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Der Verlorene

5. Auflage.
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Produktdetails
Titel: Der Verlorene
Autor/en: Hans-Ulrich Treichel

ISBN: 3518409565
EAN: 9783518409565
5. Auflage.
Suhrkamp Verlag AG

8. März 1998 - gebunden - 174 Seiten

Hans-Ulrich Treichels Erzählung handelt von einer Familie, an deren Leben nichts außergewöhnlich scheint: Der Flucht aus den Ostgebieten im letzten Kriegsjahr folgt der erfolgreiche Aufbau einer neuen Existenz in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Doch es gibt für sie nur ein einziges, alles beherrschendes Thema: die Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, nach Arnold. »Arnold ist nicht tot. Er ist auch nicht verhungert«. Das erfährt der kleine Bruder und Ich-Erzähler eines Tages von seinen Eltern: »Jetzt begann ich zu begreifen, daß Arnold, der untote Bruder, die Hauptrolle in der Familie spielte und mir die Nebenrolle zugewiesen hatte.« In der Vorstellung des Jungen wird das, was der Eltern größter Wunsch ist, zum Alptraum: daß der Verlorene gefunden wird. Lakonisch-distanziert und zugleich ungemein komisch erzählt Treichel von den psychischen Auswirkungen der Brudersuche, von den emotionalen Höhen und Tiefen und den subtilen Mechanismen, die die Eltern und auch der Sohn im Umgang mit dieser alle belastenden Situation entwickeln.
Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Seit 1995 ist Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.

Aus der Sicht eines Kindes schildert Treichel in seiner Erzählung die Suche einer Familie nach dem verlorenen Sohn, 'verlorengegangen' auf der Flucht vor dem Russen, wie dem jüngeren Bruder erzählt wird. Dieser ist auch der Ich-Erzähler, der auf tragisch-komische Art und Weise beschreibt, was seine Eltern in Bewegung setzen, um Arnold, den Verlorenen, zu finden. Er lebt mit der irrealen Präsenz seines Bruders, und so widersprüchlich dies auch klingen mag, trifft es genau die Situation: Arnolds unsichtbare Präsenz ist so immens, daß er und die Suche nach ihm das Familienleben beherrschen. Die Mutter hatte Arnold einer anderen Frau in den Arm gedrückt, bevor der Russe sie aus der Menge zog und 'etwas Schreckliches' passierte. Seitdem ist die Suche nach dem verlorenen Sohn ihr Lebensinhalt. Der Vater, mittlerweile ein gut-situierter Geschäftsmann, unterstützt die Mutter zwar, doch hängt sein Seelenheil eher an seiner Firma als am Auffinden des Sohnes. Arnolds Bruder spürt, daß er selbst nur eine Nebenrolle im Familienleben spielt, daß Arnold hingegen die Hauptrolle zukommt. Für ihn, der nicht bedauert, daß Arnold nicht gefunden wird, damit er selbst nicht ganz in Vergessenheit gerät, ist der Bruder nur das Findelkind Nummer 2307, das die Eltern ausfindig gemacht haben. Sie versuchen alles, um zu beweisen, daß dieses Findelkind ihr Sohn Arnold ist; alle Tests zur Bestimmung der Verwandtschaftsverhältnisse werden durchgeführt, und in allen noch so negativen Ergebnissen wird ein kleiner positiver Hinweis auf eine mögliche Verwandtschaft gesucht. Das Ganze geht so weit, daß der kleine Bruder eine Trigeminusneuralgie entwickelt, 'Gesichtskrämpfe in Streßsituationen', die ihm ein unfreiwilliges Grinsen aufnötigen. Für ihn schrecklich, für sein Gegenüber nervend und für den Leser komisch. Mit dem Besuch im 'gerichtsanthropologischen Laboratorium' erreicht die Suche ihren Höhepunkt. Die Schilderung aus der Sicht des Jungen verleiht der ernsten Angelegenheit eine Lächerlichkeit, die den Leser ununterbrochen schmunzeln läßt. Dann kommt der Wendepunkt: das Gutachten ist negativ, der Vater stirbt an einem Herzinfarkt, weil seine Existenz durch ein Feuer vernichtet wird; alles scheint aussichtslos. Hans-Ulrich Treichel erzählt auf eine komisch-absurde und traurige Art und Weise die Geschichte eines Jungen, für den 'Lastenausgleich' das wichtigste Wort seiner Kindheit und das Auffinden des verlorenen Sohnes der Alptraum ist, der ihm Gesichtskrämpfe und schlaflose Nächte beschert. Und so ist 'Der Verlorene' vielleicht gar nicht der, der gesucht wird, sondern der, der verloren und orientierungslos in einer Welt lebt, die sich nicht um ihn dreht. Ute Lüdemann

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Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Lakonisch-distanziert und zugleich ironisch-humorvoll - von Elisabeth Stein-Salomon (Akademische Buchhandlung Knodt) - 27.11.2006 zu Hans-Ulrich Treichel „Der Verlorene“
Eine Familie hat es nach der Flucht aus dem Osten im deutschen Westen in den Wirtschaftswunderjahren zu etwas gebracht. Doch das alltägliche Leben wird von nur einem Thema beherrscht: der Suche nach dem auf dem Treck verlorengegangenen Erstgeborenen, Arnold. Der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans erfaßt schnell, daß ihm in der Familie nur eine Nebenrolle zugedacht ist und die von den Eltern ersehnte Rückkehr des Verschwundenen wird für ihn zum Alptraum. Lakonisch-distanziert und zugleich ironisch-humorvoll erzählt Hans-Ulrich Treichel, Jahrgang 1952, die Geschichte seiner Generation. Die Fünfziger und frühen Sechziger Jahre werden in dieser Geschichte mit all ihrem Muff, aber auch mit ihren liebenswerten Seiten lebendig.
Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Nachkriegs-Psychogramm - von Dirk Luetge (Ameis Buchecke) - 26.11.2006 zu Hans-Ulrich Treichel „Der Verlorene“
Der mächtige Schatten seines in den Wirren der letzten Kriegstage verloren gegangenen Bruders verfolgt den Ich-Erzähler so unerbittlich und quälend, daß man die Peinigungen und Demütigungen fast hautnah am eigenen Leibe spürt. In seinem Psychogramm des mit dem Makel der späten Geburt gezeichneten Zweitgeborenen durchleuchtet Treichel die Enge und Schrecken der bundesdeutschen Nachkriegs-Kleinfamilie in ihrer ganzen Absurdität und Gnadenlosigkeit. Ein kleiner Roman, aber ein großer Wurf.
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