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Friedensstaat, Leseland, Sportnation?

DDR-Legenden auf dem Prüfstand.
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Produktdetails
Titel: Friedensstaat, Leseland, Sportnation?

EAN: 9783862842674
Format:  EPUB
DDR-Legenden auf dem Prüfstand.
Herausgegeben von Thomas Großbölting
Ch. Links Verlag

Dezember 2013 - epub eBook - 336 Seiten

War die DDR ein »Friedensstaat«, ein »Leseland«, eine »Sportnation«? Nahm sie zu Recht für sich in Anspruch, ein »Hort des Antifaschismus« zu sein? Gab es wirklich eine Gleichberechtigung von Mann und Frau? Und gehen die Erfolge Finnlands in den jüngsten Pisa-Studien tatsächlich auf eine Kopie des DDR-Bildungssystems zurück? 16 renommierte Autorinnen und Autoren gehen den bis heute wirkenden Legenden der DDR auf den Grund. Sie untersuchen detailliert und ergebnisoffen die Urteile und Vorurteile über den sozialistischen deutschen Staat. Von verschiedenen Disziplinen aus beleuchten sie die einzelnen Gesellschaftsbereiche der DDR und stellen den Meinungen überprüfbare Fakten gegenüber. Mit Beiträgen von Jutta Braun, Gunilla Budde, Anselma Gallinat, Thomas Großbölting, Stefan Haas, Dierk Hoffmann, Rainer Karlsch, Sabine Kittel, Christoph Kleßmann, Wolfgang Lambrecht, Christoph Links, Marc-Dietrich Ohse, Patrice G. Poutrus, Matthias Rogg, Rüdiger Schmidt und Hermann Wentker.
Thomas Großbölting: Jahrgang 1969; Studium der Neueren Geschichte, katholischen Theologie und Germanistik in Köln, Bonn, Münster und Rom; 1995 - 2004 wiss. Mitarbeiter, Assistent und Oberassistent an der Universität Münster; 2005 - 07 Leiter der Abteilung Bildung und Forschung bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen; 2007 Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Magdeburg; 2008 German Chair an der Universität Toronto und Gastprofessor am Munk Centre for International Studies; seit 2009 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster.

Thomas Großbölting

DDR-Legenden in der Erinnerungskultur und in der Wissenschaft


Eine Einleitung


Wir sind noch nicht fertig mit dem deutschen Staat, den der Unmut seiner Bürger und die weltpolitischen Brüche im vorletzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinwegfegten. Was die DDR war und was sie uns heute bedeutet, ist nach wie vor umstritten. Schon die Amplitude der während der Existenz dieses Staates angebotenen Deutungen war groß. Von ihren Gründern zum »anderen Deutschland« und zur »antifaschistisch-demokratischen« Alternative zum bundesdeutschen Nachfolgemodell des nazistischen Deutschlands stilisiert, galt die DDR auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs als »Staat, der nicht sein durfte«.1 Erklärte Stalin 1949 die Gründung der DDR im Sinne der sowjetischen Großmachtpolitik zu einem »Wendepunkt in der Geschichte Europas«,2 fürchtete im Prozess des Untergangs derselben der Schriftsteller Stefan Heym, der dem Anspruch nach realsozialistische Staat werde zur »Fußnote in der Geschichte« verkommen.3

Fast zwanzig Jahre nach der Friedlichen Revolution und dem politischen Umbruch, der 1989 zum Ende der DDR und 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, ist zumindest das öffentlich-mediale Interesse nicht verloschen, im Gegenteil: Wenn beispielsweise jüngst der Verbleib von Stasi-Mitarbeitern im öffentlichen Dienst moniert wird, wenn sich politische Persönlichkeiten um den Begriff des »Unrechtsstaates« rangeln oder wenn der mutmaßliche Todesschütze Karl-Heinz Kurras als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wird, dann provoziert das DDR-Erbe Schlagzeilen, die weiterhin höchst unterschiedliche Bilder und Vorstellungen deutlich aufscheinen lassen. Die
DDR-Erinnerung im wiedervereinigten Deutschland ist immer noch höchst disparat und kaum auf einen Nenner zu bringen. Trends lassen sich allenfalls dann ausmachen, wenn man Schneisen schlägt und diese an Regionen, Generationen, politischen Interessenlagen und Teilöffentlichkeiten orientiert.

Im größeren Teil der Republik, dem ehemaligen Westen, dominieren Unkenntnis und Desinteresse. Allenfalls die so deutlich spürbaren Änderungen im Parteiensystem lassen aufhorchen: Mit der Partei Die Linke und ihren Vorgängern schickt sich eine stark ostgeprägte Kraft an, im altbundesrepublikanischen Parteiensystem Spuren zu hinterlassen, und stellt damit die einst so festgefügt scheinende Nachkriegsordnung der ehemals Bonner, jetzt immer stärker zu Berlin gravitierenden Republik zusätzlich zu anderen Entwicklungen in Frage.

Im Osten – und allen voran im Osten Berlins als dem ehemaligen Machtzentrum des SED-Staates wie auch als einem der Hauptschauplätze der Friedlichen Revolution von 1989 – sind die Rückbezüge auf die DDR viel zahlreicher und präsenter: Ob nun Brandenburg mit dem Titel der »kleinen DDR« belegt wird oder in der Hauptstadt das DDR-Design-Hostel Ostel den Plattenbauschick des Honecker-Sozialismus offeriert4 – nicht nur in der Architektur mancher Straßenzüge ist die DDR mit Händen zu greifen. Darüber hinaus wird im politischen Berlin Geschichtspolitik gemacht: Hier hat die gesellschaftliche Aufarbeitung ihren Sitz, hier mühen sich Enquete- und Expertenkommissionen ebenso wie Bundesstiftungen und Bundesbeauftragte um eine der aktuellen politischen Kultur zuträgliche Erinnerung an die DDR. Daneben agieren Opfer- und Verfolgtenverbände, um den ihnen Angeschlossenen wenn möglich eine Entschädigung, wenigstens aber einen angemessenen Platz im Gedenkhaushalt der Republik z
ukommen zu lassen. Zuletzt tummeln sich auch einige ehemals Systemnahe und MfS-Mitarbeiter als Ewiggestrige und entwickeln rege, aber wenig erfolgreiche Aktivitäten bei dem Versuch, ihre geschichtsklitternde Sicht auf die Vergangenheit möglichst weit publik zu machen.

Wie Wissenschaft und Medien den Prozess der Aufarbeitung tragen und prägen, ist bereits vielfach beschrieben worden: Die DDR-Geschichte hat sich zu einem Sonderforschungsgebiet entwickelt, das durch zahllose Projekte und entsprechend vielfältige Publikationen hervorgetreten ist. Dabei haben sich zweifelsohne bei zumindest einem Teil der beteiligten Forscher auch ein neuer Umgang mit den Medien und eine neue Form geschichtspolitischen Handelns etabliert. In einem allenfalls mit bestimmten Phasen der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit vergleichbaren Maße sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in politische Zusammenhänge involviert, steuern nicht nur die vonseiten der Politik initiierte Vergabe von Fördermitteln, sondern beraten auch Aufarbeitungsinitiativen oder versuchen sich selbst als Geschichtspolitiker. In ebenso erstaunlichem Maße finden die Ergebnisse empirischer Forschung Resonanz in den Medien, die den internen Aufmerksamkeitsgesetzen Sensation, Personenbezogenheit und Aktualität entsprechen. So erfreulich die öffentliche Resonanz ist, es bleibt auch eine gewisse Sorge: Wo die Schlagzeile in der Tageszeitung mehr wert ist als der Artikel in der Fachzeitschrift, da drohen die wissenschaftsinternen Maßstäbe sich zu verschieben.5

Diese wohl einzigartige Gemengelage von Wissenschaft und Erinnerungspolitik macht die Auseinandersetzung um die DDR-Geschichte hoch spannend. Viel mehr als in anderen Teilbereichen der Geschichte geht es um Delegitimierung und Legitimierung des Vergangenen, um Abrechnung und Selbstbestätigung. Dieser Zusammenhang sichert der DDR-Geschichte bis
heute einen großen Teil der ihr zukommenden Aufmerksamkeit. Aufarbeitung, historisch-politische Bildung und Zeitgeschichte – wie auch all diejenigen, die sie betreiben – leben von dieser Art der public history.

Trotz des großen Interesses und der vielen Energie, die in dieses Thema geflossen ist, fällt die Bilanz von zwanzig Jahren Aufarbeitung zwiespältig aus. Dieser Eindruck entsteht nicht allein aufgrund der Klagen von Teilen der Aufarbeitungsszene selbst, die in schöner Regelmäßigkeit zunächst medienwirksam über das Unwissen insbesondere der Jugend erschrecken, um im nächsten Schritt mehr Anstrengungen und finanzielle Unterstützungen dafür zu fordern, das aus Sicht der Kritiker angemessene DDR-Bild zu verbreiten.6 Auch die um Ampelmännchen und typische DDR-Produkte entstandene Ostalgiewelle ist kein treffender Indikator: Als Produkt der Medien- und Konsumindustrie war ihr nur ein kurzer Höhenflug beschert. Was von ihr bleibt, wird die politische Kultur des wiedervereinigten Deutschlands nicht tangieren.7

Versucht man sich ein Bild davon zu machen, wie die Deutschen seit nunmehr zwanzig Jahren sich mit der vergangenen SED-Diktatur auseinandersetzen, dann ist ein Blick auf Beobachtungen und Analysen, wie sie außerhalb Deutschlands angestellt werden, sehr aufschlussreich. Unter ausländischen Publizisten und Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Couleur finden der Wiedervereinigungsprozess und die Art und Weise, wie das nicht mehr geteilte Deutschland mit seiner DDR-Vergangenheit umgeht, ein erstaunlich großes Interesse. Bei allen Differenzen und Nuancierungen teilen viele der an diesem Gespräch Beteiligten zwei Einschätzungen:

Zum einen gibt es einen großen Konsens darüber, wie vielfältig und umfassend die Bemühungen zur »Aufarbeitung« de
r SED-Diktatur und ihrer Geschichte gewesen seien. Mit James McAdams betont einer der rührigsten amerikanischen Deutschlandforscher, dass wohl kaum ein anderer Staat zu finden sei, »der so rasch und so unterschiedliche Schritte gegangen ist, um mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen«.8

Neben viel Bewunderung für den friedlichen Charakter der Umwälzung in der DDR und die Wiedervereinigung bleibt aber bei vielen dieser Autorinnen und Autoren ein gewisses Unbehagen an dem, was man beobachtet. Von einer zweiten Chance, die nicht ergriffen wurde, oder von der Kolonisierung des Ostens ist die Rede.9 »Learning from the Germans?«, fragt zum Beispiel Andrew H. Beattie. Mit Blick auf das sich erweiternde Europa mag der australische Deutschlandexperte dieser Staatengemeinschaft den deutschen Weg nicht oder wenigstens nur sehr bedingt empfehlen: Anstelle von Multiperspektivität, Selbstkritik und Selbstreflexion habe man in hohem Maße aktuelle Wert- und Moralvorstellungen in die Geschichte zurückprojiziert. Der Einigungsprozess und insbesondere die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seien deshalb ganz entscheidend durch politische und symbolische Disparitäten bestimmt. Nicht das europäische Motto »diversity in unity«, sondern »oversimplified western success stories« auf der einen und »eastern horror stories« auf der anderen Seite prägen das Bild der offiziellen Aufarbeitungsanstrengungen.10 Insbesondere die Arbeit der zwei Enquete-Kommissionen zur »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« sieht nicht nur Beattie, sondern auch seine mit dem Methodenarsenal der »transitional justice« vertrauten Kollegen kritisch: zu politisiert, zu elitär, vor allem völlig über die Köpfe der früheren DDR-Bürger hinweg.11 »Truth without reconciliati
on«, Wahrheit ohne Versöhnung – so das deutlich auf die Schwächen abhebende Urteil der Politologin Jennifer A. Yoder.12

Auch wenn die Befunde im Einzelnen sicher zu diskutieren sind, so erklären sie uns doch, warum sich die »gelernten« DDR-Bürger ebenso wie die Alt-Bundesbürger mehr und mehr jenseits dieser Diskussionen einrichten, sich entweder der vorgestanzten Klischees bedienen oder ganz das Interesse...


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