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Das Urteil

Roman. Originaltitel: The Runaway Jury. 'Heyne-Bücher A…
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Produktdetails
Titel: Das Urteil
Autor/en: John Grisham

ISBN: 3453136411
EAN: 9783453136410
Roman.
Originaltitel: The Runaway Jury.
'Heyne-Bücher Allgemeine Reihe'.
Übersetzt von Christel Wiemken
Heyne Taschenbuch

1. Juli 1998 - kartoniert - 528 Seiten

«Der vielleicht spannendste Schmöker aller Zeiten.» Focus

In Biloxi, einer verschlafenen Kleinstadt an der Golfküste von Mississippi, findet ein Prozess satt, der weltweit Aufsehen erregt. Da die Geschworenen unter großem Druck stehen, sieht sich der Richter genötigt, die Jury von der Außenwelt abzuschotten: Er sperrt sie unter strikter Bewachung in ein Motel. Dennoch mehren sich die Anzeichen, dass die Jury von außen kontrolliert wird, denn im Hintergrund lauern handfeste Interessen: Für einen mächtigen Konzern geht es um Milliarden ...




John Grisham wurde am 8. Februar 1955 in Jonesboro, Arkansas, geboren, studierte in Mississippi und ließ sich 1981 als Anwalt nieder. Der aufsehenerregende Fall einer vergewaltigten Minderjährigen brachte ihm zum Schreiben. In Früh- und Nachtschichten wurde daraus sein erster Thriller, 'Die Jury', der in einem kleinen, unabhängigen Verlag erschien, der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte.
1. KAPITEL




Das Gesicht von Nicholas Easter war durch ein mit schlanken, schnurlosen Telefonen gefülltes Schauregal halbwegs verdeckt, und er schaute nicht direkt in die versteckte Kamera, sondern eher nach links, vielleicht zu einem Kunden oder vielleicht auch zu einem Tisch, an dem eine Gruppe von Jugendlichen bei den neuesten Computerspielen aus Asien herumlungerte. Obwohl aus einer Entfernung von vierzig Metern von einem Mann aufgenommen, der ziemlich starkem Fußgängerverkehr im Einkaufszentrum ausweichen mußte, war das Foto klar und zeigte ein nettes Gesicht, glattrasiert, mit kraftvollen Zügen und jungenhaft gutaussehend. Easter war siebenundzwanzig, soviel wußten sie bestimmt. Keine Brille. Kein Nasenring oder irrer Haarschnitt. Keinerlei Hinweis darauf, daß er einer der üblichen Computerfreaks war, die für einen Fünfer die Stunde in dem Laden arbeiteten. In seinem Fragebogen stand, daß er seit vier Monaten dort war, und außerdem stand darin, er sei Teilzeitstudent, aber sie hatten an keinem einzigen College im Umkreis von dreihundert Meilen irgendwelche Immatrikulations-Unterlagen gefunden. In diesem Punkt hatte er gelogen, da waren sie ganz sicher.
Er mußte gelogen haben. Ihre Recherchiermethoden waren zu perfekt. Wenn der Junge Student wäre, dann wüßten sie auch wo, seit wann, welches Studienfach, wie gut seine Noten waren oder wie schlecht. Sie wüßten es. Er war Verkäufer in einem Computerladen in einem Einkaufszentrum. Nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht hatte er vor, sich irgendwo immatrikulieren zu lassen. Vielleicht hatte er sein Studium auch abgebrochen und bezeichnete sich trotzdem noch gern als Teilzeitstudent. Möglicherweise fühlte er sich damit besser, so als hätte er ein Ziel vor Augen, oder es hörte sich einfach gut an.
Auf jeden Fall war er kein Student, weder jetzt noch irgendwann in der jüngsten Vergangenheit gewesen. Also, konnte man ihm trauen? Zweimal war diese Frage bereits hier im Zimmer durchdisk
utiert worden, jedesmal, wenn sie auf der Liste auf seinen Namen stießen und sein Gesicht auf der Leinwand erschien. Sie waren so gut wie entschlossen, das Ganze als harmlose Lüge zu betrachten.
Er rauchte nicht. Im Laden herrschte striktes Rauchverbot. Aber er war gesehen (nicht fotografiert) worden, wie er im Food Garden ein Taco aß, zusammen mit einer Kollegin, die zu ihrer Limonade zwei Zigaretten rauchte. Der Rauch schien Easter nicht zu stören. Zumindest war er kein fanatischer Antiraucher.
Das Gesicht auf dem Foto war schlank und braungebrannt und lächelte leicht mit geschlossenen Lippen. Das weiße Hemd unter dem roten Ladenjackett hatte einen nicht angeknöpften Kragen, und er trug eine geschmackvoll gestreifte Krawatte. Er wirkte nett, gut in Form, und der Mann, der das Foto gemacht hatte, hatte sogar mit Nicholas gesprochen, angeblich auf der Suche nach irgendeinem veralteten Ersatzteil, und meinte, er sei redegewandt, hilfsbereit, kenntnisreich, ein netter junger Mann. Sein Namensschild wies Easter als Co-Manager aus, aber es gab in dem Laden noch zwei weitere Verkäufer mit demselben Titel.
Einen Tag, nachdem das Foto aufgenommen worden war, betrat eine attraktive junge Frau in Jeans den Laden und zündete sich, während sie sich die Software anschaute, eine Zigarette an. Zufällig war Nicholas Easter der ihr am nächsten stehende Verkäufer oder Co-Manager oder was immer er war, und er trat höflich auf die Frau zu und bat sie, ihre Zigarette auszumachen. Sie gab sich verärgert, ja beleidigt, und versuchte ihn zu provozieren. Er blieb dennoch zuvorkommend und erklärte ihr nur, daß in dem Laden ein striktes Rauchverbot herrsche. Es stünde ihr frei, woanders zu rauchen. Stört es Sie, wenn geraucht wird? hatte sie gefragt und einen Zug getan. Eigentlich nicht, hatte er erwidert. Aber es stört den Mann, dem dieser Laden hier gehört. Dann hatte er sie abermals gebeten, ihre Zigarette auszumachen. Im Grunde sei sie ja auch wegen eines neuen Digitalr
adios da, erklärte sie ihm, also, wäre es wohl möglich, daß er ihr einen Aschenbecher besorgte? Nicholas holte eine leere Coladose unter dem Tresen hervor, nahm ihr die Zigarette ab und drückte sie aus. Sie unterhielten sich zwanzig Minuten über Radios, während sie sich bemühte, ihre Wahl zu treffen. Sie flirtete schamlos, und er nützte die Chance. Nachdem sie das Radio bezahlt hatte, gab sie ihm ihre Telefonnummer. Er versprach, sie anzurufen.
Die Episode dauerte vierundzwanzig Minuten und wurde von einem kleinen, in ihrer Handtasche versteckten Recorder aufgezeichnet. Das Band war beide Male abgespielt worden, während die Anwälte und ihre Experten sein auf die Leinwand projiziertes Gesicht studierten. Ihr schriftlicher Bericht über das Zusammentreffen lag in der Akte, sechs maschinegeschriebene Seiten mit ihren Beobachtungen über alles, von seinen Schuhen (alte Nikes), über seinen Atem (Zimt-Kaugummi) und sein Vokabular (College-Niveau) bis hin zu der Art, wie er mit der Zigarette umging. Ihrer Ansicht nach, und sie hatte Erfahrung in solchen Dingen, hatte er nie geraucht.
Sie lauschten seiner angenehmen Stimme mit dem professionellen Verkäufertonfall und seinem netten Geplauder, und sie mochten ihn. Er war intelligent und kein absoluter Tabakhasser, nicht gerade ihr Modell-Geschworener, aber eindeutig jemand, den man im Auge behalten mußte. Das Problem mit Easter, Anwärter auf das Amt eines Geschworenen Nummer sechsundfünfzig, war, daß sie so wenig über ihn wußten. Wie es schien, war er vor weniger als einem Jahr an der Golfküste gelandet, und sie hatten keine Ahnung, wo er herkam. Seine Vergangenheit lag vollkommen im dunkeln. Er hatte acht Blocks vom Gerichtsgebäude von Biloxi entfernt eine kleine Wohnung gemietet - sie hatten Fotos von dem Mietshaus - und zuerst als Kellner in einem der Kasinos am Strand gearbeitet. Dann war er schnell zum Geber am Black Jack-Tisch aufgestiegen, hatte aber nach zwei Monaten gekündigt.
Kurz nachdem Mississippi
das Glücksspiel legalisiert hatte, waren über Nacht an der Küste ein Dutzend Kasinos aus dem Boden geschossen und hatten einen heftigen Konjunkturaufschwung ausgelöst. Jobsucher kamen aus allen Richtungen, und so konnte man mit einiger Gewißheit annehmen, daß Nicholas Easter aus denselben Gründen nach Biloxi gekommen war wie zehntausend andere Leute auch. Das einzig Merkwürdige daran war, daß er sich so schnell in die Wählerliste hatte eintragen lassen.
Er fuhr einen VW-Käfer von 1969; ein Foto davon wurde auf die Leinwand projiziert und nahm den Platz seines Gesichts ein. Na großartig. Er war siebenundzwanzig, ledig, angeblicher Teilzeitstudent - der perfekte Typ für so einen Wagen. Keine Aufkleber. Nichts, was auf politische Neigungen oder seine soziale Einstellung oder auch nur eine Lieblings-Baseballmannschaft hindeutete. Kein Parkausweis von einem College. Nicht einmal eine verblichene Händlerreklame. Der Wagen sagte ihnen gar nichts, außer daß sich sein Eigentümer am Rande der Mittellosigkeit befand.
Der Mann, der den Projektor bediente und den größten Teil des Redens besorgte, war Carl Nussman, ein Anwalt aus Chicago, der nicht mehr in seinem ursprünglichen Beruf tätig war, sondern statt dessen seine eigene Juryberater-Firma leitete. Für ein kleines Vermögen konnten Carl Nussman und seine Leute jedem die richtige Jury zusammenstellen. Sie sammelten Material, machten Fotos, zeichneten Stimmen auf, ließen genau im richtigen Moment Blondinen in engen Jeans aufmarschieren. Carl und seine Mitarbeiter umschifften sämtliche Klippen von Gesetz und Ethik, aber man konnte sie einfach nicht dafür drankriegen. Schließlich war nichts Illegales oder Unethisches am Fotografieren potentieller Geschworener. Sie hatten vor sechs Monaten, dann noch mal vor zwei Monaten und vor einem Monat wieder erschöpfende Telefonumfragen in Harrison County durchgeführt, um herauszufinden, wie man dort über das Thema Tabak dachte und danach Modelle der perfekten Geschworenen ausz
uarbeiten. Sie ließen kein Foto unaufgenommen, keine schmutzige Wäsche unberührt. Über jeden potentiellen Geschworenen hatten sie eine eigene Akte.
Carl drückte auf einen Knopf, und an die Stelle des VW trat ein nichtssagendes Foto von einem Mietshaus mit abblätternder Farbe, das Heim, irgendwo drinnen, von Nicholas Easter. Dann ein Klick, und wieder zurück zu seinem Gesicht.
Also haben wir nur die drei Fotos von Nummer sechsundfünfzig, sagte Carl mit einem Anflug von Frustration, während er sich umdrehte und den Fotografen anfunkelte, einen seiner zahllosen Privatschnüffler, der erklärt hatte, er könnte den Jungen einfach nicht erwischen, ohne dabei selbst erwischt zu werden. Der Fotograf saß auf einem Stuhl an der hinteren Wand, mit dem Gesicht zu dem langen Tisch voller Anwälte, Anwaltsgehilfen und Jury-Experten. Er war ziemlich angeödet und hätte sich am liebsten verdrückt. Es war sieben Uhr am Freitagabend. Nummer sechsundfünfzig war auf der Leinwand, hundertvierzig standen noch bevor. Das Wochenende würde furchtbar werden. Er brauchte einen Drink.
Ein halbes Dutzend Anwälte in zerknitterten Hemden und mit aufgerollten Ärmeln kritzelte endlose Notizen und schaute gelegentlich auf das Gesicht von Nicholas Easter dort hinter Carl. Alle möglichen Jury-Experten - Psychiater, Soziologen, Schriftanalytiker, Juraprofessoren und so weiter - hantierten mit Papieren und blätterten in daumendicken Computerausdrucken. Sie waren nicht sicher, was sie mit Easter anfangen sollten. Er war ein Lügner, und er verbarg seine Vergangenheit, aber auf dem Papier und auf der Leinwand sah er trotzdem okay aus.
Vielleicht log er ja auch nicht. Vielleicht war er im vergangenen Jahr Student an irgendeinem billigen Junior College im Osten von Arizona gewesen, und vielleicht war ihnen das einfach entgangen.
Laßt es dem Jungen durchgehen, dachte der Fotograf, sprach es aber nicht aus. In diesem Zimmer voller hochgebildeter und hochbezahlter Anzugträger war er de
r letzte, dessen Ansicht zählte. Es war nicht sein Job, auch nur ein einziges Wort zu sagen.
Carl räusperte sich, warf noch einen Blick auf den Fotografen, dann sagte er: Nummer siebenundfünfzig. Das verschwitzte Gesicht einer jungen Mutter erschien auf der Leinwand, und mindestens zwei Leute im Zimmer brachten ein Kichern zustande. Traci Wilkes, sagte Carl, als wäre Traci eine alte Freundin. Rings um den Tisch herum wurden Papiere umgeschichtet.
Alter dreiunddreißig, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, Arztfrau, Mitglied in zwei Country Clubs, zwei Fitneßclubs, einer ganzen Latte von Vereinen. Carl rasselte diese Informationen aus dem Gedächtnis herunter, während er seinen Projektor bediente. An die Stelle von Tracis rotem Gesicht trat ein Schnappschuß, auf dem sie einen Gehsteig entlangjoggte, schweißglänzend in einem rosa und schwarzen Spandexanzug und fleckenlosen Reeboks und mit einer weißen Sonnenblende über dem Neuesten an reflektierenden Sportsonnenbrillen, das lange Haar zu einem hübschen, perfekten Pferdeschwanz zusammengerafft. Sie schob eine Joggingkarre mit einem Baby darin. Traci lebte für Schweiß. Sie war braungebrannt und fit, aber nicht so dünn, wie zu erwarten gewesen wäre. Sie hatte ein paar schlechte Angewohnheiten. Ein weiterer Schnappschuß von Traci in ihrem schwarzen Mercedes-Kombi mit Kindern und Hunden an jedem Fenster. Ein weiterer von Traci beim Einladen von Tüten voller Lebensmittel in denselben Wagen, Traci mit anderen Laufschuhen und knappen Shorts und dem präzisen Erscheinungsbild von jemandem, der es ständig darauf anlegt, athletisch zu wirken. Sie war leicht zu beschatten gewesen, weil sie immer bis an die Grenze der Erschöpfung beschäftigt war und nie lange genug innehielt, um sich umzusehen.
Carl zeigte die Aufnahmen vom Haus der Wilkes, eine große Vorstadtvilla, die überall den Stempel Arzt trug. Er vergeudete nur wenig Zeit mit ihnen und sparte sich das Beste bis zuletzt auf. Traci erschien, wieder einmal schw
eißgebadet. Ihr Designer-Fahrrad lag nahebei im Gras, und sie saß unter einem Baum im Park, weit weg von allen anderen Leuten, halb versteckt - und rauchte eine Zigarette!
Der Fotograf grinste verlegen. Es war sein bestes Stück Arbeit, dieser Schnappschuß aus hundert Meter Entfernung: eine Arztfrau, die heimlich eine Zigarette rauchte. Er hatte keine Ahnung gehabt, daß sie rauchte, sondern hatte gerade selbst zufällig in der Nähe einer Fußgängerbrücke in aller Ruhe eine Zigarette geraucht, als sie vorbeisauste. Er hielt sich ungefähr eine halbe Stunde in dem Park auf, bis er sah, wie sie anhielt und in die Satteltasche ihres Fahrrads griff.
Die Atmosphäre im Zimmer war einen flüchtigen Augenblick lang etwas entspannter, während sie Traci unter dem Baum betrachteten. Dann sagte Carl: Es versteht sich wohl von selbst, daß wir Nummer siebenundfünfzig nehmen werden. Er machte sich eine Notiz auf einem Blatt Papier, dann trank er einen Schluck Kaffee aus einem Pappbecher. Natürlich würde er Traci Wilkes nehmen! Wer hätte nicht gern eine Arztfrau in der Jury, wenn die Anwälte der Klägerin Millionen verlangten? Carl wollte nichts als Arztfrauen, aber er würde sie nicht bekommen. Die Tatsache, daß sie Zigaretten rauchte, war lediglich ein kleiner Bonus.
Nummer achtundfünfzig war ein Werftarbeiter bei Ingalls in Pascagoula - fünfzig Jahre alt, weiß, geschieden, Gewerkschaftsfunktionär. Carl projizierte ein Foto seines Ford Pick-ups auf die Leinwand und war gerade im Begriff, seine Lebensumstände zusammenzufassen, als die Tür aufging und Mr. Rankin Fitch das Zimmer betrat. Carl brach ab. Die Anwälte richteten sich auf ihren Sitzgelegenheiten auf und waren auf der Stelle völlig hingerissen von dem Ford. Sie machten sich eifrig Notizen auf ihren Blocks, als ob sie womöglich nie wieder einen solchen Wagen zu sehen bekommen würden. Auch die Jury-Berater brachen in hektische Betriebsamkeit aus und machten sich gleichfalls angestrengt Notizen. Allesamt vermieden e
s tunlichst, den Mann anzusehen.
Fitch war wieder da. Fitch hatte den Raum betreten.
Er machte langsam die Tür hinter sich zu, tat ein paar Schritte auf den Tisch zu und funkelte einmal in die Runde. Es war schon fast eher ein bösartiges Fauchen. Das schwammige Fleisch um seine dunklen Augen herum verkniff sich. Die tiefen Querfalten auf seiner Stirn zogen sich zusammen.
Seine massige Brust hob und senkte sich langsam, und ein oder zwei Sekunden lang war Fitch der einzige Mensch, der atmete. Seine Lippen öffneten sich zum Essen und Trinken, gelegentlich zum Reden, aber nie zu einem Lächeln.
Fitch war wütend, wie gewöhnlich; das war nichts Neues. Der Mann schlief sogar in einem Zustand der Feindseligkeit. Aber würde er fluchen und Drohungen ausstoßen, vielleicht sogar mit Gegenständen werfen, oder lediglich unter der Oberfläche brodeln? Bei Fitch wußte man das nie. Er blieb an der Tischkante zwischen zwei jungen Anwälten stehen, die Juniorpartner waren und erfreuliche sechsstellige Gehälter bezogen, Angehörige der Kanzlei, die in diesem Zimmer, in diesem Gebäude ansässig war. Fitch dagegen war ein Fremder aus Washington, ein Eindringling, der jetzt seit bereits einem Monat auf ihren Korridoren knurrte und bellte. Die beiden jungen Anwälte wagten nicht, zu ihm aufzuschauen.
Welche Nummer? fragte Fitch Carl.
Achtundfünfzig, sagte Carl schnell, bestrebt, einen guten Eindruck zu machen.
Gehen Sie zurück zu sechsundfünfzig, befahl Fitch, und Carl klickte rasch, bis das Gesicht von Nicholas Easter abermals auf der Leinwand erschien. Rings um den Tisch herum raschelten Papiere.
Was wissen Sie? fragte Fitch.
Genauso viel wie vorher, sagte Carl, den Blick abwendend.
Fantastisch. Wie viele von den hundertneunundsechzig sind immer noch unklar?
Acht.
Fitch schnaubte und schüttelte langsam den Kopf, und alle warteten auf einen Ausbruch. Statt dessen strich er langsam über seinen sorgfältig gestutzten, schwarz
grauen Spitzbart, sah Carl an, ließ den Ernst des Augenblicks einsickern und sagte dann: Sie werden bis Mitternacht arbeiten und morgen früh um sieben wieder hier sein. Auch am Sonntag. Nach diesen Worten schwenkte er seinen dicklichen Körper herum und verließ das Zimmer.
Die Tür schlug zu. Die Luft wurde erheblich leichter, und dann sahen alle, die Anwälte, die Jury-Berater, Carl und jedermann sonst gleichzeitig auf die Uhr. Ihnen war gerade befohlen worden, neununddreißig der nächsten dreiundfünfzig Stunden in diesem Zimmer zu verbringen und Fotoprojektionen zu betrachten, die sie allesamt bereits gesehen hatten, und sich die Namen, Geburtsdaten und Lebensumstände von fast zweihundert Leuten ins Gedächtnis zu prägen.
Und niemand im Raum hegte auch nur den geringsten Zweifel, daß sie genau das tun würden, was ihnen befohlen worden war. Aber auch nicht den allergeringsten.




Fitch ging über die Treppe ins Erdgeschoß des Gebäudes, wo sein Fahrer auf ihn wartete, ein großer Mann namens José. José trug einen schwarzen Anzug, schwarze Cowboystiefel und eine schwarze Sonnenbrille, die er nur abnahm, wenn er duschte oder schlief. Fitch öffnete eine Tür, ohne anzuklopfen, und unterbrach eine Konferenz, die bereits seit Stunden andauerte. Vier Anwälte und ihre diversen Mitarbeiter schauten sich die auf Video aufgenommenen Anhörungen der ersten Zeugen der Anklage an. Das Band kam nur Sekunden nach Fitchs Hereinplatzen zum Stillstand. Er wechselte ein paar Worte mit einem der Anwälte, dann verließ er das Zimmer. José folgte ihm durch eine kleine Bibliothek auf einen anderen Korridor, wo er eine weitere Tür aufriß und eine weitere Schar Anwälte erschreckte.









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Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll großartig - von Tilman Schneider - 28.09.2009 zu John Grisham „Das Urteil“
Es kann einer der größten Prozesse geben und ein wichtiger Wegweiser für die Tabakindustrie und ihre Gegner. Eine Witwe verklagt einen Tabakkonzern auf mehrere Millionen und der Prozess stößt auf großes Interesse. Tabakgegner machen sich stark, versuchen die Öffentlichkeit zu mobilisieren und die Stellung der Tabakkonzerne zu verändern. Im Gegenzug fährt der Tabakkonzern alles auf was es an Verteidigung gibt und glaubt mit ihrer Macht und dem vielen Geld einen Sieg zu erringen. Die Jury berät sich, diskutiert und haust Wochen lang zurück gezogen und so wird es für viele zu einer Nervenaufreibenden Zeit. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Prozess, denn in der Jury scheint ein Maulwurf zu sein, aber für welche Seite? Was hat er oder die vor? John Grisham ist der Meister der Anwaltssthriller und beweißt wieder einmal sein großes Können und macht auch vor brisanten Themen nicht halt. Eines seiner besten Bücher und es gibt soviele sympathische Personen und Figuren und soviele Überraschungen und Wendungen.
Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Spannend und aus dem aktuellen Leben gegriffen - von Michael Kleerbaum - 06.05.2005 zu John Grisham „Das Urteil“
Super Roman! Im ersten Drittel des Buches weiß man gar nicht, worum es eigentlich geht. Das ändert sich mit einem einzigen Satz. Nachdem man diesen Satz gelesen hat kommt der Aha-Effekt. Plötzlich ergibt vieles einen Sinn. Ab dort versteht es Grisham brillant, den Leser durch die Abgründe des US-amerikanischen Rechts zu führen, wo Korruption, Lügen und Täuschungen professionell durchgeführt werden und anscheinend an der Tagesordnung sind. Und er schafft es, bis zum Ende einen Spannungsbogen zu halten, seine Hauptcharaktere mit dem einen oder anderen Geheimnis zu versehen und auf ein nicht zu offensichtliches Ende zuzuarbeiten... kurz, alles was es mir unmöglich machte, mehr als eine Woche für dieses Buch zu benötigen. Ein echter Pageturner.
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