eBook.de : Ihr Online Shop für eBooks, Reader, Downloads und Bücher

Connect 01/2015 eBook-Shops: Testsieger im epub Angebot, Testurteil: gut Die Welt: Kundenorientierte Internetseiten Prädikat GOLD
+49 (0)40 4223 6096
€ 0,00

Zur Kasse

Schönhauser Allee

'Goldmanns Taschenbücher'.
Sofort lieferbar
Taschenbuch
Taschenbuch € 8,00* inkl. MwSt.
Portofrei*
Dieses Taschenbuch ist auch verfügbar als:
Produktdetails
Titel: Schönhauser Allee
Autor/en: Wladimir Kaminer

ISBN: 3442541689
EAN: 9783442541683
'Goldmanns Taschenbücher'.
Goldmann TB

1. Dezember 2001 - kartoniert - 192 Seiten

Deutschland - ein Russen-Märchen: Niemandem gelingt es besser als Wladimir Kaminer, uns das eigene Land wie ein Panoptikum bemerkenswerter Menschen, merkwürdiger Schicksale und unerhörter Begebenheiten erscheinen zu lassen. Wer hätte beispielsweise vermutet, dass Einkaufen zum Abenteuer werden kann? Auf der Schönhauser Allee kann es das, dank einiger Vietnamesen die ohne Sprachkenntnisse und Zählvermögen den "Laden Lebensmittel" betreiben. Hier wird die Ware ungeachtet ihres Inhalts nach Verpackung sortiert und der Preis nach Größe festgelegt. Sollte den Besitzern bei dieser Methode einmal das Geld ausgehen, können sie ja im Spielsalon "Pure Freude", der von Erik betrieben wird, ihr Glück versuchen. Erik stammt aus Baku, war im früheren Leben Musiker und spielte in der ersten und letzten Heavy Metal Band der aserbeidschanischen Hauptstadt. Doch nicht nur im Spielsalon, überall kann man hier den unverhofften Glückstreffer landen. Ein überfüllter Müllcontainer entpuppt sich als letzte Ruhestätte einer Bibliothek, aus der es wahre Schätze zu bergen gilt. Vielleicht nicht den Ratgeber "Woher die kleinen Kinder kommen", ist es doch interessanter zu erfahren, wo die kleinen Kinder hingehen, wenn sie größer werden. Bedenkenswert sind allerdings die "Stilistischen Grundtendenzen in Lenins Sprache", die Seite an Seite mit der "Blechtrommel" und dem bang fragenden "Bin ich ein Verfassungsfeind?" zwischen Spinatresten verfallen. Ganz zu schweigen von russischer Lyrik inklusive Kriegspoem - guter Soldat, hübsche Strophen, alles gereimt. Wäre doch schade drum. Schade übrigens auch um das Restaurant, das bei dem Versuch, gebratenes Sushi zu kreieren, in Asche gelegt wurde. So ist eben immer etwas geboten auf den Straßen Berlins...


Wladimir Kaminer, geb. 1967 in Moskau, absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und organisiert Veranstaltungen wie seine mittlerweile international berühmte 'Russendisko'. Mit der gleichnamigen Erzählsammlung sowie zahlreichen weiteren Büchern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands. Alle seine Bücher gibt es als Hörbuch, von ihm selbst gelesen.
Blut auf der Sch'nhauser Allee


Mein Freund und Namensvetter Wladimir wohnt mit seiner Familie genau gegen'ber auf der anderen Seite der Sch'nhauser Allee. Manchmal scheint er ein richtiger Doppelg'er von mir zu sein, oder ich von ihm. Er ist so alt wie ich, tr' denselben Namen wie ich, dieselben Klamotten, und er hat ebenfalls eine Frau und zwei Kinder. Auch seine Wohnung ist ganz 'lich, er raucht dieselbe Zigarettenmarke und kauft dieselben Lebensmittel immer zur gleichen Zeit im gleichen Supermarkt wie ich. Das Einzige, was uns unterscheidet, ist die Tatsache, dass seine Frau eindeutig br'nett ist, meine aber nicht. Neulich beim Einkaufen bemerkte ich noch einen Unterschied: Wladimir war offenbar pl'tzlich Vegetarier. Er kaufte Unmengen von gefrorenem Gem'se, sah dabei jedoch ganz ungl'cklich aus. 'Ich kann kein Fleisch mehr sehen', gestand er mir in der Schlange vor der Kasse. Auf dem R'ckweg nach Hause erz'te er, wie es dazu gekommen war.
Vor ungef' einer Woche fand er auf der Autobahn ein 'berfahrenes Wildschwein. Siebzig Kilo Fleisch lagen auf der Stra' - einfach so. 'Ein Geschenk des Himmels', dachte Wladimir und zerrte das tote Tier in den Kofferraum seines alten Mazda. Er hatte sich gerade am Vormittag mit seiner Frau verkracht, weil sie morgens immer so missgelaunt war, und wollte ihr nun das Wildschwein als eine Art Wiedergutmachung mitbringen: 'Ein Geschenk f'r dich, Liebling!', so ungef' stellte er sich das vor. Die Sau blutete ihm sofort den ganzen Kofferraum voll. Als Wladimir an einer Rastst'e anhielt, um zu tanken, bemerkte der Wirt: 'Da tropft Blut aus Ihrem Kofferraum, vielleicht sollten Sie mal nachschauen.' 'Danke, ist schon gut, ich wei'Bescheid', antwortete Wladimir und l'elte freundlich. Der Mann sagte nichts mehr und wollte von Wladimir auch kein Geld mehr f'r Benzin haben.
Als er in der Sch'nhauser Allee ankam, war es schon sp' Er musste das Wildschwein allein in den vierten Stock zerren. Dabei rutschte ihm das Tier me
hrere Male die Treppe runter. Oben angekommen war er fix und fertig. Die Treppe und seine Klamotten waren voller Blut. Dazu kamen ihm die ersten Zweifel: Vielleicht war das Wildschwein doch keine so gute Geschenkidee? Nun war es jedoch zu sp' Er konnte den Kadaver unm'glich entsorgen. Seine Frau war nicht zu Hause, die Kinder bereits im Bett. Wladimir legte das Schwein in die Badewanne, nahm alle Waschlappen, die er in der Wohnung finden konnte, und ging ins Treppenhaus, um aufzuwischen.
Inzwischen hatten seine Nachbarn die Polizei alarmiert. Sie hatten den Streit am Morgen mitbekommen und waren nun fest davon 'berzeugt, dass Wladimir seine Frau umgebracht hatte. Als die LKA-Einheit ankam und die Blutspritzer vor dem Haus sah, forderte sie sofort Verst'ung an. Bis an die Z'e bewaffnet st'rmten die Beamten das Haus und fanden Wladimir auf der Treppe mit einem Eimer Wasser und einem Waschlappen in der Hand, wie er das Blut wegwischte. 'Ich mache alles wieder gut', versprach Wladimir den Polizisten. Sie legten ihm dennoch Handschellen an und bet'ten ihn ein wenig - zur Sicherheit. Danach folgten die Polizisten den Blutspuren nach oben und entdeckten im Waschraum das Wildschwein.
'Das ist aber nicht Ihre Frau', wunderten sie sich.
'Nein', erwiderte Wladimir, 'meine Frau ist br'nett.'
'Und wo ist sie jetzt?'
'Ich wei'nicht', sagte Wladimir wahrheitsgem'
Die Polizisten zerrten das tote Tier zu viert nach unten. Mein Doppelg'er musste nat'rlich als mutma'icher T'r mit aufs Revier. Ein Selbstmord kam nicht in Frage. Im Grunde ist Wladimir dann doch noch verh'nism'g heil aus der Geschichte herausgekommen: mit zweitausend Mark Strafe. Aber jetzt kann er kein Fleisch mehr sehen und ist insofern auch kein Doppelg'er mehr von mir. Nun muss ich ganz alleine im Supermarkt an der Fleischtheke anstehen.


H'ler auf der Sch'nhauser Allee


Merkw'rdige Dinge ereignen sich in Berlin. Nach einer langen Pause breitet sich die vietnamesische
Handelskette 'Lebensmittel' im Ostteil der Hauptstadt weiter aus. Auch bei uns im Haus an der Sch'nhauser Allee. Nachdem das 'Kinderparadies' wegen Konsumentenverachtung endg'ltig schlie'n musste, hing ein gro'r Zettel am Schaufenster: 'Hier er'ffnet demn'st Laden Lebensmittel.' Schon am ersten Tag lernte ich die f'nf Vietnamesen kennen, die den Laden betrieben: vier M'er und eine Frau. Alles mutige H'ler. Trotz v'lligen Fehlens von Sprachkenntnissen und gro'r Z'unf'gkeit - oder gerade deswegen - war der Laden immer voll. Denn jeder Kunde brauchte mindestens eine halbe Stunde, um seinen Kauf zu t'gen. 'Ich wollte ja nur wissen, was diese Pilze kosten!', jammert ein junger Mann mit Pilzkorb in der Hand zum f'nfzehnten Mal. Doch die beiden an der Kasse stehenden Vietnamesen, die Kassiererin und ihr junger freundlicher Zahlen'bersetzer, lassen sich von der Kundschaft nicht provozieren und schweigen weiterhin w'rdevoll. Der dritte Verk'er ist vor dem Gesch' mit Gem'se besch'igt. Dabei kommt er mit einem einzigen Satz gegen'ber der Kundschaft aus: 'Vielleicht lieber das?' Das passt immer, weil die meisten Deutschen so verdammt w'erisch sind und sich nie zwischen zwei 'feln entscheiden k'nnen.
Jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, freue ich mich auf die Vietnamesen. Sie bringen in die prosaische Pflichthandlung 'Besorgungen erledigen' ein spielerisches Element, man muss sich als Kunde immer etwas einfallen lassen und auf alles gefasst sein. Das Warensortiment wird von zwei weiteren Vietnamesen aufgef'llt, die f'nfmal am Tag schwere Kisten in den Laden tragen. Die meisten Lebensmittel sind den Betreibern unbekannt, denn sie selbst essen etwas v'llig anderes. Man riecht es jeden Tag in ihrer Mittagspause im Hausflur. Diese exotischen Ger'che, die unser Haus erf'llen, sind schwer zu beschreiben. Ich stelle mir dabei einen frittierten Hund mit Ananas vor.
Die meisten Produkte werden im Laden scheinbar wirr ausgelegt, doch schnell habe ich in diesem Durcheinander ein Sy
stem entdeckt. Die Vietnamesen ordnen die Dinge nicht nach dem oft unklaren Inhalt, sondern nach ihrem ''ren. So kommt alles, was B'chse ist, in das eine Regal, alles, was Flasche ist, in das andere und alles, was in Folie oder Papier eingewickelt wird, in ein drittes Regal. Wenn sie die richtigen Preise nicht wissen, sch'en sie den Wert der Ware nach ihrer Gr''. Auf der irischen Butter, die ich einmal zwischen Seife und Butterkeksen fand, stand ein Preis von 0,37 DM, daf'r waren die Butterkekse wegen ihrer Gr'' eindeutig 'berteuert. Die Flasche mit fragw'rdigem Mango-Mandarinen-Fruchtsaft-Di'etr' musste, nach ihrem Preis zu urteilen, mindestens zehn Jahre mit Jack Daniels in einem Fass gereift sein.
Mittlerweile ist es mir zu einem Bed'rfnis geworden, im Vietnamesen-Laden einzukaufen. Es ist auch sehr praktisch, weil dort zu jeder Tageszeit jemand da ist: wenn nicht vorne, dann im Hinterzimmer, wo es nach dem s''n Hund riecht. Die Vietnamesen kennen mich auch bereits, und ich darf ausnahmsweise selbst auf den Kassenknopf dr'cken. Um so gr''r war meine Entt'chung, als ich neulich den Laden geschlossen fand. Im Schaufenster hing ein Zettel: 'Wegen Urlaub ist der Laden vom 30. 6. bis 1. 7. geschlossen.' 'Das sind wirklich Arbeitstiere!', rief die Verk'erin aus dem Jeansladen nebenan entsetzt, 'einen Tag Urlaub machen!' Schade eigentlich, dass wir keine gemeinsame Sprache haben, sonst k'nnten sie mir morgen ihre Urlaubsabenteuer erz'en, dachte ich und ging an diesem Tag woanders einkaufen.


Fr'hst'ck


Jeden Tag nach dem Fr'hst'ck mache ich meinen Rundfunkempf'er an und lausche den Nachrichten aus meiner Heimat. Von besonderem Interesse ist f'r mich zur Zeit, ob die sibirischen Bewohner, die vor zwei Monaten in Hungerstreik traten, noch am Leben sind. Sie hatten in Krasnojarsk aus Protest gegen die K'e den Hungerstreik angek'ndigt, und danach habe ich nichts mehr von ihnen geh'rt. Dieses Gebiet wird seit November vorigen Jahres nicht mehr m
it Strom versorgt, weil die Regierung die Stromrechnungen nicht bezahlt hatte. Der Gouverneur General Lebed sagte daraufhin dem Frost und der K'e den totalen Kampf an und startete eine Kampagne f'r ges'nderes Leben. Er selbst ging als gutes Beispiel voran, indem er jeden Tag 'ffentlich auf dem Eis joggte - bis der letzte Fernseher ausging.
Heute Morgen kam wieder mal etwas Neues 'ber ihn im Radio. Ein bisschen Strom haben sie also doch noch, sonst w'rde ich die Stimme des Generals im Rundfunk gar nicht h'ren k'nnen. 'Ich werde pers'nlich daf'r sorgen', sagte der General, 'dass die W'e in unserem Gebiet in k'rzester Zeit wiederhergestellt wird.' Das hat er sch'n ausgedr'ckt. Mit 'W'e' meint der General nat'rlich nicht die Stromversorgung, sondern den Sommer. Er spielt ein Spiel, das man gar nicht verlieren kann. Ende April waren die Menschen in Sibirien schon immer gespannt - alles dreht sich nur noch um das eine: Kommt nun der Sommer oder nicht?
Sollte dies der Fall sein und der Sommer wirklich kommen, dann wird der General sagen: 'Seht ihr, das ist f'r mich nicht leicht gewesen, aber was tut man nicht alles f'r sein Volk'. Wenn aber der Sommer dieses Jahr Sibirien meidet, wird der General sagen: 'Die Kr'e der Natur sind st'er als die Gesetze der Wirtschaft und der Politik, wir m'ssen vor diesen Kr'en den Hut ziehen.' Er ist ein weitsichtiger Politiker.
Lebed hat +4 Dioptrien. Doch eine Brille zu tragen, kommt f'r den General nicht in Frage, und Kontaktlinsen halten in der sibirischen K'e nicht lange. Deswegen hat er sich in seinen BMW +4-Dioptrien-Glasscheiben einbauen lassen. Ein Bekannter meines Vaters, ein Offizier, der einmal im Auto des Generals sa' erz'te: F'r einen Menschen mit normaler Sehkraft ist das derart unertr'ich, dass er schon nach zehn Minuten kotzen muss. Ein Gl'ck, dass ich nicht in Sibirien lebe! Bei uns in der Sch'nhauser Allee ist das ganze Jahr 'ber sch'nes Wetter angesagt, die vielen Autos, die Tag und Nacht auf der Allee fahren,
erh'hen die Au'ntemperatur erheblich, und die U-Bahnen bremsen den Wind. Und auch sonst ist hier einiges anders als in Sibirien. An jeder Ecke werden bei uns Kuchen gebacken und verkauft, im 'Ostrowski' sogar am Sonntag, und nachts kann man sich im Burger King schr'gegen'ber von unserem Haus ern'en. Dieses Gef'hl kennt man in Sibirien gar nicht: Pl'tzlich wachst du um drei Uhr nachts mit einem Hungergef'hl auf und gehst einfach auf einen Snack r'ber ins Schnellrestaurant.
Die ganze Brigade stand vor der T'r, als ich letzte Nacht dort aufkreuzte: 'Guten Morgen, m'chten Sie vielleicht ein paar Cheeseburger kaufen, ganz frisch, zum halben Preis? Oder f'nf St'ck f'r f'nf Mark, was halten Sie davon?' Ich wurde angesichts solch ungew'hnlich hoher Aufmerksamkeit verlegen. Der King macht doch sonst nie Sonderangebote. Vielleicht hielten sie mich f'r einen anderen. 'Wieso?', fragte ich, 'was ist denn los?'
'Eine typische Geschichte f'r diese Gegend, eigentlich nichts Besonderes, aber ich erz'e sie Ihnen, damit Sie sich nicht verarscht f'hlen', sagte die Chefin. 'Die Burger sind n'ich wirklich frisch. Vor einer halben Stunde riefen uns irgendwelche Jungs an und bestellten 100 Cheeseburger f'r eine Party. Kurz vor Ihnen kamen sie, um alles abzuholen und wollten mit einem falschen 500-DM-Schein zahlen, da habe ich sie wieder weggeschickt.'
'Na gut', sagte ich. 'F'nf Cheeseburger zum Mitnehmen, aber bitte ohne K', den mag ich n'ich nicht.'
'Den K' machen wir Ihnen gerne weg', freute sich die Brigade.


Ein Stern namens Larissa


Das Leben auf der Sch'nhauser Allee gleicht oft einem Film, einer Gegenwartsfiktion mit gro'n Produktionskosten und unz'igen Statisten. Kaum geht man aus dem Haus, schon steckt man in einer aufregenden Episode: die Flugzeuge, Stra'nbahnen, Z'ge, Autos und Radfahrer sorgen f'r gro' Turbulenzen und verschaffen einem so die Illusion ewiger Bewegung. Alles dreht sich um dich. Auch viele Liebesgeschichten, die sich in
unserer Gegend abspielen, haben inzwischen etwas Cinematographisches an sich. Zum Beispiel die von Erik und Larissa.
Erik ist Besitzer des Spielsalons 'Pure Freude' und stammt urspr'nglich aus Baku. Er entwickelte sich erst in Deutschland zu einem Spielkasinobesitzer, in seinem fr'heren Leben war er Musiker und spielte Heavymetal. Seine Band hie''Black Town', und war vor zehn Jahren die erste und anscheinend auch die letzte Heavymetal Band der aserbeidschanischen Hauptstadt Baku.
Damals hatte Erik kein Geld, daf'r aber lange Haare und viele Freunde. An jedem Wochenende spielte 'Black Town' ihren Heavymetal im Restaurant ''arbeiter' auf dem Lenin-Boulevard und hatte sogar schon fast einen Plattenvertrag in Saudi-Arabien in der Tasche, da brach pl'tzlich ein gro's Massaker in der Stadt aus: Die Perser gingen auf die Armenier los, und Erik, als Armenier, musste 'ber Nacht abtauchen. Irgendwie gelangte er dann nach Deutschland - 'mit dem Zug', wie er selbst erz'te. Drei Jahre spielte er danach in Deutschland auf der Stra' Geige, ohne jegliche Perspektive. Bis er endlich politisches Asyl bekam, sich die Haare schnitt und zum Besitzer eines Spielkasinos wurde. Das Geld daf'r liehen ihm ein paar reiche Armenier, und seine ersten sieben Gl'cksspielautomaten schraubte er sich eigenh'ig aus dem M'll zusammen. Auf der Sch'nhauser Allee fanden sich genug Kunden, die seine Maschinen regelm'g mit ihrem Geld f'tterten. Eriks Traum vom Wohlstand ging langsam in Erf'llung, doch nun litt er verst't unter Einsamkeit.
Jedes Mal, wenn er bei uns vorbeischaute, beklagte er sich 'ber sein 'des Privatleben.
'Ich finde nie eine richtige Frau!', seufzte er.
'In den 'Sch'nhauser Arcaden' findest du alles', antwortete ich automatisch. Das ist eigentlich ein Werbespruch des Kaufhauses: 'Bei uns finden Sie alles', steht auf dem gro'n Plakat, auf dem ein Mann mit einer zu ihm passenden Frau und zwei Kindern - einem gro'n Jungen und einer kleinen Tochter - gl'cklich l'elt. Das
Bild l't vermuten, dass der Mann seine wunderbare Familie, ebenso wie sein ganzes Outfit gerade in den Arcaden erworben hat und deswegen vor Freude strahlt. Doch sicher nicht wegen ein Paar Schuhen. Jedes Mal, wenn ich gefragt werde, wo findet man dies oder das, sage ich, ohne nachzudenken: 'In den Arcaden.' Dieses Kaufhaus ist die Zaubermuschel des Bezirks.
Erik lacht aber nur 'ber meinen Einkaufstipp.
Zwei Wochen sp'r, wie es in einem Film 'blich ist, traf ihn der Schicksalsschlag: Er verliebte sich unsterblich in die Parf'mverk'erin Larissa aus der 'Douglas'-Parf'meriefiliale - in den 'Sch'nhauser Arcaden'. Jeden Tag ging er nun hin, um ein wenig mit der Frau zu plaudern und ein paar kleine Parf'martikel zu kaufen. Das war ein teurer Spa' Larissa erwies sich als eine sehr verw'hnte Frau und erwartete von Erik ganz besondere Geschenke: Parf'm, Kleider und Schmuck fand sie banal.
'Sie will mit mir nicht mal ins Kino gehen', beschwerte sich Erik.
'Ihr m'sst nicht ins Kino, ihr seid selbst gro's Kino', unterst'tzte ich Larissa.
'Ich muss mir etwas Besonderes einfallen lassen', meinte Erik.
Er 'berlegte nicht lange, schraubte eines Tages seine Automaten auseinander, nahm das Geld heraus und fuhr nach Moskau. Dort kauft er f'r Larissa in einem Observatorium einen Stern im Wert von 500,- Dollar. Das war ein unsichtbarer Stern, ein sichtbarer war erst ab 3000,- Dollar zu haben. Daf'r bekam Erik ein richtiges Zertifikat, dass er der einzige Besitzer und Herrscher eines kleinen Sternes im Sternbild der Waage war, mit dem er nun machen konnte, was er wollte. Rein theoretisch nat'rlich. Er konnte diesem Stern selbst einen Namen geben, ihn jemandem schenken oder ihn weiterverkaufen. Nur ankucken konnte er ihn nicht, weil es eben ein unsichtbarer Stern war.
Erik nannte seinen Stern Larissa und schenkte das Zertikat der Parf'mverk'erin von 'Douglas'. Solch einer romantischen Geste konnte Larissa nicht widerstehen und ging mit Erik ins Kino. 'Hast du
eigentlich noch etwas Geld 'brig?', fragte sie ihn besorgt, 'wir m'ssen n'ich ein Teleskop kaufen.'
'Das brauchen wir nicht', erwiderte Erik, 'du bist mein Stern, und ich m'chte, dass du immer neben mir leuchtest.'
Sie schwiegen und schauten auf die Leinwand des Colosseum-Kinos Nummer 9, wo gerade 'Star Wars - Die dunkle Bedrohung' lief.


Junggesellen und Familienwirtschaft


Drei gro' Familien leben in unserem Haus an der Sch'nhauser Allee: eine vietnamesische Familie mit drei Kindern und einer Oma, eine moderne islamische mit drei Frauen und einem Mann und eine russische - meine. Die drei weiteren rein deutschen Haushalte bestehen aus Junggesellen. Direkt unter uns wohnt Hans, ein Mann Ende vierzig; uns gegen'ber eine junge sportlich-disziplinierte Frau; ein Stockwerk h'her eine junge l'ige.




"Kaminer gewinnt selbst den finstersten Typen noch etwas Sympthisches, selbst den tragischsten Situationen noch etwas Komisches ab."

Preiswert lesen


 
Bücher bei eBook.de entdecken.

 

Taschenbücher entdecken

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch

Helden des Alltags
Taschenbuch
von Wladimir Kami…
Crazy
Taschenbuch
von Benjamin Lebe…
Diesseits von Eden
Taschenbuch
von Wladimir Kami…
Shield of Winter: A Psy-Changeling Novel
Taschenbuch
von Nalini Singh

Kundenbewertungen zu Wladimir Kaminer „Schönhauser Allee“

Noch keine Bewertungen vorhanden
Zur Rangliste der Rezensenten
Veröffentlichen Sie Ihre Kundenbewertung:
Kundenbewertung schreiben

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Mein deutsches Dschungelbuch
Taschenbuch
von Wladimir Kami…
Beast Quest: Amictus the Bug Queen
Taschenbuch
von Adam Blade
Russendisko
Taschenbuch
von Wladimir Kami…
Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß
Buch (gebunden)
von Wladimir Kami…
Goodbye, Moskau
Taschenbuch
von Wladimir Kami…

Unsere Leistungen auf einen Klick

Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
Bequem, einfach und sicher mit eBook.de. mehr Infos akzeptierte Zahlungsarten: Überweisung, offene Rechnung,
Visa, Master Card, American Express, Paypal mehr Infos
Geprüfte Qualität
  • Schnelle Downloads
  • Datenschutz
  • Sichere Zahlung
  • SSL-Verschlüsselung
Servicehotline
+49 (0)40 4223 6096
Mo. - Fr. 8.00 - 20.00 Uhr
Sa. 10.00 - 18.00 Uhr
Chat
Ihre E-Mail-Adresse eintragen und kostenlos informiert werden:
* Alle Preise verstehen sich inkl. der gesetzlichen MwSt. Informationen über den Versand und anfallende Versandkosten finden Sie hier.
Bei als portofrei markierten Produkten bezieht sich dies nur auf den Versand innerhalb Deutschlands.

** im Vergleich zum dargestellten Vergleichspreis.
eBook.de - Meine Bücher immer dabei
eBook.de ist eine Marke der Hugendubel Digital GmbH & Co. KG
Folgen Sie uns unter: