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Willenbrock

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Produktdetails
Titel: Willenbrock
Autor/en: Christoph Hein

ISBN: 3518411551
EAN: 9783518411551
Ausgezeichnet mit dem Premio Grinzane Cavour 2002 für Ausländische Prosa. Roman.
Suhrkamp Verlag AG

25. Juni 2000 - gebunden - 318 Seiten

"Bernd Willenbrock führt im Berlin der späten neunziger Jahre erfolgreich einen Gebrauchtwagenhandel; auch im Privaten scheint alles zu stimmen. Dass der abgezäunte Platz mit den Fahrzeugen irgendwann Ziel eines nächtlichen Diebstahls wird, überrascht den Besitzer kaum. Auch der nächste Diebstahl, besser: Raubüberfall, lässt sich nicht aufklären; Behördliche Hilfe allerdings bleibt Willenbrock auch bei anderer Gelegenheit versagt, etwa als er um Baugenehmigungen zur Erweiterung seines Geschäfts ersucht oder, gravierender noch: als er und seine Frau im Wochenendhaus überfallen werden. Alle Sicherheiten des zivilisierten Lebens rutschen erst unmerklich und dann unübersehbar weg. Hinter vermeintlich geordneten Verhältnissen wird ein Dschungel sichtbar, in dem keine Regel mehr gilt außer: Hilf dir selbst! Willenbrock gerät schließlich in einen Strudel, in dem alles zur Bedrohung wird und ein Revolver wie ein Zeitzünder irgendwann losgehen muss."
Christoph Hein, geboren 1944 in Heinzendorf in Schlesien, aufgewachsen in Leipzig und Westberlin, kehrte 1960 in die DDR zurück und arbeitete von 1961-67 unter anderem als Journalist, Schauspieler und Regieassistent. Von 1967 - 71 studierte er Philosophie in Leipzig und Berlin (Humboldt Universität). Danach arbeitete er zunächst als Dramaturg, ab 1974 auch als Autor der Volksbühne Berlin. Seit 1979 ist er freier Schriftsteller und seit 1992 Mitherausgeber der Wochenzeitung 'Freitag'. Der Schriftsteller und Dramaturg ist Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Heinrich Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR (1982), dem Erich-Fried-Preis (1990), dem Solothurner Literaturpreis (2000), dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (2002), dem Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg (2004) und dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen (2008). 2010 wurde Christoph Hein der Eichendorff-Literaturpreis verliehen, 2012 der Uwe Johnson Preis und 2013 der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz. Chrisoph Hein wurde außerdem 1994 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Autor lebt in Berlin.
Wildwest im Ossiland Die Gangster kommen in einer Sommernacht. Der Autohändler Willenbrock und seine Frau Susanne verbringen das Wochenende in ihrem Landhaus am Haff, gegenüber der Insel Usedom. Der Ehemann, von einem Geräusch geweckt, steht auf und sieht sich, unbewaffnet und nur mit Pyjamajacke bekleidet, einem Fremden gegenüber. Der ruft seinem Kumpanen ein paar Worte zu, offenbar auf Russisch, dann geht er zum Angriff über: erst mit der Stange, dann, als der Hausherr sich hinter einer Tür verschanzt, mit einem Messer. Die Klinge verfehlt Willenbrocks Kopf nur knapp. Erst als der so Attackierte einen Anruf bei der Polizei simuliert, verschwinden die Männer. "Jede Woche haben wir einen Fall wie Sie", erfährt Willenbrock später im Krankenhaus. Der Arzt sagt: "Man sollte Mauern bauen. Überall Mauern, anders ist der Menschheit nicht beizukommen ... Wilde Bestien werden auch in Käfigen gehalten." Seelenruhig und scheinbar völlig unbeteiligt protokolliert der Schriftsteller Christoph Hein, 56, in seinem neuen Roman "Willenbrock", wie ein Mensch in den Ausnahmezustand gedrängt wird. Sein Held ist eigentlich ein besonnener Mann, der sich so leicht nicht aus der Ruhe bringen lässt - Ostalgie ist ihm genauso fremd wie das Law-and-Order-Gerede um ihn her: Bernd Willenbrock hat den Sprung aus der gesicherten Angestelltenexistenz zu DDR-Zeiten in die Selbständigkeit nach der Wende bravourös bewerkstelligt. Mit dem An- und Verkauf von Gebrauchtwagen ist er zum Kleinunternehmer geworden. Hein, einst in der DDR als Kritiker des Staatsapparats hervorgetreten und bis vor kurzem PEN-Präsident, hat mit Willenbrock keinen larmoyanten Verlierer der Einheit porträtiert. An jedem Werktag pünktlich um neun Uhr öffnet der Held das Tor seines Autohofs, um die ersten Kunden zu begrüßen. Viele kommen aus dem Osten, einige von ihnen - wie der Russe Krylow - regelmäßig und mit viel Geld in der Tasche. Doch Willenbrocks Lebensroutine wird brüchig, als zunächst einige Autos vom Hof verschwinden, dann dem neu eingestellten Nachtwächter der Hund getötet wird und schließlich - nach dem Überfall auf das Landhaus - die beiden Russen, die wahrscheinlich dafür verantwortlich sind, ohne Anklage über die Grenze abgeschoben werden. Wildwest im Ossiland. Der Dorfpolizist auf dem Land fühlt sich nicht zuständig, die nette Kommissarin ist machtlos, und der Staatsanwalt in Neubrandenburg, der für die Abschiebung der Verdächtigen zuständig ist, schaut kaum von den Akten auf, als Willenbrock ihn wütend aufsucht, fast schon ein zweiter Kohlhaas - den Revolver hat er in der Tasche. Sein treuer Kunde Krylow hat die Waffe ungebeten besorgt. Hein, dem mit dem fulminanten Prosawerk "Von allem Anfang an" (1997) ein Rückblick auf Kindheits- und Jugendjahre in der DDR gelang, erneuert mit "Willenbrock" seinen Ruf als Chronist deutscher Gegenwart: Der Autor, dem es die Ostbehörden als Pastorensohn nie leicht machten, hat als Dramatiker und Erzähler nicht nur in der DDR für Furore gesorgt - mit der Novelle "Der fremde Freund" (1982; im Westen 1983 als "Drachenblut" erschienen), den Romanen "Horns Ende" (1985) und "Der Tangospieler" (1989) wurde er in der Bundesrepublik rasch bekannt. Heute zählt Hein - vom selben Jahrgang wie Bernhard Schlink ("Liebesfluchten") - zu den wichtigen deutschen Autoren der Generation nach Grass, Walser und Christa Wolf. Mit seinem neuen Roman wechselt er zugleich vom einstigen DDR-Prestigeverlag Aufbau zu Suhrkamp - "Willenbrock" steht im Mittelpunkt des Jubiläumsprogramms, mit dem der Frankfurter Verlag jetzt sein 50-jähriges Bestehen feiert. Ein großer Auftritt: Doch leider hat das zugkräftige Sujet den Erzähler zu formalen Nachlässigkeiten verführt, die das Vergnügen an dem Romanreport über die Zustände in Deutschland-Ost trüben. Auch in seinen stärksten Prosastücken zeigte Hein stets Anflüge bürokratischen Stils, doch der Roman "Willenbrock" wirkt passagenweise wie eine Rohfassung. Fast unbeholfen schreitet die Prosa von Datum zu Datum voran: "In der ersten Maiwoche", "In der folgenden Woche", "Am Nachmittag", "Am Abend", "Eine halbe Stunde später", "Am Freitagabend", "Drei Tage später", "Mitte Oktober" ° so beginnen unentwegt Kapitel und Absätze. Die Eckdaten der Geschichte allerdings (sie spielt zwischen 1996 und 1998) muss sich der Leser erschließen. Hein kokettiert in "Willenbrock" mit dem Krimigenre. Doch versteckt er, als scheute er die Spannung, die Geschichte hinter umständlicher Beschreibung des Alltags. Ausführlich wird von einer Reise zur Schwiegermutter berichtet oder ein Kurztrip des Ehepaars nach Venedig beschrieben, genauestens wird der Leser über den Fortschritt des Büroneubaus auf dem Autohof oder eine Modenschau mit schriller Begleitmusik in der Boutique informiert. Über Willenbrocks Innenleben ist wenig zu erfahren: Er wird aus großer Distanz, in der dritten Person, porträtiert - dann aber heißt es plötzlich, angesichts von Ehefrau Susanne: "Mein Gott, dachte er, warum mache ich das nur, ich habe das schärfste Mädchen zu Hause und laufe unentwegt jeder anderen Tussi hinterher." Dieser Ton, der salopp sein will, doch recht unbeholfen wirkt, beschädigt den Roman. Ohnehin geht es stilistisch recht verkrampft zu, wenn von Frauen die Rede ist. Schon auf der ersten Seite muss Willenbrock Mädchen betrachten, "die ihm ihre Brüste entgegenstreckten". Willenbrocks erotische Eskapaden dagegen werden vornehm ausgeblendet. Am Ende will und kann auch Hein auf den Knalleffekt nicht völlig verzichten. Doch da ist der Leser von der stilistischen Eintönigkeit längst betäubt. Während einst in Albert Camus' Roman "Der Fremde" (1942) die fatalen Schüsse aus dem Revolver des Helden "wie vier kurze Schläge" dröhnen, "mit denen ich an das Tor des Unglücks hämmerte", ist der Lärm, den die Waffe in Heins Nach-Wende-Roman schließlich macht, nicht viel mehr als eine nächtliche Ruhestörung. © DER SPIEGEL - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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