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Alle Rezensionen von cosmea

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In eisiger Nacht" ist Tony Parsons vierter Kriminalroman in der Serie um den Ermittler Max Wolfe. Eines Tages wird die Polizei informiert, dass in Londons Chinatown ein verdächtiger Lastwagen geparkt ist. Die Polizei findet in dem Kühllaster die Leichen von elf erfrorenen Frauen. Eine zwölfte liegt im Sterben. 13 aufgefundene, überwiegend gefälschte Pässe deuten darauf hin, dass es eine weitere Frau gibt, die sich jedoch nicht im Kühlraum aufgehalten hat. Tom Wolfe setzt alles daran, den Tod der Frauen aufzuklären und die Verschwundene zu finden. Die Spuren führen in die Nähe von Calais, wo sich illegale Flüchtlinge aufhalten, die bereit sind, alles für eine Einreise nach Großbritannien zu riskieren. Max Wolfe hat es mit Menschenschmuggel und der Ausbeutung von Frauen in dubiosen Etablissements zu tun. Er selbst geht hohe Risiken ein, findet er doch lange keinen Anhaltspunkt, welcher kriminelle Clan hinter dem Verbrechen steht. Die Dinge eskalieren, es gibt weitere Tote - auch bei der Polizei -, bis Wolfe die Zusammenhänge durchschaut. Der Roman erzählt spannend und temporeich eine Geschichte, die brandaktuell ist. Sein Ermittler ist ein sympathischer Protagonist, den man als Leser gern begleitet. Er ist alleinerziehender Vater von Scout, seiner 6jährigen Tochter und kümmert sich um sie und um den geliebten Familienhund Stan. Max fühlt sich zu seiner Kollegin Edie Wren hingezogen und muss sich irgendwie mit seiner strengen Chefin Whitestone arrangieren. Mir hat das Buch gut gefallen, und ich werde sicher auch die drei vorausgehenden Bände lesen.

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"Die amerikanische Prinzessin", das neue Buch der sehr erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten niederländischen Sachbuchautorin Annejet van der Zijl, erzählt eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Allene Tew wurde 1872 in der amerikanischen Provinz geboren, wurde durch ihre ersten Ehen immens reich, obwohl ihr Vater der am wenigsten ehrgeizige Spross einer großen und schon in der zweiten Generation erfolgreichen und gesellschaftlich anerkannten Familie aus den Chatauqua County war. Aus der ersten Ehe stammten ihre drei Kinder, von denen Tochter Greta und Sohn Ted das Erwachsenenalter erreichten, aber im Jahr 1918 beide starben. Ihre ersten beiden Ehen wurden geschieden. Anson Burchard, ihr dritter Ehemann, war die Liebe ihres Lebens, verstarb aber ebenfalls viel zu früh. Die Witwe ging 1927 an Bord der Mauretania und begann in Europa ein neues Leben. Sie heiratete einen Prinzen, danach noch einen russischen Grafen. Sie war trotz mehrerer Wirtschaftskrisen eine sehr reiche Frau und auch deshalb eine gute Partie für verarmte europäische Adlige. Sie führte ein Leben im Luxus reiste sehr viel, hatte zahlreiche Häuser in Europa und den USA und ein Netzwerk von Freunden, die ihr Leben begleiteten, denn von ihrer engsten Familie war bis auf den Stiefsohn aus der vierten Ehe, den sie wie einen eigenen Sohn behandelte, niemand übrig. In ihrer sorgfältig recherchierten Biografie beschreibt die Autorin ein Frauenleben vor dem Hintergrund von zwei Weltkriegen, einer Revolution, Wirtschaftskrisen und verschiedenen gesellschaftlichen Umbrüchen. Allene musste immer wieder Verluste hinnehmen, verlor die Menschen, die ihr nahestanden, aber sie gab nie auf. Sie ging unbeirrbar ihren Weg und besaß den Mut und die Kraft, immer wieder neu anzufangen. Sie hat ihr Motto "Courage all the time" tatsächlich gelebt. Allene schaute niemals zurück, immer nur nach vorn und sprach nie über Trauer und Schmerz. Die Autorin hat über diese ungewöhnliche Frau keine trockene Abhandlung , sondern eine sehr lebendige, gut geschriebene Biografie verfasst, die zugleich ein Abriss der Geschichte des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Ich spreche dafür eine unbedingte Empfehlung aus.

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In dem Roman "Ein mögliches Leben" von Hannes Köhler geht es um deutsche Soldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, ein Thema, über das ich bisher sehr wenig wusste. Der fast 90jährige Franz Schneider erzählt seinem Enkel Martin, dass er die Orte in Texas und Utah, an denen er gefangen gehalten wurde, gern noch einmal sehen würde. Martin ist einverstanden. Sie begeben sich auf eine Reise in die Vergangenheit und entwickeln dabei ein neues Verständnis für einander und eine nie dagewesene Nähe. Martins Leben befindet sich gerade im Umbruch, und ihm tut ein bisschen Abstand und Zeit zum Nachdenken ebenfalls gut. Der Großvater erzählt viel vom Krieg und der Zeit danach. Vom eigenen Vater von klein auf indoktriniert ist er als Anhänger Hitlers in den Krieg gezogen. Die Realität des Krieges hat ihn aber bald bekehrt. Im Lager findet er Freunde, vor allem den Deutschamerikaner Paul, der dem einfachen Bergmann die englische Sprache und Bücher näher bringt, aber er hat es auch mit gefährlichen Unbelehrbaren zu tun, die noch immer an den Endsieg glauben und auch im Lager vor Mord nicht zurückschrecken, um angebliche Verräter zu bestrafen. Das alles wird nicht in einer zusammenfassenden Erzählung dargeboten, sondern in lebendigen Szenen, die die Geschehnisse vor 70 Jahren sehr präsent werden lassen. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, springt ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Martin und seine Mutter Barbara erfahren nun endlich, welchen Einfluss die Erlebnisse des Großvaters auf die Familie hatten und wie sie sogar bis in die Gegenwart fortwirken. Endlich versteht die Mutter, was zu der enormen Distanz und Kälte geführt hat, die das Leben der Familie bestimmt hat. Franz Schneider hatte nach Kriegsende die Wahl zwischen der Auswanderung in die USA und einem Leben in Deutschland. Er hat sich für die endgültige Rückkehr nach Deutschland entschieden, weil er seine Frau Johanna kennengelernt hatte und Tochter Barbara geboren wurde und seine Frau sich weigerte zu emigrieren. So beschreibt der Roman nicht nur die Verhältnisse in den amerikanischen Lagern bis zum Kriegsende, sondern auch, was es für Franz Schneider bedeutete, sich gegen ein Leben in der Weite und Freiheit der USA und möglicherweise sogar gegen die Liebe seines Lebens zu entscheiden, gegen den möglichen, aber nie verwirklichten Traum. Durch die Gespräche mit Tochter und Enkel nach der Rückkehr gibt es endlich eine späte Chance für eine Annäherung. Mir hat der Roman gut gefallen. Die Geschichte liest sich spannend. Charakterisierung und sprachliche Gestaltung überzeugen. Ein sehr interessantes Buch.

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Mit "Die Herzen der Männer" ("The Hearts of Men" ) legt Nickolas Butler seinen zweiten Roman nach dem erfolgreichen Debüt "Shotgun Lovesongs" vor, das große Erwartungen beim Leser weckt. Auf drei Zeitebenen - 1962 - 1996 und - leicht in die Zukunft verlegt - 2019/2022 - stellt der Autor drei Generationen von Jugendlichen vor, die den Sommer im Pfadfinderlager Camp Chippewa im nördlichen Wisconsin verbringen wollen. Im ersten Teil begegnen wir dem 13jährigen Nelson Doughty. Er hat weder zu Hause noch im Lager Freunde und macht sich auch dadurch unbeliebt, dass er wie besessen Verdienstabzeichen für Wohlverhalten und erfolgreich absolvierte Kurse sammelt. Jonathan Quick, ein etwas älterer attraktiver und beliebter Junge, ist der einzige, der gelegentlich Partei für ihn ergreift, aber dann auch in eine besonders ekelhafte Demütigung des Außenseiters verwickelt ist. Sie bleiben einander dennoch ein Leben lang verbunden. Nelson findet einen Beschützer und Förderer in Wilbur Whiteside, einem Veteran des Ersten Weltkriegs und derzeitigem Lagerleiter, der sich um ihn kümmert, nachdem Nelsons gewalttätiger Vater die Familie verlassen hat. Im zweiten Teil bringt Jonathan Quick seinen frisch verliebten 16jährigen Sohn Trevor ins Sommerlager. Am Vorabend der Ankunft treffen sie nicht nur Nelson in einem Restaurant, sondern der Vater stellt dem Sohn auch seine Geliebte vor und kündigt ihm die Scheidung von Trevors Mutter an. Darüber hinaus versucht er, dem Sohn jegliche Illusionen bezüglich der Beständigkeit von Liebe zu nehmen. Im dritten Teil begleitet die verwitwete und zweimal geschiedene Rachel, Ex-Schwiegertochter von Jonathan Quick, ihren unwilligen 16jährigen Sohn Thomas ins Zeltlager, wo inzwischen Vietnamveteran Nelson Lagerführer ist. Die Tatsache, dass Rachel die einzige weibliche Begleitperson ist, schafft Probleme. In einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse erhält das alte Pfadfindermotto "Allzeit bereit" eine ganz neue Bedeutung. Das letzte Drittel liest sich nicht nur spannender als der Rest. Es zeigt auch, dass die für uns heutzutage schwer verdauliche Pfadfinderideologie mit dem patriotischen Drumherum inklusive Uniformen, Weckruf und Fahnenappell völlig überholt ist und es nahezu niemand mehr gibt, für den der alte Moralkodex in irgendeiner Weise Richtschnur für das eigene Handeln ist. Die Jugendlichen reisen mit Smartphone und Tablet an und interessieren sich nicht im Geringsten für die Natur, die ihnen eigentlich im Camp nahegebracht werden soll. Wer braucht einen Orientierungslauf, wenn er ein Handy in der Tasche hat? Fast alles am Sommerlager wirkt hoffnungslos antiquiert. Die alten Pfadfindertugenden wie Mut, Tapferkeit und Loyalität, die sich so gut als Vorbereitung auf eine militärische Laufbahn zu eignen schienen, sind weitgehend in Vergessenheit geraten. Dennoch macht Butler an Nelson, seinem sympathischen Protagonisten deutlich, dass wir uns trotz all unserer Fehler und Schwächen auch in schwierigen Situationen richtig entscheiden müssen: für das Gute, nicht für das Böse. Wir sollen Engel sein, nicht Teufel. Nicht nur in Bezug auf das Pfadfinderleben ist Butlers Roman autobiografisch. Der Autor spricht hier aus Erfahrung, hat es selbst bis zum Rang des Adlers gebracht. Das zweite wichtige Thema ist die Beziehung von Vätern zu ihren Söhnen. Die Szene im Restaurant, wo der Vater dem Sohn das Zerbrechen der Familie ankündigt, hat Butler selbst erlebt. Im Roman macht er deutlich: den entscheidenden Halt finden Kinder bei ihren Müttern. Butlers neuer Roman ist für mich zwar kein Meisterwerk, aber dennoch durchaus empfehlenswert.

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"Mudbound" ist Hillary Jordans hoch gelobter Debütroman aus dem Jahr 2008. Er spielt in den 40er Jahren in Mississippi. Laura Chappell ist Anfang 30 und arbeitet als Lehrerin in Memphis, als sie den zehn Jahre älteren Henry McAllen kennenlernt. Das Paar heiratet und bekommt zwei Töchter. Eines Tages erfüllt sich Henry seinen Lebenstraum, ohne Laura nach ihrer Meinung zu fragen. Er kauft sich eine abgelegene Baumwollfarm im Mississippi Delta. Fortan lebt die Familie in einem heruntergekommenen Farmhaus ohne jeden Komfort. Zu allem Überfluss müssen sie auch noch mit Henrys unsympathischem Vater zusammenleben, der keine Gelegenheit auslässt, Laura zu schikanieren. Das Leben ist hart, der Ertrag gering. Extreme Witterungsverhältnisse wie Starkregen und Stürme verwandeln die Gegend in eine trostlose Schlammwüste und schneiden die Menschen von der Außenwelt ab. Noch schlechter als den McAllens geht es den Pächterfamilien auf der Farm, die einen beträchtlichen Teil des von ihnen Erwirtschafteten abgeben müssen. Ein Lichtblick für die unglückliche Laura ist die Rückkehr von Henrys jüngerem Bruder Jamie von seinem Einsatz als Bomberpilot. Auch Ronsel Jackson, der älteste Sohn einer farbigen Pächterfamilie, kehrt aus dem Krieg zurück. Er war ein vielfach dekorierter Panzersoldat. Die beiden jungen Männer sind schwer gezeichnet von dem, was sie getan und gesehen haben und haben Schwierigkeiten, ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Es ist die Zeit der Jim Crow-Gesetze. Rassentrennung und allgewärtiger Hass, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Benachteiligung bestimmen den Alltag der Farbigen. Der Ku-Klux-Klan begeht ungestraft seine Verbrechen, Lynchmorde sind an der Tagesordnung. In einem solchen Klima führt die Freundschaft der beiden Ex-Soldaten unausweichlich in die Katastrophe. Erzählt wird die düstere Geschichte aus der kapitelweise wechselnden Perspektive der wichtigsten Figuren. Sie beginnt mit der Ermordung und Beerdigung des rassistischen Schwiegervaters und lässt den Leser den Weg zu diesem Endpunkt nachvollziehen. Man hat nicht den Eindruck, einen historischen Roman zu lesen - in dem Sinne, dass die geschilderten Probleme der Vergangenheit angehören. "Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen", wie es in dem berühmten Faulkner-Zitat heißt. Dies zeigt nicht nur die beträchtliche Zahl von Romanen über Sklaverei und Rassismus, die in den letzten Jahren in den USA erschienen sind, sondern nicht zuletzt auch die überproportional hohe Zahl von farbigen Insassen in amerikanischen Gefängnissen und von Opfern exzessiver Polizeigewalt. Die achtjährige Präsidentschaft Barack Obamas hat den Rassismus nicht beendet, und es ist leider nicht zu erwarten, dass dies unter Donald Trump der Fall sein wird. "Mudbound" ist ein sehr aktueller und überaus lesenswerter Roman, den ich im Original gelesen habe.

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Der wieder aufgelegte Roman "Lied der Weite" (Originaltitel: Plainsong, 1999) von Kent Haruf spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado. Er erzählt die Geschichte von acht Personen, die auf die eine oder andere Weise an einem Scheideweg angekommen sind. Da ist der Lehrer Tom Guthrie mit seinen beiden 9 und 10 Jahre alten Söhnen Bobby und Ike. Seine Frau leidet unter Depressionen, wendet sich von der Familie ab und verlässt sie schließlich. Die 17jährige Schülerin Victoria wird schwanger, ihre Mutter setzt sie vor die Tür. Hilfe findet Victoria bei ihrer Lehrerin Maggie Jones, die sie für einige Tage bei sich aufnimmt und dann bei den Brüdern Harold und Raymond McPheron auf der abgelegenen Rinderfarm unterbringt. Die unverheirateten McPherons haben ihr Leben lang allein gelebt und müssen die Kunst der Konversation erst wieder erlernen. Sie zeigen jedoch Menschlichkeit und Mitgefühl, als es darum geht, spontan zu helfen. Mit der Zeit entwickelt sich von beiden Seiten Zuneigung genauso wie bei Tom Guthrie und seiner Kollegin Maggie Jones. In dem ruhig erzählten Roman geht es nicht um spektakuläre Ereignisse. Der Autor will vor allem zeigen, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Familie wichtig sind. Gemeint sind dabei nicht nur biologisch zusammengehörige Familien. Familien können auch neu zusammengesetzt werden und hervorragend funktionieren: zwei alte Männer geben einer jungen Frau und einem Baby Sicherheit und ein Heim. Die Mitglieder mehrerer zerbrochener Familien machen einen neuen Anfang, übernehmen Verantwortung, verändern sich. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Buch auch die Landschaft der Great Plains, das Wetter, der Wechsel der Jahreszeiten, die Beleuchtung. Die überaus warmherzige Geschichte vermittelt eine optimistische Grundhaltung und ist für den Leser auch aufgrund der sprachlichen Qualität eine positive Erfahrung.

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Hakan Nessers neuer Roman "Der Fall Kallmann" spielt in der schwedischen Kleinstadt K. Der beliebte, aber ausgesprochen exzentrische Schwedischlehrer Eugen Kallmann starb unter nie ganz geklärten Umständen in einem leer stehenden Haus, wo er sich nachts mit jemand treffen wollte und von dem Schüler Charlie gefunden wurde. Sein Nachfolger an der Bergtunaschule wird Leon Berger, der nach einem schweren Schicksalsschlag hier einen neuen Anfang machen will. In seinem Pult findet er unter zahlreichen Papieren auch vier Tagebücher seines Vorgängers mit erstaunlichem Inhalt, eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Kallmann behauptet, einen Mörder an seinen Augen erkennen zu können, bezichtigt sich selbst des Mordes an seiner Mutter im Alter von 11 Jahren und war offensichtlich einem nie entdeckten Verbrechen auf der Spur. Da die Polizei die Akte geschlossen hat, beginnt Berger mit privaten Ermittlungen, zunächst allein, später im Team mit der Beratungslehrerin Ludmilla und dem älteren Kollegen Igor. In ihren Gesprächen stellen die Kollegen fest, dass niemand Eugen Kallmann wirklich gekannt hat und niemand etwas Genaues über ihn weiß. Er ist erst spät nach K. zurückgekommen, hatte keine Freunde und hat sich niemandem geöffnet. Auch unter den Schülern gibt es eine Dreiergruppe bestehend aus der 15jährigen Andrea Wester, ihrer Freundin Emma und dem hochbegabten Sonderling Charlie, die sich wie so viele an der Schule immer wieder die Frage stellt, wer Kallmann wirklich war und welche Umstände zu seinem Tod geführt haben. Erzählt wird in der ich-Form aus ständig wechselnder Perspektive. Die Beteiligten tragen Mosaiksteinchen zusammen, die allmählich ein Bild ergeben. Jedoch kennt nur der Leser am Ende die ganze Wahrheit, nicht aber alle Beteiligten. Sie können die Zusammenhänge teilweise nur ahnen. Nessers Buch ist kein Krimi, sondern ein Roman mit Krimielementen. Er hat eine epische Breite, die dem Aufbau von Spannung zumindest in den ersten beiden Dritteln nicht förderlich ist. Die Auflösung eines unbekannten Mordfalls ist keineswegs das einzige Thema. Genauso wichtig ist die Beschreibung des sich ständig verschlechternden Klimas an der Schule, denn Neonazis treiben ihr Unwesen, und es kommt zu rassistischen und antisemitischen Übergriffen, sogar zu einem Mord an einem jungen Neonazi. Der Leser braucht Geduld und Durchhaltevermögen, wird aber durch sorgfältige Charakterisierung der Hauptfiguren und ein genaues Porträt des schwedischen Schulsystems und des Kleinstadtmilieus entschädigt. Ein atmosphärisch dichter Roman, der sich nicht einfach konsumieren lässt.

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Mit "Leere Herzen" , ihrem neuesten Roman, führt Juli Zeh den Leser in eine nicht allzu ferne Zukunft. Angela Merkel ist abgesetzt. Es regiert in der zweiten Legislaturperiode die rechtsnationale islamfeindliche BBB unter Regula Freyer. Die früheren Anhänger der Traditionsparteien gehen nicht einmal mehr zur Wahl. Die Menschen haben keine Prinzipien und Überzeugungen mehr. Sie haben sich vollständig ins Private zurückgezogen und glauben nicht mehr an die Möglichkeit, die Welt zu verändern oder gar zu retten. In diesem gesellschaftlichen Klima hat Britta Söldner zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak Hamwi eine Firma gegründet, die sich die Brücke nennt und sich nach außen hin als psychotherapeutische Praxis tarnt. Nicht einmal Brittas Mann Richard weiß, womit Britta und Babak so viel Geld verdienen. Besonders glücklich ist Britta bei all dem aber nicht. Sie hat erhebliche gesundheitliche Probleme und ist völlig überarbeitet. Die Lage spitzt sich zu, als ein stümperhaft durchgeführtes Attentat in Leipzig zeigt, dass die Brücke Konkurrenz bekommen hat und man sie aus der Reserve locken will. Britta und Babak versuchen herauszufinden, wer dahintersteckt und geraten in Gefahr. Zehs düstere Zukunftsvision bietet viel Stoff zum Nachdenken, zumal sie Tendenzen der Gegenwart aufgreift und fortschreibt. Der Brexit ist vollzogen, weitere Staaten sind aus der EU ausgetreten und haben das Konzept vom vereinten Europa zum Scheitern gebracht. Können wir die Entwicklung noch aufhalten, verhindern, dass wir und unsere Kinder perspektivlos mit leeren Herzen leben? Überlassen wir die Welt gefährlichen Autokraten? Der spannende, auch sprachlich überzeugende Roman fordert uns auf, wieder Ziele - und zwar nicht nur materieller Art - im Leben zu haben und dafür zu kämpfen. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

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In Iain Reids Debütthriller mit dem schönen deutschen Titel "The Ending", bei dem die Mehrdeutigkeit des Originaltitels "I¿m Thinking of Ending Things" verloren geht, ist ein Paar in einer dünn besiedelten Gegend Kanadas im Auto unterwegs zu der Farm der Eltern des Mannes. Obwohl Jake und die junge Frau erst wenige Wochen zusammen sind, will er sie seinen Eltern vorstellen. Die namenlose Ich-Erzählerin fühlt sich zwar sehr zu Jake hingezogen, äußert aber gleichzeitig immer wieder Zweifel an der Beziehung. Schon der erste Satz - "Ich trage mich mit dem Gedanken, Schluss zu machen" - stimmt den Leser auf die Geschichte ein. Jake und seine Freundin sprechen über eine Menge Dinge, aber sie geben kaum etwas von sich preis. Die junge Frau erzählt nicht, dass ein Stalker sie mit einer Vielzahl von Anrufen belästigt und ängstigt, und Jake scheint ebenfalls Geheimnisse zu haben. Der Leser empfindet die Atmosphäre zunehmend als unheimlich und bedrohlich. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als sie auf der heruntergekommenen Farm eintreffen und Jakes Eltern begegnen. Diese verhalten sich seltsam, so dass es nicht verwunderlich ist, dass Jake und seine Freundin sich trotz der widrigen Wetterverhältnisse noch am selben Abend auf den Heimweg machen. Während der Rückfahrt im Schneesturm treffen sie einige schwer nachvollziehbare Entscheidungen und landen schließlich in einer alten High School mitten in der Einöde. Hier kommt es zum Höhe- und Wendepunkt der Geschichte, den der Leser inzwischen gespannt erwartet. Das Geschehen ist mittlerweile unscharf und irreal wie ein Traum, die Auflösung überraschend, auch wenn die zwischen den Abschnitten eingeschobenen kursiv gedruckten Gespräche zweier Unbekannter den Leser darauf vorbereiten, dass etwas Schlimmes passieren wird. Es wird einen Toten geben, aber was hat diese Leiche mit Jake und seiner Freundin zu tun? Der zunächst verwirrte Leser kommt nach einigem Nachdenken zu dem Schluss, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, was passiert, sondern auf die Schaffung einer Wortkulisse, die Ängste und Unbehagen auslöst. Dabei werden auch eine Reihe von Themen abgehandelt, die dem Autor offensichtlich wichtig sind: Einsamkeit, Beziehungen, Wahrheit und Wirklichkeit, Ängste und Zweifel und nicht zuletzt Identität. In einem Interview hat Reid geäußert, dass er gar nicht so genau wisse, warum er diesen Roman geschrieben habe. Aha. Noch erstaunlicher ist seine Aussage, dieser Roman sei persönlicher als seine zuvor veröffentlichten nicht-fiktionalen Texte über sein Leben. Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Das Buch liest sich nicht schlecht, obwohl ich es nicht außergewöhnlich spannend und gruselig finde. Originell ist es auf jeden Fall, aber schon etwas gewöhnungsbedürftig.

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Die Handlung von Pierre Lemaitres neuem Roman "Drei Tage und ein Leben" spielt 1999 kurz vor Weihnachten in Beauval, einem kleinen Ort in der Provinz. Der 12jährige Antoine lebt bei seiner Mutter. Der Vater hat die Familie verlassen. Odysseus, der Hund des Nachbarn Desmedt, ist ihm das Liebste auf der Welt. Mit ihm und dem 6jährigen Rémi Desmedt, verbringt er seine Tage im Wald, wo er ein Baumhaus baut. Eines Tages erschießt der Nachbar den von einem flüchtigen Autofahrer verletzten Hund, statt ihn zum Tierarzt zu bringen. In unkontrollierbarer Wut zerstört Antoine das geliebte Baumhaus und erschlägt den kleinen Rémi9 mit einem Ast. Anschließend versteckt er die Leiche im Wald und spricht mit niemand über das, was passiert ist. Zwei Tage lang rechnet er jeden Augenblick mit der Entdeckung der Leiche und seiner Verhaftung, aber schwere Stürme verwüsten die Region, und die Suche nach dem verschwundenen Kind hat nicht mehr oberste Priorität. Für Antoine ist von einem Augenblick zum andern nichts mehr, wie es war. Er wird seine Ängste und Schuldgefühle nie mehr los, versucht aber dennoch, ein halbwegs normales Leben zu führen. Er weiß so gut wie der Leser, dass er seiner Strafe nicht entgehen wird, aber bis zur überraschenden Auflösung es ein weiter Weg. Der Roman ist sehr packend. Es ist kein Whodunit - der Täter und die Umstände der Tat sind von vornherein bekannt. Es ist auch kein Krimi, denn es geht nicht um die Erforschung der Vorgeschichte eines Verbrechens. Lemaitre hat einen düsteren Roman, einen "roman noir" geschrieben, in dem er fragt, was nach einer solchen Tat geschieht. Wie lebt man mit dieser Schuld? Kann es danach noch Normalität geben? Goncourt-Preisträger Lemaitre erzählt eine Geschichte, die berührt und beeindruckt. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

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