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Tagebücher II. Strahlungen I

Tagebücher II. 3. , Aufl.
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Produktdetails
Titel: Tagebücher II. Strahlungen I
Autor/en: Ernst Jünger

ISBN: 3608934723
EAN: 9783608934724
Tagebücher II.
3. , Aufl.
Klett-Cotta Verlag

Januar 1979 - gebunden - 492 Seiten

Charakteristisch ist sicherlich die Verbindung des persönlichen Erlebens mit den geschichtlichen Ereignissen: Lektürenotate verbinden sich mit Beobachtungen, Kriegserlebnisse mit Reflexionen zu einem »Sound«, wobei der Charakter eines Tagebuchs stets erhalten bleibt. Jünger merkt hierzu in seinem Vorwort an: »Der Tagebuchcharakter wird [...] zu einem Kennzeichen der Literatur. Das hat unter mancherlei Gründen auch den [...] der Geschwindigkeit. Die Wahrnehmung, die Mannigfaltigkeit der Töne kann sich in einem Maße steigern, das die Form bedroht und das in unserer Malerei getreulich festgehalten wird. Demgegenüber ist literarisch das Tagebuch das beste Medium. Auch bleibt es im totalen Staat das letzte mögliche Gespräch.«
Erste Abteilung
Tagebücher II: Vorwort - Gärten und Straßen - Das erste Pariser Tagebuch - Kaukasische Aufzeichnungen.
Ernst Jünger, geb. in Heidelberg am 29. 3. 1895, war Soldat in der Fremdenlegion, dann in der Reichswehr und der Wehrmacht. Er ist der Bruder von Friedrich G. Jünger. Seine Schriften 'In Stahlgewittern' (Tageb., 1920), 'Der Kampf als inneres Erlebnis' (Essay, 1922) und 'Feuer und Blut' (En., 1925) gelten als Verherrlichung von Soldatentum und Krieg. Später Schriften gegen Gewalt und Macht. Jüngers Teilzeitideologien sind bis heute ebenso umstritten wie seine literarischen Werke.
Das erste Pariser Tagebuch

Paris, 30. März 1942
Claus Valentiner kehrte aus Berlin zurück. Er erzählte von einem schauerlichen Burschen, früherem Zeichenlehrer, der sich gerühmt hatte, in Litauen und anderen Randgebieten ein Mordkommando geführt zu haben, das zahllose Menschen schlachtete. Man läßt die Opfer, nachdem sie zusammengetrieben sind, zuerst die Massengräber ausheben, dann sich hineinlegen und schießt sie von oben in Schichten tot. Zuvor beraubt man sie des Letzten, der Lumpen, die sie am Leibe tragen, bis auf das Hemd.
Groteske Bilder der Athener Hungersnot. So fielen an den Höhepunkten eines großen Wagnerkonzerts die Posaunen aus, weil die geschwächten Bläser mit dem Atem nicht auskamen.

Paris, 7. Juni 1942
Zu Mittag im Maxim, wohin ich von Monrads eingeladen war. Unter anderem Unterhaltung über amerikanische und englische Romane, so über Moby Dick und über Sturmwind auf Jamaika, ein Buch, das ich vor Jahren in Steglitz las, und zwar mit peinlicher Spannung, gleich jemandem, der zusieht, wie man Kindern Rasiermesser zum Spielen gibt. [...]
In der Rue Royale begegnete ich zum ersten Mal in meinem Leben dem gelben Stern, getragen von drei jungen Mädchen, die Arm in Arm vorbeikamen. Diese Abzeichen wurden gestern ausgegeben; übrigens mußten die Empfänger einen Punkt von ihrer Kleiderkarte dafür abliefern. Nachmittags sah ich den Stern dann häufiger. Ich halte derartiges, auch innerhalb der persönlichen Geschichte, für ein Datum, das einschneidet. Ein solcher Anblick bleibt nicht ohne Rückwirkung - so genierte es mich sogleich, daß ich in Uniform war.

Paris, 18. August 1942
Vormittags Papiere vernichtet, darunter das konstruktive Friedensschema, das ich in diesem Winter niederschrieb.
Dann Unterhaltung mit Carlo Schmid, der in mein Zimmer trat und wieder von seinem Sohn erzählte, auch von Träumen und seiner Baudelaire-Übertragung, die nun beendet ist.
In einem Papiergeschäft in der Avenue Wagram kaufte
ich ein Notizbuch; ich war in Uniform. Ein junges Mädchen, das dort bediente, fiel mir durch den Ausdrucuk seines Gesichtes auf: es wurde mir deutlich, daß es mich mit erstaunlichem Haß betrachtete. Die hellen blauen Augen, in denen die Pupillen zu einem Punkt zusammengezogen waren, tauchten ganz unverhohlen mit einer Art Wollust in die meinen - mit einer Wollust, mit der vielleicht der Skorpion den Stachel in seine Beute bohrt. Ich fühlte, daß es derartiges seit langem nicht unter Menschen gegeben hat. Auf solchen Strahlenbrücken kann nichts anderes zu uns kommen als die Vernichtung und der Tod. Auch spürt man, daß es überspringen möchte wie ein Krankheitskeim oder ein Funke, den man in seinem Innern nur schwer und nur mit Überwindung löschen kann.



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