demonstrativ wieder zurecht und wischte dann ein imagin's St'chen von ihrer Schreibtischplatte. 'Du magst es gar nicht, wenn jemand deine Sachen anr'hrt, nicht?'
Mit den Fingern strich er in kleinen Kreisen wie liebkosend 'ber das Ho
lz der Schreibtischplatte. Die Bewegung hatte eine beinahe hypnotische Wirkung. Ein Schlangenbeschw'rer, dachte Jess, und fragte sich fl'chtig, ob er der Beschw'rer war oder die Schlange.
Sie l'elte, h'chst verwundert 'ber die seltsamen Gedanken, die ihr an diesem Morgen durch den Kopf gingen, und stand auf. Zielstrebig ging sie zu den B'cherregalen, obwohl sie in Wirklichkeit dort gar nichts zu tun hatte.
'Ich glaube, du gehst jetzt besser, damit ich hier noch etwas geschafft bekomme. Ich mu'heute morgen mein Schlu'l'yer im Fall Erica Barnowski halten und -'
'Erica Barnowski?' Er mu'e einen Moment 'berlegen. 'Ach so, ja. Das M'hen, das behauptet, es sei vergewaltigt worden...'
'Die Frau, die vergewaltigt wurde', korrigierte Jess.
Sein Lachen f'llte den Raum zwischen ihnen. 'Du lieber Himmel, Jess, die hat doch nicht mal einen Schl'pfer angehabt! Glaubst du etwa, da'irgendein Gericht im ganzen Land einen Mann wegen Vergewaltigung verurteilen wird, weil er es mit einer Frau getrieben hat, die er in einer Kneipe aufgegabelt hatte und die nicht mal einen Schl'pfer anhatte?' Greg Oliver verdrehte kurz die Augen zur Decke, ehe er Jess wieder ansah. 'Ich wei'nicht, aber die Tatsache, da'die Dame ohne Schl'pfer in ein bekanntes Aufrei'rlokal ging, riecht mir doch stark nach stillschweigendem Einverst'nis.'
'Ach, und ein Messer an der Kehle geh'rt dann wohl deiner Meinung nach zum Vorspiel?' Jess sch'ttelte den Kopf, eher bek'mmert als angewidert. Greg Oliver war bekannt f'r seine zutreffenden Prognosen. Wenn es ihr nicht einmal gelang, ihren Kollegen davon zu 'berzeugen, da'der Angeklagte schuldig war, wie konnte sie da hoffen, die Geschworenen zu 'berzeugen?
'Es zeichnet sich gar nichts ab unter diesem kurzen Rock', sagte Greg Oliver. 'Verraten Sie mir mal, ob Sie ein H'schen tragen, Frau Anw'in?'
Jess strich sich unwillk'rlich mit beiden H'en 'ber den grauen Wollrock, der oberhalb ihrer Knie endete. 'H'r auf mit dem Quatsch, Greg',
sagte sie nur.
Greg Olivers Augen blitzten mutwillig. 'Was w'rde es denn brauchen, in dieses H'schen reinzukommen?'
'Da mu'ich dich leider entt'chen, Greg', sagte Jess ruhig. 'In diesem H'schen ist nur f'r ein Arschloch Platz.'
Die fl'ssige Schokolade von Greg Olivers Augen gefror einen Moment zu braunem Eis, dann jedoch schmolz sie sofort wieder, als sein Lachen erneut das Zimmer erf'llte. 'Das liebe ich so an dir, Jess. Du bist so verdammt frech. Du nimmst es mit jedem auf.' Er ging zur T'r. 'Eines mu'ich dir lassen - wenn jemand diesen Fall gewinnen kann, dann du.'
'Danke', sagte Jess zu der sich schlie'nden T'r. Sie ging zum Fenster und blickte geistesabwesend zur Stra' hinunter. Riesige Plakatw'e schrien zu ihr hinauf. Abogado, verk'ndeten sie. 'Rechtsanwalt' auf Spanisch, gefolgt von einem Namen. Auf jedem Schild ein anderer Name. Rund um die Uhr ge'ffnet.
Es gab in diesem Viertel sonst keine Hochh'er. Das Administration Building mit seinen vierzehn Stockwerken 'berragte alles, h'ich und hochm'tig. Das anschlie'nde Gerichtsgeb'e war blo'sieben Stockwerke hoch. Dahinter stand das Gef'nis von Cook County, wo des Mordes und anderer Verbrechen Angeklagte, die entweder die Kaution nicht aufbringen konnten oder denen 'Sicherheitsleistung nicht zugestanden worden war, eingesperrt blieben, bis ihnen der Proze'gemacht wurde. Ein finsterer, unheilvoller Ort, dachte Jess oft, f'r finstere, unheilvolle Menschen.
Ich bin der Tod, fl'sterte es von den Stra'n herauf. Ich bin gekommen, dich zu holen.
Sie sch'ttelte energisch den Kopf und sah zum Himmel hinauf, aber selbst der war stumpf und grau, von Schneewolken schwer. Schnee im Oktober, dachte Jess. Sie konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal vor Allerheiligen geschneit hatte. Trotz der Wettervorhersage hatte sie ihre Stiefel nicht angezogen. Sie waren nicht mehr wasserdicht und hatten rund um die Kappen h'iche Salzringe, wie die Jahresringe eines Baums. Vielleicht w'rde sie s
p'r kurz in die Stadt gehen und sich ein paar neue kaufen.
Das Telefon l'ete. Gerade mal acht Uhr, und schon ging es los. Sie hob den H'rer ab, ehe es ein zweites Mal l'en konnte.
'Jess Koster', sagte sie.
'Jess Koster, Maureen Peppler hier.' In der Stimme schwang m'henhaftes Gel'ter. 'St're ich dich?'
'Du st'rst nie', versicherte Jess ihrer 'eren Schwester und sah dabei Maureens vergn'gtes L'eln und ihre warmen gr'nen Augen vor sich. 'Ich bin froh, da'du angerufen hast.'
Jess hatte Maureen immer mit den zart gezeichneten Ballett'erinnen Edgar Degas' verglichen, weich und verschwommen in den Konturen. Selbst ihre Stimme war weich. Die Leute sagten oft, die Schwestern s'n einander 'lich. Das stimmte in gewisser Hinsicht, beide hatten sie das gleiche ovale Gesicht, beide waren sie gro'und schlank, doch nichts an Jess war verschwommen. Ihr braunes schulterlanges Haar war dunkler als das Maureens, ihre Augen hatten einen tieferen, eindringlicheren Gr'nton, ihr zierlicher K'rper war weniger gerundet, kantiger. Es war, als h'e der K'nstler zweimal die gleiche Skizze angefertigt, die eine dann in Pastell ausgef'hrt, die andere in '.
'Was gibt's?' fragte Jess. 'Wie geht's Tyler und den Zwillingen?'
'Den Zwillingen geht's pr'tig. Tyler ist immer noch nicht begeistert. Er fragt dauernd, wann wir sie endlich zur'ckschicken. Du hast dich nicht nach Barry erkundigt.'
Jess kniff einen Moment die Lippen zusammen. Maureens Mann, Barry, war ein erfolgreicher Wirtschaftspr'fer, und f'r seinen brandneuen Jaguar hatte er sich Nummernschilder mit der Aufschrift EARND IT pressen lassen. Mu'e sie wirklich noch mehr von ihm wissen? 'Wie geht es ihm?' fragte sie trotzdem.
'Gut. Das Gesch' l't phantastisch trotz der Wirtschaftskrise. Oder vielleicht deswegen. Na, egal, er ist jedenfalls sehr zufrieden. Ich wollte dich f'r morgen abend zu uns zum Essen einladen. Bitte sag jetzt nicht, du bist schon verabredet.'
Jess h'e beinahe gelacht. Wann h
atte sie das letzte Mal eine Verabredung gehabt? Wann war sie das letzte Mal ausgegangen, ohne da'berufliche Gr'nde dahintergesteckt h'en? Wie war sie auf den Gedanken gekommen, nur Arzte seien vierundzwanzig Stunden am Tag im Dienst?
'Nein, ich bin nicht verabredet', antwortete sie.
'Gut, dann kommst du also. Ich seh dich dieser Tage viel zu selten. Ich glaube, ich hab dich 'fter zu Gesicht bekommen, als ich noch gearbeitet habe.'
'Dann fang doch wieder an zu arbeiten.'
'Nie im Leben. Also, morgen um sechs. Dad kommt auch.'
Jess l'elte. 'Sch'n, wir sehen uns morgen.' Kurz bevor sie den H'rer auflegte, h'rte sie aus der Ferne noch Babygeschrei. Sie stellte sich vor, wie Maureen vom Telefon ins Kinderzimmer lief, sich 'ber die Bettchen ihrer sechs Monate alten Zwillinge beugte, die Kleinen wickelte und f'tterte und dabei darauf achtete, da'auch der Dreij'ige, der ihr nicht von der Seite wich, die Aufmerksamkeit bekam, die er sich so dringend w'nschte. Welten entfernt von den heiligen Hallen der Harvard Business School, an der sie ihren Magister in BWL gemacht hatte. Jess zuckte die Achseln. Jeder von uns mu'seine Entscheidung treffen, dachte sie. Maureen hatte ihre offensichtlich getroffen.
Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und versuchte, sich auf das bevorstehende St'ck Arbeit zu konzentrieren. Sie hoffte inst'ig, sie k'nnte Greg Oliver beweisen, da'er sich geirrt hatte. Sie wu'e allerdings, da'es nahezu unm'glich war, in diesem Fall eine Verurteilung zu erreichen. Sie und ihr Kollege w'rden schon sehr 'berzeugend sein m'ssen.
Bei einem Proze'vor dem Geschworenengericht arbeiteten die Staatsanw'e immer paarweise. Ihr Vertreter, Neil Strayhorn, w'rde zun'st ein erstes Schlu'l'yer halten, in dessen Rahmen er den Geschworenen noch einmal die nackten, h'ichen Tatsachen des Falls ins Ged'tnis rufen w'rde. Dem w'rden die abschlie'nden Bemerkungen des Verteidigers folgen, und danach w'rde Jess selbst das replizierende Schlu'l'y
er halten, das reichlich Gelegenheit zu kreativer moralischer Entr'stung bot.
'Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt', begann sie laut, um in der Geborgenheit ihres B'ros ihren Vortrag noch einmal zu 'ben. 'Das hei', da'etwa alle 46 Sekunden eine erwachsene Frau vergewaltigt wird, was sich im Laufe eines Jahres zu 683000 Vergewaltigungen summiert.' Sie holte tief Atem und wendete die S'e in ihrem Kopf wie Salatbl'er in einer gro'n Sch'ssel. Sie wendete sie immer noch hin und her, als zwanzig Minuten sp'r Barbara Cohen kam.
'Wie l't's?' Barbara Cohen, mit knallrotem Haar, das ihr in krausen Locken fast bis zur R'ckenmitte herabfiel, war beinahe einen Kopf gr''r als Jess und sah mit ihren langen, d'nnen Beinen aus, als ginge sie auf Stelzen. Jess mochte noch so schlecht gelaunt sein, sie brauchte Barbara, ihre zweite Mitarbeiterin, nur anzusehen, und schon mu'e sie l'eln, ob sie wollte oder nicht.
'Ich bem'he mich, die Ohren steifzuhalten.' Jess sah auf ihre Uhr, eine schlichte Timex mit einem schwarzen Lederband. 'H'r mal, Barbara, ich m'chte gern, da'du und Neil diese Drogensache, den Fall Alvarez, 'bernehmt, wenn es zum Proze'kommt.'
Barbara Cohens Gesicht zeigte eine Mischung aus freudiger Erregung und Unsicherheit. 'Ich dachte, das wolltest du selbst machen.'
'Ich kann nicht. Mir schl' die Arbeit 'ber dem Kopf zusammen. Au'rdem schafft ihr beide das bestimmt. Ich bin ja hier, wenn ihr Hilfe brauchen solltet.'
Barbara Cohen bem'hte sich ohne Erfolg, das L'eln zur'ckzuhalten, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete und alle professionelle N'chternheit verdr'te.
'Soll ich dir einen Kaffee holen?' fragte sie.
'Wenn ich noch mehr Kaffee trinke, mu'ich nachher im Gerichtssaal alle f'nf Minuten raus. Glaubst du, da'mir das bei den Geschworenen viel Sympathie einbringen w'rde?'
'Wohl kaum.' Barbara lachte.
Neil Strayhorn traf ein paar Minuten sp'r mit der frohen Botschaft ein, da'er das Gef'h
l habe, er br'te eine Erk'ung aus. Er setzte sich unverz'glich an seinen Schreibtisch. Jess konnte sehen, wie sich seine Lippen bewegten, w'end er lautlos den Text seiner Schlu'emerkung hersagte.
In den sie umgebenden B'ros der Staatsanwaltschaft von Cook County wurde es langsam lebendig. Jess registrierte automatisch jede neue Ankunft, w'end in den Nachbarr'en St'hle ger'ckt, Schubladen ge'ffnet und geschlossen, Computer eingeschaltet wurden, w'end Faxger' zu summen begannen und Telefone l'eten. Ohne sich dessen bewu' zu sein, vermerkte sie das Eintreffen jeder der vier Sekret'nnen, die den achtzehn Anw'en dieser Abteilung zur Verf'gung standen, erkannte, ohne sich zu bem'hen, den schweren Schritt Tom Olinskys, ihres Abteilungsleiters, als er zu seinem B'ro am Ende des langen Korridors ging.
'Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt', begann sie von neuem, in dem Bem'hen, ihre Konzentration wiederzufinden.
Eine der Sekret'nnen, eine Schwarze, die ebensogut zwanzig wie vierzig h'e sein k'nnen, schaute zur T'r herein. Ihre langen tropfenf'rmigen roten Ohrringe fielen ihr fast bis auf die Schultern.
'Connie DeVuono ist hier', sagte sie und trat einen Schritt zur'ck, als bef'rchte sie, Jess w'rde den n'stbesten Gegenstand nach ihr werfen.
'Was soll das hei'n, sie ist hier?'
'Das hei', sie steht drau'n vor der T'r. Sie ist anscheinend einfach am Empfang vorbeimarschiert. Sie behauptet, sie m''e unbedingt mit Ihnen reden.'
Jess warf einen Blick auf ihren Terminkalender. 'Wir sind erst f'r vier Uhr verabredet. Haben Sie ihr gesagt, da'ich in ein paar Minuten bei Gericht sein mu''
'Ja. Sie l' sich nicht abwimmeln. Sie ist sehr erregt.'
'Das ist nicht weiter verwunderlich', sagte Jess bei dem Gedanken an die junge Witwe, die auf brutalste Weise von einem Mann geschlagen und vergewaltigt worden war, der ihr danach gedroht hatte, sie zu t'ten, falls sie gegen ihn aussagen sollte. Der Termin f'r die Verha
ndlung des Falls war noch zehn Tage entfernt. 'F'hren Sie sie doch bitte ins Besprechungszimmer, Sally. Ich komme sofort.'
'Soll ich mit ihr reden?' erbot sich Barbara.
'Nein, nein, ich mach das schon.'
'Was meinst du, kann das 'ger bedeuten?' fragte Neil Strayhorn. 'Was sonst?'
Das Besprechungszimmer war ein kleiner, fensterloser Raum, in dem der lange braune Walnu'isch und die acht St'hle um ihn herum gerade Platz hatten. Die W'e hatten den gleichen mattwei'n Anstrich wie die in den 'brigen R'en, der beigefarbene Teppich war alt und abgetreten.
Connie DeVuono stand gleich an der T'r. Sie schien geschrumpft zu sein, seit Jess sie das letzte Mal gesehen hatte, ihr schwarzer Mantel fiel weit und formlos um ihren K'rper. Ihr Gesicht war so wei' da'es einen gr'nlichen Schimmer zu haben schien, und die Haut unter ihren Augen war schlaff und runzlig, trauriges Indiz daf'r, da'sie vermutlich seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Allein die dunklen Augen spr'hten in einem Feuer zorniger Energie und lie'n von der fr'heren Sch'nheit dieser Frau ahnen.
'Bitte entschuldigen Sie die St'rung', begann sie.
'Es ist einfach so, da'wir im Moment nicht viel Zeit haben', sagte Jess ged'ft, aus Sorge, der Frau, die unter starker Spannung zu stehen schien, k'nnten beim ersten lauteren Wort die Nerven durchgehen. 'Ich mu'in einer halben Stunde bei Gericht sein.' Jess schob ihr einen der St'hle hin. Die Frau brauchte keine weitere Aufforderung. Als versagten ihr ihre Beine pl'tzHch den Dienst, lie'sie sich auf den Stuhl hinunterfallen. 'Geht es Ihnen nicht gut? M'chten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee? Oder ein Glas Wasser? Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Mantel.'
Connie DeVuono winkte bei jedem der Vorschl' mit zitternden H'en ab. Jess bemerkte, da'ihre Fingern'l bis zum Fleisch hinunter abgeknabbert waren, die Nagelhaut an allen Fingern blutig gerissen war. 'Ich kann nicht aussagen', sagte sie. Ihre Stimme war so leise, da'sie kaum zu h
'ren war, und sie wandte sich ab, als sie sprach.
Dennoch wirkten die Worte wie ein Schlag. 'Was?' fragte Jess, obwohl sie genau verstanden hatte.
'Ich habe gesagt, ich kann nicht aussagen.'
Jess setzte sich auf einen der anderen St'hle und r'ckte so nahe an Connie DeVuono heran, da'ihre Knie sich ber'hrten. Sie nahm die H'e der Frau, die eiskalt waren, und umschlo'sie mit den ihren.
'Connie', begann sie langsam, w'end sie versuchte, die kalten H'e zu w'en, 'unsere ganze Beweisf'hrung steht und f't mit Ihnen. Wenn Sie nicht aussagen, kommt der Mann, der Sie 'berfallen hat, ungeschoren davon.'
'Ich wei' Es tut mir wirklich leid.'
'Es tut Ihnen leid?'
'Ich kann nicht aussagen. Ich kann nicht. Ich kann nicht.' Sie begann zu weinen.
Jess zog hastig ein Papiertuch aus der Tasche ihrer grauen Jacke und hielt es Connie hin, doch die ignorierte es. Ihr Weinen wurde lauter. Jess dachte an ihre Schwester, wie m'helos es ihr zu gelingen schien, ihre weinenden S'linge zu beruhigen und zu tr'sten. Jess besa'keine solchen Talente. Sie konnte nur hilflos dabeisitzen, ohne etwas zu tun.
'Ich wei' da'ich Sie im Stich lasse', sagte Connie DeVuono schluchzend. 'Ich wei' da'das f'r alle eine kalte Dusche ist...'
'Machen Sie sich unseretwegen keine Sorgen', sagte Jess. 'Sorgen Sie sich um sich selbst. Denken Sie daran, was dieses Ungeheuer Ihnen angetan hat.'
Connie DeVuono hob den Kopf und sah Jess mit zornigem Blick an. 'Glauben Sie, das k'nnte ich je vergessen?'
'Dann m'ssen Sie daf'r sorgen, da'er so etwas nie wieder tun kann.'
'Aber ich kann nicht aussagen! Ich kann es einfach nicht. Ich kann nicht.'
'Okay, okay, beruhigen Sie sich. Es ist ja gut. Weinen Sie sich erst mal aus.'
Tess lehnte sich an die harte Stuhllehne und versuchte sich in Con- nie hineinzuversetzen. Seit dem letzten Mal, als sie miteinander gesprochen hatten, war offensichtlich etwas geschehen. Bei jeder ihrer fr'heren Zusammenk'nfte hatte sich Connie tr
otz aller Angst fest entschlossen gezeigt auszusagen. Sie war die Tochter italienischer Einwanderer und im unersch'tterlichen Glauben ihrer Eltern an das amerikanische Rechtssystem aufgewachsen. Jess war von diesem festen Glauben sehr beeindruckt gewesen. Sie hielt es durchaus f'r m'glich, da'er st'er war als ihr eigener, der nach vier Jahren bei der Staatsanwaltschaft doch etwas gelitten hatte.
'Ist etwas passiert?' fragte sie und beobachtete Connie scharf.
Connie hob den Kopf und straffte die Schultern. 'Ich mu'an meinen Sohn denken', sagte sie mit Nachdruck. 'Er ist erst acht. Sein Vater ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Wenn mir jetzt auch noch etwas passiert, hat er keinen Menschen mehr.'
'Aber Ihnen wird nichts passieren.'
'Meine Mutter ist zu alt, um sich um ihn zu k'mmern. Au'rdem spricht sie sehr schlecht Englisch. Was soll denn aus Steffan werden, wenn ich sterbe? Wer soll sich um ihn k'mmern? Sie vielleicht?'
Jess verstand, da'die Frage rhetorisch gemeint war, antwortete aber dennoch. 'Mit M'ern hab ich's leider nicht besonders', sagte sie leise, in der Hoffnung, Connie zum L'eln zu bringen. Die bem'hte sich, wie sie sah, aber ohne Erfolg. 'Aber, Connie, wenn wir Rick Ferguson erst hinter Schlo'und Riegel haben, kann Ihnen gar nichts mehr passieren.'
Connie DeVuono zitterte. 'Es war schlimm genug f'r Steffan, da'er seinen Vater so fr'h verlieren mu'e. Gibt es etwas Schlimmeres, als dann auch noch die Mutter zu verlieren?'
Jess sp'rte, wie ihr die Tr'n in die Augen sch'ssen. Sie sch'ttelte den Kopf. Nein, es gab nichts Schlimmeres.
'Connie', begann sie und war selbst 'berrascht, als sie das Zittern in ihrer Stimme wahrnahm. 'Glauben Sie mir, ich verstehe Sie. Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist. Aber wie kommen Sie auf den Gedanken, Sie seien sicher, wenn Sie nicht aussagen? Rick Ferguson ist schon einmal in Ihre Wohnung eingebrochen. Er hat Sie so brutal zusammengeschlagen, da'Sie einen ganzen Monat
lang kaum die Augen 'ffnen konnten. Er wu'e nicht, da'Ihr Sohn nicht zu Hause war. Das war ihm v'llig gleichg'ltig. Wieso glauben Sie, da'er es nicht wieder versuchen wird? Besonders wenn er wei' da'er nichts zu f'rchten hat, weil Sie zu gro' Angst haben, um ihm das Handwerk zu legen. Wieso glauben Sie, da'er nicht das n'ste Mal auch Ihren Sohn mi'andeln wird?'
'Das wird er nicht tun, wenn ich nicht aussage.'
'Aber das wissen Sie doch gar nicht.'
'Ich wei'nur, da'er gesagt hat, er w'rde mich umbringen, ehe ich aussagen k'nnte.'
'Aber damit hat er Ihnen doch schon vor Monaten gedroht, und das hat Sie nicht von Ihrem Entschlu'abbringen k'nnen.' Einen Moment war es still. 'Was ist passiert, Connie? Wovor haben Sie Angst? Hat er irgendwie mit Ihnen Kontakt aufgenommen? Wenn das der Fall ist, k'nnen wir seine Freilassung auf Kaution aufheben lassen -'
'Sie k'nnen gar nichts tun.'
'Wir k'nnen eine ganze Menge tun.'
Connie DeVuono griff in ihre gro' schwarze Ledertasche und entnahm ihr eine kleine wei' Schachtel.
'Was ist das?'
Ohne ein Wort zu sagen reichte Connie Jess die Schachtel. Jess 'ffnete sie und zog vorsichtig die Schichten von Seidenpapier weg, unter denen sie etwas Kleines, Hartes sp'rte.
'Das K'chen stand vor meiner T'r, als ich sie heute morgen aufmachte', sagte Connie, w'end sie zusah, wie Jess das letzte Papier wegzog.
Jess drehte sich der Magen um. Der Schildkr'te, die leblos und nackt in ihren H'en lag, fehlten der Kopf und zwei Beine.
'Sie hat Steffan geh'rt', sagte Connie tonlos. 'Als wir vor ein paar Tagen abends nach Hause kamen, war sie nicht in ihrem Glas. Wir konnten nicht begreifen, wie sie da herausgekommen sein sollte. Wir haben sie 'berall gesucht.'
Jess begriff augenblicklich Connies Entsetzen. Vor drei Monaten war Rick Ferguson in ihre Wohnung eingebrochen, hatte sie geschlagen und vergewaltigt und ihr dann mit dem Tod gedroht. Jetzt wollte er ihr offenbar zeigen, da'es ihm ein
leichtes sein w'rde, seine Drohungen wahrzumachen. Wiederum hatte er sich Zugang zu ihrer Wohnung verschafft, so m'helos, als h'e man ihm den Schl'ssel gegeben. Er hatte das Haustier ihres Kindes get'tet und verst'mmelt. Niemand hatte ihn beobachtet. Niemand hatte ihn daran gehindert.
Jess h'llte die tote Schildkr'te wieder in ihren Kokon aus Seidenpapier und legte sie zur'ck in ihren kleinen Sarg.
'Ich hab zwar wenig Hoffnung, da'uns das etwas bringen wird, aber ich m'chte das doch mal im Labor untersuchen lassen.' Sie ging zur T'r und winkte Sally. 'W'rden Sie mir das bitte ins Labor bringen lassen.'
Sally nahm das K'chen so vorsichtig entgegen, als h'e sie es mit einer Giftschlange zu tun.
Pl'tzlich sprang Connie auf. 'Sie wissen doch so gut wie ich, da'Sie es nicht schaffen werden, da eine Verbindung zu Rick Ferguson herzustellen. Man kann ihm nichts nachweisen. Man kann ihm nie etwas nachweisen. Er kann sich alles erlauben.'
'Nur wenn Sie es zulassen.' Jess kehrte zu Connie zur'ck.
'Was hab ich denn f'r eine Wahl?'
'Sie haben eine Wahl', entgegnete Jess, die wu'e, da'ihr nur wenige Minuten blieben, um Connie umzustimmen. 'Sie k'nnen sich weigern auszusagen und auf diese Weise daf'r sorgen, da'Rick Ferguson ungestraft davonkommt und f'r das, was er Ihnen angetan hat, was er Ihnen noch immer antut, niemals zur Rechenschaft gezogen werden wird.' Sie machte eine Pause, um ihre Worte wirken zu lassen. 'Oder Sie k'nnen vor Gericht gehen und daf'r sorgen, da'dieser Mensch bekommt, was er verdient, und f'r lange Zeit ins Zuchthaus wandert, wo er niemandem mehr etwas antun kann.' Sie sah den Schimmer der Unschl'ssigkeit in Connies Augen und wartete einen Augenblick. 'Machen Sie sich nichts vor, Connie. Wenn Sie nicht gegen Rick Ferguson aussagen, helfen Sie niemandem, am wenigsten sich selbst. Sie geben ihm nur die Erlaubnis, es wieder zu tun.'
Die Worte hingen zwischen ihnen im Raum wie W'he, die jemand vergessen hatte von der Le
ine zu nehmen. Jess wartete mit angehaltenem Atem. Sie sah, da'sie Connie schwankend gemacht hatte, und wollte jetzt auf keinen Fall etwas sagen oder tun, was sie wom'glich veranlassen w'rde, einen R'ckzieher zu machen. Doch sie hatte schon die n'ste Ansprache auf der Zunge. Es gibt die bequeme Tour, begann sie, oder es gibt die harte Tour. Die bequeme Tour ist, wenn Sie sich bereit erkl'n auszusagen wie vereinbart. Die harte Tour ist, wenn ich Sie zur Aussage zwingen mu' Ich erwirke einen Haftbefehl gegen Sie, zwinge Sie, vor Gericht zu erscheinen und als Zeugin auszusagen. Wenn Sie sich dann immer noch weigern, eine Aussage zu machen, wird der Richter Ihnen Mi'chtung des Gerichts vorwerfen und Sie in Beugehaft nehmen. W' das nicht wirklich bitter - statt des Mannes, der Sie 'berfallen hat, Sie selbst hinter Gittern?
Jess wartete. Sie war entschlossen, diese Worte zu gebrauchen, wenn es sein mu'e, aber im stillen betete sie darum, sie k'nnten ungesagt bleiben.
'Kommen Sie, Connie', sagte sie schlie'ich, einen letzten Versuch machend. 'Sie sind doch eine K'fernatur. Nach dem Tod Ihres Mannes haben Sie nicht klein beigegeben; im Gegenteil, Sie sind auf die Abendschule gegangen und haben sich eine Stellung gesucht, um f'r Ihren Sohn sorgen zu k'nnen. Sie sind eine K'fernatur, Connie. Lassen Sie sich das nicht von Rick Ferguson rauben. Schlagen Sie zur'ck!'
Connie sagte nichts, doch ihre Haltung wurde ein wenig aufrechter, ihre Schultern strafften sich. Schlie'ich nickte sie.
Jess dr'ckte ihr die H'e. 'Sie sagen aus?'
Connies Stimme war nur ein Fl'stern. 'Ja. Mit Gottes Hilfe.'
'Uns ist jede Hilfe willkommen.' Jess warf einen raschen Blick auf ihre Uhr und stand auf. 'Kommen Sie, ich bringe Sie hinaus.'
Neil und Barbara waren bereits gegangen, um p'nktlich zur Verhandlung zu kommen. Jess f'hrte Connie durch den Korridor, an der Wand mit der langen Reihe voll abgeschnittener Krawatten vorbei, von denen jede den ersten Sieg eines Staats
anwalts vor einem Geschworenengericht symbolisierte. Die G'e waren mit Blick auf Halloween schon mit gro'n orangefarbenen Papierk'rbissen und Papphexen, die auf ihren Besen die W'e entlangritten, dekoriert. Wie in einem Kindergarten, dachte Jess, nahm nickend Greg Olivers gute W'nsche entgegen und ging weiter durch die Empfangshalle zu den Aufz'gen drau'n vor der Glast'r. Durch das gro' Fenster am hinteren Ende der Vorhalle konnte man die ganze West- und Nordwestseite der Stadt sehen. An einem sch'nen Tag konnte man sogar ganz leicht den O'Hare-Flughafen ausmachen.
Die Frauen sprachen nichts, w'end der Aufzug sie nach unten trug. Alles Wichtige war bereits gesagt. Im Erdgescho'verlie'n sie den Aufzug und bogen um die Ecke, auf dem Weg zu der verglasten Passage, die das Administration Building mit dem anschlie'nden Gerichtsgeb'e verband.
'Wo haben Sie geparkt?' fragte Jess, die Connie noch hinausbringen wollte.
'Ich bin mit dem Bus gekommen', begann Connie DeVuono. Sie brach pl'tzlich ab und dr'ckte die Hand auf den Mund. 'O Gott!'



"Wahrlich meisterhaft spielt Joy Fielding mit unseren geheimsten Erwartungen und tiefsten Ängsten." The Washington Post

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