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Gier

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Produktdetails
Titel: Gier
Autor/en: Elfriede Jelinek

ISBN: 3498033344
EAN: 9783498033347
Ein Unterhaltungsroman.
Empfohlen Ab 16 Jahre.
Rowohlt Verlag GmbH

12. September 2000 - gebunden - 464 Seiten

«Herrenloser Besitz verträgt die Leere in sich nicht, er möchte wieder jemandem gehören É» Der Landgendarm Kurt Janisch - «ein gutaussehender und scheinbar leichtherziger Mann, der Gendarm, wie er uns Frauen gefällt» - hat ein Auge auf den Grund und Boden allein stehender Frauen geworfen, ist besessen von der Gier nach Geld und Besitz. Und als Polizist weiß er, wo er sich seine Opfer holt: auf den Landstraßen, wo er sich, «mit Kugelschreiber und Richtblock» bewaffnet, die Autonummern der Frauen und ihre Adressen notiert. Das erste Opfer ist eine Frau in den mittleren Jahren, aus der Stadt in diese ländliche Gegend gezogen, um allein und in der Natur zu leben. Eine vom Leben Enttäuschte, «vor der Zeit vom Baum des Lebens abgeschüttelt», und dem Gendarm in keiner Weise gewachsen. Denn der macht sie sexuell hörig, um an ihr Haus zu kommen. Und dann ist da ein sehr junges Mädchen, noch keine sechzehn, dem Mann ebenfalls verfallen. Weil sie seine Pläne und Ziele gefährden könnte, bringt er sie um. Als ihre Leiche, in eine Plastikplane gehüllt, im See gefunden wird, schöpft die ältere Geliebte Verdacht. Sie ahnt, worum es dem Gendarm geht É Mit leichter Hand fügt Elfriede Jelinek Kriminalgeschichte, Porno und Trivialroman zu einem Vexierspiel zusammen. Und es geht natürlich auch um diese neue Zeit, in der das Gespräch über die Börse das über die Bäume ersetzt, und um dieses neue Österreich der Anständigen, Tüchtigen, Fleißigen, in dem nichts herrscht als die ungebremste, schrankenlose - «Gier».
Elfriede Jelinek, geboren 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark, wuchs in Wien auf; mit vier Jahren Ballett- und Französischunterricht, in der Folgezeit umfassende musikalische Ausbildung; 1960 Klavier- und Kompositions-Studium am Wiener Konservatorium; 1964 Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; 1967 Abbruch des Studiums, beginnt zu schreiben; Lyrik und Prosatexte erscheinen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Elfriede Jelinek erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis (1998). 2004 wurde ihr der Literatur-Nobelpreis verliehen.
Der Bulle und das Mädchen Welche Aufregung war das: 1989 provozierte die Österreicherin Elfriede Jelinek in ihrem Prosawerk "Lust" mit einem sprachlichen Amoklauf, der die Leute in Scharen in die Buchhandlungen trieb. Das Werk, geschickt als geheimnisvolle Mixtur aus Pornografie und feministischem Traktat lanciert, verkaufte sich binnen kurzem mehr als 100 000-mal ° der erste und bisher einzige Bestseller-Erfolg der Autorin. Lässt sich derlei wiederholen? Wieder ein einsilbiger Titel, wieder ein Held aus der österreichischen Provinz, der den Frauen seine unermüdliche Potenz beweist: "Gier". Doch dieses Mal wenig Aufmerksamkeit im Vorfeld, keine großen Interviews: Ohne jedes Tamtam ist das Buch auf den Markt gekommen ° und dürfte zur Provokation wenig taugen. Von der Verve, mit der seinerzeit Hermann, der Direktor einer Papierfabrik, seine Gattin Gerti bedrängte und immer wieder gern ° und stilistisch schrill ° "krachend ins Unterholz ihrer Hose" einbrach, ist wenig geblieben. Recht bieder wird in "Gier" von den amourösen und mörderischen Abenteuern eines Gendarmen aus der Steiermark berichtet. Jetzt huscht nur gelegentlich ein Schatten jenes sprachlichen Irrwitzes über die Seiten, wie man ihn von Jelinek, 53, gewohnt ist: "Auf dem Land töten die Leute gern, sie üben es ja an Tieren." Oder: "Das Leben kann man nicht an- und abschnallen wie ein Paar Schier". Oder: "Das Tier hat keine Unterhose zum Ausziehn, und das ist die Hälfte vom Spaß." Zwar ist auch der Gendarm Kurt Janisch, ein Mann Mitte 50, mit beachtlicher Manneskraft gesegnet ("Der Schwanz steht dem Mann, den Sie hier sehen, immer noch, das tut er fast immer, super!"), doch seine Gier richtet sich im Grunde weniger auf die "einschichtigen, enttäuschten Damen in mittleren Jahren", denen er im Dienst leicht näher kommt, als auf deren Häuser: Er möchte möglichst viele davon besitzen. Da ist etwa ° wieder eine Gerti ° die ehemalige Fremdsprachenkorrespondentin, der ganz allein ein schönes Anwesen gehört und die den Gendarmen gern in jeder ihm genehmen Weise empfängt. Allerdings geht dem alles nicht schnell genug: Dahinscheiden und ihm alles vererben will sie noch lange nicht, sie möchte ihn ganz im Gegenteil zur Trennung von seiner Frau bewegen und ganz für sich haben. Was tun? Kurt gönnt sich zur Abwechslung ein Verhältnis mit der jungen Gabi, noch keine 16, die zwar einen Freund hat, sich aber gern vom Polizisten morgens zur Arbeit und später in den Wald fahren lässt. Einmal treibt er es mit Gabi sogar in Gertis Haus, während die im Keller warten muss ° danach bringt er das Mädchen ohne ersichtlichen Grund um (es gibt bei ihr schließlich nichts zu erben) und kippt die Leiche, umwickelt und verschnürt, in den nahen See. Wie einem Hinweis zu Beginn des Buchs zu entnehmen ist, hat sich die Schriftstellerin einlässlich mit dem Thema "Sexualmörder" befasst ° und mit einem Werk über das "Unternehmen Romeo", die "Liebeskommandos der Stasi", über jene perfide Agententätigkeit, die die Liebessehnsucht allein stehender Frauen zur Abschöpfung von Informationen ausbeutete. Das hätte, übertragen auf die Zustände der Steiermark, eine interessante Geschichte ergeben können: die sexuellen Sehnsüchte des mittleren Alters in einer Welt des Jugendwahns! Doch Elfriede Jelinek will weder das noch überhaupt etwas erzählen: Die Handlung ist bloß ein Vehikel, um die Prosamaschine in Gang zu werfen. In bester Antiroman-Tradition schiebt Jelinek eine Dichterin vor (hinter der sie sich kaum verhüllt), die von ihren Schreibtischqualen berichtet. Das fängt schon damit an, dass die Figuren irgendwie heißen müssen. Kurt Janisch? Gleich folgt eine Klammer mit dem Kommentar: "Es ist mir immer peinlich, Namen zu nennen, finden Sie nicht auch? Es klingt so blöd, aber wie soll man sonst zu Menschen sagen?" Gern kokettiert die Erzählerin im Buch mit ihrer eigenen Unfähigkeit: "Das wirft man mir oft vor, dass ich dumm dastehe und meine Figuren fallen lasse, bevor ich sie überhaupt habe, weil sie mir offen gestanden rasch fade werden." Nicht gerade neu. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voll von solchen Erzählerzweifeln ° und die sind nun mal nicht sehr abwechslungsreich. Schon Gottfried Benn fragte: "Warum Gedanken in jemanden hineinkneten, in eine Figur, in Gestalten, wenn es Gestalten nicht mehr gibt? Personen, Namen, Beziehungen erfinden, wenn sie gerade unerheblich werden?" Bei Jelinek hört sich das bisweilen ein wenig verzweifelt an: "Besser kann ich es leider nicht. Erheben wenigstens Sie sich still, und gehen Sie nach Hause, dort wird gewiss ein jedes Buch liegen, das es besser kann." Solche Scherze sollte nur machen, wer sicher ist, dass jemand widerspricht. Am Ende wird die Leiche im Wasser gefunden, wie es sich gehört für eine Krimi-Handlung. Aber wen interessiert das? Die Autorin jedenfalls nicht. "Wer ist der Täter? Sie wissen es, ich weiß es auch, warum also noch fragen." Schließlich wird noch kurz mit 2000 weiteren Seiten gedroht, "die ich Ihnen aber ersparen will". Wenigstens das. © DER SPIEGEL - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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