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Fliegen ohne Flügel

Eine Reise zu Asiens Mysterien. Originaltitel: Un indovin…
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Produktdetails
Titel: Fliegen ohne Flügel
Autor/en: Tiziano Terzani

EAN: 9783641138318
Format:  EPUB
Eine Reise zu Asiens Mysterien.
Originaltitel: Un indovino mi disse.
Übersetzt von Elisabeth Liebl, Rita Seuß
Goldmann Verlag

Januar 2014 - epub eBook - 480 Seiten

Ein faszinierender Einblick in die spirituelle Welt Asiens »In diesem Jahr darfst du nicht fliegen. Nicht ein einziges Mal.« Aufgrund der Warnung eines chinesischen Wahrsagers vor einem Flugzeugabsturz begann für den Asienkorrespondenten des SPIEGEL ein ungewöhnliches Jahr der Reisen mit allem, was keine Flügel hat. Entstanden ist ein faszinierender Länderbericht mit tiefen Einblicken in asiatische Lebensweisen zwischen materialistischer Moderne und traditionellen magischen Praktiken.
Tiziano Terzani, 1938 in Florenz geboren, in Europa und den USA ausgebildet, kannte Asien wie kaum ein anderer westlicher Journalist. Von 1972 bis 1997 war er dort Korrespondent des SPIEGEL - anfangs in Singapur, dann in Hongkong, Peking, Tokio und Bangkok. 1975 war er einer der wenigen westlichen Reporter, die in Saigon blieben, als Kommunisten die Stadt übernahmen. Terzani lebte bereits fünf Jahre in China, als er 1984 plötzlich verhaftet, antirevolutionärer Aktivitäten beschuldigt, einen Monat umerzogen und schließlich ausgewiesen wurde. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Japan und Thailand zog er sich 1994 nach Indien zurück und hielt sich in den folgenden Jahren wechselweise in meditativer Abgeschiedenheit am Himalaja und in Italien auf. Im Sommer 2004 erlag Tiziano Terzani einer Krebserkrankung. Sein letztes Buch "Das Ende ist mein Anfang. Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens" erschien 2007.

Knapp dem Tode entronnen


Zum Okkulten hatte ich seit jeher eine kühle, distanzierte Beziehung. Die Gründe dafür liegen wohl – wie für so vieles andere  – in meiner Kindheit. Das Mißverhältnis begann nämlich schon ziemlich früh.

In eine mit Wasser gefüllte Schale hatten sie ein kleines Foto gelegt. Sie hatten mir ein Handtuch über den Kopf gebreitet, und ich sollte so, im Dunkeln über die Schale gebeugt, das Brustbild eines Soldaten anstarren, das auf dem Grund des Wassers bebte. Die Frauen standen schweigend um mich herum und warteten. Der Einfall war meiner Großmutter gekommen. Sie meinte, daß es dazu eines »Unschuldigen« bedürfe, und ich schien ihrer Definition zu entsprechen. Der Sohn Palmiras, unserer Nachbarin in Monticelli, einem Arbeiterviertel in Florenz, war in Rußland seit dem Rückzug im Winter 1942/43 verschollen. Und ich sollte nun herausfinden, ob er noch lebte, und möglichst auch beschreiben, was er im Augenblick tat.

Ich hätte nur zu gern erzählt, daß ich ihn an einem Tisch sitzen und essen sah, in einem Holzhaus mitten im tiefsten Schnee, aber leider war das einzige, was ich wahrnahm, sein tiefernstes Gesicht, das sich bei jedem meiner Atemzüge leicht bewegte. Das kleine Schwarzweißfoto erinnerte mich an die, die ich auf den Marmorkreuzen im Friedhof von Soffiano gesehen hatte, aber auch das traute ich mich nicht zu sagen.

Dies ist eine der Szenen aus meiner Kindheit, die mir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben sind; ich erinnere mich noch genau an die Enttäuschung, die rundum herrschte, als man mir das Handtuch vom Kopf zog und das Wasser wegschüttete. Palmira nahm ihr Bild wieder an sich und trocknete es mit einem Taschentuch ab. Eine der Frauen meinte, daß die Sitzung vielleicht nur deshalb mißlu
ngen sei, weil ich meine Unschuld auf irgendeine Weise schon verloren hätte. Unwahrscheinlich; schließlich war ich damals gerade erst fünf Jahre alt. Vielleicht war die Sitzung ja auch gelungen: Der Sohn Palmiras kehrte nämlich nie zurück.

Nach dieser ersten Begegnung brachte ich jener ungewissen Welt jenseits der Erscheinungen immer nur eine ganz normale, skeptische Neugierde entgegen, und instinktiv ist es mir immer gelungen, für alles Unerklärliche, das meines Weges kam, eine rationale Erklärung zu finden. Immer notwendiger wurden diese Erklärungen, als ich selbst Kinder hatte, denn Kinder lassen nie locker und wollen immer »verstehen«.

Eines Tages trafen wir in Delhi einen alten Sikh. Ich hatte meine Familie dorthin mitgenommen, um meinen vierzigsten Geburtstag zu feiern. Symbolisch hatte ich damit gewissermaßen ein Samenkorn in die indische Erde legen und so in aller Form kundtun wollen, daß ich die Absicht hätte, eines Tages dort zu leben. Dieser Sikh war auf Saskia und Folco zugegangen, die damals gerade acht bzw. neun Jahre alt waren, und hatte sie angesprochen. »Wenn ihr wollt, errate ich den Namen eures Großvaters!« Ungläubig streckten sie ihm ein paar Rupien hin, und nach ein paar Fragen, die er ihnen stellte, schaffte er es tatsächlich, den Buchstaben G auf ein Stückchen Papier zu malen, den Anfangsbuchstaben des Vornamens meines Vaters, Gerardo. Folco und Saskia waren entgeistert, und ich hatte Mühe, sie zu überzeugen, daß, wie bei so vielen »Wundern« Indiens, von den lebendig Begrabenen angefangen bis hin zu dem Seil, das sich von selbst steil aufrichtet, auch hier ein Trick dahintersteckte. Vermutlich hatten sie selbst dem Sikh den Buchstaben durch ihre Antworten auf seine Fragen suggeriert. Nichts zu machen! Sie waren fest davon überzeugt, daß es sich zumindest um Gedankenübertragung han
deln mußte, und als wir Jahre später während eines Urlaubs in Thailand alle miteinander Zeugen eines Vorfalls wurden, bei dem jeder Trick auszuschließen war, verstärkte sich diese Überzeugung noch.

Wir hielten uns damals auf der Insel Phi Phi auf, einem tropischen Paradies mit blauem Meer, strahlend weißem Sand und Hütten aus Bambus und Stroh, bis auch hier elektrisches Licht, Faxgeräte und Betonhotels mit Schwimmbad ihren Einzug hielten. Wir wollten gerade ein Boot besteigen, um die geheimnisvollen Grotten zu besichtigen, aus denen die Einheimischen eine von den Chinesen hochgeschätzte Delikatesse holen – nämlich Schwalbennester –, als Yin, der Lebensgefährtin von Seni, einem Kollegen aus Thailand, bei dem wir wohnten, plötzlich einfiel, daß sie ihren Fotoapparat in der Hütte vergessen hatte. »Wartet, ich rufe Seni schnell an!« sagte sie. Anrufen? Auf der ganzen Insel gab es kein Telefon! Doch Yin wandte sich ab, nahm den Kopf zwischen die Hände und schloß die Augen, so als konzentrierte sie sich bis zum äußersten. Wenige Sekunden später tauchte Seni in der Ferne auf, ein schwarzer Punkt, der den weißen Strand entlanglief. »Der Fotoapparat ... Yin, du hast den Fotoapparat vergessen!« Ein Zufall? Selbstverständlich! Damals stand das für mich außer Zweifel.

Folco hingegen war zutiefst beeindruckt. Das Boot, das Meer, die geheimnisvollen Grotten mit den langen Bambuspfählen, an denen die einheimischen Kinder hochkletterten, um an die kostbaren Nester zu gelangen, all dies interessierte ihn plötzlich nicht mehr, wo es doch diese für ihn bewiesene Möglichkeit gab, mittels Gedanken zu kommunizieren. Er »übte« den ganzen Tag und verkündete vor dem Abendessen, er werde nun mit der Mutter Kontakt aufnehmen, die nach Florenz hatte reisen mü
;ssen. »Was macht sie denn gerade?« fragte Saskia. »Sie schläft. Ich sehe, wie sie schläft. Und sie ist ganz in blaues Licht getaucht«, antwortete er. Um jene Zeit war es in Italien gerade früher Nachmittag, bei uns zu Hause gibt es kein blaues Licht, und meine Frau – das weiß jeder – schläft am Mittag nie.

Eine Woche später kam Angela aus Florenz zurück und erzählte, daß sie an jenem Tag im Contadino war, in unserem Landhaus, das sich im toskanisch-emilianischen Teil des Apennin, in einem Dörfchen namens Orsigna, befindet. Ausnahmsweise hatte sie an jenem Tag nach dem Essen ein wenig geschlafen, und zwar im Kinderzimmer, das himmelblaue Vorhänge hat. Ein Sohn mit übersinnlichen Fähigkeiten? Unfug! Ein gelungener Scherz!

Auch ich hatte von wahrgewordenen Prophezeiungen gehört, von Menschen, die Unglaubliches tun, die fliegen, schweben, in die Vergangenheit oder in die Zukunft schauen können. Trotzdem hatte ich diesen Dingen nie größere Bedeutung beigemessen. Wenn nur etwas davon wahr wäre, so dachte ich mir, wie könnte man dann noch normal weiterleben? Wenn unser Schicksal in unserer Hand geschrieben stünde, wenn der Lauf der Geschichte von den Sternen abhinge, wie könnte man fortfahren, die Tram zu besteigen, ins Büro zu gehen oder die Stromrechnung zu bezahlen? Müßte man dann nicht sein bisheriges Leben aufgeben, um sich ganz dem Studium dieser Phänomene zu widmen? Da die Menschen aber einfach so weitermachen, als wäre da nichts, nachdem Züge abfahren, die Post ankommt, die Zeitungen erscheinen, muß jene Welt, so sagte ich mir, die Erfindung einiger weniger sein, eine Ausgeburt der Phantasie, eine von vielen Ausdrucksformen des natürlichen Bedürfnisses des Menschen, an etwas zu glauben, das jenseits der Erscheinungen liegt. Kein Grund, mich damit zu bes
chäftigen.

Auf diese Weise hatte ich jahrelang in Asien gelebt, ohne mich um die verborgene Seite der Dinge weiter zu kümmern. Ich hatte Tempel besucht und heilige Männer, hatte Geschichten aller Art gehört, ohne mich davon übermäßig beeindrucken zu lassen. Und außerdem hatte ich jedesmal, wenn ich einer jener seltsamen Geschichten auf den Grund ging, etwas gefunden, das nicht ganz stimmte. Die Wirklichkeit, wie sie mir erschien, war letztlich nie so, wie sie mir erzählt worden war.

Während all der Jahre in Asien hatte ich mir nie mein Horoskop stellen lassen und war niemals zu einem der unzähligen Wahrsager gegangen. Gerade gegen sie verspürte ich seit meiner Kindheit einen instinktiven Widerwillen. Als ich noch ein Junge war, unmittelbar nach dem Krieg, kamen häufig Zigeuner an unserem Haus vorbei, die meiner Mutter aus der Hand lesen wollten. Sie weigerte sich jedesmal, verrammelte die Tür und schimpfte, daß dies doch alles Diebe seien, die uns hypnotisieren und uns das wenige nehmen wollten, was wir hatten. Solche Ausbrüche meiner Mutter hatten mich natürlich beeinflußt.

Auch zu jenem »schicksalhaften« Wahrsager hatte ich eigentlich nicht gehen wollen. Wir waren gerade von Singapur nach Hongkong umgezogen, und dort hatte ich einen alten Freund wiedergetroffen, einen Chinesen aus Shanghai, mit dem ich in den sechziger Jahren an der Columbia University in New York studiert hatte. Seine Frau, eine Enkelin des letzten Kriegsherrn von Yunnan, war eine bekannte Filmregisseurin, die – als gute Chinesin- das Glücksspiel liebte und höchst abergläubisch war. Hin und wieder fuhr sie nach Macao und verbrachte dort – wie ich übrigens auch – ganze Tage an den Tischen der Kasinos, wo Black Jack, Baccarat und vor allem fan tan gespielt wurde, jenes einfache, aber faszinierende Spiel, bei
dem der Croupier einen Behälter voller Knöpfe auf den Tisch leert und diese dann langsam mit einem Elfenbeinstöckchen in Vierergruppen aufteilt. Das Spiel besteht darin, zu erraten, wie viele Knöpfe am Ende übrigbleiben: keiner, einer, zwei oder drei? Das Schöne an diesem Spiel ist, daß man es von oben verfolgt, von einer Balustrade aus, und daß man Einsatz und Gewinne in Weidenkörbchen an einer Schnur hinunterläßt bzw heraufzieht.

Bevor diese chinesische Freundin das Tragflächenboot nach Macao nahm, befragte sie jedesmal ihren Wahrsager, um herauszufinden, ob sie an diesem Tag Glück haben würde. »Er...


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