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Alle Rezensionen von cosmea

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Kleine Feuer überall" ist Celest Ngs zweiter Roman nach ihrem hochgelobten Debüt. Die Familie Richardson lebt in Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland Ohio, wo fast ausschließlich Reiche leben. Auch die Richardsons sind ein gutsituiertes Ehepaar der oberen Mittelschicht. Bill ist Partner in einer Sozietät, Elena schreibt als Journalistin harmlose Artikel für eine kleine lokale Zeitung. Sie haben vier Kinder. Nur Isabelle genannt Izzy, die Jüngste, macht Probleme. Alles scheint perfekt in dieser Siedlung, wo alles geregelt ist, sogar der Fassadenanstrich.. Alles verläuft nach festgelegten Regeln. Elena hat dieses Prinzip verinnerlicht und duldet auch nach außen keine Abweichungen in ihrer scheinbar perfekten Familie. Eines Tages brennen in ihrem Haus kleine Feuer in sechs Schlafzimmern gleichzeitig. Die meisten Mitglieder waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs abwesend. Nur Izzy ist und bleibt verschwunden. Hat die 15jährige die Brände gelegt und wenn ja warum? Oder hat die Mieterin einer Wohnung der Richardsons in ihrem geerbten Haus etwas damit zu tun? Mrs Richardson wollte ein gutes Werk tun, indem sie der mittellosen alleinerziehenden Fotografin Mia Warren und ihrer 15jährigen Tochter Pearl die Wohnung überließ. Mutter und Tochter sind am Vorabend überstürzt ausgezogen. Ein zweiter Konflikt spaltet seit einiger Zeit die Bewohner von Shaker Heights. Eine mittellose Chinesin hatte ihr Baby in einer extremen Notlage ausgesetzt, ein reiches kinderloses Ehepaar aus dem Freundeskreis der Richardson bemüht sich um die Adoption. Die Mutter, eine Arbeitskollegin von Mia, verlangt ihr Kind zurück. Ein Richter muss entscheiden, wer das Kind bekommt - die leibliche Mutter oder das reiche Ehepaar. Was zählt mehr? Biologie oder die materiellen Gegebenheiten? Mia und Elena stehen auf verschiedenen Seiten. Da Elena Mias Motiven misstraut, beschließt sie, Mias Vergangenheit zu erforschen und ihre Geheimnisse ans Licht zu bringen. Es erfüllt sie mit großem Unbehagen, dass ihre Kinder sich mit Pearl anfreunden und zunehmend unter den Einfluss der Mutter geraten. Sie sieht in Mias gegensätzlichem Lebensentwurf eine wachsende Gefahr für ihre eigene häusliche Idylle. Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt und enthält zahlreiche Rückblenden. Wie raffiniert die Erzählstruktur ist, zeigt sich, wenn Elena Mias Vergangenheit erforscht. Mias Vorgeschichte und künstlerischer Werdegang werden von einem allwissenden Erzähler in aller Breite dargestellt. Was da berichtet wird, ist nicht das Ergebnis von Elenas Recherchen. Derselbe Erzähler gibt in Vorausdeutungen auch zahlreiche Hinweise auf die Zukunft. Der sehr gut geschriebene Roman mit sorgfältiger Charakterisierung auch der Nebenfiguren spricht mehrere wichtige Themen an. Es geht um die Bedeutung von Mutterschaft und die Beziehung von Müttern und Töchtern an gleich mehreren Beispielen, um Rasse und Identität, um die Macht von Geheimnissen, die in den Familien ihre zerstörerische Wirkung entfalten, um angepasstes und unkonventionelles Leben. Sehr gelungen finde ich die im Titel und der Eingangsszene enthaltene Thematik des Feuers. Die realen Feuer werden auf der metaphorischen Ebene mehrfach gespiegelt. Elena war immer überzeugt, dass man die gefährlichen Feuer der Leidenschaft löschen muss, sonst werden sie zum Flächenbrand. Sie hat den Funken der Rebellion und alle weitergehenden Ambitionen frühzeitig in sich erstickt - zugunsten eines angepassten, strikten Regeln gehorchenden Lebens. An Mia Warren sieht sie, welche Chancen sie dadurch verpasst hat. Vor Schaden hat sie dieses Leben nicht bewahrt. Sie selbst hat letztliche das fragile Gebilde ihrer scheinbar perfekten Familie durch ihre skrupellosen Recherchen zum Einsturz gebracht. Mia gibt Izzy ihre Erkenntnis mit auf den Weg, dass man manchmal alles niederbrennen muss, um sich zu befreien und neu anzufangen. Ein bemerkenswerter, auch sprachlich hervorragender Roman.

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"Krokodilwächter" ist Katrine Engbergs Thrillerdebüt. Der Roman schaffte es gleich auf die dänische Bestsellerliste - völlig zu Recht. Esther de Laurenti, Professorin im Ruhestand, genießt ihr Leben. Sie feiert mit Freunden, nimmt Gesangsstunden bei ihrem jungen Freund Kristoffer und schreibt an einem Kriminalroman. Sie lebt im obersten Stock ihres Hauses in der Kopenhagener Innenstadt. Die anderen Etagen sind vermietet. Eines Tages passiert etwas Unvorstellbares: Ihr alter Mieter Gregers sieht durch die geöffnete Wohnungstür die Leiche einer jungen Frau und erleidet einen Herzanfall. Esther erfährt erst durch die Ermittler Jeppe Korner und seine Kollegin Anette Werner, dass eine Mieterin in ihrem Haus grausam ermordet worden ist. Das Makabre an der Sache ist, dass der Tathergang stark an eine Szene aus dem Manuskript ihres Kriminalromans erinnert. Dadurch gerät sie selbst unter Verdacht. Im Folgenden gehen die Ermittler einer Vielzahl von Spuren nach - über lange Zeit ohne Ergebnis. Es werden zahlreiche falsche Fährten gelegt. Erraten kann man die Auflösung nicht wirklich, nur ahnen, welche Ereignisse in der Vergangenheit zu diesem und weiteren Verbrechen geführt haben. Engberg ist ein spannender Thriller mit sorgfältig gezeichneten Charakteren gelungen. Das sympathische Polizistengespann Jeppe Korner und Anette Werner macht neugierig auf die angekündigten Folgebände, wobei der physisch und psychisch angegriffene Jeppe deutlich in der Tradition der beschädigten Ermittlerpersönlichkeiten von Mankells Wallander und Co. steht. Ich habe diesen Roman gern gelesen und empfehle ihn ohne Einschränkung.

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"Höllenjazz in New Orleans" (Original: "The Axeman¿ s Jazz") von Ray Celestin ist der Auftakt einer vierteiligen Krimiserie. Er basiert zum Teil auf tatsächlichen Ereignissen und enthält real existierende Personen, z.B. Louis Armstrong und andere bekannte Jazzmusiker. Von 1918-1919 ermordete ein unbekannter Serienkiller eine Reihe von italienischen Ladenbesitzern. Es waren blutige Axtmorde, und der Killer hinterließ jedes Mal einige Tarotkarten am Tatort oder sogar in den Wunden der Opfer. Dann kündigt er in einem Brief an die Lokalzeitung weitere Morde an und fordert die Menschen auf, an einem bestimmten Tag um 0.15 Jazz in ihren Häusern erklingen zu lassen, andernfalls würden sie die nächsten Opfer sein. In New Orleans breitet sich Panik aus. Die Polizei tappt im Dunkeln. Detective Lieutenant Michael Talbot arbeitet hart an dem Fall, kann aber bisher keine Ergebnisse vorweisen. Er hat sowieso einen schweren Stand, seit er seinen früheren Mentor Luca d¿Andrea wegen Korruption angezeigt hat. Außerdem verbreitet sich in der extrem rassistischen Stadt das Gerücht, dass er mit einer Farbigen zusammenlebt. In diesem zwar sehr umfangreichen, aber außerordentlich spannenden Krimi gibt es nicht einen, sondern drei Ermittler. Außer dem Polizisten Talbot versucht auch Luca d¿Andrea nach seiner Entlassung aus 6jähriger Haft im Auftrag der Mafia den Mörder zu identifizieren, der es durch die Wahl seiner Opfer offensichtlich darauf anlegt, die Mafia zu diskreditieren. Luca hat als Vollwaise frühzeitig den Schutz seiner Landsleute gesucht und kann sich auch jetzt nicht aus den Fängen des Matranga-Clans befreien. Die 19jährige Ida Davis, Angestellte der Pinkerton Detetektivagentur, ermittelt zusammen mit ihrem Freund Louis Armstrong. Sie ist die langweilige Büroarbeit leid und hat Hinweise, dass ihr Chef John Lefebvre irgendwie in die Sache verwickelt ist. Alle drei Ermittler haben Informanten und gehen wichtigen Spuren nach. Alle drei geraten in Lebensgefahr wie auch einige andere, die dem Axeman zu nahe kommen. Jeder von ihnen bekommt einen Zipfel der Wahrheit zu packen, aber nur der Leser weiß am Ende, was genau passiert ist und warum. Der Krimi besticht jedoch nicht nur durch seine raffinierte Struktur, sondern auch durch seine Themenvielfalt. Der Autor zeichnet mit viel Lokalkolorit und Detailgenauigkeit das Bild einer chaotischen, aber auch sehr lebendigen Stadt, wo Rassentrennung, das unselige Wirken der mächtigen Mafia-Clans, Korruption bis in die Spitzen der Politik und Gewalt das Leben bestimmen, das zusätzlich immer wieder durch schwere Stürme und Überschwemmungen bedroht wird. Der Roman ist für einen Krimi überdurchschnittlich gehaltvoll und dennoch sehr lesbar und sprachlich überzeugend. Mir hat der Roman hervorragend gefallen.

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Kommissar Martin Kühn hat nach einem Burnout erst kürzlich seinen Dienst wieder angetreten. Da häufen sich auch schon die Probleme. Sein Kollege Steierer, den er eigentlich als seinen Freund betrachtet, wird beruflich zum Rivalen. In seiner Ehe kriselt es, er selbst fühlt sich zu einer jungen Kollegin hingezogen. Außerdem erfährt er, dass er ist nicht gesund ist, und nun muss er im Mordfall Amir Bilal ermitteln. Der 17jährige gebürtige Libanese ist an einer Tramhaltestelle auf bestialische Weise ermordet worden. Der junge Mann aus einfachen Verhältnissen hatte sich in Julia van Hauten verliebt, und sie waren seit einiger Zeit ein Paar. Die ungeheuer reiche Familie van Hauten hatte Amir freundlich und vorurteilsfrei aufgenommen. Frau van Hauten engagiert sich für junge Menschen aus prekären Verhältnissen und spendet sehr viel Geld für wohltätige Zwecke. Auch Kommissar Kühn lernt ihre Großzügigkeit und Gastfreundschaft kennen und damit eine Welt, die ihm ebenfalls bisher fremd war. Bei den van Hautens wirkt alles perfekt. Kühn befragt dennoch die Familie und die jungen Leute, die hier an Amirs letztem Abend vor seiner Ermordung zu Gast waren. Der Verdacht der Polizisten richtet sich jedoch von Anfang an eher gegen die rechte ausländerfeindliche Szene, die mit ihrer Bürgerwehr auch auf der Weberhöhe aktiv ist, wo Kühn wohnt. Hier leben Tausende von Menschen auf dem mit Chemikalien verseuchten Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik und müssen mit dem giftigen Pilzbefall in ihren Kellern leben. Neben der Aufklärung des Verbrechens an Amir spielt auch diese Thematik eine große Rolle in dem Roman, zumal hier auch ein zunächst unbekannter Erpresser ein Mädchen mit einem vergifteten Joghurt tötet. Kühn sieht sofort einen Zusammenhang mit der Situation der Menschen auf der Weberhöhe. Jan Weilers neuer Krimi um Kommissar Kühn hat mir gut gefallen - wie schon sein Vorgänger "Kühn hat zu tun." Für mich punktet der Roman durch die sorgfältige Charakterisierung des sympathischen Martin Kühn und die hervorragende sprachliche Qualität. Die Auflösung kommt zwar nicht völlig überraschend, aber spannend ist der Roman dennoch. Ein empfehlenswertes Buch.

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In eisiger Nacht" ist Tony Parsons vierter Kriminalroman in der Serie um den Ermittler Max Wolfe. Eines Tages wird die Polizei informiert, dass in Londons Chinatown ein verdächtiger Lastwagen geparkt ist. Die Polizei findet in dem Kühllaster die Leichen von elf erfrorenen Frauen. Eine zwölfte liegt im Sterben. 13 aufgefundene, überwiegend gefälschte Pässe deuten darauf hin, dass es eine weitere Frau gibt, die sich jedoch nicht im Kühlraum aufgehalten hat. Tom Wolfe setzt alles daran, den Tod der Frauen aufzuklären und die Verschwundene zu finden. Die Spuren führen in die Nähe von Calais, wo sich illegale Flüchtlinge aufhalten, die bereit sind, alles für eine Einreise nach Großbritannien zu riskieren. Max Wolfe hat es mit Menschenschmuggel und der Ausbeutung von Frauen in dubiosen Etablissements zu tun. Er selbst geht hohe Risiken ein, findet er doch lange keinen Anhaltspunkt, welcher kriminelle Clan hinter dem Verbrechen steht. Die Dinge eskalieren, es gibt weitere Tote - auch bei der Polizei -, bis Wolfe die Zusammenhänge durchschaut. Der Roman erzählt spannend und temporeich eine Geschichte, die brandaktuell ist. Sein Ermittler ist ein sympathischer Protagonist, den man als Leser gern begleitet. Er ist alleinerziehender Vater von Scout, seiner 6jährigen Tochter und kümmert sich um sie und um den geliebten Familienhund Stan. Max fühlt sich zu seiner Kollegin Edie Wren hingezogen und muss sich irgendwie mit seiner strengen Chefin Whitestone arrangieren. Mir hat das Buch gut gefallen, und ich werde sicher auch die drei vorausgehenden Bände lesen.

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"Die amerikanische Prinzessin", das neue Buch der sehr erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten niederländischen Sachbuchautorin Annejet van der Zijl, erzählt eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Allene Tew wurde 1872 in der amerikanischen Provinz geboren, wurde durch ihre ersten Ehen immens reich, obwohl ihr Vater der am wenigsten ehrgeizige Spross einer großen und schon in der zweiten Generation erfolgreichen und gesellschaftlich anerkannten Familie aus den Chatauqua County war. Aus der ersten Ehe stammten ihre drei Kinder, von denen Tochter Greta und Sohn Ted das Erwachsenenalter erreichten, aber im Jahr 1918 beide starben. Ihre ersten beiden Ehen wurden geschieden. Anson Burchard, ihr dritter Ehemann, war die Liebe ihres Lebens, verstarb aber ebenfalls viel zu früh. Die Witwe ging 1927 an Bord der Mauretania und begann in Europa ein neues Leben. Sie heiratete einen Prinzen, danach noch einen russischen Grafen. Sie war trotz mehrerer Wirtschaftskrisen eine sehr reiche Frau und auch deshalb eine gute Partie für verarmte europäische Adlige. Sie führte ein Leben im Luxus reiste sehr viel, hatte zahlreiche Häuser in Europa und den USA und ein Netzwerk von Freunden, die ihr Leben begleiteten, denn von ihrer engsten Familie war bis auf den Stiefsohn aus der vierten Ehe, den sie wie einen eigenen Sohn behandelte, niemand übrig. In ihrer sorgfältig recherchierten Biografie beschreibt die Autorin ein Frauenleben vor dem Hintergrund von zwei Weltkriegen, einer Revolution, Wirtschaftskrisen und verschiedenen gesellschaftlichen Umbrüchen. Allene musste immer wieder Verluste hinnehmen, verlor die Menschen, die ihr nahestanden, aber sie gab nie auf. Sie ging unbeirrbar ihren Weg und besaß den Mut und die Kraft, immer wieder neu anzufangen. Sie hat ihr Motto "Courage all the time" tatsächlich gelebt. Allene schaute niemals zurück, immer nur nach vorn und sprach nie über Trauer und Schmerz. Die Autorin hat über diese ungewöhnliche Frau keine trockene Abhandlung , sondern eine sehr lebendige, gut geschriebene Biografie verfasst, die zugleich ein Abriss der Geschichte des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Ich spreche dafür eine unbedingte Empfehlung aus.

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In dem Roman "Ein mögliches Leben" von Hannes Köhler geht es um deutsche Soldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, ein Thema, über das ich bisher sehr wenig wusste. Der fast 90jährige Franz Schneider erzählt seinem Enkel Martin, dass er die Orte in Texas und Utah, an denen er gefangen gehalten wurde, gern noch einmal sehen würde. Martin ist einverstanden. Sie begeben sich auf eine Reise in die Vergangenheit und entwickeln dabei ein neues Verständnis für einander und eine nie dagewesene Nähe. Martins Leben befindet sich gerade im Umbruch, und ihm tut ein bisschen Abstand und Zeit zum Nachdenken ebenfalls gut. Der Großvater erzählt viel vom Krieg und der Zeit danach. Vom eigenen Vater von klein auf indoktriniert ist er als Anhänger Hitlers in den Krieg gezogen. Die Realität des Krieges hat ihn aber bald bekehrt. Im Lager findet er Freunde, vor allem den Deutschamerikaner Paul, der dem einfachen Bergmann die englische Sprache und Bücher näher bringt, aber er hat es auch mit gefährlichen Unbelehrbaren zu tun, die noch immer an den Endsieg glauben und auch im Lager vor Mord nicht zurückschrecken, um angebliche Verräter zu bestrafen. Das alles wird nicht in einer zusammenfassenden Erzählung dargeboten, sondern in lebendigen Szenen, die die Geschehnisse vor 70 Jahren sehr präsent werden lassen. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, springt ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Martin und seine Mutter Barbara erfahren nun endlich, welchen Einfluss die Erlebnisse des Großvaters auf die Familie hatten und wie sie sogar bis in die Gegenwart fortwirken. Endlich versteht die Mutter, was zu der enormen Distanz und Kälte geführt hat, die das Leben der Familie bestimmt hat. Franz Schneider hatte nach Kriegsende die Wahl zwischen der Auswanderung in die USA und einem Leben in Deutschland. Er hat sich für die endgültige Rückkehr nach Deutschland entschieden, weil er seine Frau Johanna kennengelernt hatte und Tochter Barbara geboren wurde und seine Frau sich weigerte zu emigrieren. So beschreibt der Roman nicht nur die Verhältnisse in den amerikanischen Lagern bis zum Kriegsende, sondern auch, was es für Franz Schneider bedeutete, sich gegen ein Leben in der Weite und Freiheit der USA und möglicherweise sogar gegen die Liebe seines Lebens zu entscheiden, gegen den möglichen, aber nie verwirklichten Traum. Durch die Gespräche mit Tochter und Enkel nach der Rückkehr gibt es endlich eine späte Chance für eine Annäherung. Mir hat der Roman gut gefallen. Die Geschichte liest sich spannend. Charakterisierung und sprachliche Gestaltung überzeugen. Ein sehr interessantes Buch.

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Mit "Die Herzen der Männer" ("The Hearts of Men" ) legt Nickolas Butler seinen zweiten Roman nach dem erfolgreichen Debüt "Shotgun Lovesongs" vor, das große Erwartungen beim Leser weckt. Auf drei Zeitebenen - 1962 - 1996 und - leicht in die Zukunft verlegt - 2019/2022 - stellt der Autor drei Generationen von Jugendlichen vor, die den Sommer im Pfadfinderlager Camp Chippewa im nördlichen Wisconsin verbringen wollen. Im ersten Teil begegnen wir dem 13jährigen Nelson Doughty. Er hat weder zu Hause noch im Lager Freunde und macht sich auch dadurch unbeliebt, dass er wie besessen Verdienstabzeichen für Wohlverhalten und erfolgreich absolvierte Kurse sammelt. Jonathan Quick, ein etwas älterer attraktiver und beliebter Junge, ist der einzige, der gelegentlich Partei für ihn ergreift, aber dann auch in eine besonders ekelhafte Demütigung des Außenseiters verwickelt ist. Sie bleiben einander dennoch ein Leben lang verbunden. Nelson findet einen Beschützer und Förderer in Wilbur Whiteside, einem Veteran des Ersten Weltkriegs und derzeitigem Lagerleiter, der sich um ihn kümmert, nachdem Nelsons gewalttätiger Vater die Familie verlassen hat. Im zweiten Teil bringt Jonathan Quick seinen frisch verliebten 16jährigen Sohn Trevor ins Sommerlager. Am Vorabend der Ankunft treffen sie nicht nur Nelson in einem Restaurant, sondern der Vater stellt dem Sohn auch seine Geliebte vor und kündigt ihm die Scheidung von Trevors Mutter an. Darüber hinaus versucht er, dem Sohn jegliche Illusionen bezüglich der Beständigkeit von Liebe zu nehmen. Im dritten Teil begleitet die verwitwete und zweimal geschiedene Rachel, Ex-Schwiegertochter von Jonathan Quick, ihren unwilligen 16jährigen Sohn Thomas ins Zeltlager, wo inzwischen Vietnamveteran Nelson Lagerführer ist. Die Tatsache, dass Rachel die einzige weibliche Begleitperson ist, schafft Probleme. In einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse erhält das alte Pfadfindermotto "Allzeit bereit" eine ganz neue Bedeutung. Das letzte Drittel liest sich nicht nur spannender als der Rest. Es zeigt auch, dass die für uns heutzutage schwer verdauliche Pfadfinderideologie mit dem patriotischen Drumherum inklusive Uniformen, Weckruf und Fahnenappell völlig überholt ist und es nahezu niemand mehr gibt, für den der alte Moralkodex in irgendeiner Weise Richtschnur für das eigene Handeln ist. Die Jugendlichen reisen mit Smartphone und Tablet an und interessieren sich nicht im Geringsten für die Natur, die ihnen eigentlich im Camp nahegebracht werden soll. Wer braucht einen Orientierungslauf, wenn er ein Handy in der Tasche hat? Fast alles am Sommerlager wirkt hoffnungslos antiquiert. Die alten Pfadfindertugenden wie Mut, Tapferkeit und Loyalität, die sich so gut als Vorbereitung auf eine militärische Laufbahn zu eignen schienen, sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Dennoch macht Butler an Nelson, seinem sympathischen Protagonisten deutlich, dass wir uns trotz all unserer Fehler und Schwächen auch in schwierigen Situationen richtig entscheiden müssen: für das Gute, nicht für das Böse. Wir sollen Engel sein, nicht Teufel. Nicht nur in Bezug auf das Pfadfinderleben ist Butlers Roman autobiografisch. Der Autor spricht hier aus Erfahrung, hat es selbst bis zum Rang des Adlers gebracht. Das zweite wichtige Thema ist die Beziehung von Vätern zu ihren Söhnen. Die Szene im Restaurant, wo der Vater dem Sohn das Zerbrechen der Familie ankündigt, hat Butler selbst erlebt. Im Roman macht er deutlich: den entscheidenden Halt finden Kinder bei ihren Müttern. Butlers neuer Roman ist für mich zwar kein Meisterwerk, aber dennoch durchaus empfehlenswert.

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"Mudbound" ist Hillary Jordans hoch gelobter Debütroman aus dem Jahr 2008. Er spielt in den 40er Jahren in Mississippi. Laura Chappell ist Anfang 30 und arbeitet als Lehrerin in Memphis, als sie den zehn Jahre älteren Henry McAllen kennenlernt. Das Paar heiratet und bekommt zwei Töchter. Eines Tages erfüllt sich Henry seinen Lebenstraum, ohne Laura nach ihrer Meinung zu fragen. Er kauft sich eine abgelegene Baumwollfarm im Mississippi Delta. Fortan lebt die Familie in einem heruntergekommenen Farmhaus ohne jeden Komfort. Zu allem Überfluss müssen sie auch noch mit Henrys unsympathischem Vater zusammenleben, der keine Gelegenheit auslässt, Laura zu schikanieren. Das Leben ist hart, der Ertrag gering. Extreme Witterungsverhältnisse wie Starkregen und Stürme verwandeln die Gegend in eine trostlose Schlammwüste und schneiden die Menschen von der Außenwelt ab. Noch schlechter als den McAllens geht es den Pächterfamilien auf der Farm, die einen beträchtlichen Teil des von ihnen Erwirtschafteten abgeben müssen. Ein Lichtblick für die unglückliche Laura ist die Rückkehr von Henrys jüngerem Bruder Jamie von seinem Einsatz als Bomberpilot. Auch Ronsel Jackson, der älteste Sohn einer farbigen Pächterfamilie, kehrt aus dem Krieg zurück. Er war ein vielfach dekorierter Panzersoldat. Die beiden jungen Männer sind schwer gezeichnet von dem, was sie getan und gesehen haben und haben Schwierigkeiten, ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Es ist die Zeit der Jim Crow-Gesetze. Rassentrennung und allgewärtiger Hass, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Benachteiligung bestimmen den Alltag der Farbigen. Der Ku-Klux-Klan begeht ungestraft seine Verbrechen, Lynchmorde sind an der Tagesordnung. In einem solchen Klima führt die Freundschaft der beiden Ex-Soldaten unausweichlich in die Katastrophe. Erzählt wird die düstere Geschichte aus der kapitelweise wechselnden Perspektive der wichtigsten Figuren. Sie beginnt mit der Ermordung und Beerdigung des rassistischen Schwiegervaters und lässt den Leser den Weg zu diesem Endpunkt nachvollziehen. Man hat nicht den Eindruck, einen historischen Roman zu lesen - in dem Sinne, dass die geschilderten Probleme der Vergangenheit angehören. "Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen", wie es in dem berühmten Faulkner-Zitat heißt. Dies zeigt nicht nur die beträchtliche Zahl von Romanen über Sklaverei und Rassismus, die in den letzten Jahren in den USA erschienen sind, sondern nicht zuletzt auch die überproportional hohe Zahl von farbigen Insassen in amerikanischen Gefängnissen und von Opfern exzessiver Polizeigewalt. Die achtjährige Präsidentschaft Barack Obamas hat den Rassismus nicht beendet, und es ist leider nicht zu erwarten, dass dies unter Donald Trump der Fall sein wird. "Mudbound" ist ein sehr aktueller und überaus lesenswerter Roman, den ich im Original gelesen habe.

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Der wieder aufgelegte Roman "Lied der Weite" (Originaltitel: Plainsong, 1999) von Kent Haruf spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado. Er erzählt die Geschichte von acht Personen, die auf die eine oder andere Weise an einem Scheideweg angekommen sind. Da ist der Lehrer Tom Guthrie mit seinen beiden 9 und 10 Jahre alten Söhnen Bobby und Ike. Seine Frau leidet unter Depressionen, wendet sich von der Familie ab und verlässt sie schließlich. Die 17jährige Schülerin Victoria wird schwanger, ihre Mutter setzt sie vor die Tür. Hilfe findet Victoria bei ihrer Lehrerin Maggie Jones, die sie für einige Tage bei sich aufnimmt und dann bei den Brüdern Harold und Raymond McPheron auf der abgelegenen Rinderfarm unterbringt. Die unverheirateten McPherons haben ihr Leben lang allein gelebt und müssen die Kunst der Konversation erst wieder erlernen. Sie zeigen jedoch Menschlichkeit und Mitgefühl, als es darum geht, spontan zu helfen. Mit der Zeit entwickelt sich von beiden Seiten Zuneigung genauso wie bei Tom Guthrie und seiner Kollegin Maggie Jones. In dem ruhig erzählten Roman geht es nicht um spektakuläre Ereignisse. Der Autor will vor allem zeigen, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Familie wichtig sind. Gemeint sind dabei nicht nur biologisch zusammengehörige Familien. Familien können auch neu zusammengesetzt werden und hervorragend funktionieren: zwei alte Männer geben einer jungen Frau und einem Baby Sicherheit und ein Heim. Die Mitglieder mehrerer zerbrochener Familien machen einen neuen Anfang, übernehmen Verantwortung, verändern sich. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Buch auch die Landschaft der Great Plains, das Wetter, der Wechsel der Jahreszeiten, die Beleuchtung. Die überaus warmherzige Geschichte vermittelt eine optimistische Grundhaltung und ist für den Leser auch aufgrund der sprachlichen Qualität eine positive Erfahrung.

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