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Alle Rezensionen von cosmea

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In "Die Unsterblichen", Chloe Benjamins zweitem Roman, geht es um die Golds, eine jüdische Einwandererfamilie der zweiten Generation. Die Golds leben in der Lower East Side in New York. An einem heißen Sommertag in den endlos langen, ereignislosen Ferien suchen die vier Kinder der Familie Gold eine Wahrsagerin auf, die angeblich jedem seinen genauen Todestag vorhersagen kann. Varya, 13, Daniel, 11, Klara 9 und Simon, 7 bekommen in Einzelgesprächen diese Auskunft, die ihr Leben verändert. Benjamin erzählt in vier Abschnitten jeweils aus der Perspektive von einem der Geschwister und in der Reihenfolge ihrer Todesdaten die Lebensgeschichten, die etwa ein halbes Jahrhundert abdecken. Simon geht als 16jähriger mit seiner Schwester Klara nach San Francisco und genießt dort angesichts seiner geringen Lebenserwartung sein Leben in vollen Zügen - ohne Rücksicht auf mögliche Risiken. Klara verwirklicht ihren Traum, Magierin zu werden und ist zusammen mit ihrem Mann zuletzt sehr erfolgreich in Las Vegas. Daniel ist Arzt beim Militär und leidet sein Leben lang unter der Prophezeiung. Varya soll laut Vorhersage 88 Jahre alt werden, lebt aber so, als müsste sie durch übertriebene Vorsicht selbst dazu beitragen. Sie verliert nacheinander ihre Geschwister. Nach dem glamourösen Anfang, in dem Simon und Klara buchstäblich im Rampenlicht stehen, wirkt die zweite Hälfte zunehmend düster. Der eindrucksvolle Roman behandelt eine Reihe von Themen neben der zentralen Frage, ob das Wissen um den eigenen Todestag ein Fluch oder ein Segen ist und inwiefern es die Lebensentscheidungen beeinflusst. Für den Leser sieht es so aus, als ob die vier Protagonisten mit diesem Wissen Entscheidungen treffen, die zwangsläufig zu dem angekündigten Tod führen. Es gibt keine Fantasy-Elemente und keinen faulen Zauber, sondern eher so etwas wie eine "self-fulfilling prophecy". Daneben geht es um Liebe und um familiäre Beziehungen, um Trauer und Verlust. Die Geschwister sind unauflöslich miteinander verbunden und dennoch über Jahre getrennt, zerstritten, einander entfremdet. Der Roman berührt, auch wenn er teilweise etwas konstruiert wirkt und vor allem der vierte Abschnitt um die Biologin Varya eine Menge wissenschaftliches Material enthält, das den Lesefluss hemmt. Mir hat der Roman mit kleinen Einschränkungen gut gefallen.

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"Der Apfelbaum" ist der Debütroman des bekannten Schauspielers Christian Berkel, in dem er die Geschichte seiner Familie über drei Generationen nachzeichnet. Er hat dafür gründlich in Archiven recherchiert, erhaltene Korrespondenz gelesen und die Schauplätze des Geschehens aufgesucht. Der im Wesentlichen auf Fakten beruhende Roman umfasst einen großen Teil des 20. Jahrhunderts. Die jüdische Großmutter Alta, ihre Tochter Isa und deren Tochter Sala, die durch die Heirat ihrer Mutter mit einem Nicht-Juden Halbjüdin ist, erleiden Verfolgung, Gefängnis und Lagerhaft. Im Mittelpunkt des Romans steht die lebenslange Liebe zwischen Sala und Otto, die sich mit 13 bzw. 17 Jahren ineinander verlieben und nach jahrelanger Trennung wieder zusammenkommen. Otto hat 5 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft überlebt, Sala Krankheit und Hunger in einem Lager in den Pyrenäen. Salas Schicksal ist besonders bewegend. Sie wurde als Kind von der Mutter verlassen und vom Vater aufgezogen. Die Erfahrung, "indésirable" zu sein, zugleich unerwünscht und nicht begehrenswert, prägt ihr ganzes Leben. Auf die Ablehnung durch die eigene Mutter folgt das Gefühl des Fremdseins bei ihrer Tante Lola in Paris, nochmals bei der Mutter in Madrid und schließlich bei ihrer anderen Tante in Argentinien. Ihr Versuch, sich dort eine neue Existenz aufzubauen, scheitert ebenso wie alle anderen zuvor. Erst als sie wieder nach Berlin geht und Kontakt zu Otto aufnimmt, kann sie einen Neuanfang machen. Der bis fast zum Schluss namenlose Erzähler zeichnet Gespräche mit der 91jährigen inzwischen dementen Sala auf und versucht so, fehlende Mosaiksteinchen zu ergänzen. Mir hat der spannende und berührende Roman sehr gut gefallen, auch wenn er nicht ganz mühelos zu lesen ist. Der ständige Wechsel von Erzählperspektiven und Zeitebenen genauso wie das umfangreiche Personal verlangen einen aufmerksamen Leser. Die Erforschung der Familiengeschichte ist für den Autor ein Weg zur Identitätsfindung. Es ist wichtig sich zu erinnern und nicht zu verdrängen. Der Erzähler im Roman wird zum Sprachrohr des Autors, wenn er sich vehement gegen die häufig zu hörende Bemerkung "Irgendwann muss doch mal Schluss sein" (S. 210) wehrt. Es geht nicht um individuelle oder historische Schuldzuweisungen, sondern darum, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts, vor allem die Nazizeit mit dem Völkermord an den europäischen Juden als Teil der deutschen Identität zu akzeptieren. "Der Apfelbaum" ist ein ganz hervorragender Roman, den ich uneingeschränkt empfehle.

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Im neuen Roman von Friedrich Ani geht es wieder einmal und vielleicht zum letzten Mal um den erfolgreichen Vermisstenfahnder Tabor Süden, der nach seinem Ausscheiden bei der Münchner Polizei als Privatdetektiv arbeitete. Gerade will er wieder einmal verschwinden, als ihn seine Chefin Edith Liebergesell genau da aufspürt, wo sie ihn vermutet: am Bahnhof. Sie bittet ihn, den Fall des vermissten Schriftstellers Cornelius Hallig zu übernehmen. Der Auftrag kommt von dem Hotelbesitzer, in dessen Hotel Hallig jahrzehntelang gelebt hatte, zuerst mit seiner Mutter, dann seit ihrem Tod allein. Den Hotelbesitzer Josef Ried und sein langjähriges Personal verband tiefe Freundschaft mit dem einst sehr erfolgreichen Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Georg Ulrich eine Reihe von Kriminalromanen veröffentlicht hatte. Tabor Süden verbringt eine Nacht in Halligs Zimmer, um ein Gefühl für die Persönlichkeit des Verschwundenen zu bekommen und so seine Spur zu finden. Er liest dort ein Manuskript, verfasst von der damaligen Verlegerin des Autors, und hat nach dem Gespräch mit ihr eine Idee, an welchem Ort er suchen muss - außer am Grab der verstorbenen Mutter. Erzählt wird aus ständig wechselnder Perspektive. So erfährt der Leser auch eine Menge über Cornelius "Linus" Hallig, der die Orte seiner Vergangenheit noch ein letztes Mal aufsucht. Es wird immer deutlicher, wie ähnlich sich die beiden Männer sind. Beide haben keine Bindungen mehr, beide wollen sich nur noch entziehen, abtauchen in "die allumfassende Unsichtbarkeit" (S. 10), wobei sie nicht dieselben Gründe für ihr Handeln haben. Die Aussichten, dass Süden sein Spiegelbild findet, sind gut. Die Geschichte ist sehr düster, das Ende offen. Edith Liebergesell sieht ihren einstigen Mitarbeiter ein letztes Mal am Bahnhof, greift aber nicht ein. Wie geht es weiter? Tabor Süden verschwindet in eine ungewisse Zukunft. Wird er jemals wieder Vermisste suchen? Mir hat Anis Roman gefallen, aber nicht so gut wie andere Werke des Autors, von dem ich mehr als ein Dutzend Bücher kenne. Andere, z.B. "Der namenlose Tag" fand ich wesentlich packender.

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Der 19jährige Victor stammt aus der Provinz und besucht im zweiten Jahr eine Vorbereitungsklasse an einem Lycée in Paris. Wenn er den Concours, die Auswahlprüfung, besteht, bekommt er einen Studienplatz an einer der renommierten Grandes Ecoles, der Ecole Normale Superieur. Diese Schulen absolviert die französische Elite. Victor stammt aus einfachen Verhältnissen und verfügt nicht über die Codes in Bezug auf Herkunft, Bildung, Sprache und Kleidung, die ihm Zugang zu den betuchteren bürgerlichen Kreisen ermöglichen würden. Er ist völlig isoliert und widmet sich einzig und allein seinen Studien. Wider Erwarten sind seine Leistungen gut genug für das zweite Vorbereitungsjahr. Irgendwann lernt er den jungen Mathieu im Jahrgang unter ihm kennen, der offensichtlich das Gleiche erlebt wie er selbst. Sie rauchen zusammen und wechseln ein paar Worte. Victor kann sich eine Freundschaft mit ihm vorstellen und will ihn zu seinem Geburtstag einladen. Doch ehe es dazu kommt, begeht Mathieu Selbstmord, indem er in der Schule über ein Geländer in die Tiefe springt. Der berüchtigte Französischlehrer Clauzet hat ihn einmal zu oft gedemütigt. Dieses Ereignis verändert Victors Leben vollkommen. Auf einmal gilt er als der Freund des Opfers und wird sichtbar und beliebt. Die anderen suchen den Kontakt zu ihm, Mädchen interessieren sich für ihn, und der Star des Jahrgangs, der homosexuelle Paul, freundet sich mit ihm an, lädt ihn sogar zu sich nach Hause in die riesige Wohnung mit Blick auf den Jardin du Luxembourg ein. Victor, der außerhalb in einer Unterkunft für Studenten in Nanterre wohnt, lernt eine neue Welt kennen, hat plötzlich ein soziales Leben. Er ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass er von Mathieus Tod profitiert. Durch die vielen Ablenkungen werden seine Leistungen schlechter, so dass er keine Aussichten auf Bestehen des Concours hat. In dieser Zeit lernt er Patrick Lestaing, Mathieus Vater kennen. Victor und Patrick Lestaing kommen sich immer näher und werden zu einem Ersatzvater und Ersatzsohn, was ihnen hilft, mit dem Verlust fertig zu werden. Victor hat inzwischen beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen, sich zu entziehen, weil er empört ist über den Umgang der Schule mit dem Selbstmord: Nichts hat sich geändert, nicht am gnadenlosen Wettbewerb und auch nicht im Umgang der Lehrer mit ihren Schülern. Am Beispiel von Victor und Mathieu zeigt Blondel exemplarisch, was es für junge Menschen bedeutet, ihr Milieu zu verlassen und mit Entwurzelung und Ausgrenzung zurecht zu kommen. Er behandelt dabei Themen wie Freundschaft, familiäre Beziehungen und den Konkurrenzkampf unter den Schülern. Der Autor hat diesen Roman im Alter von 50 Jahren veröffentlicht. Bei einer Präsentation seines Buches ließ er durchblicken, dass diese Geschichte autobiografische Züge hat, dass er sie sein ganzes Leben hat aufschreiben wollen. Nach eigener Aussage weckt ihn der bewusste Schrei, der im Roman mehrfach erwähnt wird, noch immer regelmäßig. Mir hat "Ein Winter in Paris" sehr gut gefallen - genauso gut wie "Et rester vivant" und "06h41".

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Max und Tina befinden sich mit dem Auto auf dem Heimweg in den Schweizer Bergen. Als sie einen gesperrten Alpenpass im Greyerzer Land befahren, kommen sie im Schneesturm von der Straße ab und bleiben im Graben liegen. Sie müssen die Nacht im Auto verbringen und auf die Schneefräse warten. Um sich die Zeit zu verkürzen, erzählt Max Tina eine wahre Geschichte, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugetragen hat. Jakob Boschung, ein früh zur Vollwaise gewordener armer Hirte, hütet im Sommer hoch oben auf dem Berg die Kühe der Bauern aus der Ebene. Eines Tages begegnet er Marie, der Tochter eines reichen Bauern, und sie verlieben sich ineinander Der Bauer duldet diese Beziehung nicht. Der chancenlose Jakob verpflichtet sich für mehrere Jahre als Soldat. Marie wartet auf ihn. Dann muss er nach Versailles gehen und sich um die Kühe von Prinzessin Elisabeth, der Schwester von Ludwig XVI. auf ihrem Bauernhof in der Nähe des Schlosses kümmern. Als die Prinzessin von den getrennten Liebenden erfährt, spannt sie ihren Bruder ein und nutzt diplomatische Wege, um Jakob nach Versailles zu holen. Endlich sind die Liebenden wieder vereint. Ihr ungetrübtes Glück dauert jedoch nicht lange, denn die Französische Revolution bricht aus. Capus erzählt eine berührende Geschichte von einer großen Liebe, die alle Widerstände überwindet und lange Jahre der Trennung überdauert. Max und Tina diskutieren und streiten, wie sie das immer tun, obwohl sie sich lieben und in den wirklich wichtigen Dingen übereinstimmen. Tina protestiert, wenn die Geschichte ihrer Meinung nach kitschig oder unglaubwürdig zu werden droht. Max verteidigt seine Version. Das Ganze wird mit viel Humor und Wortwitz erzählt. Capus' Roman ist kurz, aber kein Leichtgewicht. Die gewählte Struktur ist raffiniert - eine Geschichte in der Geschichte - und sprachlich virtuos, manchmal drastisch; ... quer durch den Wald an urinierenden, defäkierenden und kopulierenden Hochadligen vorbei,..." (S. 112). Den französischen Hof beschreibt er so: "..., überall diese parfümierten und gepuderten Hofschranzen, diese Gecken und Speichellecker mit ihren Hintergedanken, (...), rund um die Uhr wimmelt es im Schloss von müßiggängerischen, nichtsnutzigen Claqueuren, überall unterwürfige Lakaien, selbstgefällige Galane, läufige Hunde und kaltgeile Kokotten, an jeder Ecke lauern geschminkte und parfümierte Blutsauger und Lustknaben, nirgends ist man sicher vor dem hündischen Gehechel der Schmarotzer, dem Gewinsel der Intriganten, dem schwanzwedelnden Kratzbuckeln der Parasiten und Manipulateure und ihrem falschen Gesäusel, ihrer devoten Knickserei -..." (S. 73). So ein Satz nimmt schon mal eine ganze Seite ein. Ich habe den Roman gern gelesen und bleibe weiterhin ein Fan von Alex Capus.

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Im Mittelpunkt von Sofia Lundbergs Roman "Das rote Adressbuch" steht Doris, inzwischen 96 Jahre alt und auf fremde Hilfe angewiesen. Eine Pflegerin hat ihr den Umgang mit dem Laptop gezeigt. So kann sie mit ihrer geliebten Großnichte Jenny in den USA einmal wöchentlich skypen. Jenny ist ihre einzige noch lebende Verwandte. Von daher ist ihr der Kontakt zu ihr und den Kindern besonders wichtig. Doris' liebster Besitz ist ihr rotes Adressbuch, das ihr Vater ihr zum 10. Geburtstag geschenkt hat. Hier stehen die Namen all der Menschen, die in ihrem Leben von Bedeutung waren, nicht alle jedoch liebenswert und geliebt. Inzwischen sind sie fast alle tot. Doris weiß, dass ihre Tage gezählt sind und schreibt die Geschichte(n) ihres ereignisreichen Lebens anhand dieser Namensliste auf. Daraus entsteht das Porträt einer langen, teilweise gefährlichen Reise durch Länder und Kontinente. Doris beschreibt ein Leben mit Höhen und Tiefen, wobei ihre glamouröseste Zeit sicher die als blutjunges Mannequin in Paris war, bis der Zweite Weltkrieg ihre Karriere beendete und sie zugleich von der Liebe ihres Lebens trennte, dem Halbamerikaner Allan Smith. Der herzerwärmende Roman ist eine Geschichte von Liebe und Verlust, ein Plädoyer für die Liebe, die alle Katastrophen überdauert. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. Da ist einmal die überwiegend chronologische Erzählung von Ereignissen anhand der beteiligten Personen, zum anderen in der Erzählgegenwart Doris' aktuelle Situation, wenn sie mit Blick auf das nahende Ende Begebenheiten rekapituliert. Doris erlebt sehr traurige Dinge in ihrem langen Leben, aber ihre Großnichte Jenny beweist ihr auf anrührende Weise ihre Liebe und macht ihr am Ende ein überraschendes Geschenk. Ich habe den auch sprachlich überzeugenden Roman sehr gern gelesen.

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Im Mittelpunkt von Delphine de Vigans neuem Roman "Loyalitäten" stehen die zwölfjährigen Jungen Théo Lubin und Mathis Guillaume, ihre Eltern sowie ihre Lehrerin Hélène. Théos Eltern sind geschieden und erbitterte Feinde. Der Junge lebt im wöchentlichen Wechsel bei Vater und Mutter und wird zwischen beiden aufgerieben. Théo darf über den jeweils anderen nicht sprechen. Dabei ist der desolate Zustand seines Vaters, eines arbeitslosen Alkoholikers und Tablettensüchtigen, der unter Depressionen leidet und in seiner vermüllten Wohnung kaum noch das Bett verlässt, für den Jungen eine schwere Bürde. Théo verschafft sich täglich durch größere Mengen hochprozentigen Alkohols Erleichterung. Sein Freund Mathis trinkt aus Solidarität zunächst mit. Nur Hélène, die Lehrerin der Jungen, spürt aufgrund ihrer eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen, dass mit Théo etwas nicht stimmt. Sie versucht, ihre Kollegen zu sensibilisieren und an die Eltern heran zu kommen - vergeblich. Weil sie sich bei ihren Bemühungen zu helfen zu weit aus dem Fenster lehnt, bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten. Cécile, die Mutter von Mathis, bemerkt aufgrund einschlägiger Erfahrungen den Alkoholkonsum ihres Sohnes, ist aber in ihrer kriselnden Ehe zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Sie ist im Computer auf eine bisher unbekannte verabscheuungswürdige Seite ihres Mannes gestoßen. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Nur Mathis weiß Bescheid und muss sich entscheiden, was genau in dieser Situation Loyalität bedeutet: Hilfe suchen oder schweigen. Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt: Théo und Mathis, Cécile und Hélène, wobei die beiden Frauen als Ich-Erzählerinnen fungieren. Dadurch wird sehr deutlich, dass alle vier beschädigte Persönlichkeiten sind. Der Roman enthält eine gute Portion Gesellschaftskritik. In einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus, das Zerbrechen von Familien, Gewalt und Missbrauch verbreitete gesellschaftliche Probleme sind, darf niemand wegschauen. Die Autorin stellt überzeugend dar, welche Verheerungen diese Missstände bei Kindern und Jugendlichen anrichten. Für die Autorin heißt sich loyal verhalten aktiv werden, sich kümmern. Der kurze Roman, den ich keineswegs schwächer finde als die Vorgänger, bringt den Leser zum Nachdenken - nicht zuletzt durch sein offenes Ende. Gibt es eine Rettung für Théo? In meinen Augen bestätigt die Autorin ihren Ruf als eine der wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

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Jennifer Egans neuer Roman "Manhattan Beach" ist zugleich historischer Roman und Krimi. Die Autorin zeichnet ein gut recherchiertes Porträt von New York zur Zeit der Wirtschaftskrise und während des Zweiten Weltkriegs. Eddie Kerrigan, der Vater der Protagonistin Anna, arbeitet zunächst als Laufbursche für einen Gewerkschaftsboss, später für Dexter Styles, einen reichen und mächtigen Gangster, der verschiedene Nachtclubs besitzt. Eines Tages begleitet die 11jährige Anna ihren Vater zum Anwesen der Styles und lernt dessen Familie kennen. 8 Jahre später ist der Vater seit 5 Jahren spurlos verschwunden. Anna kümmert sich mit Mutter Agnes um die schwerstbehinderte jüngere Schwester Lydia. Zunächst führt sie in der Werft Messungen durch, dann bewirbt sie sich als erste Frau um eine Ausbildung als Taucherin - anfangs vergeblich. In dieser reinen Männerdomäne will man keine Frauen. Doch eines Tages überwindet sie alle Widerstände und repariert von da an mit ihren Kollegen Kriegsschiffe in der Werft. Als sie eines Tages einen Nachtclub besucht, sieht sie Dexter wieder, der sie aber nicht erkennt. Sie bemüht sich um Kontakt zu ihm, weil sie glaubt, dass er etwas über den Verbleib ihres Vaters weiß. Anna hat nie aufgehört, nach ihm zu suchen, ihn zu vermissen. Sie ist überzeugt, dass er wegen seiner Tätigkeit für das Syndikat sterben musste. Dexter Styles hat tatsächlich Informationen für sie. Dexter und Anna fühlen sich zueinander hingezogen und bringen sich damit in Lebensgefahr. Der vielschichtige Roman wird aus drei verschiedenen Erzählperspektiven mit mehreren Wechseln der Zeitebene erzählt. Der Leser blickt aus Annas, Eddies und Dexters Sicht auf die Ereignisse. Jeder der drei hat ein Geheimnis. Ihre Schicksale sind unauflöslich miteinander verknüpft, wie erst allmählich deutlich wird. Neben der Krimihandlung gewährt die Autorin Einblick in den zeitgenössischen Kontext: die Kriegsereignisse ebenso wie die Stellung der Frau in der damaligen Gesellschaft, die Rolle der Gewerkschaften und des organisierten Verbrechens. Sehr detaillierte Beschreibungen von Tauchgängen samt Ausrüstung und den mit der Arbeit in der Tiefe verbundenen Gefahren zeigen, dass Egan auch hier sehr gründlich recherchiert hat. Neben den genannten Figuren ist jedoch das Meer der heimliche Protagonist dieses Romans, denn nicht das städtische New York steht im Mittelpunkt, sondern Brooklyn und Manhattan Beach. Die Autorin teilt die Faszination ihrer Protagonisten für den Sehnsuchtsort Meer und seine symbolische Bedeutung, seine reinigende und erneuernde Kraft, aber auch seine sichtbare Oberfläche mit einem verborgenen Untergrund, die die Ereignisse auf der Handlungsebene spiegelt. Mir hat der auch sprachlich anspruchsvolle Roman gut gefallen. Spannung bezieht er vor allem aus der Tatsache, dass die verschiedenen Erzählstränge erst gegen Ende zusammengeführt und erst dann alle zurückgehaltenen Antworten gegeben werden. Der Leser braucht etwas Geduld, aber es lohnt sich.

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In Dennis Lehanes neuestem Roman "Der Abgrund in dir" (Originaltitel: "Since We Fell") steht Rachel Childs, die im Prolog in einer Vorwegnahme späterer Ereignisse ihren Ehemann erschießt, den sie liebt und der sie ebenfalls liebt. Nicht nur wegen seiner weiblichen Protagonistin ist dieser Thriller anders als alle Romane von Dennis Lehane, die ich kenne. Bei Lehane erwarte ich eine spannende lineare Handlung, die bis zur Auflösung einen einzigartigen Sog entwickelt. Dieser Roman besteht aus mehreren unterschiedlichen Teilen und ist nicht durchweg spannend. Nach dem furiosen Auftakt wird in der ersten Hälfte Rachels Vorgeschichte nachgeholt. Sie ist eine beschädigte Persönlichkeit, und das hat ihre alleinerziehende Mutter Elizabeth Childs, eine Autorin von Selbsthilferatgebern, zu verantworten. Sie ist unglücklich und verbittert und gibt ihre negative Lebenseinstellung erfolgreich an ihre Tochter weiter, der sie mit sadistischem Vergnügen die Identität des Vaters vorenthält. Als sie bei einem Unfall stirbt, nimmt sie ihr Geheimnis mit ins Grab. Die 17jährige Waise Rachel wird viele Jahre lang versuchen, ihren unbekannten Vater zu finden. Dennoch wird aus ihr eine erfolgreiche Journalistin, bis sie eines Tages vor laufender Kamera einen Nervenzusammenbruch hat. Das ist das Ende ihrer Karriere und ihrer Ehe mit dem Produzenten Sebastian. Ihre psychischen Probleme verstärken sich. Sie leidet unter Panikattacken, diffusen Ängsten, Depressionen und einem grotesk geminderten Selbstwertgefühl. Ihr neuer Ehemann Brian Delacroix hilft ihr aus dem Tief heraus ins Leben zurück. Er ist ein sehr attraktiver, charmanter Geschäftsmann. Mit ihm ist sie glücklich, bis sie eines Tages eine Entdeckung macht, die alle Gewissheiten mit einem Schlag vernichtet. Als ihr journalistischer Spürsinn sie dazu bringt, Nachforschungen anzustellen, wird sie in eine tödliche Intrige verwickelt und mit Verrat und Mord konfrontiert. Plötzlich ist sie eine Frau auf der Flucht, die ihre Lähmung überwinden und all ihre verborgenen Reserven an Mut und innerer Starke mobilisieren muss, um zu überleben. Wird es ihr gelingen? Die zwei Hälften des Romans fallen so deutlich auseinander, dass der Leser sich fragt, was Rachels ausführlich dargelegte Kindheit und Jugend mit der eigentlichen Thriller-Handlung zu tun haben. Zudem gibt es in der zweiten Hälfte zahlreiche überraschende Wendungen und nicht immer plausible Zufälle, die das Tempo forcieren und die Spannung erhöhen. Die Kombination von typischer Thriller-Handlung und Psychogramm einer gestörten Persönlichkeit ist zumindest ungewöhnlich, der Roman streckenweise so düster, dass der Titel eines Lehane-Romans aus dem Jahr 1996 gut passen würde: Darkness, Take My Hand . Trotz unübersehbarer Längen habe ich den Roman gern und vor allem zügig gelesen.

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Jardine Libaires Roman "Uns gehört die Nacht" ist die Geschichte einer großen Liebe. Dabei spielt der deutsche Titel auf die sexuelle Leidenschaft der ungleichen Partner an, während sich der Originaltitel "White Fur" auf einen sehr vorteilhaften Tausch der jungen Elise mit einem zugedröhnten Mädchen bezieht. Dieser weiße Kaninchenfellmantel ist fortan ihr ständiger Begleiter. Elise Perez ist durch ihre Mutter halb Puerto-Ricanerin. Sie stammt aus einem sehr benachteiligten Milieu, wo Drogen, Alkohol, Kriminalität und Gewalt verbreitet sind. Elise ist ohne Vater aufgewachsen und hat keinen Schulabschluss. Eines Tages hält sie es zu Hause nicht mehr aus und geht nach New Haven. Robbie, ein junger Schwuler, findet sie eines Tages in seinem Auto und nimmt sie bei sich auf. Er ist ihr einziger Freund, bis sie eines Tages ihre Nachbarn, die jungen Yale-Studenten Jamey und Matt kennenlernt. Elise verliebt sich in Jamey, und nach einiger Zeit wird ihr Interesse erwidert. Der schüchterne, unerfahrene Jamey und Elise mit der Ghetto-Vergangenheit beginnen eine leidenschaftliche Affaire. Allmählich entwickelt sich die obsessive Beziehung zu einer tiefen Liebe. Als Jamey nach dem ersten Studienjahr ein Praktikum bei Sotheby¿s in New York macht, lebt er mit Elise in einer geliehenen Wohnung. Es kommt zu immer neuen Konflikten mit der Familie, denn die unermesslich reichen Investmentbanker-Dynastie Hyde legt der Mesalliance zwischen ihrem Sprössling und der inakzeptablen Angehörigen der armen Unterschicht immer wieder Hindernisse in den Weg. So geht es in dem Roman nicht nur um eine Liebesgeschichte, sondern auch um gesellschaftliche Klassen, Geld und Macht. Jamey, dem immer alles zugefallen ist und dessen berufliche Zukunft auch jetzt schon gesichert ist, muss für sich entscheiden, was er zu opfern bereit ist und den Konflikt mit der Familie aushalten. Das ist ohne schwerwiegende persönliche Folgen nicht zu schaffen. Mir hat der Roman gefallen, auch wenn das zugrundeliegende Muster der folgenschweren Begegnung von Aschenputtel und dem Prinzen nicht neu ist. Das vorangestellte Zitat aus Shakespeares "Romeo und Julia" passt insofern nicht so gut, als diese Liebenden nicht verschiedenen Schichten, sondern verfeindeten Familien angehörten. Dennoch lohnt sich die Lektüre dieses ebenso zärtlich-poetischen wie brutal-realistischen Romans - nicht zuletzt, weil er die Atmosphäre im New York der 80er Jahre perfekt einfängt.

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