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Die unbekannten Nachbarn

Minderheiten in Osteuropa.
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Produktdetails
Titel: Die unbekannten Nachbarn
Autor/en: Ruth Leiserowitz

EAN: 9783862842698
Format:  EPUB
Minderheiten in Osteuropa.
Ch. Links Verlag

Dezember 2013 - epub eBook - 288 Seiten

Die zahlreichen Minderheiten verwandelten Osteuropa einst in eine kulturell reiche, vielfarbige Landschaft mit funktionierenden Nachbarschaften. Doch diese einzigartige Pluralität wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Umsiedlungsaktionen, Grenzverschiebungen und Blockbildungen ging ein Riss durch viele Kulturlandschaften, die sozialistische Staatsideologie überlagerte die jeweiligen Traditionen. Erst allmählich beginnt eine Rückbesinnung und Wiederbelebung der spezifischen Lebensarten. Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung haben Journalisten elf Länder Osteuropas bereist, dort lebende Minderheiten besucht und ihre gegenwärtige Situation in Reportagen exemplarisch beschrieben. Daneben gibt es zu jedem Land eine ausführliche Übersicht zu allen ethnischen Gruppierungen, ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert und ihren heutigen Lebensbedingungen.
Jahrgang 1958, Bibliotheks- und Verlagsangestellte, Übersetzerin, 1990-1996 Studium der Geschichte und Polonistik in Berlin und Vilnius, 1996-1999 wiss. Mitarbeiterin am Thomas-Mann-Kulturzentrum Nida/Litauen, 1997 Promotion, seit 1996 Lehrbeauftragte an der Universität Klaipeda, seit 2001 Forschungsprojekte an der HU Berlin und der FU Berlin, 2007 Habilitation. Zahlreiche Veröffentlichungen zur osteuropäischen Geschichte.

Ruth Leiserowitz

Die unbekannten Nachbarn


Ein Mosaik der Minderheiten in Ostmitteleuropa


Seit dem 21. Dezember 2007 können wir aus Deutschland ohne eine einzige Passkontrolle bis in die estnisch-russische Grenzstadt Narva reisen, in das galizische Medyka bis kurz vor das ehemalige Lemberg, nach Košice und weiter bis an die Waldkarpaten oder an die kroatische Grenze. Wir können nun einen größeren europäischen Raum in Richtung Osten und Südosten barrierefrei durchqueren. Dabei bewegen wir uns nun durch ein Territorium, das wir als Aneinanderreihung unterschiedlicher Staaten betrachten und kaum als Ganzes. Wir können es kaum als Einheit wahrnehmen, da es in dieser Gestalt bisher nicht in unserem Gesichtsfeld lag. Verbindet die zahlreichen verschiedenen Länder Polen, Tschechien und die Slowakei mit Ungarn und den drei baltischen Staaten etwas Gemeinsames, das über die Klammer der sowjetisch geprägten Ostblockerfahrung hinausreicht? Ja, es gibt verbindende Elemente und Phänomene. Eines, das alle jetzt miteinander teilen, ist die Gemeinschaft des europäischen Raumes. Hier ist die Grundlage für eine gleichberechtigte Nachbarschaft in Europa gelegt worden, die jetzt allmählich entstehen kann. Hier haben wir den geographischen Raum, in dem sich die »Unvereinigten Staaten von Europa« (so der Filmemacher Cédric Klapisch) entfalten können. Ein weiteres herausragendes und verbindendes Phänomen ist die Existenz zahlreicher Minderheiten in allen diesen osteuropäischen Ländern. Ihr Leben, ihre Kultur und Geschichte haben viele kleine mittel- und osteuropäische Winkel und Regionen über lange Jahrhunderte geprägt, bereichert und auch miteinander verbunden. Gerade durch sie wurde Osteuropa einstmals zu einer vielfarbigen und kulturell reichen L
andschaft. Die Vielfalt dieser Kulturen, ihre Heterogenität, ihre reiche Differenziertheit und ihre Verwobenheit bewirkten eine einzigartige Pluralität, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts zerstört wurde. Zusätzlich geriet das Wissen über dieses ehemalige dichte kulturelle System in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in fast vollständige Vergessenheit. Wie konnte das geschehen?

Der Leser des vor uns liegenden Bandes wird nach der Lektüre mehr Fragen als Antworten haben und er wird beginnen zu begreifen, dass das östliche Europa durch den Zweiten Weltkrieg und in dessen Folge weitaus tiefgehender beschädigt und verändert wurde, als gemeinhin angenommen wird. Nach diesem Krieg konnte Ostmitteleuropa zu keiner wie auch immer gearteten oder vorgestellten Normalität zurückkehren, denn der Eiserne Vorhang riss Regionen auseinander, die jahrhundertelange enge Beziehungen gepflegt hatten. Es kam nicht nur zu einer einfachen Teilung Europas bzw. Abschottung des nun entstandenen sowjetischen Blockes. Die UdSSR riegelte sich inklusive der von ihr besetzten Gebiete, der nun entstandenen estnischen, lettischen, litauischen und moldawischen Unionsrepublik fast hermetisch von den übrigen Staaten ab, so dass Ostmitteleuropa gleich mehrfach auseinandergerissen wurde und die zahlreichen lebendigen Kommunikationsstränge, die konstitutiv für das gesamte östliche Europa gewesen waren, brachgelegt wurden. Zusätzlich zu der Unterbindung der Kommunikation kam es aus weiteren Ursachen zu grundlegenden Veränderungen im Profil dieses Teils von Europa. Denn große und deutlich wahrnehmbare Minderheitengruppen waren nach 1945 nicht mehr existent. Die osteuropäischen Juden waren fast vollständig umgebracht worden, die deutsche Minderheit war am Ende des Zweiten Weltkrieges geflohen, wurde wie in Rumänien und Ungarn zum Teil in das Innere der Sowjetunio
n deportiert oder während des darauffolgenden Jahrzehnts unter wechselnden Umständen mit zeitweise drastischen Methoden ausgesiedelt. Auch die polnische Minderheit wurde aus den östlichen Gebieten, die nun zur UdSSR gehörten, vertrieben. Diese polnischen Vertriebenen fanden sich plötzlich in den neuen polnischen Nord- und Westgebieten, in Ostpreußen, Schlesien und Pommern wieder. Die Reste der noch existierenden Minderheiten sollten sich nach dem Willen der neuen Machthaber nicht oder nur äußerst marginal artikulieren können. Die Umstände der unterschiedlichen Umsiedlungsaktionen durften zumeist in der Gesellschaft weder öffentlich thematisiert noch gar debattiert werden. In diesem Zusammenhang gerieten auch die Erinnerungen an die ehemaligen Heimatregionen zu politisch missliebigen Themen. Häufig wurden die Umgesiedelten auch politisch diffamiert und von vornherein mit dem Etikett des Revanchismus belegt. So versuchten sie zumeist, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, was vorrangig bedeutete zu schweigen, seine eigene Herkunft zu verschweigen. Das führte mehrheitlich dazu, dass Kindern und Enkelkindern nur noch dürftige Kurzfassungen der Familiengeschichte vermittelt wurden. Ganze europäische Regionen wie beispielsweise die Waldkarpaten, Ostpreußen, das Sudetengebiet oder die »schwäbische Türkei« in Südungarn gerieten aus dem Blickfeld und wurden allmählich zu weißen Flecken in der europäischen Geschichte. In einigen Ländern, wie in den baltischen Sowjetrepubliken, kam es auch zur Zuwanderung neuer Minderheitengruppen, die sich teilweise ebenfalls nicht zu artikulieren wagten, denn vielfach bot die Teilnahme an einem der sowjetischen Neubesiedlungsprogramme die Möglichkeit, einer politisch bedrohlichen Situation am bisherigen Heimatort zu entkommen. So flohen Juden Ende der 40er Jahre aus politischen Brennpunkten der Sowje
tunion in das abgelegene Kaliningrad, um antijüdischen Kampagnen zu entgehen, oder weißrussische Bauern meldeten sich für den Aufbau von Kolchosen im ehemaligen Memelland, um dem Partisanenkrieg in Ostlitauen zu entfliehen. Damals einte die verschiedenen alten und neuen Minderheiten in Ostmitteleuropa vor allem das Gefühl, schweigen zu müssen.

Selbst die Minderheiten, die das zweifelhafte Glück hatten, in der Nachkriegszeit offiziell anerkannt zu sein, mussten sich der jeweiligen Politik anpassen. Sie durften nur gewisse, ideologisch nicht belastete Teile ihrer Geschichte und Kultur pflegen, was eine Einschränkung ihrer kulturellen Arbeit bedeutete. Sie mussten sich mit der stetigen staatlichen Kontrolle arrangieren und liefen darüber hinaus ständig Gefahr, sich vom Staat instrumentalisieren zu lassen.

Es kam in einem Großteil der nun entstandenen Ostblockstaaten zu einer oberflächlichen nationalen Homogenisierung. Ethnische Minderheiten galten als rückständige Überreste, die die sozialistische Entwicklung rasch überwinden könne. Die verordnete Orientierung nach Moskau und der verstohlene und sehnsüchtige Blick in Richtung Westen bewirkten auf längere Dauer eine habituelle Schizophrenie. Als es in der Mitte und Ende der 1950er Jahre Möglichkeiten zur Ausreise nach Deutschland und Israel gab, verließen vor allem Deutsche und Juden ihre Heimat, in der sie sich nicht mehr zu Hause fühlten. Diese Entscheidungen führten häufig zur Trennung ganzer Familienverbände und erwiesen sich als bestimmend für das ganze weitere Leben. Die Geschichte der Ausreise und ihrer Folgen ist bis heute nicht erzählt worden. Die Ausgereisten schwiegen, um ihre Angehörigen, die dortgeblieben waren, nicht zu kompromittieren. Die Dagebliebenen blieben als geschrumpfte Minderheit sprachlos zurück und versuchten, sich
mit der neuen Lage zu arrangieren.

Das östliche Europa war über einen Zeitraum von 45 Jahren zerstückelt wie nie zuvor in seiner Geschichte. Der Blick auf die politische Landkarte, der einen großen roten Block zeigte, trog. In Wirklichkeit verbargen sich dahinter einzelne Fragmente, fein säuberlich voneinander durch Stacheldraht abgetrennt. Fast jeder Kontaktversuch der Bevölkerung wurde lange Zeit zusätzlich aufgrund komplizierter Ein- und Ausreisebestimmungen und -mechanismen erschwert. Europäische Nachbarschaft im Sinne von normalen Kontakten zwischen Nachbarländern konnte sich nicht entwickeln. Europa existierte somit nur noch in der Erinnerung oder auf der abstrakten Landkarte im Atlas. Der begrenzte Raum und die mangelnden Erfahrungen (im wahrsten Sinne des Wortes) führten im Laufe der Zeit auch zur Beschränkung der individuellen Vorstellungen. Ethnische Vielfalt war nur noch begrenzt denkbar. In den Zeiten, in denen Losungen zu hören waren wie: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«, in denen das strikte Prinzip des Entweder-oder herrschte, gab es keinen Platz für Doppel- oder Mehrfachidentitäten. Wie hätte jemand plausibel erklären können, dass er sich als Deutscher und Este fühlt, als Kroate und Ungar? Solche Denkmuster waren in jener Zeit nicht vorgesehen.

Wie äußerte sich das im sozialistischen Alltag? In den vielen neuen Siedlungen der rasant wachsenden osteuropäischen Städte lebten Tür an Tür sehr unterschiedliche Familien, die hier in den großen neuen Betrieben Arbeit und gleich nebenan in den Plattenbauten ihr neues Zuhause gefunden hatten. Die Nachbarn kannten sich, sie halfen sich gegenseitig aus, stritten sich manchmal und feierten zusammen. Dabei wussten sie einiges voneinander, aber häufig auch nicht zu viel. Natürlich hörten die Hausbewohner, dass
der eine unter ihnen einen anderen Dialekt sprach, wussten, dass die Großmutter aus dem Parterre Kuchen nach einem seltenen Rezept buk, den alle im Treppenaufgang sehr schätzten, und die Familie von ganz oben an Tagen Feste feierte, zu denen niemand anderem ein Anlass eingefallen wäre. Es war bekannt, dass die eine Nachbarin im Nebenaufgang ungewöhnliche, sehr aparte Tischdecken häkelte und der Hausmeister, wenn er mit den anderen Männern angeln ging, eine Schachtel mit ganz eigenen selbst zubereiteten Ködern mitnahm....


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