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Alle Rezensionen von Pedi

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Einen gewöhnlichen Spannungsroman oder Krimi darf man von Friedrich Ani nicht erwarten. Genauso wenig wie einen der üblichen Ermittler. Es sind eigenwillige Figuren, die in Anis Romanen nach so etwas wie Wahrheit suchen. Nach dem, was wirklich passiert ist, als das, was wir Verbrechen nennen, geschah. Unvergessen ist der Vermissten-Finder Tabor Süden, oder auch der Ex-Mönch Polonius Fischer oder der blinde Jonas Vogel. Seit 2015 "ermittelt" der pensionierte Kriminalbeamte Jakob Franck, einst spezialisiert darauf, Todesnachrichten zu überbringen und nun, nach seiner Pensionierung, immer noch dabei, diese ungeliebte, schwierige Aufgabe zu übernehmen. Im aktiven Dienst befinden sich sein Freund und ehemaliger Kollege André Block und die Kommissarin Elena Holland. Sie alle sind nachdenklich, introvertiert, zurückgezogen, mit mehr oder weniger gescheitertem Privatleben und unkonventionell in ihren Ermittlungsmethoden. Und genauso ungewöhnlich sind die Fälle, die den Romanen Friedrich Anis zugrunde liegen. Keine bestialischen Ritualmorde, keine Gewalt im Bandenmilieu, keine politischen Intrigen. Es sind die stillen Fälle, die plötzlich Verschwundenen, die leisen Morde aus Verzweiflung, oder wie in Francks erstem Fall, in Der namenlose Tag , ein 20 Jahre zurückliegender Selbstmord einer 17jährigen, in dem Franck einst ermittelte. Diesmal ist es das Verschwinden des elfjährigen Lennard Grabbe und das Auffinden seiner Leiche 34 Tage später, um das sich das Geschehen dreht. Der Junge kam an einem kalten, stürmischen Wintertag vom Fußball, das Fahrrad war fort, gestohlen und das Handy lag zuhause. Doch was führte ihn fort von der Straße, in der Dunkelheit über den einsamen Spielplatz? Niemand hat etwas gesehen, oder doch, aber nichts Gewisses. Es sind mühsame Ermittlungen, die geführt werden, die Telefondaten aller zur Tatzeit am Tatort eingeloggten Handys müssen überprüft, alle Anwohner befragt und Verdächtige aus der Gegend vernommen werden, zum Beispiel der ehemalige Nachbar, der Lennard oft an der Schule abgepasst hatte. Vor allem müssen die Eltern betreut werden. Mit dem Überbringen der Nachricht vom Tod ihres über alles geliebten Kindes geschah die "Ermordung des Glücks", von dem der Titel spricht. Ani beschreibt die Qual der Mutter, die völlig zerbricht. Ihre Reaktion ist extrem, vielleicht sogar ein wenig zu überspitzt. Aber was ist eine "normale" Reaktion auf einen solchen Verlust? "Lügen hätt ich wollen, so viel lügen und was erzählen, nur damit ich nicht kaputtgeh unter der Wahrheit. Hat nicht funktioniert, die Wahrheit war stärker. Schauen Sie mich an, ich bin so was von aus der Welt. Wie soll ich wieder reinkommen, in die Welt?" Damit reiht sie sich ein in die lange Reihe von aus der Welt und der Zeit gefallenen Personen in den Romanen Friedrich Anis. Und sie ist dem Ermittler Jakob Franck gar nicht so unähnlich. Auch er plagt sich mit Dämonen aus der Vergangenheit, ungelösten Mordfällen, besonders dem an der eigenen Schwester vor vielen Jahren. Er kennt den Schmerz und die Verlassenheit. Vielleicht reden die anderen Untröstlichen, Ratlosen, Verlassenen, Gescheiterten, die das Buch bevölkern so offen mit ihm. Es ist aber auch seine Gabe zum Zuhören, die sie dazu ermuntert. Es ist seine "Gedankenfühligkeit", auf die er vertraut. Dann steht er auch mal stundenlang mit dem Fußball des Jungen unbeweglich auf der Straße und wartet auf Reaktionen der Umwelt. Seine Tiefenbohrungen in die Welt der Menschen fordern Zeit und Geduld. Auch vom Leser. Sie sind praktisch das Gegenteil von Action, statt laut und spektakulär, leise, melancholisch und nachdenklich, statt schnell und atemberaubend, langsam und düster. Einsamkeit ist ein großes Motiv darin und die Verheerungen, die bei denen entstehen, die zurückbleiben. Ebenso, wie Menschen an der Unfähigkeit miteinander zu reden zerbrechen. Die Ehe der Grabbes ist schon lange gescheitert, nun zerbricht sie vollends. Das Buch besteht zum großen Teil aus meisterhaften Monologen, dem verzweifelten Versuch, das Geschehen, das Leben, sich selbst zu verstehen. Darauf, auf das Entschleunigte, muss man sich einlassen können. Genauso wie auf die Düsternis, die unendliche Melancholie und Traurigkeit, die in Anis Büchern herrscht. Auf das gar nicht prächtige München der Randbezirke, der Aussichtslosigkeit. Dann erfährt man bei Friedrich Ani viel über die Menschen und ihren Kampf um ein bisschen Glück, und leider auch oft über ihr Scheitern. Und das in hoher sprachlicher und literarischer Qualität

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Es ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte, die Pierre Lemaitre uns hier erzählt.  Der Mörder steht dabei allerdings von Anfang an fest, auch die Tat wird bereits auf den ersten Seiten geschildert. Sie ist es, die so fassungslos macht. Ein zwölfjähriger, ruhiger, eher in sich gekehrter Junge tötet in einem Moment der rasenden Wut einen kleinen sechsjährigen Nachbarsjungen. Dessen Vater hat seinen von Antoine sehr geliebten Hund, nachdem er von einem Auto angefahren wurde, erschossen. Nicht, um das Tier von seinem Leiden zu erlösen, so schwer verletzt war es wohl gar nicht, sondern schlicht um die Tierarztkosten zu sparen. Er wollte den kleinen Rémi nicht töten, nicht einmal wehtun wollte er ihm. Aber da waren dieser Stock und diese unglaubliche Wut auf dessen Vater und dieser furchtbare Schmerz. Von Panik ergriffen versteckt Antoine die Leiche in einer natürlichen Erdhöhle im Wald. Dabei geht er mit einer verblüffenden Entschlossenheit zu Werk. Pierre Lemaitre schafft es, die Gewissenskonflikte und Ängste, die Antoine umtreiben deutlich und psychologisch schlüssig zu schildern. Er nimmt den Jungen nie in Schutz, entschuldigt nicht, macht aber auch seine Verzweiflung und seine Zerrissenheit zwischen verbergen und gestehen wollen deutlich. Da kommt ihm der Jahrhundertsturm "Lothar" zu Hilfe. Das Waldstück, in dem der kleine Rémi begraben liegt, wird völlig zerstört und unpassierbar.  Aber der Roman endet hier nicht. Zwölf Jahre nach dem für die Öffentlichkeit spurlosen Verschwinden des kleinen Jungen und den Konsequenzen, die dies nach sich zog, soll auf dem einst brachliegenden Gelände ein Freizeitpark entstehen. Das Buch nimmt hier eine Wendung, die hier nicht näher verraten werden soll und bis ins Jahr 2015 führt. Diese beiden neueren Abschnitte haben mich nicht mehr so überzeugt, vor allem ist jede Empathie für den erwachsenen Antoine verschwunden. Das Ende enttäuscht.

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2016 gewann der Roman "Chanson Douce" (Wiegenlied) der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Bereits davor war das Buch ein großer Publikumserfolg. Er schien einen Nerv zu treffen. Das kann nicht nur am leicht reißerischen Auftakt liegen, der den Ausgang des Geschehens vorwegnimmt. "Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine war dagegen am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde." Sicher ist die Tötung von Kindern immer noch etwas besonders grausames, aber unzählige Thriller überbieten sich mittlerweile mit blutrünstigen Einstiegen. Außerdem nimmt das Spektakuläre des Romans sehr bald ab, er wird nüchtern und protokollarisch. Ihn einen Thriller zu nennen würde deswegen auch nicht ganz die Wahrheit treffen. Wahrscheinlich sind es die Umstände, die beschrieben werden und die so sehr den Lebenswirklichkeiten und Ängsten vieler LeserInnen, gerade, aber nicht nur in Frankreich, zu entsprechen scheinen, die den enormen Erfolg des Buches erklären. Es ist eine wahre Tragödie, die ihr Ende bereits zu Beginn erreicht hat, und deren Anfang und Verlauf Leïla Slimani im Verlauf des Romans mit fast chirurgischer Präzision äußerst nüchtern vor uns ausbreitet. Myriam und Paul Massé sind ein Paar der gehobenen Mittelschicht in Paris, gut ausgebildet, sie Juristin, er Musikproduzent. Zwei Wunschkinder, natürlich ein kleines bezauberndes Mädchen und ein süßer Junge kommen auf die Welt, von den Eltern geliebt und verhätschelt. Doch bald nach der Geburt des zweiten Kindes, beginnt der gutaussehenden und talentierten Mutter die berühmte Decke auf den Kopf zu fallen. Eine Rezensentin sprach (zu meinem Missfallen muss ich hinzufügen, entspricht es doch zu sehr dem zurzeit so gängigen Bild des Lebens mit kleinen Kindern) von der "Ödnis des Wickeln-Füttern-Alltags". Dass der Vater in seinem aufregenden Beruf nicht kürzer treten kann, ist selbstverständlich. Die Großeltern stehen nicht zur Verfügung, sondern verwirklichen ihre Träume vom Lebensabend auf dem Land. Also ist klar: Eine Nanny muss her, denn eine Krippe oder ein Hort ist nicht aufzutreiben. Eine Situation, mit der sich sehr viele (gerade gut situierte, gut ausgebildete - und häufiger lesende) Eltern identifizieren können, in Frankreich, wo die überwiegende Anzahl der Frauen schon sehr bald nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückkehren, schon seit geraumer Zeit; mittlerweile aber auch in Deutschland. Generalstabsmäßig wird das "Casting" möglicher Kinderfrauen durchgeführt und tatsächlich ist ihnen das Glück hold. Louise erscheint zu gut, um wahr zu sein. Denn obwohl Myriam und Paul natürlich liberale, offene und im Falle von Paul sogar einem linksorientierten Haushalt entstammende Menschen sind, stellen sie an ihr "Personal" doch ganz konkrete Anforderungen. Auf keinen Fall "Sans Papiers" - als Handwerker oder meinetwegen Putzfrauen gerne, aber doch nicht für die Kinder; dazu möglichst ungebunden, keine eigenen Kinder, denn man fordert Flexibilität, was Verfügbarkeit bedeutet, wann immer man diese benötigt. "Das Wichtigste ist, dass sie flexibel ist und nicht so dröge, dass sie schuftet, damit wir schuften können." Es ist die Arroganz der Vermögenden, der Zahlenden, die bei den Massés sehr bald durchbricht. Und Louise ist die Erfüllung all ihrer Erwartungen, eine wahre Mary Poppins: in mittlerem Alter, alleinstehend, Französin, mit besten Referenzen. Die Kinder lieben sie sofort, der Haushalt läuft bestens, abends steht wunderbares Essen auf dem Tisch, die Kleinen sind gebadet, frisch gekämmt, müde von den Erlebnissen des Tages und zufrieden. Sehr bald können sich die Massés ein Leben ohne ihre "Nounou" nicht mehr vorstellen. Aus Bequemlichkeit geben sie immer mehr Zuständigkeiten ab, ignorieren auch zunehmend unheilvolle Zeichen. Denn Louise ist eine psychisch labile Frau. Von ihrem verstorbenen Mann mit einem Berg an Schulden in äußerst prekären Verhältnissen zurückgelassen, von der sozial auffälligen Tochter ignoriert, kommt sie mit ihrem Haushälterinnengehalt kaum über die Runden, droht ihr die Kündigung ihrer elenden Wohnung in einem der Pariser Banlieus. Diese Labilität verbirgt sie hinter einer äußerlichen Perfektion, die sowohl ihr Äußeres als auch ihre Tätigkeit umfasst und die bald beängstigende Ausmaße erreicht. "Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet." Die Familie Massé wird immer mehr ihr Lebensmittelpunkt. Dabei ist die Beziehung von einem seltsamen, aber typischen Ungleichgewicht geprägt. Während Louise alles über ihre Arbeitgeber weiß, interessieren diese sich überhaupt nicht für ihr Leben, ihre Sorgen, auch nicht, als sie allmählich in eine ausweglose Situation gerät. Leïla Slimani erzählt von dieser unglücklichen Entwicklung spannend und trifft damit den angesprochenen Nerv. Denn wie viele Eltern überlassen nicht jeden Tagen ihre Kinder anderen Menschen, denen sie dahingehend vollkommen vertrauen müssen? Zudem ist das Buch von einem realen Fall aus New York inspiriert worden. Gründe, warum das Buch so interessiert, so erfolgreich ist. Außerdem macht es gesellschaftliche Gegebenheiten sehr deutlich. Man hört immer wieder, dass gerade in Frankreich, vielleicht ähnlich wie in den USA, die sozialen Unterschiede und die Trennung der Schichten deutlicher ausgeprägter sind als bei uns in Deutschland. Aber auch hierzulande prägt sich diese Kluft zwischen "denen da oben" und "denen da unten" immer weiter aus. Die Autorin hat mit "Dann schlaf auch du" einen deutlich soziologisch angelegten Roman verfasst. Der ist dadurch naturgegeben ziemlich konstruiert. Auch die Personen sind für sich genommen recht wenig interessant, sondern eher exemplarisch. Darin liegt mein Kritikpunkt an diesem ansonsten spannenden und aktuellen Roman. Leïla Slimani analysiert und erklärt ihre Figuren und ihre Handlungen fortwährend, anstatt sie zu entwickeln oder literarisch zu durchdringen. Positiv ist, dass sie dabei Uneindeutigkeiten stehen lässt, kein Schwarz/Weiß malt. Aber die große Distanz, die sie zu den Personen einnimmt, ihre nüchterne, stets kommentierende Sprache, deren protokollarische Art sie durch eingestreute Zeugenaussagen noch unterstreicht, verhindert, dass man irgendeinem von ihnen auch nur annähernd nahekommt. Und damit verweigert sie dem Leser letztendlich jegliches tieferes Verstehen. Deshalb hat mich der Roman schließlich eher enttäuscht zurückgelassen.

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Mit großer erzählerischer Kraft, eindrücklich und packend erzählt der Autor die Geschichte der jugendlichen Sklavin Cora, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf einer Plantage in Georgia aufwächst, inmitten einer Welt voll Gewalt und Elend. Schwarze sind Ware, Besitzgegenstände, die nach Belieben verschoben, eingesetzt oder auch gezüchtigt und getötet werden dürfen. Dieses Besitzdenken ist fest in den Köpfen der weißen Bevölkerung verankert. Nur wenige Abolitionisten oder religiöse "Eiferer" verurteilen diese Praxis und werden von Befürwortern der Sklaverei fast genauso erbittert bekämpft und gehasst wie aufmüpfige oder geflohene Sklaven. Zusammen mit Caesar entschließt sich Cora zur Flucht. Und hier kommt die sagenhafte "Underground Railroad" ins Spiel. Diese bezeichnet ein weitgespanntes Netzwerk an weißen Gegnern der Sklaverei, freien Schwarzen und entflohenen Sklaven, die von den Nordstaaten aus operierten und Unterstützung bei der Flucht, Unterschlupf und Weitertransport in den Norden gewährten - meist unter akuter Gefahr des eigenen Lebens. Viele der grausamen und oft auch abartig sadistischen Praktiken, die Colson Whitehead im Umgang mit der "Ware Mensch" auf so unsentimental-lakonische wie ergreifende Weise schildert, beruhen auf Berichten Betroffener, den slave-narratives . Aber Colson Whitehead verfolgt keinen rein realistischen Erzählansatz. Eine Portion Fantastik fließt dadurch hinein, dass der Autor das Hilfsnetzwerk der "Underground Railroad", die zur Tarnung mit Begriffen wie "Zugführer", "Passagier", "Station" etc. arbeitete, ganz wörtlich nimmt. So fliehen Cora und Caesar durch ein unterirdisches Eisenbahntunnelsystem gen Norden. Mir gefiel die Umsetzung und dieser Aspekt sehr gut, rückt es doch das Erzählte in den Bereich einer Allegorie - der Flucht, der Grausamkeit der Menschen, ihres Ausgeliefertsein, ihres Mut, ihrer Entschlossenheit. Auf keinen Fall verliert der Roman dadurch seine historische Glaubwürdigkeit, sondern weist direkt ins Heute. Dass Colson Whitehead mit diesem historischen Stoff die brandaktuelle Lage auf wirklich spannende, packende Weise und mit einer großartigen, rhythmischen Sprache derart deutlich macht und damit auch die unbedingte Notwendigkeit einer grundlegenden Aufarbeitung dieser dunklen Phase in der amerikanischen Geschichte, ist jeden der verliehenen Preise mehr als wert.

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Als 1977 die Serie "Roots" nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley ausgestrahlt wurde, war ich zwölf Jahre alt. Ich weiß noch, wie tief mich die Geschichte um Kunta Kinta, den im 18. Jahrhundert nach Amerika verschleppten und versklavten Mann aus Gambia, damals erschüttert hat. Das Wissen um das große Leid der Sklaven, die Unfassbarkeit der Sklaverei in Amerika insgesamt und die Nachwirkungen, die sie bis heute hat, die Rassentrennungen, die Emanzipationsbewegungen, der Hass und die fortbestehenden Ungerechtigkeiten, haben mich niemals wieder ganz losgelassen. Immer wieder erschienen dazu auch packende Romane, sei es das Werk der großartigen Toni Morrison, "Die Farbe Lila" von Alice Walker, "Die bekannte Welt" von Edward P. Jones. Vielleicht ist es die unselige Lage in den USA mit ihren aktuellen Entwicklungen, der Polizeigewalt, die immer wieder besonders afroamerikanische Opfer fordert, und ihrem immer offener gezeigten Rassismus in großen Bevölkerungsgruppen, die gerade wieder einige Romane zum Thema Sklaverei hervorbrachte. Besonders prominent ist zum Beispiel von Colson Whitehead "Underground Railroad", der unlängst auch auf Deutsch erschien und 2016 gleichzeitig den National Book Award und den Pulitzer Prize gewann. Auch Yaa Gyasis Debütroman "Heimkehren" war ein großer Erfolg und erhielt einige Preise. Es ein ist für einen Debütroman ehrgeiziges Projekt, denn der Roman umfasst, genau wie einst "Roots", die Geschichte von sieben Generationen, hier aus Ghana stammender, Menschen und beginnt wie dieser im 18. Jahrhundert, umspannt also einen weiten Bogen. Es ist ein Roman in Geschichten. Jeweils zwei Figuren aus je einer der sieben Generationen stehen dabei im Mittelpunkt. Verbunden sind sie durch die Nachfahren, die diese Figuren zeugen. Das Besondere am Roman ist, dass eben jeweils zwei Vertreter jeder Generation porträtiert werden, da sich die Familie sehr bald in zwei Zweige teilt, die nichts voneinander wissen und sich erst ganz zum Schluss wieder treffen. Effia und Esi sind quasi die "Urmütter" der Geschichte, Halbschwestern, die eine von der Haussklavin Maame mit ihrem afrikanischen Herrn gezeugt und von dessen Frau widerwillig großgezogen, die andere nach der Flucht Maames mit einem Stammeshäuptling gezeugt. Es sind die Stämme der Fante und Asante/Ashanti, die sich seit jeher bekriegten und um die Macht an der Goldküste, dem heutigen Ghana kämpften. Und das ist auch das Besondere an Yaa Gyasis Roman, der nämlich die afrikanischen Völker mitverantwortlich macht für den groß aufgezogenen Sklavenhandel mit den Kolonialmächten. Innerhalb der einzelnen Stämme gab es schon lange Sklaven, wurden Menschen bei Raubzügen "erbeutet", verkauft, getauscht. Mit den Kontakten zu den Briten wurde dieser Handel auf Europa und Amerika ausgeweitet. Asante und Fante wurden zu Menschenräubern und -händlern, die Briten machten mit der Verschiffung der Sklaven den großen Profit. Die Festung Cape Coast an der ghanaischen Küste war ein Zentrum dieses Handels. Ein Besuch Yaa Gyasis in den unterirdischen Verliesen, in denen unzählige Menschen vor ihrer Verschiffung schmachteten, gab ihr die Inspiration zu ihrem Buch. Sie selbst ist als Kind mit den Eltern nach Amerika ausgewandert und in Alabama großgeworden. Alabama, ein Bundesstaat, in dem man den Rassismus noch deutlich spürt. «Wäre ich nicht in Alabama aufgewachsen, hätte ich dieses Buch wohl nie geschrieben. « so die Autorin. In ihren dichten, intensiven Porträts lässt sie nun die eine Schwester zur "Frau" eines Briten (der natürlich in der Heimat eine "richtige" Frau besitzt, hier in Afrika aber den moralischen Schein wahren will, eine anscheinend gängige Praxis) werden, die andere wird als Sklavin in die amerikanischen Südstaaten verschleppt. So gelingt es ihr, die Geschichte sowohl der afrikanischen als auch der amerikanischen Nachfahren zu erzählen. Sie macht das, wie gesagt, in 14 zeitlich chronologischen Abschnitten. Da ist z.B. Quey, der Sohn von Effia und dem britischen Offizier, der aus der Tradition des Sklavenhandels aussteigt und in den ghanaischen Dschungel flieht; Ness, Esis Tochter, die zusammen mit ihrem Mann und kleinem Sohn von ihrer Plantage, auf der der weiße Herr grausamst wütet, zu fliehen versucht, aber teuer dafür bezahlen muss; ihr entkommener Sohn Kojo wird als Erster ein freier Mann in Birmingham; sein Sohn H wird erfahren, wie brüchig diese Freiheit ist, er wird willkürlich verhaftet und muss jahrelang als Sträfling in den Kohleminen schuften. Das Leiden der Menschen ist auch nach Beendigung der Sklaverei nicht zu Ende. Und Gleichheit gibt es bis heute nicht. Ein Stammbaum am Ende des Buchs ermöglicht es der Leserin, dem Personenreigen gut zu folgen. Die einzelnen Kapitel sind zudem mit den Namen der einzelnen Protagonisten betitelt. Aus der Figurenfülle ergibt sich allerdings auch ein Problem des Romans. Irgendwann verliert die Reihe ein wenig an Dringlichkeit und der Leser ein wenig das Interesse. Zwar sind die Geschichten intensiv und erschütternd, reihen sich aber ein wenig wie eine Geschichtslektion aneinander. Ereignisse und Themen werden fortgeführt bis in die heutige Zeit, bis zu den Unabhängigkeitsbestrebungen, den Bürgerrechtsbewegungen, Drogen- und Kriminalitätsproblemen in New Yorks Stadtteil Harlem. "Geschichte ist Geschichtenerzählen" meint die Autorin und so reicht sie den Erzählstab von Generation zu Generation weiter. Das Ende führt zu einer Begegnung von Marcus und Marjorie in Cape Coast. Es ist fast hoffnungsvoll, beide sind gut ausgebildet, modern, aufgeschlossen und selbstbewusst. Aber die Vergangenheit ist auch hier nicht vergangen, noch nicht einmal ordentlich aufgearbeitet. "Warum sollte ein Schwarzer schwimmen wollen? Der Boden des Ozeans sei übersät mit schwarzen Leichen (¿) Sein Vater hasste die Weißen abgrundtief. Es war ein Hass wie eine mit Steinen gefüllte Tasche, ein Stein für jedes Jahr, in dem die Ungleichheit weiterhin die Norm in Amerika war. Diese Tasche trug er immer mit sich." Damit schlägt die Autorin ihren großen Geschichtsbogen bis in die Gegenwart. Die Wahl Trumps und die Entwicklungen danach waren bei Beendigung des Buches noch nicht abzusehen. Aber umso wichtiger ist diese Beleuchtung der Vergangenheit, dieser Blick tief in die Geschichte der Sklaverei, der Beziehungen zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung. "Das ist das Problem mit Geschichte. Was wir selbst nicht gehört oder erlebt haben, können wir nicht wissen. Wir müssen uns auf die Berichte anderer verlassen." "Wir glauben dem, der die Macht hat. Er darf seine Geschichte schreiben. (Ihr müsst) euch deswegen immer fragen: Wessen Geschichte bekomme ich nicht zu hören?" Diese Geschichten hörbar zu machen ist Anliegen von Yaa Gyasis gelungenem Roman.

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Auch wenn Zadie Smith auch in Swing Time um ihre großen Themen kreist - Identität, Hautfarbe, Herkunft, Bildung und natürlich London NW -, schreibt die doch diesmal ein ganz anderes, deutlich konventioneller aufgebautes Buch. Schon der Prolog zeigt aber, dass die Geschichte der bis zuletzt namenlosen Ich-Erzählerin und ihrer Freundin Tracey dennoch nicht einfach chronologisch heruntererzählt wird. Die junge Frau, sie muss altersmäßig so in den 30ern sein, ist nach ihrer "Schmach", der fristlosen Entlassung aus den Diensten eines weltweit erfolgreichen Pop-Superstars, aus New York in ihre Heimatstadt London zurückgekehrt. Belagert von Journalisten schleicht sie sich aus ihrer "Übergangswohnung" und streift ziellos durch die Straßen. Zufällig kommt sie an der Royal Festival Hall vorbei und geht spontan zu einer Veranstaltung. Drinnen läuft ein Filmausschnitt, der sie abrupt in ihre Kindheit versetzt, in der sie zusammen mit ihrer Freundin Tracey von einer Karriere als Tänzerin geträumt hat, die Schranken durchbrechend, die ihnen als farbige Mädchen der unteren Mittelschicht immer wieder gesetzt wurden. Aber ihre Freundschaft ist alles andere als unbelastet. Beide spiegeln sich immerfort ineinander, beide fühlen sie die Abgrenzung, die sie von den überwiegend weißen Mädchen in ihrer Schule trennt. Entstammen sie zwar in etwa der gleichen sozialen Schicht, ist doch die Mutter der Erzählerin sehr um Bildung und Erziehung bemüht, Traceys Mutter tendiert in ihrer Passivität und Vulgarität aber eindeutig zur Unterschicht. Während Tracey trotz ihres Talents nur mittelmäßige Engagements ergattern kann, erhält die Erzählerin mit einer guten Portion Glück die Stellung einer Assistentin des Popstars Aimee, lernt die Welt der Superreichen kennen und jettet um die Welt und begleitet im Auftrag ihrer Chefin in Westafrika den Bau einer Mädchenschule. Vielleicht versucht Zadie Smith ein wenig zu viele Themen anzusprechen. Meiner Meinung nach gelingt ihr das aber sehr gut und berührend, indem sie von dieser fernen afrikanischen Region ein genauso stimmiges Bild entwirft wie von London und New York. Swing Time ist vielleicht nicht Zadie Smiths bestes Buch, hin und wieder schleicht sich besonders im Mittelteil die eine oder andere Länge ein. Bei seiner Themenfülle, seinem klugen Aufbau, seinen wichtigen Gedanken und dem souveränen Schreibstil der Autorin ist das aber Kritik auf allerhöchstem Niveau.

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Vier junge Menschen am Ende ihrer Schulzeit in Bristol, zwei Männer, zwei Frauen, deren Lebenswege sich fortan trennen werden, nachdem sie einen Großteil ihrer Jugendzeit eine unzertrennliche Clique bildeten. Bruder und Schwester sind vertreten, unterschiedliche Gesellschaftsklassen und Vermögensverhältnisse, romantische Unterströmungen sind spürbar. Das klingt vertraut, das hat man gefühlt schon hundertmal gelesen. Auch Alice Adams vermag da leider nicht zu überraschen. Sie wagt zu wenig, bleibt zu sehr in vorhersehbaren Bahnen, tappt immer wieder in die Klischeefalle. Ihre Geschichte ist zwar durchaus gut erzählt, auch sprachlich solide, bietet aber nichts Neues und zeigt auch in der Konstruktion einige Schwächen. Die Geschwister Lucien und Sylvie stammen aus einer zerbrochenen Familie, die Mutter neigt dem Alkohol zu. Die Kinder sind selbstständig, kreativ, begabt, stützen sich gegenseitig. Der charismatische Lucien ist überall beliebt, ein Mädchenschwarm, sehr selbstbewusst. Sylvie ist ein künstlerisch sehr begabter Freigeist, strahlend schön und immer der Mittelpunkt. Eva dagegen stammt aus einem sozialistisch geprägten Haushalt, ist strebsam, unscheinbar und immer ein wenig im Schatten ihrer strahlenden Freundin stehend. Heimlich ist sie in Lucien verliebt, der dies nur einmal für einen One-night-stand ausnutzt. Eva ist die große Liebe des Vierten im Bunde, Benedict, Sohn aus reichem Haus, zuverlässig, treu, zielstrebig. Dass das Buch nicht ganz so schlecht geworden ist, wie die Figurenkonstellation vielleicht andeuten mag, liegt an Alice Adams guter Figurenzeichnung. Trotz der angehäuften Stereotypen entwickeln die Personen doch ein Eigenleben. Zwar lässt die Autorin auch in ihrer Weiterentwicklung kaum eine vorhersehbare Wendung aus - so wird aus Eva, der Sozialistentochter eine erfolgreiche Fondsmanagerin, die mit Millionenbeträgen jongliert, aber im Privatleben eher einsam bleibt und schließlich dem Raubtierkapitalismus selbst zum Opfer fällt; Lucien wird zunächst äußerst erfolgreicher Veranstalter von Musikevents, greift aber immer unkontrollierter zu Drogen und landet im Gefängnis; Sylvie wird mit ihrem künstlerischen Misserfolg immer weniger fertig und steht irgendwann alleinerziehend mit einer behinderten Tochter da; Benedict schließlich trauert seiner Liebe Eva hinterher, so dass seine Ehe, aus der zwei Kinder hervorgehen, zwangsläufig scheitern muss - , aber die Geschichte ist gut entwickelt und liest sich leicht und süffig. Außerdem sind Klischees nun mal Klischees, weil sie so oft anzutreffen sind. Und mit mancher Situation im Roman kann man sich identifizieren, einige Beobachtungen sind sehr schön formuliert. Wir begegnen den Protagonisten über viele Jahre hinweg, von 1995 bis 2015, vorwiegend im Sommer. Und am Ende gibt es natürlich auch ein Happy-End, der Kreis schließt sich. Und die Autorin verrät, worum es ihr auch gegangen ist: um das Porträt einer Generation, jener um 1975 herum Geborenen, man darf mit einiger Gewissheit annehmen, dass es die Generation der Autorin ist. Von ihr schreibt sie: "Mir kommt es so vor, als wären wir eine Art Übergangsgeneration gewesen. (¿) Wir waren interessiert, aber nicht interessiert genug. Das war das Ethos unserer Generation? Statt aufzustehen und für etwas zu kämpfen, an das wir geglaubt haben, sind wir einfach abgedackelt und haben uns um unser eigenes kleines Stückchen Welt gekümmert?" Auch diese Erkenntnisse sind nicht wirklich neu. Alice Adams hat mit ihren Roman ein großes Loblied auf die Freundschaft geschrieben, ihr gelingen auch atmosphärisch überzeugende Bilder, vor allem aus London, in dem ein Großteil der Geschichte spielt. Das Buch liest sich auch durchaus gut. Dennoch stören die immer gleichen, vorhersehbaren Wendungen und Figurenkonstellationen. Außerdem bleibt sie in der Konstruktion des Romans seltsam unentschlossen. Sie legt ihn zunächst multiperspektivisch an. Erzählt aus den unterschiedlichen personalen Perspektiven der vier Freunde, um sich dann immer enger auf Eva zu konzentrieren. Dass sie sich mit dieser Person am meisten identifiziert, wird mehr als deutlich. Etwas, das dem Roman zusätzlich nicht gut tut. Insgesamt enttäuscht der Roman. Wem es nur um eine gut geschriebene Sommer- oder Freundschaftsgeschichte geht, mag dennoch an ihm Gefallen finden. Wer von Literatur etwas mehr erwartet, sollte seine Lesezeit lieber mit einem anderen Buch verbringen.

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Dorit Rabinyan hat ein eindrückliches, berührendes und erhellendes Stück Literatur geschaffen, das nicht nur den israelisch-palästinensischen Konflikt zum Thema hat, sondern auch eine tragische Liebesgeschichte ganz ohne Pathos erzählt. Schade, dass das Buch vom israelischen Erziehungsministerium von der Liste der Lektüren für Abiturienten gestrichen wurde, weil es "die Assimilation fördere". In heutiger Zeit, da gerade das Gegeneinander der Kulturen und Völker so viel Ungutes auf die Welt bringt, ist ein Stück Assimilation, das Aufeinanderzugehen und das Miteinander doch nur zu begrüßen, lesens- und lehrenswert.

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Für die Medienöffentlichkeit sind es meist nur mehr oder weniger lange fesselnde Nachrichten, Aufreger, "Jetzt muss aber endlich mal was passieren!", im besten Fall Grund für eine bald abebbende Welle des Mitgefühls und der Spendenbereitschaft: die weltweiten Katastrophen, seien es Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürme, Flugzeugabstürze oder andere Menschenleben und Existenzen vernichtenden Ereignisse. Oft sind sie vom Menschen zumindest mit verursacht oder wurden die Warnzeichen lange Zeit beharrlich ignoriert. Trotzdem erschüttern sie kurz die Welt bis in ihr Innerstes, um dann aber alsbald im Nachrichtendschungel zu verschwinden und vergessen zu werden. Für die Betroffenen ist dies nicht so leicht möglich. Sie leiden noch Jahre und Jahrzehnte unter den Auswirkungen. So wie die Bewohner der Barataria Bay, einer Insel- und Sumpflandschaft südlich von New Orleans, die nicht nur durch den verheerenden Wirbelsturm Katrina stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, sondern nur fünf Jahre später durch die brennende Plattform Deepwater Horizon eine gigantische Ölpest erlebte. Für viele Fischer, die hier vor allem die begehrten Shrimps fangen, eine Bedrohung ihrer Existenzgrundlagen. Führten die "Sumpfratten", wie die Bevölkerung vom Rest des Landes mitunter abschätzig genannt werden, doch eh schon ein hartes Leben. Die Hitze ist mörderisch, Insekten, allerlei krabbelndes Getier und die ständige Feuchtigkeit, dazu schlechte Infrastruktur und eine alles beherrschende Aussichts- und Ausweglosigkeit. Kein sehr lebensfreundlicher Ort. Hier lebt der junge Wes Trench, dessen Mutter ihr Leben im Wirbelsturm verlor, mit seinem knurrigen Vater vom Shrimpsfang. Lieber wäre er noch länger aufs College gegangen, vielleicht auf die Universität, aber dafür ist kein Geld da. Nun träumt er von einem eigenen Boot, zumal die Spannungen mit seinem Vater, dem er die Schuld am Tod der Mutter gibt, ins Unerträgliche wachsen. Wes ist eine der Hauptfiguren des Romans, allesamt männlich, die Frauen spielen hier nur eine Nebenrolle. Und er ist noch nicht einmal die unglücklichste, sondern derjenige mit den größten Hoffnungen. Deshalb verwundert einmal mehr der deutsche Titel, im Original heißt das Buch schlicht "The marauders". Neben Wes und seinem Vater lernen wir Lindquist kennen, einen Fischer, der aber seine Zeit lieber auf Schatzsuche verbringt und dem seit einem Arbeitsunfall ein Arm fehlt. Die teure Prothese wurde ihm von den Brüdern Toup gestohlen, die im großen Stil Marihuana anbauen, völlig skrupellos sind und Lindquist im Verdacht haben, ihre geheime Plantage im Gewirr der Inseln entdeckt zu haben. Dabei ist es das Kleinkriminellenpärchen Cosgrove und Hanson, die hier ihr großes Geschäft wittern. Als letzten der Protagonist, die wir in den ständig die Perspektive wechselnden Kapiteln kennenlernen, ist Grimes, ein Abgesandter der Ölfirma, die mit den Anwohnern Abfindungszahlungen vereinbaren will, damit teurere Klagen verhindert werden. Grimes hat seine Kindheit und Jugend hier verbracht und seine Mutter lebt noch hier. Mit all diesen Figuren verleben wir nun hier in der Barataria Bay die Tage und gelangen bald in eine äußerst spannende Handlung rund um den illegalen Marihuana-Anbau der Toup-Brüder. Tom Cooper vermag es hervorragend, die schwüle, lebensfeindliche Schönheit der Sumpflandschaft zu schildern. Die Figuren sind zwar relativ Schwarz-Weiß gehalten, sie verkörpern die ihnen zugewiesenen Rollen zuverlässig bis zum Ende, aber sie sind zum Glück interessant genug, um das zu verzeihen. Die Sprache ist klar und direkt, oft humorvoll und mit prägnanten Dialogen, das Ende ein wenig zu sehr Happy-End, aber auch das darf ein Roman, der insgesamt sehr gut und spannend unterhalten hat. Johannes Staeck liest sehr szenisch und gibt allen Figuren ganz eigene Stimmen. Mir war das manchmal etwas zu viel des Guten, eine etwas zurückgenommenere Lesung hätte mir besser gefallen.

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Mit dem Gedicht "Ithaka" des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis beginnt der Roman. "Und alt geworden lege auf der Insel an, reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst, und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe." Es ist die Suche nach Odysseus¿ Reiseroute, die den jungen Engländer Gerald 1948 schließlich nach Cala Marsopa (dem tatsächlichen Cala Ratjada) im Osten der Insel Mallorca führt. Die Idee, die mythischen Orte im realen Raum zu verorten, ist ihm auf seinen Fahrten durch das Mittelmeer an Bord verschiedener Kreuzer während des zweiten Weltkriegs gekommen. 1947 macht er sich mit seiner kleinen Segeljacht Nereide auf die Fahrt und segelt auch weit nach Westen, eher um die Inselgruppe der Balearen als Schauplatz von Homers Epos auszuschließen, als in der Hoffnung, dort etwas zu finden. Aus der kurzen Stippvisite wird der Rest seines Lebens. Denn wie die Zauberin Kirke einst Odysseus, schlägt hier auf Mallorca die schöne Engländerin Lulu Gerald in ihren Bann. Doch anders als der antike Held, vermag dieser sich nie wirklich daraus zu befreien. Lulu ist eigensinnig, egozentrisch und strotzt vor sexueller Anziehungskraft. Mehr als der Mensch Gerald fasziniert sie der romantische Abenteurer, der auf seiner Suche die Meere durchsegelt. Sie will ihn heiraten, sie bekommt ihn. Als er sich auf der Hochzeitsreise, natürlich an Bord der Nereide, aber einmal vermeintlich nicht ganz so heldenhaft zeigt, verlässt sie ihn wutentbrannt und verweigert fortan jedes Gespräch, jeden Kontakt. Gerald bleibt dennoch auf der Insel, kauft ein altes Haus in unmittelbarer Nähe zu Lulus Domizil, das sie im Laufe der Jahre zu einem florierenden Gästehaus, vor allem für ihre englischen Landsleute umbaut. Beide heiraten wieder, bekommen Nachwuchs, vermeiden aber weiterhin jeden Kontakt. Was ist damals passiert, das die beiden Frischverheirateten auf so unerbittliche Weise voneinander trennte? Das ist die große Frage, die hinter dem Erzählten steht und die den Leser bis zum Ende in Spannung hält. Wir bekommen die Geschichte von Gerald und Lulu, ihrer Kinder Aegina und Luc, ihrer Lebenspartner, Freunde und Gäste nämlich rückwärts erzählt. Ausgehend von einem tragischen Zusammentreffen der beiden über Achtzigjährigen im Jahr 2005, das mit einem Streit, einem Unfall und dem Tod von Lulu und Gerald endet, schreiten wir in unregelmäßigen Abständen rückwärts, verfolgen den 70. Geburtstag, feiern mit Gerald die erfolgreiche Neuauflage seines Odysseus Buch "Der Weg nach Ithaka", erleben Lulu als Geschäftsfrau in ihrem Hotel und Gerald als Olivenbauern, als Ehepartner und Eltern, begleiten auch die Kinder Aegina und Luc. Es sind besondere Schlaglichter, die auf bestimmte Lebensabschnitte geworfen werden. Der allwissende Erzähler schwenkt in der Perspektive von der einen Figur auf die andere. Wir lernen sie allesamt recht gut kennen, kommen aber keiner wirklich nahe. Besonders entrückt scheint Lulu, ein schwieriger, selbstsüchtiger Charakter. Im Originaltitel "The Rocks" ist es auch nicht sie, sondern ihr Hotel, Mittel- und Treffpunkt der kleinen mallorquinischen Gemeinschaft, das dem Buch seinen Titel gab. Der besondere Aufbau macht den größten Reiz des Buches aus. Er führt zu noch sorgfältigerem Lesen, weiß man doch nie, welchem erzählten Detail eine besondere Bedeutung zukommt. Die Spannung hält bis zum Schluss, auch wenn die tatsächliche Auflösung des Rätsels eher enttäuschend ist. Aber wie bei Homers Odyssee und eigentlich jeder richtigen Reise ist es ja eher der Weg als das Ziel worauf es ankommt. Das ist von Peter Nichols meisterhaft gemacht. Nicht ganz so meisterhaft ist oft Nichols Sprache, die doch einige Redundanzen aufweist. Allerdings gelingt es ihm, das Flair von Mallorca, die heißen Sommertage, das sich jedes Jahr erneut treffende Völkchen der Stammurlauber, die Olivenhaine, die Landschaft und das Meer so plastisch heraufzubeschwören, dass man am liebsten selbst die Segel setzen möchte. Wenn nicht nach Ithaka, so doch zumindest nach Süden.

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