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Alle Rezensionen von cosmea

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Max und Tina befinden sich mit dem Auto auf dem Heimweg in den Schweizer Bergen. Als sie einen gesperrten Alpenpass im Greyerzer Land befahren, kommen sie im Schneesturm von der Straße ab und bleiben im Graben liegen. Sie müssen die Nacht im Auto verbringen und auf die Schneefräse warten. Um sich die Zeit zu verkürzen, erzählt Max Tina eine wahre Geschichte, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugetragen hat. Jakob Boschung, ein früh zur Vollwaise gewordener armer Hirte, hütet im Sommer hoch oben auf dem Berg die Kühe der Bauern aus der Ebene. Eines Tages begegnet er Marie, der Tochter eines reichen Bauern, und sie verlieben sich ineinander Der Bauer duldet diese Beziehung nicht. Der chancenlose Jakob verpflichtet sich für mehrere Jahre als Soldat. Marie wartet auf ihn. Dann muss er nach Versailles gehen und sich um die Kühe von Prinzessin Elisabeth, der Schwester von Ludwig XVI. auf ihrem Bauernhof in der Nähe des Schlosses kümmern. Als die Prinzessin von den getrennten Liebenden erfährt, spannt sie ihren Bruder ein und nutzt diplomatische Wege, um Jakob nach Versailles zu holen. Endlich sind die Liebenden wieder vereint. Ihr ungetrübtes Glück dauert jedoch nicht lange, denn die Französische Revolution bricht aus. Capus erzählt eine berührende Geschichte von einer großen Liebe, die alle Widerstände überwindet und lange Jahre der Trennung überdauert. Max und Tina diskutieren und streiten, wie sie das immer tun, obwohl sie sich lieben und in den wirklich wichtigen Dingen übereinstimmen. Tina protestiert, wenn die Geschichte ihrer Meinung nach kitschig oder unglaubwürdig zu werden droht. Max verteidigt seine Version. Das Ganze wird mit viel Humor und Wortwitz erzählt. Capus' Roman ist kurz, aber kein Leichtgewicht. Die gewählte Struktur ist raffiniert - eine Geschichte in der Geschichte - und sprachlich virtuos, manchmal drastisch; ... quer durch den Wald an urinierenden, defäkierenden und kopulierenden Hochadligen vorbei,..." (S. 112). Den französischen Hof beschreibt er so: "..., überall diese parfümierten und gepuderten Hofschranzen, diese Gecken und Speichellecker mit ihren Hintergedanken, (...), rund um die Uhr wimmelt es im Schloss von müßiggängerischen, nichtsnutzigen Claqueuren, überall unterwürfige Lakaien, selbstgefällige Galane, läufige Hunde und kaltgeile Kokotten, an jeder Ecke lauern geschminkte und parfümierte Blutsauger und Lustknaben, nirgends ist man sicher vor dem hündischen Gehechel der Schmarotzer, dem Gewinsel der Intriganten, dem schwanzwedelnden Kratzbuckeln der Parasiten und Manipulateure und ihrem falschen Gesäusel, ihrer devoten Knickserei -..." (S. 73). So ein Satz nimmt schon mal eine ganze Seite ein. Ich habe den Roman gern gelesen und bleibe weiterhin ein Fan von Alex Capus.

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Im Mittelpunkt von Sofia Lundbergs Roman "Das rote Adressbuch" steht Doris, inzwischen 96 Jahre alt und auf fremde Hilfe angewiesen. Eine Pflegerin hat ihr den Umgang mit dem Laptop gezeigt. So kann sie mit ihrer geliebten Großnichte Jenny in den USA einmal wöchentlich skypen. Jenny ist ihre einzige noch lebende Verwandte. Von daher ist ihr der Kontakt zu ihr und den Kindern besonders wichtig. Doris' liebster Besitz ist ihr rotes Adressbuch, das ihr Vater ihr zum 10. Geburtstag geschenkt hat. Hier stehen die Namen all der Menschen, die in ihrem Leben von Bedeutung waren, nicht alle jedoch liebenswert und geliebt. Inzwischen sind sie fast alle tot. Doris weiß, dass ihre Tage gezählt sind und schreibt die Geschichte(n) ihres ereignisreichen Lebens anhand dieser Namensliste auf. Daraus entsteht das Porträt einer langen, teilweise gefährlichen Reise durch Länder und Kontinente. Doris beschreibt ein Leben mit Höhen und Tiefen, wobei ihre glamouröseste Zeit sicher die als blutjunges Mannequin in Paris war, bis der Zweite Weltkrieg ihre Karriere beendete und sie zugleich von der Liebe ihres Lebens trennte, dem Halbamerikaner Allan Smith. Der herzerwärmende Roman ist eine Geschichte von Liebe und Verlust, ein Plädoyer für die Liebe, die alle Katastrophen überdauert. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. Da ist einmal die überwiegend chronologische Erzählung von Ereignissen anhand der beteiligten Personen, zum anderen in der Erzählgegenwart Doris' aktuelle Situation, wenn sie mit Blick auf das nahende Ende Begebenheiten rekapituliert. Doris erlebt sehr traurige Dinge in ihrem langen Leben, aber ihre Großnichte Jenny beweist ihr auf anrührende Weise ihre Liebe und macht ihr am Ende ein überraschendes Geschenk. Ich habe den auch sprachlich überzeugenden Roman sehr gern gelesen.

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Im Mittelpunkt von Delphine de Vigans neuem Roman "Loyalitäten" stehen die zwölfjährigen Jungen Théo Lubin und Mathis Guillaume, ihre Eltern sowie ihre Lehrerin Hélène. Théos Eltern sind geschieden und erbitterte Feinde. Der Junge lebt im wöchentlichen Wechsel bei Vater und Mutter und wird zwischen beiden aufgerieben. Théo darf über den jeweils anderen nicht sprechen. Dabei ist der desolate Zustand seines Vaters, eines arbeitslosen Alkoholikers und Tablettensüchtigen, der unter Depressionen leidet und in seiner vermüllten Wohnung kaum noch das Bett verlässt, für den Jungen eine schwere Bürde. Théo verschafft sich täglich durch größere Mengen hochprozentigen Alkohols Erleichterung. Sein Freund Mathis trinkt aus Solidarität zunächst mit. Nur Hélène, die Lehrerin der Jungen, spürt aufgrund ihrer eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen, dass mit Théo etwas nicht stimmt. Sie versucht, ihre Kollegen zu sensibilisieren und an die Eltern heran zu kommen - vergeblich. Weil sie sich bei ihren Bemühungen zu helfen zu weit aus dem Fenster lehnt, bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten. Cécile, die Mutter von Mathis, bemerkt aufgrund einschlägiger Erfahrungen den Alkoholkonsum ihres Sohnes, ist aber in ihrer kriselnden Ehe zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Sie ist im Computer auf eine bisher unbekannte verabscheuungswürdige Seite ihres Mannes gestoßen. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Nur Mathis weiß Bescheid und muss sich entscheiden, was genau in dieser Situation Loyalität bedeutet: Hilfe suchen oder schweigen. Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt: Théo und Mathis, Cécile und Hélène, wobei die beiden Frauen als Ich-Erzählerinnen fungieren. Dadurch wird sehr deutlich, dass alle vier beschädigte Persönlichkeiten sind. Der Roman enthält eine gute Portion Gesellschaftskritik. In einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus, das Zerbrechen von Familien, Gewalt und Missbrauch verbreitete gesellschaftliche Probleme sind, darf niemand wegschauen. Die Autorin stellt überzeugend dar, welche Verheerungen diese Missstände bei Kindern und Jugendlichen anrichten. Für die Autorin heißt sich loyal verhalten aktiv werden, sich kümmern. Der kurze Roman, den ich keineswegs schwächer finde als die Vorgänger, bringt den Leser zum Nachdenken - nicht zuletzt durch sein offenes Ende. Gibt es eine Rettung für Théo? In meinen Augen bestätigt die Autorin ihren Ruf als eine der wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

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Jennifer Egans neuer Roman "Manhattan Beach" ist zugleich historischer Roman und Krimi. Die Autorin zeichnet ein gut recherchiertes Porträt von New York zur Zeit der Wirtschaftskrise und während des Zweiten Weltkriegs. Eddie Kerrigan, der Vater der Protagonistin Anna, arbeitet zunächst als Laufbursche für einen Gewerkschaftsboss, später für Dexter Styles, einen reichen und mächtigen Gangster, der verschiedene Nachtclubs besitzt. Eines Tages begleitet die 11jährige Anna ihren Vater zum Anwesen der Styles und lernt dessen Familie kennen. 8 Jahre später ist der Vater seit 5 Jahren spurlos verschwunden. Anna kümmert sich mit Mutter Agnes um die schwerstbehinderte jüngere Schwester Lydia. Zunächst führt sie in der Werft Messungen durch, dann bewirbt sie sich als erste Frau um eine Ausbildung als Taucherin - anfangs vergeblich. In dieser reinen Männerdomäne will man keine Frauen. Doch eines Tages überwindet sie alle Widerstände und repariert von da an mit ihren Kollegen Kriegsschiffe in der Werft. Als sie eines Tages einen Nachtclub besucht, sieht sie Dexter wieder, der sie aber nicht erkennt. Sie bemüht sich um Kontakt zu ihm, weil sie glaubt, dass er etwas über den Verbleib ihres Vaters weiß. Anna hat nie aufgehört, nach ihm zu suchen, ihn zu vermissen. Sie ist überzeugt, dass er wegen seiner Tätigkeit für das Syndikat sterben musste. Dexter Styles hat tatsächlich Informationen für sie. Dexter und Anna fühlen sich zueinander hingezogen und bringen sich damit in Lebensgefahr. Der vielschichtige Roman wird aus drei verschiedenen Erzählperspektiven mit mehreren Wechseln der Zeitebene erzählt. Der Leser blickt aus Annas, Eddies und Dexters Sicht auf die Ereignisse. Jeder der drei hat ein Geheimnis. Ihre Schicksale sind unauflöslich miteinander verknüpft, wie erst allmählich deutlich wird. Neben der Krimihandlung gewährt die Autorin Einblick in den zeitgenössischen Kontext: die Kriegsereignisse ebenso wie die Stellung der Frau in der damaligen Gesellschaft, die Rolle der Gewerkschaften und des organisierten Verbrechens. Sehr detaillierte Beschreibungen von Tauchgängen samt Ausrüstung und den mit der Arbeit in der Tiefe verbundenen Gefahren zeigen, dass Egan auch hier sehr gründlich recherchiert hat. Neben den genannten Figuren ist jedoch das Meer der heimliche Protagonist dieses Romans, denn nicht das städtische New York steht im Mittelpunkt, sondern Brooklyn und Manhattan Beach. Die Autorin teilt die Faszination ihrer Protagonisten für den Sehnsuchtsort Meer und seine symbolische Bedeutung, seine reinigende und erneuernde Kraft, aber auch seine sichtbare Oberfläche mit einem verborgenen Untergrund, die die Ereignisse auf der Handlungsebene spiegelt. Mir hat der auch sprachlich anspruchsvolle Roman gut gefallen. Spannung bezieht er vor allem aus der Tatsache, dass die verschiedenen Erzählstränge erst gegen Ende zusammengeführt und erst dann alle zurückgehaltenen Antworten gegeben werden. Der Leser braucht etwas Geduld, aber es lohnt sich.

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In Dennis Lehanes neuestem Roman "Der Abgrund in dir" (Originaltitel: "Since We Fell") steht Rachel Childs, die im Prolog in einer Vorwegnahme späterer Ereignisse ihren Ehemann erschießt, den sie liebt und der sie ebenfalls liebt. Nicht nur wegen seiner weiblichen Protagonistin ist dieser Thriller anders als alle Romane von Dennis Lehane, die ich kenne. Bei Lehane erwarte ich eine spannende lineare Handlung, die bis zur Auflösung einen einzigartigen Sog entwickelt. Dieser Roman besteht aus mehreren unterschiedlichen Teilen und ist nicht durchweg spannend. Nach dem furiosen Auftakt wird in der ersten Hälfte Rachels Vorgeschichte nachgeholt. Sie ist eine beschädigte Persönlichkeit, und das hat ihre alleinerziehende Mutter Elizabeth Childs, eine Autorin von Selbsthilferatgebern, zu verantworten. Sie ist unglücklich und verbittert und gibt ihre negative Lebenseinstellung erfolgreich an ihre Tochter weiter, der sie mit sadistischem Vergnügen die Identität des Vaters vorenthält. Als sie bei einem Unfall stirbt, nimmt sie ihr Geheimnis mit ins Grab. Die 17jährige Waise Rachel wird viele Jahre lang versuchen, ihren unbekannten Vater zu finden. Dennoch wird aus ihr eine erfolgreiche Journalistin, bis sie eines Tages vor laufender Kamera einen Nervenzusammenbruch hat. Das ist das Ende ihrer Karriere und ihrer Ehe mit dem Produzenten Sebastian. Ihre psychischen Probleme verstärken sich. Sie leidet unter Panikattacken, diffusen Ängsten, Depressionen und einem grotesk geminderten Selbstwertgefühl. Ihr neuer Ehemann Brian Delacroix hilft ihr aus dem Tief heraus ins Leben zurück. Er ist ein sehr attraktiver, charmanter Geschäftsmann. Mit ihm ist sie glücklich, bis sie eines Tages eine Entdeckung macht, die alle Gewissheiten mit einem Schlag vernichtet. Als ihr journalistischer Spürsinn sie dazu bringt, Nachforschungen anzustellen, wird sie in eine tödliche Intrige verwickelt und mit Verrat und Mord konfrontiert. Plötzlich ist sie eine Frau auf der Flucht, die ihre Lähmung überwinden und all ihre verborgenen Reserven an Mut und innerer Starke mobilisieren muss, um zu überleben. Wird es ihr gelingen? Die zwei Hälften des Romans fallen so deutlich auseinander, dass der Leser sich fragt, was Rachels ausführlich dargelegte Kindheit und Jugend mit der eigentlichen Thriller-Handlung zu tun haben. Zudem gibt es in der zweiten Hälfte zahlreiche überraschende Wendungen und nicht immer plausible Zufälle, die das Tempo forcieren und die Spannung erhöhen. Die Kombination von typischer Thriller-Handlung und Psychogramm einer gestörten Persönlichkeit ist zumindest ungewöhnlich, der Roman streckenweise so düster, dass der Titel eines Lehane-Romans aus dem Jahr 1996 gut passen würde: Darkness, Take My Hand . Trotz unübersehbarer Längen habe ich den Roman gern und vor allem zügig gelesen.

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Jardine Libaires Roman "Uns gehört die Nacht" ist die Geschichte einer großen Liebe. Dabei spielt der deutsche Titel auf die sexuelle Leidenschaft der ungleichen Partner an, während sich der Originaltitel "White Fur" auf einen sehr vorteilhaften Tausch der jungen Elise mit einem zugedröhnten Mädchen bezieht. Dieser weiße Kaninchenfellmantel ist fortan ihr ständiger Begleiter. Elise Perez ist durch ihre Mutter halb Puerto-Ricanerin. Sie stammt aus einem sehr benachteiligten Milieu, wo Drogen, Alkohol, Kriminalität und Gewalt verbreitet sind. Elise ist ohne Vater aufgewachsen und hat keinen Schulabschluss. Eines Tages hält sie es zu Hause nicht mehr aus und geht nach New Haven. Robbie, ein junger Schwuler, findet sie eines Tages in seinem Auto und nimmt sie bei sich auf. Er ist ihr einziger Freund, bis sie eines Tages ihre Nachbarn, die jungen Yale-Studenten Jamey und Matt kennenlernt. Elise verliebt sich in Jamey, und nach einiger Zeit wird ihr Interesse erwidert. Der schüchterne, unerfahrene Jamey und Elise mit der Ghetto-Vergangenheit beginnen eine leidenschaftliche Affaire. Allmählich entwickelt sich die obsessive Beziehung zu einer tiefen Liebe. Als Jamey nach dem ersten Studienjahr ein Praktikum bei Sotheby¿s in New York macht, lebt er mit Elise in einer geliehenen Wohnung. Es kommt zu immer neuen Konflikten mit der Familie, denn die unermesslich reichen Investmentbanker-Dynastie Hyde legt der Mesalliance zwischen ihrem Sprössling und der inakzeptablen Angehörigen der armen Unterschicht immer wieder Hindernisse in den Weg. So geht es in dem Roman nicht nur um eine Liebesgeschichte, sondern auch um gesellschaftliche Klassen, Geld und Macht. Jamey, dem immer alles zugefallen ist und dessen berufliche Zukunft auch jetzt schon gesichert ist, muss für sich entscheiden, was er zu opfern bereit ist und den Konflikt mit der Familie aushalten. Das ist ohne schwerwiegende persönliche Folgen nicht zu schaffen. Mir hat der Roman gefallen, auch wenn das zugrundeliegende Muster der folgenschweren Begegnung von Aschenputtel und dem Prinzen nicht neu ist. Das vorangestellte Zitat aus Shakespeares "Romeo und Julia" passt insofern nicht so gut, als diese Liebenden nicht verschiedenen Schichten, sondern verfeindeten Familien angehörten. Dennoch lohnt sich die Lektüre dieses ebenso zärtlich-poetischen wie brutal-realistischen Romans - nicht zuletzt, weil er die Atmosphäre im New York der 80er Jahre perfekt einfängt.

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In Tom Rachmans drittem Roman "Die Gesichter" ((Originaltitel: "The Italian Teacher" ) geht es um eine ganz besondere Vater-Sohn-Beziehung. Bear Bavinsky, der berühmte Maler, lebt nur wenige Jahre in Rom mit seiner dritten Ehefrau Natalie und seinem Sohn Charles , genannt Pinch, zusammen, bevor er sie für eine andere Frau verlässt, mit der er bereits Kinder hat. Natalie ist Töpferin und will sich ebenfalls als Künstlerin durchsetzen. Ihr Mann fördert diese Bestrebungen nicht, sondern hindert sie an ihrer künstlerischen Entfaltung. Charles liebt und bewundert seinen Vater. Ein Leben lang wird er versuchen, seine Liebe und Anerkennung zu erringen. Er ist der eigentliche Protagonist des Romans. Beginnend im Jahr 1950 bis zu seinem Tod im Jahr 2018 wird sein Leben im Schatten des großen Mannes erzählt. Für Bear Bavinsky ist nur er selbst wichtig. Seiner Kunst muss sich alles andere unterordnen. Birdie, eines seiner siebzehn Kinder, wird nach seinem Tod formulieren "Ach, Daddy. Die Kunst war so viel besser als der Mensch." (S. 364). Auch Charles will Maler werden, und seine Mutter hält ihn für sehr talentiert. Sein Vater Bear beendet jedoch nach einem flüchtigen Blick auf ein Bild seines Sohnes diese Ambitionen mit einem einzigen grausamen Satz: "¿aber ich muss dir sagen, Kiddo, ein Maler bist du nicht, und du wirst auch nie einer werden." (S. 99). In Wirklichkeit duldet er lediglich keine Konkurrenz und schon gar nicht aus der eigenen Familie. Gegen Ende seines Lebens, als es für alles fast zu spät ist, macht er Charles zu seinem Nachlassverwalter und betont seine besondere Stellung in der Reihe seiner Nachkommen. Geprägt von einem egozentrischen Giganten mit zahlreichen Ehefrauen und unzähligen Geliebten bleibt für Charles bis dahin jedoch nur ein Leben in der Mittelmäßigkeit, ein immerwährendes Scheitern in privaten Beziehungen und in seinem beruflichen Werdegang. Er wird nicht Künstler, auch nicht Kunsthistoriker und Biograph seines Vaters, sondern Lehrer für Italienisch an einer unbedeutenden Londoner Sprachschule. Am Ende bleiben ihm Marsden McClintock, ein Freund aus der Studienzeit, und Kollegin Jing aus der Sprachschule. Sie sind die einzigen außer dem Leser, die wissen, dass Charles schließlich einen nicht ganz ungefährlichen Weg gefunden hat, sich selbst seinen Wert zu beweisen. Er sucht keinen Schuldigen für sein lebenslanges Versagen. Der Roman zeichnet jedoch nicht nur exemplarisch das Leben eines Sohnes im Schatten eines übermächtigen Vaters nach. Es geht auch um eine Vielzahl anderer Themen. Steht der bedeutende Künstler über der Moral und kann rücksichtslos tun und lassen, was er will? Was ist Kunst, und wer bestimmt ihren Wert? Welche Rolle spielen dabei Galeristen und alle anderen, die mit der Kunst Geschäfte machen? Wie wichtig ist Authentizität? Mir hat der Roman sehr gut gefallen, und ich habe mich keinen Augenblick gelangweilt. Neben Einblicken in die Kunstwelt gibt es sehr traurige Episoden, aber auch Humor und Bonmots wie die Aussage, dass Leute mit Geld über Kunst reden, Künstler dagegen nur über Geld. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

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Jane Gardams Coming-Of-Age Roman "Weit weg von Verona" erschien im Original bereits 1971 unter dem Titel "A Long Way From Verona." Er berichtet über eine Phase im Leben der 13jährigen Protagonistin Jessica Vye, die im Alter von 9 Jahren ein einschneidendes Erlebnis hatte. Ein berühmter Schriftsteller versucht durch Vortrag und Lesung, die Kinder für Literatur zu begeistern und Jessica bittet ihn, sich alles anzusehen, was sie bis dahin geschrieben hat. Er hält sie für die geborene Schriftstellerin, und von da an ist sie von diesem für sie vorgezeichneten Weg nicht mehr abzubringen. Jessica ist ein sehr selbstbewusstes Mädchen, das Autorität nicht anerkennt und kompromisslos in jeder Situation sagt, was sie denkt, auch wenn sie sich dadurch immer wieder in Schwierigkeiten bringt und sich diverse Schulstrafen einhandelt. Sie ist ein wenig zur Außenseiterin geworden und hat in Florence nur eine einzige Freundin. Erstaunlicherweise bezieht sich ihre Auflehnung nicht auf ihre Eltern, denn ihren Vater, der erst spät zu seiner Berufung als Geistlicher gefunden hat, liebt sie sehr. Ein prägendes Erlebnis ist auch eine Einladung bei reichen Leuten, wo sie einen ganz anderen Lebensstil kennenlernt und in dem 14jährigen Christian einem jungen Revolutionär begegnet. Sehr reizvoll ist an Gardams Debütroman die Einordnung in den historischen Kontext. Die Geschichte spielt mitten im Zweiten Weltkrieg und vermittelt treffend die damaligen Lebensumstände: nächtliche Bombenangriffe, Gasmasken, Lebensmittelmarken, verbreitete Armut und Knappheit von Ressourcen. Mir hat dieser Roman gut gefallen, bin ich doch längst ein Fan der Old-Filth-Trilogie, die in Deutschland ihren schriftstellerischen Ruhm begründet.

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"Opfer" von Pierre Lemaitre ist der dritte Band einer Trilogie und erschien im Original bereits 2012 unter dem Titel "Sacrifices". Im Mittelpunkt steht wieder der kleinwüchsige Kommissar Camille Verhoeven. In diesem Band geht es um einen ungeheuer brutalen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft in der Passage Monier in Paris. Anne Forestier, eine etwa 40jährige sehr attraktive Kundin, kommt den drei Gangstern in die Quere und wird durch Schläge und Tritte so schwer verletzt, dass sie nur so eben überlebt. Sie wird für immer gezeichnet sein. Anne Forestier ist seit einigen Monaten die Freundin des Kommissars, der auf den Überwachungsvideos entsetzt mit ansehen muss, wie die Gangster die Zeugin malträtieren. Unter Verstoß gegen alle Dienstvorschriften reißt Verhoeven die Ermittlungen an sich. Er vertraut sich seinen Freunden nicht an und versucht, den Fall im Alleingang zu lösen. Für ihn gibt es schon bald kein Zurück mehr, und er setzt alles auf eine Karte. Er will Anne Forestier vor ihrem Verfolger retten, der sie immer wieder aufspürt. Hinzukommt, dass Verhoeven die Ermordung seiner Frau Irene vier Jahre zuvor nie überwunden hat. Die eigentliche Romanhandlung umfasst nur drei Tage, wobei die Zeitangaben jeweils als Kapitelüberschriften fungieren. Die Erzählperspektive wechselt - von Camille zu Anne, und sogar der namenlose Gangster kommt immer wieder als Ich-Erzähler zu Wort. Der gebannte Leser ist sehr nah dran an der Geschichte, die in Echtzeit im Präsens erzählt wird. Die Handlung wird immer komplexer, und nichts ist, wie es scheint. Das betrifft auch die Identität von einigen handelnden Personen. Am Ende löst der Kommissar den Fall mit äußerst unkonventionellen Methoden und ohne Rücksicht auf Verluste. Den Schluss empfinde ich als halboffen. Eine Fortsetzung ist möglich. Ich möchte noch eine Anmerkung zum Titel hinzufügen. Der deutsche Titel "Opfer" ist doppeldeutig: Es könnten Opfer von Unfällen oder Verbrechen sein oder die Opfer, die wir für die Menschen bringen, die wir lieben. Beide Bedeutungen erscheinen passend, denn über weite Strecken ist nicht klar, wer hier Opfer, wer Täter ist. Der Originaltitel "Sacrifices" bezieht sich eindeutig auf die zweite Bedeutung. Ich fand den Roman sehr lesenswert und spannend und habe vor allem die zunehmende Komplexität der Handlung genossen.

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In ihrem Roman "Häuser aus Sand" erzählt die palästinensisch-amerikanische Autorin Hala Alyan die Geschichte der Palästinenser-Familie Yacoub über vier Generationen, beginnend im Jahr 1963 mit der Großmutter Salma. Sie lebt seit fünfzehn Jahren in Nablus im Westjordanland, nachdem sie ihre geliebten Orangenhaine in Jaffa aufgeben musste. Sie hat drei Kinder. Der Sohn Mustafa stirbt 1967 im Sechstagekrieg. Die Tochter Alia heiratet Mustafas besten Freund Atef. Alia ist die zentrale Figur dieses Romans, zunächst als Tochter, dann als Mutter, schließlich als Großmutter der vierten Generation. Als die Familie in Nablus nicht mehr sicher ist, gehen Alia und Atef in das ungeliebte glühend heiße Kuweit. Dort lebt auch die älteste Schwester Riham mit ihrem Mann. Salma und zahlreiche Verwandte und Freunde von früher sind nach Amman in Jordanien gezogen, wo Alia sie öfter besucht. Als sie auch Kuweit verlassen müssen, ziehen sie in ihre Wohnungen in Beirut. Ihre Kinder leben in Paris, in den USA und schließlich auch im Libanon. Erzählt wird diese Familiengeschichte chronologisch mit kapitelweise wechselnder Perspektive von 1963 bis 2014. Ein Stammbaum zu Beginn des Romans hilft dem Leser, nicht die Orientierung zu verlieren. Vertreibung und Entwurzelung sind die großen Themen des Buches. Die Yacoubs verlieren ihr Land und ein Haus nach dem anderen. Nichts ist von Dauer, es gibt keine Garantie, für nichts. Die Autorin durchbricht insofern den Erwartungshorizont des Lesers, als es hier nicht um halbverhungerte, ständig vom Tod bedrohte Lagerbewohner geht, sondern um eine gut situierte Familie der oberen Mittelschicht, die, auch wenn sie immer wieder ihr Haus und ihr Land verliert, über genügend finanzielle Reserven verfügt, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Dennoch bleibt der Verlust der Heimat eine schmerzliche Erfahrung, die sie alle prägt. Sie versuchen, in der Erinnerung zu bewahren, was sie verloren haben. Dabei kann die Sehnsucht nach Vergangenem so zerstörerisch wirken wie eine Krankheit. Die alte Salma gibt ihren Kindern ihre Überzeugung "Man darf nie vergessen." (S. 181) mit auf den Weg. Das Leben kümmert sich nicht um das Schicksal des Einzelnen: "Es geht einfach weiter" (S. 343). Mir hat dieser auch sprachlich hervorragende Roman gut gefallen. Man kann ihn als Familiensaga lesen oder den Blick auf die traumatische Erfahrung der permanenten Entwurzelung richten. Alyans Roman ist ein beeindruckendes Beispiel von Migrantenliteratur und damit in jeder Hinsicht brandaktuell.

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