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Wir sind viele

Eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus.
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Titel: Wir sind viele
Autor/en: Heribert Prantl

EAN: 9783864970108
Format:  EPUB
Eine Anklage gegen den Finanzkapitalismus.
Süddeutsche Zeitung

Oktober 2011 - epub eBook - 48 Seiten

Die Occupy-Bewegung ist die Spitze einer Befreiungsbewegung. Sie besetzt nicht nur Straßen und Plätze, sondern sie versucht, Politik und Gesellschaft vom aggressiven Finanzkapitalismus zu befreien. In den USA gehen Polizeikräfte massiv gegen die Protestierer vor ... weil sie angeblich den wirtschaftlichen Betrieb stören. In Paris, in Berlin und Rom gibt es diese angeblichen Störer auch. Sie gehen auf die Straße, nicht weil sie Distanz zur Politik suchen, sondern weil sie die Politik verändern wollen: Politik soll wieder dem Menschen dienen, nicht der Wirtschaft. Die Protestierer sind zornig, aber das schadet nicht. Mit zornigen Fragen beginnt die Veränderung.


1;INHALT;7 2;Legion ist ihr Name, denn ihrer sind viele;8 2.1;Die Sinngebung des Sinnlosen;9 2.2;Die Stärke Europas;10 2.3;Wider die Gleichgültigkeit;11 2.4;Die Speichen des Vertrauens;12 2.5;Die Dirigenten des Geldmarkts;13 2.6;Eine Satansmühle;14 2.7;Der Staat als nützlicher Idiot;15 2.8;Zynismus und Frevelei;17 2.9;Lebensdienlichkeit der Wirtschaft;18 2.10;Heimat Europa;19 2.11;Bürgerinnen und Bürger, nicht Euronen;20 2.12;Rebellion mit Grund;21 2.13;Alte und neue Gerechtigkeitsrisiken;23 2.14;Demokratie in der Kiste;25 2.15;Wie ein kluger Sozialstaat aussieht;26 2.16;Bebels Utopie;27 3;Gott liebt die Zornigen;30 3.1;Die Vergöttlichung;31 3.2;Die Vergöttlichung der Armut;31 3.3;Das Occupy- Evangelium;32 3.4;Der geheilte Besessene;33 3.5;Schickt Exorzisten zu den Analysten;34 3.6;Ein Wüterich verliert den Kopf ...;36 3.7;... der Zornige bewahrt sich den Verstand;36 3.8;Gott ist Dialektiker;37 3.9;Wenn die Deutschen zornig werden;38 3.10;Wider ein korruptes System;40 3.11;Das innere Feuer;42 3.12;Der Gott im Kabarettisten;43 3.13;Ein Volk befreiter Sklaven;44 3.14;Die Befreiung der Elenden;45 3.15;Fragen an ein Irrenhaus;47


KAPITEL 1
Legion ist ihr Name, denn ihrer sind viele
(S. 7-8)

Die Menschen gehen nicht auf Distanz zur Politik – sie gehen auf die Straße, sie besetzen Plätze; das ist keine Distanz, das ist etwas anderes. Sie entfernen sich nicht von der Politik, sondern versuchen, sie zu beeinflussen. Legion ist ihr Name, denn ihrer sind viele. Vordergründig ist die Protestbewegung gegen Banken, Finanzmärkte und Sozialabbau eine negative Bewegung, weil sie nur abzulehnen scheint. Doch durch das „Nein“ hindurch schimmert mehr: die Suche nach Positivem, nach Perspektiven, nach anderen Leitlinien der Politik. Die weltweiten Proteste fordern von ihren Regierungen, in einer globalisierten Welt für ein gewisses Maß an ökonomischem Anstand zu sorgen. Das ist nicht unbillig, das gehört zum inneren Frieden. Und die Sorge darum gehört zu den Grundaufgaben der Staaten und der Europäischen Union.

Vor vierzig, vor fünfzig Jahren stand Europa für Hoff nung und eine grenzenlose Zukunft, heute steht es für Zukunftsängste und grenzenlose Unsicherheit. Auch diese Unsicherheit spiegelt sich wider in den Demonstrationen. Auf den Straßen und Plätzen von Berlin, Rom und Paris sammelt sich aber nicht nur der Protest gegen den Finanzkapitalismus und seine echten und angeblichen Handlanger. Hier konstituiert sich die europäische Öff entlichkeit. Es ist dies der zweite Akt der Konstituierung: Der erste hat 2003 stattgefunden, bei den Massendemonstrationen gegen den Irak- Krieg der USA. Damals ging es um die Grundfragen der Außenpolitik in Europa. Jetzt geht es um die Grundfragen der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik.

Diese europäische Öff entlichkeit hat keine goldenen Füllfederhalter dabei, um eine Charta oder eine europäische Verfassung zu unterschreiben; sie trägt stattdes
sen Plakate und Transparente; manchmal hängt sie sich Masken vors Gesicht. Diese Öff entlichkeit gibt keine diplomatischen Erklärungen ab; sie ruft stattdessen ihre Parolen. Sie spricht nicht die gleiche Sprache; aber sie braucht keine Übersetzer, denn ihre Botschaft ist überall ähnlich. Sie wehrt sich gegen die radikale Ökonomisierung der Politik und des öff entlichen Lebens. Sie artikuliert Unbehagen und Angst vor einem Raubtierkapitalismus, der Arbeitsplätze auff risst und die Gesellschaft zerreißt. Sie misstraut dem Staat und seinen Milliardenrettungsschirmen für die Banken und seinen Billionenhebeln für den Euro. Das europäische Betriebssystem ist aber nicht der Euro, sondern die Demokratie.

Die europäischen Nationalstaaten haben ihre Fasson verloren, aber die Europäische Union hat sie nicht gewonnen. Diese EU gewinnt an Größe, aber nicht an Stärke. Die sozialstaatlichen Ordnungen zerbrechen, und die EU gibt sich hilfl os. Sie gründet sich, allem anderen Gerede zum Trotz, nicht auf drei Säulen, sondern nur auf eine einzige: die Wirtschafts- und Währungsunion. Die politische Union ist fern, die Sozialunion noch ferner. Wenn aber Europa eine Zukunft haben soll, dann als solidarisches und demokratisches Reformprojekt, das den Menschen den Glauben an die politischen Gestaltungskräfte und die Hoff nung auf soziale Grundsicherung zurückgibt.

„Ich war Europas letzte Chance“ – so hat Adolf Hitler vor seinem Ende im Bunker gesagt. Es war eine dämonische „Chance“. Hitler hat auch das noch zerschlagen und zerstört, was vom alten Europa nach dem Ersten Weltkrieg noch übrig geblieben war,...


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