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Das Heilige in der Umbanda

Geschichte, Merkmale und Anziehungskraft einer afro-brasili…
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Produktdetails
Titel: Das Heilige in der Umbanda
Autor/en: Sibylle Pröschild

EAN: 9783767571266
Format:  PDF
Geschichte, Merkmale und Anziehungskraft einer afro-brasilianischen Religion. Diss. - Kontexte, Neue Beiträge zur historischen und systematischen Theologie, Band 39.
Dateigröße in MByte: 3.
Edition Ruprecht

Januar 2009 - pdf eBook - 331 Seiten

Innerhalb ihres nunmehr 100-jährigen Bestehens gelang es der synkretistischen Umbanda, sich von einer spiritistischen Sekte zur afro-brasilianischen Religion mit der größten Anhängerschaft zu entwickeln. Dieses Buch skizziert sowohl Geschichte und Grundzüge der Umbanda als auch das Heilige und dessen Erscheinungsformen in dieser Neureligion. Dem Vergleich von Umbanda mit den traditionellen christlichen Kirchen des Landes und mit einer neopentekostalen Gemeinschaft schließt sich der Blick auf das Verhältnis zwischen den Religionen an, um zum Grund der umbandistischen Anziehungskraft vorzudringen.




1;Inhaltsverzeichnis;6 2;Vorwort;10 3;1 Einleitung;11 3.1;1.1 Die Umbanda als Gegenstand der Forschung;14 3.1.1;1.1.1 Die Umbanda in der deutschsprachigen Literatur;14 3.1.2;1.1.2 Die Umbanda in der nicht-deutschsprachigen Literatur;20 3.2;1.2 Ansatz und Vorgehen;33 4;2 Das Heilige;37 4.1;2.1 Definition von Religion;37 4.2;2.2 Momente des Heiligen;44 4.3;2.3 Begegnung mit dem Heiligen;47 4.3.1;2.3.1 Aufgabe und Methoden der Religionsphänomenologie;47 4.3.2;2.3.2 Das Erscheinen des Heiligen in der profanen Welt;50 4.3.3;2.3.3 Formen der Manifestation und Realisation des Heiligen;53 4.4;2.4 Der menschliche Wunsch nach wechselseitigem Kontakt mit dem Heiligen;62 5;3 Religiöse Vielfalt auf brasilianischem Boden;65 5.1;3.1 Die Versklavung und Missionierung von Indios und AfrikanerInnen;66 5.1.1;3.1.1 Das Schicksal der UreinwohnerInnen;66 5.1.2;3.1.2 Sklavenimport aus Afrika;69 5.2;3.2 Immigration und Synkretismus;75 5.2.1;3.2.1 Einwanderung aus Europa, Nordamerika und Asien;75 5.2.2;3.2.2 Die Vermischung von Religionen;78 5.3;3.3 Zulauf und Verlust Der Wandel der religiösen Landschaft;89 5.3.1;3.3.1 Vergleich der Anhängerzahlen;89 5.3.2;3.3.2 Wachstum der Umbanda?;95 6;4 Umbanda Merkmale einer brasilianischen Religion;100 6.1;4.1 Entstehung und Ausbreitung der Umbanda;103 6.1.1;4.1.1 Übernommene religiöse Elemente;103 6.1.2;4.1.2 Die Entstehung der neuen Religion;118 6.1.3;4.1.3 Rassen- und Schichtzugehörigkeit der UmbandistInnen;122 6.1.4;4.1.4 Regionale Ausbreitung;127 6.1.5;4.1.5 Das Problem der Vielfalt;131 6.2;4.2 Geister, Linien und Arbeit das Heilige in der Umbanda;134 6.2.1;4.2.1 Der umbandistische Kosmos;136 6.2.2;4.2.2 Die Arbeit der Geister und das Handeln der Menschen;178 6.3;4.3 Gründe für die Anziehungskraft der Umbanda;185 6.3.1;4.3.1 Afro-brasilianische Religionen Widerstand und Erinnerung;186 6.3.2;4.3.2 Sicherheit und Aufstieg in der Gesellschaft;189 6.3.3;4.3.3 Der Umgang mit dem täglichen Leben;195 6.3.4;4.3.4 Die aktive Beeinflussung des Heiligen;202
7;5 Die Manifestation des Heiligen in der Umbanda und in christlichen Kirchen;205 7.1;5.1 Die Umbanda als Mittlerin des Heiligen;206 7.1.1;5.1.1 Der heilige Gegenstand;206 7.1.2;5.1.2 Der heilige Ort;214 7.1.3;5.1.3 Die heilige Zeit;222 7.1.4;5.1.4 Die heilige Zahl;227 7.1.5;5.1.5 Der heilige Mensch;228 7.1.6;5.1.6 Die heilige Gemeinschaft;252 7.2;5.2 Heilige Menschen in der traditionellen christlichen Kirche;255 7.2.1;5.2.1 Die Gemeinschaft der Heiligen in der evangelisch-lutherischen Kirche;256 7.2.2;5.2.2 Die Heiligsprechung in der römisch-katholischen Kirche;259 7.3;5.3 Der Mensch als Verbündeter Gottes in der neopentekostalen IURD;263 7.3.1;5.3.1 Der Bund zwischen Gott und seinem/r Verbündeten;264 7.3.2;5.3.2 Anfechtung durch die Dämonen;269 8;6 Die interreligiöse Konkurrenz aufgrund der Anziehungskraft der Umbanda;276 8.1;6.1 Das Verhältnis zwischen der Umbanda und christlichen Kirchen;276 8.1.1;6.1.1 Dialog, Selbstkritik und Lernen Der Wunsch der evangelisch-lutherischen Kirche;278 8.1.2;6.1.2 Verurteilung, Umdenken und Resignation Die schwankende Haltung der römisch-katholischen Kirche;283 8.1.3;6.1.3 Strikte Ablehnung Der Kampf der IURD;290 8.2;6.2 Die Begegnung mit dem Heiligen als Grund für die Anziehungskraft der Umbanda;293 8.2.1;6.2.1 Wechselseitiger Kontakt mit dem Heiligen?;293 8.2.2;6.2.2 Die Anziehungskraft der Umbanda;300 9;7 Schlussgedanken;304 10;Glossar;308 11;Abbildungsnachweis;318 12;Literatur;319 13;Register;330


Dr. Sibylle Pröschild unterrichtet an einem Gymnasium in Niedersachsen. Sie wurde 2008 mit dieser Arbeit an der Universität Augsburg, wo sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war, promoviert.

4 Umbanda – Merkmale einer brasilianischen Religion (S. 99-100)

Die Umbanda tritt mit dem Anspruch auf, wie ihre AnhängerInnen nicht müde werden zu betonen, eine brasilianische Religion und offen für alle zu sein. Damit bezieht sie sich auf zweierlei. Zum einen entstand sie auf brasilianischem Boden, was sie von den zahlreichen zu verschiedenen Zeiten eingewanderten Religionen unterscheidet. Zum anderen ist sie „das Ergebnis eines einzigartigen historischen Aufeinandertreffens [...], das sich nur in Brasilien ergab“. Aus der Verschmelzung der Religionen der eingeborenen Indios, der importierten AfrikanerInnen, der erobernden PortugiesInnen sowie des Spiritismus’ der immigrierten EuropäerInnen ging die Umbanda hervor. In dieser vermischten Vielfalt spiegelt sie die drei vornehmlichen Hautfarben der BrasilianerInnen wieder, die darüber hinaus auch die Konzeption der Geister prägen. Demzufolge gibt es Indio-Geister, AfrikanerInnen- Geister und Kinder-Geister (s. 4.2.1.3), die ihrerseits die rote, schwarze und weiße Hautfarbe sowie die indigene amerikanische, die afrikanische und die europäische Rasse und Kultur repräsentieren. Neben diesen drei zentralen Geister- Typen kennt die Umbanda zahlreiche weitere, die häufig ebenfalls auf eine bestimmte regionale und kulturelle Herkunft verweisen, z.B. die bahianischen und die ZigeunerInnen-Geister. Ihr Auftreten belegt, dass die synkretistische Eingliederung u.a. von Elementen anderer Religionen nicht mit der Gründung der Umbanda abgeschlossen wurde, sondern ihre Fortsetzung fand und noch findet, so z.B. durch die Aufnahme von Hindu- oder Buddha-Geistern. Allerdings sind dies nur periphere Wesen, die sich selten manifestieren, weshalb sowohl ihre Bedeutung als auch die Bedeutung ihrer Religionen für das umbandistische System weit hinter den vier konstituierenden Grundpfeilern zurück
bleiben.

Trotz ihrer selbst propagierten nationalen Ausrichtung wird die Umbanda von religionswissenschaftlicher Seite als ’afro-brasilianische‘ Religion gehandelt. Die Umbanda ist jedoch weniger afrikanisch geprägt als der Candomblé oder die Quimbanda, was sich bereits an der Kultsprache abzeichnet. Anstatt der afrikanischen Termini beispielsweise für die Ibeji und Eguns verwendet die Umbanda die portugiesischen Begriffe ’crianças‘ und ’sofredores/as‘, um die Geister der Kinder und der leidenden Verstorbenen zu benennen. Auch VertreterInnen von Candomblé und Quimbanda, die ihre eigene Religion als ’afro-brasileiro‘ bezeichnen, lehnen eine solche Charakterisierung bei der Umbanda ab und nennen sie ’brasileiro‘. Tatsächlich ist die Umbanda nicht direkt aus afrikanischen Traditionen hervorgegangen. Diese wurden durch den Candomblé vermittelt, wobei dieser seinerseits den Synkretismus mit dem iberischen Volkskatholizismus bereits vollzogen hatte. Insofern kann die Umbanda als sekundär afrikanisch gelten. Davon abgesehen ging sie aus einem spiritistischen Zirkel hervor, so dass sie auf demFundament des Kardecismus entstand. Auf die Nähe von Umbanda und Spiritismus lassen auch lange nach ihrer Gründung verschiedene Terreiro-Namen schließen.

Sofern man jedoch die Umbanda einem größeren religiösen Kontext zuordnen will, um auf diese Weise die Zusammenhänge zu spezifizieren, erscheint die Bezeichnung als ’afro-brasilianisch‘ noch am ehesten treffend. ’Brasilianisch‘ ist zuwenig aussagekräftig; ’christlich‘ scheidet von vornherein aus, da der Kern des Evangeliums nicht getroffen wird; ’spiritistisch‘ hingegen wäre möglich. Da jedoch trotz der spiritistischen Herkunft und wegen der candomblistischen Mittlerschaft die afrikanischen Elemente in der
Umbanda am schwersten wiegen und sie am meisten prägen, ist auch meiner Meinung nach dem Präfix ’afro‘ der Vorzug zu geben. Eine weitere Spezifizierung befürwortet Ingo Wulfhorst, indem er den Begriff ’afro-indo-brasilianisch‘ verwendet und sich damit von der Masse der umbandistischen und religionswissenschaftlichen Literatur absetzt. In diesem Ausdruck stellt er der bedeutendsten, afrikanischen Konstituente die in geringem Grad relevante indianische zur Seite. Um einiges treffender halte ich dagegen den bislang nicht benutzten Begriff ’afro-spiritistisch(-brasilianisch)‘. Je genauer man aber die Art der Umbanda in einer das Gewicht der konstituierenden Faktoren kategorisierenden Wendung zu greifen beabsichtigt, desto länger müsste sie wohl werden. Daher führe ich hier diese Diskussion nicht weiter, sondern schließe mich dem gängigen Begriff ’afro-brasilianisch‘ an.


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