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Alle Rezensionen von Pedi

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"Häuser aus Sand" ist ein Roman über die Gemeinschaft, die uns alle prägt, die Familie, und über den Ort, der für uns alle lebensnotwendig ist, das Zuhause. So heißt es im Klappentext zu Hala Alyans Roman über vier Generationen einer palästinensischen Familie. Im Mittelpunkt stehen, wie so oft, die mehr oder weniger "starken" Frauen. Sie alle müssen den Verlust dieser lebensnotwendigen Verankerungen im Leben erleben. Das von ihnen geschaffene Zuhause erweist sich ein ums andere Mal als ein "Haus aus Sand" (die "Salt Houses" aus dem Original hätte man meiner Meinung nach beibehalten können; auch ihre Vergänglichkeit wird durchaus deutlich). Salma und Hussam mussten 1948 nach Ende des britischen Mandats in Palästina und der Gründung des Staates Israels ihre Heimat Jaffa verlassen, wo sie eine große Orangenplantage führten. In Nablus finden sie ein neues Zuhause, hier wachsen ihre Kinder Widad, Mustafa und Alia auf. Diese können das Festhalten ihrer Mutter an alten Gewohnheiten, ihre Sehnsucht nach Jaffa und ihre Traurigkeit nicht ganz verstehen. Bis sie in Folge des Sechstagekriegs nicht nur ihr Haus, sondern auch den Bruder Mustafa verlieren. Die Familie wird getrennt. Alia zieht mit ihrem Mann Atef nach Kuweit. Alia hasst das Land, die Hitze, sehnt sich nach ihrer Mutter und der Schwester, die in Amman/Jordanien Zuflucht finden. Hierhin fährt sie die Sommer über mit ihren Kindern Riham, Karam und Souad, entfernt sich mehr und mehr von Atef. Sie ist eine unduldsame, wenig warmherzige Mutter. Besonders die unattraktive Riham leidet darunter, sucht Zuflucht im Glauben, im Islam. Souad wiederum rebelliert, führt ihr eigenes Leben, in Paris, London, später in Boston und Beirut. Die Kinder, die vierte Generation wiederum, ist in alle Winde zerstreut. Und sucht doch immer auch nach den Wurzeln, nach Zugehörigkeit, nach Beständigkeit. Hala Alyan schreibt keinen innovativen Roman. Geschichten von entwurzelten Familien, gerade auch aus dem nahöstlichen Teil der Welt, sind nicht eben selten. Viele Muster hat auch die Autorin verwendet, beispielsweise die starken Frauen, die wechselnden Perspektiven, die chronologisch voranschreitenden Zeitsprünge. Auch das Milieu der wohlhabenden, gutbürgerlichen, gebildeten Großfamilie ist vertraut. Weniger häufig allerdings erfolgen sie aus palästinensischer Sicht. Das ist so positiv wie die ruhige, souveräne Erzählweise, der man bei aller Konventionalität gerne folgt. Zeithistorische Verwerfungen bilden stets nur den Rahmen des Familienlebens, bekommen aber niemals wirklich Platz in der Geschichte. Ein wenig bedauerlich finde ich, dass die Autorin ihre Geschichte an keiner Stelle aus ihrer doch recht engen Perspektive auf eine wohlhabende palästinensische Familie mit all ihren Möglichkeiten und Verbindungen öffnet. Weder in andere Gesellschaftsschichten, noch gar auf die israelische Seite des Konflikts wird ein Blick geworfen. Und so wird aus "Häuser aus Sand" niemals mehr als eine schön erzählte Familien- und Frauengeschichte. Das ist ein wenig schade.

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Kommissar Kluftinger hat seit fünfzehn Jahren eine große Fangemeinde. Bodenständig wie er ist, reichlich altmodisch und starrköpfig dreht sich bei ihm (fast) alles um die Familie. Seine Frau Erika, die ihm die besten Kaasspatzen der Welt kocht, Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko, die gerade Eltern geworden sind und der langjährige Freund/Feind Doktor Langhammer - sie sind dem Leser schon lange ans Herz gewachsen. Deswegen nehmen auch familiäre Abschnitte in den Büchern zunehmend Raum ein. So beginnt auch der neue Fall mit einem Besuch der ganzen Familie zu Allerheiligen auf dem Friedhof. Das Entsetzen ist groß, als man dort ein frisches Grab entdeckt, auf dessen Grabkreuz Kluftingers Name, Geburts- und Todesdatum stehen. Ein Scherz? Wohl kaum, die Drohungen mehren sich und schließlich kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall. Auch hier entfaltet sich die Spannung nur sehr gemächlich. Es geht in Kluftingers Vergangenheit, von der wir so einiges erfahren und, nun endlich im 10. Band, wird auch das Geheimnis um seinen Vornamen gelüftet. Wie gewohnt sparen die Autoren auch nicht an Klamauk und stereotypen Situationen und Charakteren. Sie verlassen dabei aber nie ein solides Niveau, wie leider mittlerweile so mancher Regionalkrimi. Und dass Kluftinger beinahe den Hubertus Jennerwein anstatt Kollege Maier eingestellt hätte, erweist einem zweiten bayrischen Kommissar, eben jenem Jennerwein aus der Feder von Jörg Maurer, eine vergnüglich-ironische Referenz. Auch er einer der wenigen empfehlenswerten Regionalermittler. "Kluftinger" macht Spaß, auch wenn es an einigen Ecken knirscht in Sachen Schlüssigkeit und die Spannung ein wenig kurz kommt. Wer noch nicht Teil der Kluftinger-Gemeinde ist, wird es mit diesem Teil eher nicht werden. Für alle anderen ist es ein amüsantes, kurzweiliges Wiedersehen.

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"Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt, glücklich oder unglücklich, aber tief." Ein Zitat der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die im neuen Roman von Kristine Bilkau zwar nur indirekt vorkommt, das Buch aber auf eine besondere Weise begleitet. Es gibt diese Bücher, die von Anfang an gefangen nehmen, die zur Leserin sprechen, als wären sie für sie geschrieben. "Eine Liebe, in Gedanken" ist ein solches Buch. Es erzählt eine Liebesgeschichte, die eine Lebensgeschichte ist, und es erzählt vom Abschied einer Tochter von ihrer Mutter. Die Erzählsituation ist keine neue. Eine Mutter ist gestorben, die Tochter stößt beim Ausräumen der Wohnung auf Zeugnisse aus deren Leben, Dinge, Briefe, Fotos. Manches vertraut, anderes neu und unbekannt. Es ist ein liebevolles, zärtliches Gedenken. Es gab sicher auch Spannungen zwischen Mutter und Tochter, der freiheitsliebenden, nach zwei Scheidungen alleinerziehenden und immer etwas chaotischen Antonia und der um Beständigkeit bemühten, pragmatischen Tochter, der Ich-Erzählerin. Man kennt das, oft sucht die folgende Generation im Leben das, was sie in frühen Jahren vermisste. (Nur um oft im eigenen Alter zu erkennen, wie sehr man sich doch unter Umständen gleicht.) "Eine hatte Freiheit gesucht. Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt. Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit." Nie ein Geheimnis gemacht hat Antonia um Edgar, ihre einst große Liebe. Die Geschichten um ihn waren stets präsent, auch wenn sie bis zuletzt ein Geheimnis umwehte. 1964 haben sich die beiden kennengelernt, der höfliche, galante Mann und die kesse, in ihrer Zeit moderne Frau. Die frühen Sechziger Jahre waren in vielem eine Übergangszeit, noch herrschte in vielem die Moral der Fünfziger Jahre, verbot die Vermieterin Herrenbesuch und waren die Berufsaussichten für Frauen oft auf Sekretärinnen-, Verkäuferinnen- oder Lehrerinnenniveau eingefroren. Aber die Frauen waren eben auch, zumindest vor der Ehe, berufstätig, zunehmend selbstbewusst und registrierten durchaus die Doppelmoral. Hatten nicht ihre Mütter die Kriegsjahre auch ohne Männer bewältigt? Standen sie nicht den Herren der Schöpfung insgeheim recht kritisch gegenüber, wie beispielsweise auch die Mutter Antonias? Wozu also noch das Deckmäntelchen der fügsamen Weiblichkeit? Andererseits sind die Umbrüche von 1968 und den Jahren danach noch recht weit entfernt, und wie lange sie brauchen und welche Rückschläge immer wieder erfolgen, das spüren wir auch heute noch. Antonia und Edgar werden ein Paar, verloben sich, die Familien nehmen den jeweils anderen in ihrer Mitte auf. Toni ist spontan, leidenschaftlich und im Job auf Erfolgskurs. Edgar wiederum steckt beruflich in einer Sackgasse. Als ihm ein Posten in Hongkong angeboten wird, sagt er nach Rücksprache mit Antonia zu. Nach kurzer Eingewöhnungsphase soll sie bald nachkommen. Die Monate vergehen, dann kommt endlich ein Telegramm: Wohnung und Job kündigen, Flugschein folgt. Doch dann: Nichts! Vergeblich wartet Toni, die zunächst bei Freunden, dann bei den Eltern untergekrochen ist, auf Nachricht. Schließlich dann das Niederschmetternde: Edgar möchte lieber doch nicht. Was diese Zurückweisung für die junge Frau damals bedeutet haben mag, lässt sich nur vermuten und auch die Ich-Erzählerin versucht sich tastend daran, das nachzuempfinden. Vor allem, weil die Liebe zu Edgar nie versiegt zu sein schien. Eine Liebe, aber nur in Gedanken. Zwei folgende Ehen hatten keinen Bestand, vielleicht wollte sich Antonia kein weiteres Mal zu fest binden. Die Tochter, altersmäßig vermutlich in den Vierzigern wie die Autorin, hat ihren leiblichen Vater nie groß vermisst, die Trennung ihrer Mutter vom zweiten Mann, der ihr wie ein Vater war, schmerzte mehr. Nun steht sie vor den Zeugnissen des Lebens ihrer Mutter und sinnt darüber nach. Besonders die große Leerstelle, warum die Liebe von Edgar und Antonia letztendlich so unspektakulär scheiterte, bewegt sie. Sie beschließt, Edgar zu kontaktieren. Sie selbst ist nicht nur in ihrer Trauerarbeit gefangen, sondern befindet sich auch in einer anderen Umbruchsphase ihres Lebens: die 18jährige Tochter Hanna hat das Abitur hinter sich und begibt sich auf Interrailtour, danach Studium, irgendwo. Zeit der Abnabelung. "Niemand hatte mich gewarnt, wie schnell ein Kind zu einer Erwachsenen werden würde. Niemand hatte mir gesagt, dass diese Jahre im Rückblick wie eine erstaunlich überschaubare, verwirrend kurze Episode erscheinen würde." Zeit, das eigene Leben zu überdenken. Zwischenbilanz. Zeit aber auch, sich vor dem kommenden Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ihre Mutter tröstete sie einst: "Du musst dir keine Sorgen machen", hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. "Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben." War es ein gelungenes Leben? Trotz der Liebe, nur in Gedanken, trotz der Zurückweisung, des Scheiterns? Es scheint so, auch wenn es seinen Preis gekostet haben mag. "Was für ein Leben hatte Ihre Mutter?" fragt Edgar bei ihrem Treffen. "Ich überlegt, wie ich das Leben meiner Mutter zusammenfassen konnte. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wer sie als junge frau gewesen war, wer sie geworden war, doch es konnte ja immer nur ein Ausschnitt bleiben, Geschichten, von mir erdacht. Wie nah ich der Frau von damals und der Frau, die sie geworden war, hatte kommen können, das würde ich nie wissen. () "Ich kann Ihnen nur sagen, dass sie sich nicht vor Intensität gefürchtet hat. Aber das wissen Sie ja wahrscheinlich selbst." Eine Frau, die auch einen hohen Preis für ihr unabhängiges Leben zahlen musste, begleitet das Buch auf besondere Weise. Es ist die finnische Malerin Helene Schjerfbeck. Die Ich-Erzählerin betreut während der Trauerzeit als Architektin eine Ausstellung der 1862 geborenen Künstlerin. Durch einen Unfall in der Kindheit gehbehindert, tritt deren künstlerisches Talent früh zutage. Begabt und entschlossen reist sie in jungen Jahren viel, erleidet aber auch viel persönliches Leid, ist viel krank und lebt viele Jahre allein mit ihrer pflegebedürftigen Mutter. Hochbetagt stirbt sie kurz nach dem Krieg. Die unabhängige, letztlich aber einsame Frau dient als Spiegel für das Leben der Mutter, ihre Zurückgezogenheit im Alter. Am Ende des Buchs nimmt uns die Erzählerin mit auf einen Rundgang durch die Ausstellung, die auch sehr durch Selbstbildnisse der Malerin geprägt ist. Immer wieder schweift sie zwischen den Bildern und den Gedanken an die verstorbene Mutter. Dieser Abschnitt ist mit das Schönste, das ich seit längerem gelesen habe. "Eine Liebe in Gedanken" ist ein Buch, dessen Passagen ich immer wieder lesen möchte. So einfühlsam, pathos- und kitschfrei, so behutsam, klug und fast schwebend, so atmosphärisch dicht schreibt Kristine Bilkau über Frauenleben, Liebe, Nähe, Enttäuschung, Trauer, Abschied. Über das Verschwinden von Menschen, sei es nach Hongkong, in den Tod oder auch nur das Erwachsensein, und das Fortbestehen der Liebe. "Meine Mutter sitzt vor mir auf der Küchenbank, sie bestreicht sich ein Stück Baguette mit zerschmolzenem Camembert, sie sitzt, wie immer, wenn sie uns besuchte, auf dieser alten Holzbank, die Florian und ich, als Studenten, vor über zwanzig Jahren auf einer Reise durch Polen gekauft hatten, sie nippt an ihrem Darjeeling und will alles über ihren eigenen Tod wissen."

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Der amerikanische Familienroman ist nicht totzukriegen. Unzählige davon wurden und werden verfasst und es ist stets überraschend, dass sie bei allen Ähnlich- und Gemeinsamkeiten doch auch immer wieder einen eigenen Ton treffen, andere Blickpunkte setzen, andere Themen fokussieren, andere Stimmungslagen transportieren. Man braucht nicht erst den berühmten Satz von Tolstoi zu bemühen, um zu festzustellen, dass die Familie als Keimzelle, aus der wir mehr oder weniger glücklich alle abstammen, ein unerschöpfliches Motiv darstellt, neben den allgemeingültigen auch die ganz spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz und des Miteinanders immer wieder neu zu thematisieren vermag. Ich habe ein ganz großes Faible dafür, das auch nicht totzukriegen ist. J. Courtney Sullivan hat bereits in ihrem ersten Roman "Sommer in Maine" eine Familie in den Mittelpunkt gestellt. Ihr zweiter Roman "Die Verlobungen" wurde episodischer, rückte thematisch ein wenig zur Seite, ging es doch um die den meisten Familien vorangehenden Paarbildungen. Mir gefielen beide Bücher ausgezeichnet. Der Ton der Autorin, die handwerklich hervorragend schreibt, erscheint zunächst leicht. Die Erzählung schürft dann aber nach und nach immer tiefer, so dass neben einer unterhaltsamen und berührenden Lektüre immer noch dieses gewisse "Mehr" bleibt, das einen Roman auch länger im Gedächtnis hält. So auch in ihrem neuen Roman "All die Jahre", der sich wieder ihrem Erstling nähert. Auch hier steht eine Familie im Zentrum, sind es die Frauengestalten, die ihn in erster Linie prägen. Es beginnt mit einem Verkehrsunfall im Jahr 2009. Noras ältester Sohn Patrick ist in betrunkenem Zustand auf dem kurzen Weg von seiner Kneipe nach Hause verunglückt. Sein Tod und die bevorstehende Beerdigung bilden die Gegenwartsebene, von der aus die Gedanken der Familienmitglieder - neben Nora gibt es noch die Geschwister John, Bridget und Brian und die als Nonne im Kloster lebende Schwester Noras, Theresa - in die Vergangenheit schweifen. Nora erinnert sich an ihre Kindheit in Irland, an die unglaubliche Armut, aus der, wer konnte, in eine bessere Zukunft nach Amerika aufbrach. So auch Nora und ihr Verlobter Charlie, der Nachbarsjunge, den sie zwar nicht liebt, der ihr aber eine Zukunft nah an ihrem Zuhause zu versprechen schien. Nun wird ihr dieses Zuhause unsanft entrissen, es soll ja nur vorübergehend sein, bis genug Geld da ist für eine glorreiche Heimkehr - die falsche Hoffnung schon so mancher Migranten. Nora setzt durch, dass ihre kleine Schwester mitkommen darf. Ihr, der sie nach dem Tod der Mutter immer eine solche war, will sie eine Ausbildung zur Lehrerin finanzieren. Das gelingt zwar, aber ungestüm und träumerisch, wie Theresa im Gegensatz zu ihrer pragmatischen, nüchternen Schwester ist, verliebt sie sich in einen verheirateten Mann und wird schwanger. Ein damals, in den Fünfzigerjahren, unerhörter Skandal. Um diesen zu vermeiden, entbindet sie heimlich und Nora und Charlie geben den kleinen Patrick als ihr Kind aus. Zwischen den Schwestern kommt es zum Bruch, Theresa nimmt den Schleier. Im Kloster und Klosterleben findet sie Ruhe und Gemeinschaft. Nora bleiben häusliche Mühen und die Heiligenbildchen einer verstorbenen Verwandten - "Heilige für alle Gelegenheiten" ("Saints for all occasions", so der wieder mal viel bessere Originaltitel). Auch ihr Leben ist stark vom katholischen Glauben geprägt. Nora bekommt mit Charlie noch drei weitere Kinder, sie kaufen ein Haus in Hull, vor den Toren Bostons. Nora führt ein einigermaßen glückliches amerikanisches Leben. Nie wird sie aber über die Vergangenheit sprechen und verheimlicht Patricks Herkunft, auch ihm selbst gegenüber. Es werden überhaupt keine großen Worte gemacht bei den Raffertys, Gefühle spielen kaum eine Rolle. Patrick wird Noras erklärter Liebling, die anderen Kinder fühlen sich zurückgesetzt und ungeliebt von der schroffen Mutter. Das mag nun recht trostlos und traurig klingen, ist es aber eigentlich nicht. Die Raffertys sind eine große Familie, unzählige Cousins und Cousinen bevölkern unzählige Familienfeiern, es wird gesungen, erzählt, gespeist und getrunken. Der Alkohol, der in so vielen Erzählungen von irischen/ irisch stämmigen Familien eine so prominente Rolle spielt - er kann nicht nur ein Klischee sein. Bisweilen kann der Roman, der von der Grundtonart schon in Moll gestimmt ist - schließlich ist sein Ausgangspunkt der verfrühte Unfalltod Patricks -, durchaus mit Humor aufwarten. Bei der Totenwache und der Beerdigung treffen alle Familienmitglieder aufeinander, auch Theresa verlässt die Klausur des Klosters. Erinnerungen werden lebendig, alte Verletzungen aufgerissen, Bindungen erneuert, Geheimnisse kommen ans Licht, der schon Verstorbenen wird gedacht. Das ist alles natürlich nicht grundlegend neu. Aber J. Courtney Sullivan erzählt gut. Sie ist psychologisch feinfühlig und genau und dicht dran an ihren Personen. Sie wechselt die Perspektive ihrer allwissenden Erzählstimme, verschränkt die Zeitebenen mühelos. Zentral stellt sie die Frage nach der Offenheit in Familien, nach dem Verschweigen, dem nicht miteinander reden können, nach Pflichtgefühl und Liebe, vor allem aber auch nach Vergebung, nach verzeihen können. Sullivan bewertet nicht, beantwortet diese Fragen auch nicht. Sie erzählt. Und das ganz ausgezeichnet. "Ich wünschte mir, ich könnte in diesem Jahr noch einen so starken und klugen und schönen und herzzerreißenden Roman wie All die Jahre von Courtney J. Sullivan lesen, aber ich glaube, das werde ich nicht." So der Schriftstellerkollege Richard Russo in einem Zitat auf der Buchrückseite. Ich stimme ihm zu, bin aber optimistischer. Das Jahr ist noch jung.

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"Die Herzen der Männer" - Nickolas Butler nähert sich ihnen auf sehr altmodische, uramerikanische Weise und gleichzeitig mit einem sehr progressiven, durchaus kritischen Blick. Zentrum des Romans ist das Pfadfinderlager Chippewa in den Wäldern Wisconsins. Hier verbringt der kleine Nelson 1962 wie jedes Jahr seinen Sommer. Leidenschaftlicher und äußerst zuverlässiger und gewissenhafter Pfadfinder, der er ist, ist sein Ziel der Rang eines Adlers, eine der höchsten Auszeichnungen, die man durch Wissen und Arbeit in dieser Organisation erreichen kann. Aber auch hier im Camp sind solche Jungen, gerade wenn sie klein, sensibel und zurückhaltend sind wie Nelson, oft Zielscheibe für Neid, Hohn, Spott, böse Streiche oder regelrechte Attacken durch die Anderen. Auch und gerade weil er von Lagerleiter Wilbour Whiteside protegiert wird und den Posten des Signaltrompeters innehat, der jeden Morgen das Lager aufweckt. Neben Whiteside steht nur noch der ältere Kamerad Jonathan Quick Nelson hin und wieder bei. Aus dieser Kameradschaft wird sich nach und nach eine lebenslange Freundschaft entwickeln, um die der Roman immer wieder kreist. Auch wenn sich die beiden nicht oft sehen und wenig gemeinsam haben, scheint das Band zwischen ihnen unverbrüchlich. Im Verlauf des Buches wird Nelson zu Whitesides Nachfolger als Lagerleiter und Jonathans Sohn Trevor wird, genau wie der Enkel Thomas, jeden Sommer in Chippewa verbringen - Teil zwei und drei des Romans spielen in den Jahren 1996 und 2009. Neben der Freundschaftsgeschichte schaut Nickolas Butler, wie schon der Titel verrät, ganz tief in die Herzen der Männer. Und auch wenn es schon sehr lange ebenso Organisationen für Pfadfinderinnen gibt (die allerdings sehr lange statt Kanubau und Tontaubenschießen hausfrauliche Übungen zu durchlaufen hatten), wo könnte man das besser als in einem Pfadfinderlager. Männer unter sich, eine Einrichtung, die "die Förderung der Entwicklung junger Menschen, damit diese in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen können" auf ihre Fahnen geschrieben hat. "Altmodische" Tugenden wie Anstand, Redlichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit und die Leitlinie Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt prägen seit ihrer Gründung das Bild der Pfadfinder. Auch wenn die Bewegung auf den britischen General Robert Baden-Powell zurückgeht und eine wirklich internationale ist, so verbinde ich sie immer auch mit den Vereinigten Staaten. Wie viele Romane und Erzählungen spielen in amerikanischen Sommerlagern! In nahezu perfekter Weise repräsentiert Lagerleiter und Kriegsveteran Whiteside die Ideale. Auch wenn Butlers Sympathie eindeutig ihm und auch den späteren Veteranen Nelson und Trevor gilt, ist nimmt er doch davon Abstand, diese zu heroisieren. Whiteside selbst leidet unter Traumata, die der Krieg in ihm hinterlassen hat, nie hat er eine Familie gegründet, er lebt für sein Camp. Als Nelsons Vater die Familie verlässt, kümmert er sich um dessen Ausbildung, aber ausgerechnet in einer Militärakademie. Damit schafft er die nächste Generation eines vom Krieg gezeichneten Einzelgängers. Nelsons Einsatz als "Tunnelratte" im Vietnamkrieg wird ihn bis ans Lebensende verfolgen. Sein Freund Jonathan hingegen wird heiraten und einen Sohn bekommen, Trevor. Aber auch er wird seine Familie, wie damals Nelsons Vater, verlassen. Wobei wir beim zweiten großen Thema dieses Romans sind. Wie verhalten sich Männer, die doch mit den Pfadfinderidealen Treue, Ehrlichkeit, Anstand und Verantwortungsgefühl groß geworden sind, im alltäglichen Leben, in ihren Familien, und, ganz zentral, (ihren) Frauen gegenüber? Denn auch wenn das Buch "Die Herzen der Männer" betitelt ist, sind es gerade die Frauen, denen das Mitgefühl und die Bewunderung des Autors gehört. "Mir wurde außerdem bewusst, als ich dabei war, diese 60 Jahre amerikanischer Geschichte nachzuvollziehen, dass es vor allem die Frauen sind, die unsere Kultur zusammenhalten. Es sind die Mütter, die die Familien zusammenhalten." So Nickolas Butler in einem Interview. Auch die Träume und Lebenspläne der Frauen zerplatzen viel zu oft im Laufe der Jahre und während die Männer sich oft aus dem Staub machen und/oder verstummen, sind meist sie es, die dann die Scherben zusammenkehren müssen. Trevors Frau Rachel gehört das letzte Kapitel, in dem sie mit ihrem Sohn Thomas in das Lager Chippewa reist und dort mit Männer übelster Art zusammentrifft. Rassistisch, sexistisch, ungehobelt und eitel - Butlers Frage, auch wenn er sie nicht expliziert stellt, steht im Raum: Wo sind sie hin, all die hehren (amerikanischen) Ideale? Wie hat sich unsere Gesellschaft verändert, wie unser Umgehen miteinander? Dass er ihr Verschwinden betrauert, wird sehr deutlich. Das ist irgendwie ein wenig altmodisch, aber gerade heutzutage, wo wir zum Beispiel die zunehmende Verrohung des Tons in den digitalen Medien bedauern, auch wieder hochaktuell. Und die herablassende, sexistische Haltungvon mancher Männern Frauen gegenüber ist ja durch die [*]Metoo-Debatte auch gerade wieder in der Diskussion. Nickolas Butler nimmt da durchaus Stellung, auch wenn das Buch nicht explizit gesellschaftskritisch oder politisch ist. Aber die Frage nach der Gültigkeit von Werten, die die Gesellschaft zusammenhalten, nach Kriterien für den Umgang miteinander, nach der Rolle der Männer, die auf den Verlust ihre jahrhundertelangen Dominanz mitunter mit Verunsicherung und Aggressivität reagieren - das hebt dieses Buch über die reine Kindheits-, Freundschafts- und Generationengeschichte hinaus. Aber diese Geschichten erzählt das Buch natürlich auch. Und Nickolas Butler erzählt sie ruhig, schlicht und berührend. Einige Szenen bleiben mir unvergesslich, beispielsweise diejenige, in der der Sohn den Schrank der verstorbenen Mutter ausräumt und die über viele, viele Jahre gesammelten Baseballkarten findet, die er als Kind so mochte. Gelegenheiten, sie ihm zu geben, hat er ihr wohl nicht so viele geboten. Nickolas Butler braucht kein großes Pathos, um auch die Herzen der Leser zu rühren.

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Ich muss zugeben, dass mich Kent Harufs im Frühjahr 2017 erschienener und begeistert bejubelter Kurzroman "Unsere Seelen bei Nacht" enttäuscht hat. Was als Schlichtheit und Dezenz gelobt wurde, war für mich nur Belanglosigkeit und das berührende Thema erreichte mich auch nicht, konnte ich doch gar nicht nachvollziehen, warum sich erwachsene, gestandene Menschen durch ihre Umwelt so in ihrem Leben einschränken lassen. Da Kent Haruf auch in den USA so gelobt wird, wollte ich ihm gerne nochmal eine Chance einräumen (oder auch mir, je wie man es betrachtet). Und um es gleich zu sagen, mit "Lied der Weite" klappte es besser, auch wenn das Buch ähnlich gestrickt ist. "Plainsong" im Original, weist es sowohl auf die "Great Plains" Amerikas, die großen Weiten, in denen das kleine Holt/Colorado, in denen Harufs Romane spielen angesiedelt sind, hin, als auch auf die Liedform des Chorals, einfache, einstimmige Melodien aus der Kirchenmusik. Solche einfachen Melodien, von der schwangeren Teenagerin Victoria, der Lehrerin Maggie Jones, dem von seiner Frau verlassenen Tom Guthrie und den McPherons Brüdern setzt Haruf hier zusammen und singt das große Lied von der Vereinzelung und Vereinsamung, vom Elend des Schweigens und von der Hoffnung und Erlösung durch Gemeinschaft und Familie, und sei sie auch eine selbst zusammengestellte. Wie gesagt, die Geschichte überzeugte mich deutlich mehr als das Vorgängerbuch, vielleicht, weil sie sich auch eindeutig mehr Zeit nimmt. Im Fazit ist aber auch sie mir in vielen Passagen zu einfach gestrickt und auch ein wenig rührselig.

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Einen gewöhnlichen Spannungsroman oder Krimi darf man von Friedrich Ani nicht erwarten. Genauso wenig wie einen der üblichen Ermittler. Es sind eigenwillige Figuren, die in Anis Romanen nach so etwas wie Wahrheit suchen. Nach dem, was wirklich passiert ist, als das, was wir Verbrechen nennen, geschah. Unvergessen ist der Vermissten-Finder Tabor Süden, oder auch der Ex-Mönch Polonius Fischer oder der blinde Jonas Vogel. Seit 2015 "ermittelt" der pensionierte Kriminalbeamte Jakob Franck, einst spezialisiert darauf, Todesnachrichten zu überbringen und nun, nach seiner Pensionierung, immer noch dabei, diese ungeliebte, schwierige Aufgabe zu übernehmen. Im aktiven Dienst befinden sich sein Freund und ehemaliger Kollege André Block und die Kommissarin Elena Holland. Sie alle sind nachdenklich, introvertiert, zurückgezogen, mit mehr oder weniger gescheitertem Privatleben und unkonventionell in ihren Ermittlungsmethoden. Und genauso ungewöhnlich sind die Fälle, die den Romanen Friedrich Anis zugrunde liegen. Keine bestialischen Ritualmorde, keine Gewalt im Bandenmilieu, keine politischen Intrigen. Es sind die stillen Fälle, die plötzlich Verschwundenen, die leisen Morde aus Verzweiflung, oder wie in Francks erstem Fall, in Der namenlose Tag , ein 20 Jahre zurückliegender Selbstmord einer 17jährigen, in dem Franck einst ermittelte. Diesmal ist es das Verschwinden des elfjährigen Lennard Grabbe und das Auffinden seiner Leiche 34 Tage später, um das sich das Geschehen dreht. Der Junge kam an einem kalten, stürmischen Wintertag vom Fußball, das Fahrrad war fort, gestohlen und das Handy lag zuhause. Doch was führte ihn fort von der Straße, in der Dunkelheit über den einsamen Spielplatz? Niemand hat etwas gesehen, oder doch, aber nichts Gewisses. Es sind mühsame Ermittlungen, die geführt werden, die Telefondaten aller zur Tatzeit am Tatort eingeloggten Handys müssen überprüft, alle Anwohner befragt und Verdächtige aus der Gegend vernommen werden, zum Beispiel der ehemalige Nachbar, der Lennard oft an der Schule abgepasst hatte. Vor allem müssen die Eltern betreut werden. Mit dem Überbringen der Nachricht vom Tod ihres über alles geliebten Kindes geschah die "Ermordung des Glücks", von dem der Titel spricht. Ani beschreibt die Qual der Mutter, die völlig zerbricht. Ihre Reaktion ist extrem, vielleicht sogar ein wenig zu überspitzt. Aber was ist eine "normale" Reaktion auf einen solchen Verlust? "Lügen hätt ich wollen, so viel lügen und was erzählen, nur damit ich nicht kaputtgeh unter der Wahrheit. Hat nicht funktioniert, die Wahrheit war stärker. Schauen Sie mich an, ich bin so was von aus der Welt. Wie soll ich wieder reinkommen, in die Welt?" Damit reiht sie sich ein in die lange Reihe von aus der Welt und der Zeit gefallenen Personen in den Romanen Friedrich Anis. Und sie ist dem Ermittler Jakob Franck gar nicht so unähnlich. Auch er plagt sich mit Dämonen aus der Vergangenheit, ungelösten Mordfällen, besonders dem an der eigenen Schwester vor vielen Jahren. Er kennt den Schmerz und die Verlassenheit. Vielleicht reden die anderen Untröstlichen, Ratlosen, Verlassenen, Gescheiterten, die das Buch bevölkern so offen mit ihm. Es ist aber auch seine Gabe zum Zuhören, die sie dazu ermuntert. Es ist seine "Gedankenfühligkeit", auf die er vertraut. Dann steht er auch mal stundenlang mit dem Fußball des Jungen unbeweglich auf der Straße und wartet auf Reaktionen der Umwelt. Seine Tiefenbohrungen in die Welt der Menschen fordern Zeit und Geduld. Auch vom Leser. Sie sind praktisch das Gegenteil von Action, statt laut und spektakulär, leise, melancholisch und nachdenklich, statt schnell und atemberaubend, langsam und düster. Einsamkeit ist ein großes Motiv darin und die Verheerungen, die bei denen entstehen, die zurückbleiben. Ebenso, wie Menschen an der Unfähigkeit miteinander zu reden zerbrechen. Die Ehe der Grabbes ist schon lange gescheitert, nun zerbricht sie vollends. Das Buch besteht zum großen Teil aus meisterhaften Monologen, dem verzweifelten Versuch, das Geschehen, das Leben, sich selbst zu verstehen. Darauf, auf das Entschleunigte, muss man sich einlassen können. Genauso wie auf die Düsternis, die unendliche Melancholie und Traurigkeit, die in Anis Büchern herrscht. Auf das gar nicht prächtige München der Randbezirke, der Aussichtslosigkeit. Dann erfährt man bei Friedrich Ani viel über die Menschen und ihren Kampf um ein bisschen Glück, und leider auch oft über ihr Scheitern. Und das in hoher sprachlicher und literarischer Qualität

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Es ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte, die Pierre Lemaitre uns hier erzählt.  Der Mörder steht dabei allerdings von Anfang an fest, auch die Tat wird bereits auf den ersten Seiten geschildert. Sie ist es, die so fassungslos macht. Ein zwölfjähriger, ruhiger, eher in sich gekehrter Junge tötet in einem Moment der rasenden Wut einen kleinen sechsjährigen Nachbarsjungen. Dessen Vater hat seinen von Antoine sehr geliebten Hund, nachdem er von einem Auto angefahren wurde, erschossen. Nicht, um das Tier von seinem Leiden zu erlösen, so schwer verletzt war es wohl gar nicht, sondern schlicht um die Tierarztkosten zu sparen. Er wollte den kleinen Rémi nicht töten, nicht einmal wehtun wollte er ihm. Aber da waren dieser Stock und diese unglaubliche Wut auf dessen Vater und dieser furchtbare Schmerz. Von Panik ergriffen versteckt Antoine die Leiche in einer natürlichen Erdhöhle im Wald. Dabei geht er mit einer verblüffenden Entschlossenheit zu Werk. Pierre Lemaitre schafft es, die Gewissenskonflikte und Ängste, die Antoine umtreiben deutlich und psychologisch schlüssig zu schildern. Er nimmt den Jungen nie in Schutz, entschuldigt nicht, macht aber auch seine Verzweiflung und seine Zerrissenheit zwischen verbergen und gestehen wollen deutlich. Da kommt ihm der Jahrhundertsturm "Lothar" zu Hilfe. Das Waldstück, in dem der kleine Rémi begraben liegt, wird völlig zerstört und unpassierbar.  Aber der Roman endet hier nicht. Zwölf Jahre nach dem für die Öffentlichkeit spurlosen Verschwinden des kleinen Jungen und den Konsequenzen, die dies nach sich zog, soll auf dem einst brachliegenden Gelände ein Freizeitpark entstehen. Das Buch nimmt hier eine Wendung, die hier nicht näher verraten werden soll und bis ins Jahr 2015 führt. Diese beiden neueren Abschnitte haben mich nicht mehr so überzeugt, vor allem ist jede Empathie für den erwachsenen Antoine verschwunden. Das Ende enttäuscht.

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2016 gewann der Roman "Chanson Douce" (Wiegenlied) der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Bereits davor war das Buch ein großer Publikumserfolg. Er schien einen Nerv zu treffen. Das kann nicht nur am leicht reißerischen Auftakt liegen, der den Ausgang des Geschehens vorwegnimmt. "Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine war dagegen am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde." Sicher ist die Tötung von Kindern immer noch etwas besonders grausames, aber unzählige Thriller überbieten sich mittlerweile mit blutrünstigen Einstiegen. Außerdem nimmt das Spektakuläre des Romans sehr bald ab, er wird nüchtern und protokollarisch. Ihn einen Thriller zu nennen würde deswegen auch nicht ganz die Wahrheit treffen. Wahrscheinlich sind es die Umstände, die beschrieben werden und die so sehr den Lebenswirklichkeiten und Ängsten vieler LeserInnen, gerade, aber nicht nur in Frankreich, zu entsprechen scheinen, die den enormen Erfolg des Buches erklären. Es ist eine wahre Tragödie, die ihr Ende bereits zu Beginn erreicht hat, und deren Anfang und Verlauf Leïla Slimani im Verlauf des Romans mit fast chirurgischer Präzision äußerst nüchtern vor uns ausbreitet. Myriam und Paul Massé sind ein Paar der gehobenen Mittelschicht in Paris, gut ausgebildet, sie Juristin, er Musikproduzent. Zwei Wunschkinder, natürlich ein kleines bezauberndes Mädchen und ein süßer Junge kommen auf die Welt, von den Eltern geliebt und verhätschelt. Doch bald nach der Geburt des zweiten Kindes, beginnt der gutaussehenden und talentierten Mutter die berühmte Decke auf den Kopf zu fallen. Eine Rezensentin sprach (zu meinem Missfallen muss ich hinzufügen, entspricht es doch zu sehr dem zurzeit so gängigen Bild des Lebens mit kleinen Kindern) von der "Ödnis des Wickeln-Füttern-Alltags". Dass der Vater in seinem aufregenden Beruf nicht kürzer treten kann, ist selbstverständlich. Die Großeltern stehen nicht zur Verfügung, sondern verwirklichen ihre Träume vom Lebensabend auf dem Land. Also ist klar: Eine Nanny muss her, denn eine Krippe oder ein Hort ist nicht aufzutreiben. Eine Situation, mit der sich sehr viele (gerade gut situierte, gut ausgebildete - und häufiger lesende) Eltern identifizieren können, in Frankreich, wo die überwiegende Anzahl der Frauen schon sehr bald nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückkehren, schon seit geraumer Zeit; mittlerweile aber auch in Deutschland. Generalstabsmäßig wird das "Casting" möglicher Kinderfrauen durchgeführt und tatsächlich ist ihnen das Glück hold. Louise erscheint zu gut, um wahr zu sein. Denn obwohl Myriam und Paul natürlich liberale, offene und im Falle von Paul sogar einem linksorientierten Haushalt entstammende Menschen sind, stellen sie an ihr "Personal" doch ganz konkrete Anforderungen. Auf keinen Fall "Sans Papiers" - als Handwerker oder meinetwegen Putzfrauen gerne, aber doch nicht für die Kinder; dazu möglichst ungebunden, keine eigenen Kinder, denn man fordert Flexibilität, was Verfügbarkeit bedeutet, wann immer man diese benötigt. "Das Wichtigste ist, dass sie flexibel ist und nicht so dröge, dass sie schuftet, damit wir schuften können." Es ist die Arroganz der Vermögenden, der Zahlenden, die bei den Massés sehr bald durchbricht. Und Louise ist die Erfüllung all ihrer Erwartungen, eine wahre Mary Poppins: in mittlerem Alter, alleinstehend, Französin, mit besten Referenzen. Die Kinder lieben sie sofort, der Haushalt läuft bestens, abends steht wunderbares Essen auf dem Tisch, die Kleinen sind gebadet, frisch gekämmt, müde von den Erlebnissen des Tages und zufrieden. Sehr bald können sich die Massés ein Leben ohne ihre "Nounou" nicht mehr vorstellen. Aus Bequemlichkeit geben sie immer mehr Zuständigkeiten ab, ignorieren auch zunehmend unheilvolle Zeichen. Denn Louise ist eine psychisch labile Frau. Von ihrem verstorbenen Mann mit einem Berg an Schulden in äußerst prekären Verhältnissen zurückgelassen, von der sozial auffälligen Tochter ignoriert, kommt sie mit ihrem Haushälterinnengehalt kaum über die Runden, droht ihr die Kündigung ihrer elenden Wohnung in einem der Pariser Banlieus. Diese Labilität verbirgt sie hinter einer äußerlichen Perfektion, die sowohl ihr Äußeres als auch ihre Tätigkeit umfasst und die bald beängstigende Ausmaße erreicht. "Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet." Die Familie Massé wird immer mehr ihr Lebensmittelpunkt. Dabei ist die Beziehung von einem seltsamen, aber typischen Ungleichgewicht geprägt. Während Louise alles über ihre Arbeitgeber weiß, interessieren diese sich überhaupt nicht für ihr Leben, ihre Sorgen, auch nicht, als sie allmählich in eine ausweglose Situation gerät. Leïla Slimani erzählt von dieser unglücklichen Entwicklung spannend und trifft damit den angesprochenen Nerv. Denn wie viele Eltern überlassen nicht jeden Tagen ihre Kinder anderen Menschen, denen sie dahingehend vollkommen vertrauen müssen? Zudem ist das Buch von einem realen Fall aus New York inspiriert worden. Gründe, warum das Buch so interessiert, so erfolgreich ist. Außerdem macht es gesellschaftliche Gegebenheiten sehr deutlich. Man hört immer wieder, dass gerade in Frankreich, vielleicht ähnlich wie in den USA, die sozialen Unterschiede und die Trennung der Schichten deutlicher ausgeprägter sind als bei uns in Deutschland. Aber auch hierzulande prägt sich diese Kluft zwischen "denen da oben" und "denen da unten" immer weiter aus. Die Autorin hat mit "Dann schlaf auch du" einen deutlich soziologisch angelegten Roman verfasst. Der ist dadurch naturgegeben ziemlich konstruiert. Auch die Personen sind für sich genommen recht wenig interessant, sondern eher exemplarisch. Darin liegt mein Kritikpunkt an diesem ansonsten spannenden und aktuellen Roman. Leïla Slimani analysiert und erklärt ihre Figuren und ihre Handlungen fortwährend, anstatt sie zu entwickeln oder literarisch zu durchdringen. Positiv ist, dass sie dabei Uneindeutigkeiten stehen lässt, kein Schwarz/Weiß malt. Aber die große Distanz, die sie zu den Personen einnimmt, ihre nüchterne, stets kommentierende Sprache, deren protokollarische Art sie durch eingestreute Zeugenaussagen noch unterstreicht, verhindert, dass man irgendeinem von ihnen auch nur annähernd nahekommt. Und damit verweigert sie dem Leser letztendlich jegliches tieferes Verstehen. Deshalb hat mich der Roman schließlich eher enttäuscht zurückgelassen.

cover
Mit großer erzählerischer Kraft, eindrücklich und packend erzählt der Autor die Geschichte der jugendlichen Sklavin Cora, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf einer Plantage in Georgia aufwächst, inmitten einer Welt voll Gewalt und Elend. Schwarze sind Ware, Besitzgegenstände, die nach Belieben verschoben, eingesetzt oder auch gezüchtigt und getötet werden dürfen. Dieses Besitzdenken ist fest in den Köpfen der weißen Bevölkerung verankert. Nur wenige Abolitionisten oder religiöse "Eiferer" verurteilen diese Praxis und werden von Befürwortern der Sklaverei fast genauso erbittert bekämpft und gehasst wie aufmüpfige oder geflohene Sklaven. Zusammen mit Caesar entschließt sich Cora zur Flucht. Und hier kommt die sagenhafte "Underground Railroad" ins Spiel. Diese bezeichnet ein weitgespanntes Netzwerk an weißen Gegnern der Sklaverei, freien Schwarzen und entflohenen Sklaven, die von den Nordstaaten aus operierten und Unterstützung bei der Flucht, Unterschlupf und Weitertransport in den Norden gewährten - meist unter akuter Gefahr des eigenen Lebens. Viele der grausamen und oft auch abartig sadistischen Praktiken, die Colson Whitehead im Umgang mit der "Ware Mensch" auf so unsentimental-lakonische wie ergreifende Weise schildert, beruhen auf Berichten Betroffener, den slave-narratives . Aber Colson Whitehead verfolgt keinen rein realistischen Erzählansatz. Eine Portion Fantastik fließt dadurch hinein, dass der Autor das Hilfsnetzwerk der "Underground Railroad", die zur Tarnung mit Begriffen wie "Zugführer", "Passagier", "Station" etc. arbeitete, ganz wörtlich nimmt. So fliehen Cora und Caesar durch ein unterirdisches Eisenbahntunnelsystem gen Norden. Mir gefiel die Umsetzung und dieser Aspekt sehr gut, rückt es doch das Erzählte in den Bereich einer Allegorie - der Flucht, der Grausamkeit der Menschen, ihres Ausgeliefertsein, ihres Mut, ihrer Entschlossenheit. Auf keinen Fall verliert der Roman dadurch seine historische Glaubwürdigkeit, sondern weist direkt ins Heute. Dass Colson Whitehead mit diesem historischen Stoff die brandaktuelle Lage auf wirklich spannende, packende Weise und mit einer großartigen, rhythmischen Sprache derart deutlich macht und damit auch die unbedingte Notwendigkeit einer grundlegenden Aufarbeitung dieser dunklen Phase in der amerikanischen Geschichte, ist jeden der verliehenen Preise mehr als wert.

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