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Schwarz, meine Liebe

Kriminalroman.
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Produktdetails
Titel: Schwarz, meine Liebe
Autor/en: Fernando Molica

EAN: 9783860345399
Format:  EPUB ohne DRM
Kriminalroman.
Edition diá

Mai 2014 - epub eBook - 240 Seiten

Drei Jugendliche werden ermordet: arme, schwarze Jugendliche aus der Favela -- wer weiß, ob sie mit Drogen zu tun hatten? Der Verdacht fällt schon bald auf die Polizei, an einer genaueren Untersuchung hat niemand Interesse. Damit wäre der Fall abgeschlossen, wenn nicht Fred, selbst schwarz, Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist, sich auf die Spur des an sich alltäglichen Verbrechens setzen würde. Mit Unterstützung einer weißen Polizeibeamtin, seiner Geliebten, gelangt er an Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Und für einen Moment sieht es so aus, als könnte es diesmal gelingen, die Mauer aus Korpsgeist, Rassismus und Korruption innerhalb der brasilianischen Polizei zu durchbrechen. Und es gibt noch ein Geheimnis: Stammt das Tuch, das Fred wie eine Reliquie aufbewahrt, tatsächlich von Arthur Friedenreich, dem ersten schwarzen Fußball-Nationalspieler Brasiliens? »Schwarz, meine Liebe« ist der zweite Roman von Fernando Molica, der als Journalist täglich mit den Abgründen und Widersprüchen der Stadt Rio de Janeiro befasst ist.
Die Jungs
Das Tuch
Göttliche Rache
Die Hautfarbe nicht verleugnen
Drei Leichen
Damenstrumpfhaube
Sicherheit
Das glatte Leben
Ernte
Zum Wohl
Protest
Erklärung
Roseta
Duelle
Invasion
Aufbaustudium
Geräusche
Dialoge mit dem Nichts
Steine
Schüsse
Freitagabend
Mitteilungen
Kopfzerbrechen
Zurechtweisung
Ordnung und Effizienz
Kurz berichtet
Dossier
Rhythmus
Ergebnisse
Tunnel
Schlusspfiff
Verlängerung
Fernando Molica, geboren 1961 in Rio de Janeiro, war von 1996 bis 2008 Reporter des Fernsehsenders TV Globo. Er arbeitete als Rio-Korres¬pondent der Tageszeitung »O Estado de São Paulo«, war Reportagechef der Zeitung »O Globo« sowie zehn Jahre lang Reportagechef und Reporter für das Rio-Büro der Tageszeitung »Folha de São Paulo«. Seit 2008 arbeitet er als Kolumnist für »O DIA«. Neben drei Romanen veröffentlichte er die Anthologie »10 Reportagen, die die Diktatur erschütterten« und die aufsehenerregende Biografie eines brasilianischen Terroristen. Sein erster Roman »Krieg in Mirandão« erschien in deutscher Übersetzung 2006 bei Edition Nautilus.

Göttliche Rache


»Sou-tri-co-lor-do-co-ra-ção …« Metallisch, stotternd ertönten die ersten Akkorde der Vereinshymne von Fluminense, und das Stück Stoff sank auf den Koffer zurück, irgendwann finde ich einen geeigneten Platz hierfür. Irgendwann ändere ich den Klingelton meines Handys, sobald ich weiß, wie man das macht bei diesem Mistding. Warum musste ich auch der Verkäuferin sagen, dass ich ein Fan von Fluminense bin? Überraschung, sagte sie, und die Überraschung war, das hatte er später bemerkt, dieser Klingelton, die Fluminense-Hymne, die jedes Mal ertönte, wenn jemand anrief. »Sou-do-clu-be-tan-tas-ve-zes-cam-pe-ão …« Vladimir rief an, sagte das Display, der Vorsitzende des Zentrums, seiner Problemplantage, wie er es irgendwann in der Kneipe einmal fast zärtlich genannt hatte. Die Uhrzeit, ein paar Minuten nach acht in der Frühe, klang nach Vorladung. Ein Notruf, wie immer. Probleme, nichts als Probleme, so weit das Auge reichte. Eine willkürliche Festnahme, ein Polizeiübergriff oder womöglich Schlimmeres: Die Fähigkeit der Bullen zu jeder Art von Sauerei sollte man niemals unterschätzen.

Es war schlimmer. Viel schlimmer. Drei Jugendliche waren verschwunden. Ein Polizeiauto hatte sie mitgenommen. Wann? Heute Nacht, nach dem Baile Funk [1] in Borel. Sie waren über die Rua São Miguel gegangen, an einer Kneipe vorbei, direkt neben dem Fußballfeld, fast direkt vorm CIEP [2] waren die Kerle aufgetaucht, hatten die Jungs zusammengeschlagen, sie in ihr Auto gezerrt und waren weitergefahren, zum Alto da Boa Vista. Ja, das war sicher. Sie hatten schon im 19. Polizeirevier angerufen. Da war nichts bekannt, die Jungs waren nie auf der Wache angekommen, die Typen mit ihnen verschwunden. Die Mutter vo
n dem einen hat uns angerufen und geheult wie ein Schlosshund, die Arme. Sie wollte direkt zur Polizeikaserne in der Barão de Mesquita gehen. Sie, die Tante des anderen Jungen und die Oma. Wahrscheinlich waren sie bereits da. Jetzt – konnte Frederico sich lebhaft vorstellen – war wahrscheinlich schon die ganze Straße abgesperrt. Versuch sie zurückzuhalten, Vlado. Wie denn zurückhalten? Die Jungen waren nicht einmal kriminell. Der eine sollte übermorgen nach England fliegen, ein Talentsucher hatte ihm einen Vertrag bei einem Fußballverein dort besorgt. Sechzehn Jahre alt war er, oder fünfzehn oder so, was weiß ich. Ein anständiger Junge, und ein guter Fußballspieler. Beeil dich, ich ruf dann noch den Minister an und den Polizeikommandeur. Eigentlich wollte ich mich auf einen Prozess vorbereiten, die Verteidigung ausarbeiten, aber lass mal, ich komm klar. Lass mich mal machen. Habt ihr schon die Zeitungen angerufen, das Fernsehen?

»Ich weiß, Sie möchten etwas über die Sache in Borel wissen, stimmt’s, Clara? Sie heißen doch Clara, oder? Bestimmt rufen Sie deswegen an. Sie würden niemals anrufen, um die Geschichte des dreiundzwanzig Jahre alten Beamten zu recherchieren, der vorgestern in Acari getötet worden ist. Dreiundzwanzig Jahre alt, verheiratet, ein kleines Kind, makelloser Lebenslauf. Hat regelmäßig das Johannisfest [3] in seiner Straße organisiert und das Volleyballturnier für die Kinder. Hat von seinem eigenen Geld den Pokal und Medaillen gekauft. Zu Weihnachten hat er sich immer als Weihnachtsmann verkleidet. Na ja, und nun ist er in seinem Dienstfahrzeug umgekommen, hat es nicht einmal mehr bis ins Krankenhaus geschafft. Der Kollege, der dabei war, liegt noch dort. Im Koma. Wissen Sie, wie viele Journalisten heute schon angerufen haben, um sich nach ihm zu erkundigen? Oder einen Artikel dar&
uuml;ber zu schreiben, nachzuhaken, wie ihr so schön sagt? Einer, ein einziger Reporter. Von einem Radiosender, und er hat, als die Geschichte gesendet wurde, auch noch den Namen des Beamten verwechselt. Für euch ist die Geschichte doch durch, nicht wahr? Samstagnacht, da war schon Redaktionsschluss, vielleicht hat es gerade noch gereicht für eine kleine Meldung in der heutigen Ausgabe. Auch Ihre Zeitung hat es ganz unten, ganz klein gebracht, auf der Seite mit den Todes- und den Familienanzeigen. Aber wissen Sie, wie viele Reporter mich heute angerufen haben wegen der angeblichen Entführung dieser Jugendlichen? Sie sind heute die Fünfte, Clara. Die Fünfte. Ja, ist ja gut. Ich weiß, auch Sie haben nur Ihre Vorschriften, Sie haben Vorgesetzte, und Sie haben sich das Thema nicht ausgesucht. Okay, okay. Sie rufen an, um etwas über die Sache in Borel zu erfahren, und Sie bekommen von mir eine Auskunft. Also: Der zuständige Kommandant hat eine umfassende Untersuchung des Falls angeordnet, die Beamten, die zur fraglichen Zeit in dem betreffenden Abschnitt eingesetzt waren, werden befragt, wir stehen in ständigem Kontakt mit dem diensthabenden Beamten der 19. Polizeistation. Derzeit wird in alle Richtungen ermittelt, und die Polizei hat jedes Interesse daran, den genauen Sachverhalt aufzuklären, falls sich herausstellen sollte, dass Beamte der Schutzpolizei in den Fall involviert sind. Bislang gehen wir allerdings von einem Verschwinden dreier Jugendlicher aus, das ein noch nicht identifizierter Zeuge mit Beamten der Schutzpolizei in Verbindung bringt. Ich weiß, Clara, es ist nicht auszuschließen, dass ein Verbrechen vorliegt, in das Polizisten verwickelt sein könnten. Doch bitte verstehen Sie: Die Jungs könnten auch aus anderen Gründen verschwunden sein. Vielleicht sind sie abgehauen mit ihren Freundinnen. Wer weiß. Ja, vielleicht sind sie auch tot. Oder entführt. Oder Mörde
rn zum Opfer gefallen, Dealern. Oder auch von Polizisten entführt. Es ist alles möglich, meine Liebe … Okay, ich nehme das ›meine Liebe‹ zurück, bitte entschuldigen Sie. Was ich sagen will, ist, dass wir derzeit keine hinreichenden Anhaltspunkte haben. Wir müssen abwarten und schauen, was bei den Ermittlungen herauskommt. Einen Moment bitte, Clara. Bitte entschuldigen Sie, ich muss auflegen, ein englischer Journalist ist in der anderen Leitung, anscheinend hatte einer der Jugendlichen einen Vertrag mit einem Fußballverein dort … Rufen Sie doch bitte am Nachmittag noch einmal an, ja?«

Nach dem Gespräch mit dem Journalisten von der britischen Presseagentur zündete Major Ferreira, Pressesprecherin der Schutzpolizei, sich erst einmal eine Zigarette an und ließ ausrichten, sie könne in zwei Stunden wieder mit der Presse reden. Es sei denn, wegen der Sache mit dem ermordeten Kollegen in Acari, aber das wolle ja sowieso niemand wissen. Dass ein Polizist ermordet worden war, interessierte keinen Menschen, zumindest würde es nicht eine Woche lang in den Schlagzeilen bleiben. Also, außer für diesen unwahrscheinlichen Fall war sie jetzt erst einmal in einer Besprechung, oder außer Haus, oder gerade vor die Tür, sich kurz umbringen oder so, und käme sofort zurück. Drei Jugendliche aus der Favela waren verschwunden, wahrscheinlich entführt. Von Polizisten. Die Woche fing ja gut an. Noch so eine stressige Woche. Über Mangel an Arbeit konnte sie sich nicht beklagen.

Tiradentes [4], Tiradentes. Warum hat die Polizei ausgerechnet dich zu ihrem Schutzpatron erkoren? Einen, den man aufgehängt und gevierteilt hat. Warum nicht einen, der im Kampf gefallen ist, auf der Straße. Oder irgendjemanden, der sich nach einem erfüllten Leben im Dienste des sozialen Friedens im Ruhestand noch um arme Kinder gek&u
uml;mmert hat? Die Fantasie der Offizierin war beherrscht von der Büste des Tiradentes, dort unten im Eingangsbereich des Hauptquartiers ihrer Einheit, rechts vom Eingang, neben der Treppe: der Held der Verschwörung von Minas Gerais, Patron der Schutzpolizei, Fähnrich Joaquim José da Silva Xavier, genannt Tiradentes. Wenigstens eine Statue hätten sie für ihn aufstellen können, in Uniform und rasiert, die Zukunft Brasiliens im entschlossenen Blick, so wie man ihn von dem Gemälde von José Washt Rodrigues kennt: das Käppi in der Hand, den Säbel am Gürtel, elegant in seiner blau-rot-gelben Uniform. Das Bild des Helden, bevor er gefangen wurde, vor seinem Märtyrertod, irgendwie passender für den Namenspatron einer Polizeieinheit, die sich für den Schutz der Bürger einsetzt. Aber nein, sie haben hier lieber die Büste eines Typen aufgestellt, der bereits ein Seil um den Hals hat und Sekunden später vom Hocker gestoßen wird. Das Seil um den Hals, den unmittelbaren Tod vor Augen. Kaum etwas könnte symbolischer sein für den Zustand der Polizei. Doch wer auch immer diese Büste ausgesucht hat, er hatte vollkommen recht, fand Ferreira. Der Typ wusste, dass es nicht gut gehen konnte. In Momenten wie diesem, in denen die Krise mit Händen zu greifen war, konnte auch Ferreira förmlich spüren, wie sich das Seil um ihren Hals zuzog.

Wie sagte doch Corceiro, der Freund, Oberst der Reserve, Pastor einer evangelikalen Gemeinde und ihr Ausbilder, damals im Offizierslehrgang immer: »Wir stehen unter einem ewigen Fluch. Wer war es, der Jesus festgenommen hat? Die Prätorianergarde, die damalige Polizei. Seit dieser Zeit werden wir für solcherlei Arbeit benutzt. Für Festnahmen oder wenn es ums Zuschlagen geht, schicken sie die Schutzpolizei. Uns bleibt immer die Drecksarbeit. Überleg dir was anderes, meine Liebe. Du bist jung, du si
ehst gut aus. Mach eine Ausbildung, studiere. Dann heirate und bekomme Kinder. Lass dir von einem alten Kauz einen Rat geben: Es wird schwer sein, jemanden zu finden, der eine Polizistin heiratet. Ich jedenfalls würde das nie tun. Das kann nicht gut gehen. Dem Teufel, Gott steh mir bei, scheint es Freude zu machen, sich hier herumzutreiben, seine Zeit mit uns zu verbringen. Wahrscheinlich gefällt ihm das Blau der Uniformen, ich weiß es nicht. Und ich werde wirklich nicht müde, für die Jungs, für euch alle zu beten. Und ich bete viel, meine liebe Majorin....


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