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Alle Rezensionen von Klaraelisa

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Auch wenn man eine reichhaltige Kochbuchbibliothek besitzt, hat man bestimmt keins, das so ist wie Ofirs Küche . Dieses vegetarische Kochbuch des bekannten Filmregisseurs Ofir Raul Graizer überzeugt mit 70 israelisch-palästinensischen Rezepten, die mit wenigen Zutaten und unwahrscheinlich vielen Kräutern einfach und relativ schnell nachgekocht werden können. Nach einer umfassenden und sehr interessanten Einführung ist das Kochbuch unterteilt in verschiedene Kategorien, u.a. Ein Besuch in der Bäckerei , Gerichte mit Gemüse , Gerichte mit Eiern und das wichtigste, was für mich in einem Kochbuch nicht fehlen darf Desserts, Süßigkeiten und Getränke. Ich habe mehrere Gerichte, die alle hervorragend schmecken, nachgekocht. Angetan hat es mir der geröstete Gemüsesalat Mashwiya auf S. 79, die klassische Shakshuka auf S. 117, Freekeh auf S. 191 und der Kuchen aus Zitrusfrüchten auf S. 215. Diese und andere Rezepte werden mit Sicherheit Teil meines Repertoires. An diesem neuen Kochbuch gefallen mir jedoch nicht nur die Zutaten und die Rezepte, sondern auch die Optik, vor allem aber die Geschichten, die immer wieder eingestreut werden und das Buch besonders authentisch machen. Ich bin begeistert und werde von den neuen Kochideen reichlich Gebrauch machen.

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"Die Plotter", der Romanerstling von Un-Su Kim, spielt in Seoul nach dem Ende der Militärdiktatur. Konkreter wird der Autor nicht, was Zeit und Raum betrifft. Es geht um eine hierarchisch aufgebaute Organisation, die Auftragsmorde gegen Bezahlung ausführt. Da gibt es Plotter, die die Morde akribisch planen, Killer, die sie ausführen, Tracker, die Zielpersonen aufspüren und den Betreiber einer Art Krematorium, der die Toten einäschert. Im Mittelpunkt des Romans steht Raeseng, Anfang 30 mit etwa 15 Jahren Berufserfahrung. Er wurde als Kind von dem Plotter Old Raccoon aufgenommen und zum Profikiller ausgebildet. Bisher hat Raeseng sein Handwerk ohne Skrupel erledigt. In diesem Gewerbe tötet man nicht, weil man an etwas glaubt, sondern weil einem ein Vorgesetzter den Befehl dazu gibt. Dann wird Raeseng etwas nachdenklich angesichts von Todesfällen in seinem Umfeld, und er bringt sich durch eigenmächtige Veränderungen bei der Ausführung von Aufträgen in größte Gefahr. Der Markt ist in Bewegung, neue Leute drängen an die Macht. Die alten Plotter müssen abtreten, aber nicht etwa in einen beschaulichen Ruhestand. Sie werden ihrerseits eliminiert. Der Autor zeichnet eine Gesellschaft im Umbruch, wo die Mächtigen nicht vor Verbrechen zurückschrecken, wenn es darum geht, Gegner oder Rivalen auszuschalten, wo die Menschen jede Hoffnung verloren haben und niemandem trauen. Für Raeseng ändert sich alles, als mit Mito eine ehemalige Mitarbeiterin eines hochgestellten Plotters in sein Leben tritt, die ihn ausgerechnet mit einer in seiner Wohnung platzierten Bombe auf sich aufmerksam macht. Sie sucht seine Mithilfe bei ihrer geplanten Vernichtung des gesamten Gewerbezweigs. Beide wissen, dass sie bei einem solchen Unterfangen ihren eigenen Tod von vornherein einkalkulieren. Der Roman des Koreaners sorgt für Furore, aber ich glaube nicht, dass er einen neuen Trend einleitet, selbst wenn inzwischen eine gewisse Sättigung an skandinavischen Krimis eingetreten ist und viele Leser dieses Genre leid sind. Dafür ist das Thema zu speziell - blutiges Gemetzel und Entsorgung der Leichen gegen Bezahlung - und die Botschaft des Autors zu unklar. Wie real ist die dargestellte Gesellschaft, wo alle korrupt sind und Auftragsmorde nicht die Ausnahme, sondern die Normalität sind? Mir hat der Roman nicht gefallen.

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Im Mittelpunkt von Chloe Benjamins Roman "Die Unsterblichen" steht die jüdische Familie Gold in der Lower East Side in New York. Die Romanhandlung setzt im heißen Sommer 1969 ein, als die vier Geschwister - Varya, 13, Daniel, 11, Klara, 9 und Simon, 7 - während der langen Sommerferien eine Wahrsagerin aufsuchen. Daniel hat von Freunden gehört, dass diese Frau jedem seinen exakten Todestag vorhersagen kann. Das tut sie auch bei den vier Kindern, deren Leben von diesem Augenblick an für immer verändert ist. Der Roman ist in vier Abschnitte aufgeteilt. Aus der jeweiligen Perspektive eines Gold-Sprösslings wird ihre Lebensgeschichte erzählt, beginnend mit Simon, der die geringste Lebenserwartung hat. Angesichts seines baldigen Ablebens genießt er das Leben in vollen Zügen, ohne Rücksicht auf mögliche Risiken. Seine Schwester verhält sich ähnlich. Auch für sie ist es wichtig, ihre Träume umgehend zu verwirklichen, nichts auf später zu verschieben, denn sie wird auch schon in den 30ern sterben. Die beiden jüngsten Geschwister gehen mit 16 und 18 Jahren nach San Francisco und überlassen es Daniel und Varya, sich um die verwitwete Mutter in New York zu kümmern. In den vier Lebensgeschichten ist nicht zu übersehen, dass die Geschwister die Prophezeiungen nicht einen Augenblick lang vergessen und ihre Entscheidungen im Hinblick auf ihren angekündigten Tod treffen. Dieses Wissen ist offensichtlich so belastend, dass sie Auffälligkeiten entwickeln. Klara scheint manisch-depressiv zu sein, während Varya an Zwangsstörungen leidet, durch die sie mehr überlebt als lebt. Sie meidet soziale Kontakte und hat eine übertriebene Angst vor Unsauberkeit, d.h. vor den Gefahren, die von Viren und Bakterien ausgehen. Nicht nur die Protagonisten werden sich fragen, ob es nützlich oder schädlich ist, wenn man das eigene Todesdatum kennt. Lebt man mit diesem Wissen bewusster, intensiver, oder ist es einfach nur eine unerträgliche Belastung? Neben dieser zentralen Thematik geht es in dem Roman jedoch auch um Liebe und Trauer und vor allem um Geschwisterbeziehungen. Die Golds sind einerseits untrennbar miteinander verbunden, andererseits einander über weite Strecken entfremdet. Daniel fühlt sich schuldig, weil er den Besuch bei der Wahrsagerin organisiert hat, Klara wirft sich vor, dass sie mit dem Umzug nach San Francisco mittelbar den frühen Tod ihres Bruders verschuldet hat. Der Autorin gelingt eine komplexe Geschichte, die ihre Wirkung auf den Leser trotz einiger Längen und der manchmal etwas künstlich wirkenden Anpassung an das Handlungsgerüst nicht verfehlt. "Die Unsterblichen" ist sicherlich eines der wichtigeren Bücher dieses Jahres.

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Mit "Der Apfelbaum" legt der bekannte Schauspieler Christian Berkel seinen Debütroman vor. Viele Jahre hat er es vermieden, dieses Buch zu schreiben, und dennoch ließ ihn die bewegte Geschichte seiner Familie nicht los. Er recherchierte gründlich, reiste an viele Schauplätze des Geschehens und führte Gespräche, u.a. auch mit seiner 91jährigen Mutter Sala, deren Erinnerung allerdings nicht ganz zuverlässig war, z.B. wenn sie behauptete, mit Carl Benz verheiratet gewesen zu sein, der ihr ein Millionenvermögen hinterlassen habe oder dass der Vater des 1953 geborenen Christian im Krieg gefallen sei. Berkel erzählt die Geschichte seiner Familie über drei Generationen, angefangen mit der jüdischen Urgroßmutter Alta, dann Großmutter Isa und Mutter Sala, die durch die Heirat mit einem Nicht-Juden Halbjüdin war. Es war dem Autor ein dringendes Bedürfnis, mit 60 endlich die verstörenden Leerstellen der ihm bekannten Geschichte zu füllen und seine eigene Identität zu begreifen und zu akzeptieren - das alles vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Die Frauen der Familie wurden verfolgt und inhaftiert. Großmutter Isa war als Anarchistin in Francos Gefängnissen inhaftiert, Mutter Sala überlebte die Lagerhaft in den Pyrenäen. Der Vater geriet als Arzt der Wehrmacht kurz vor Ende des Krieges in russische Gefangenschaft. Es grenzte an ein Wunder, dass die Eltern, die sich 1932 mit 13 und 17 Jahren kennengelernt hatten, nach einer wahren Odyssee Anfang der 50er Jahre überhaupt wieder zusammenkamen. Der Autor betont mehrfach, dass man den Nationalsozialismus nicht verdrängen oder vergessen dürfe, sondern ihn als Teil der deutschen Identität begreifen müsse. So heilt der Autor für sich den in seiner Kindheit durch Informationsbröckchen - ein bisschen jüdisch, nicht ganz deutsch - verursachten Identitätsbruch, indem er durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Familie zu seiner Identität findet. Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er ist interessant und gut geschrieben und berührt, weil er zwar ein Werk der Fiktion ist, aber auf der Basis der Fakten dem Leser reale Personen näherbringt. Ein beeindruckender Romanerstling.

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In seinem Roman "Königskinder" verwöhnt der Alex Capus den Leser mit zwei Geschichten: eine spielt in der Gegenwart, die andere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das Ehepaar Max und Tina ist in den Schweizer Alpen mit dem Auto unterwegs, als sie auf einer eigentlich gesperrten Alpenstraße im Schnee steckenbleiben. Bis zum Morgen müssen sie sich irgendwie die Zeit vertreiben. Also erzählt Max seiner Frau eine Liebesgeschichte, die teilweise in der Schweiz, zum Teil aber am Hof von Versailles spielt. Der arme Kuhhirte Jakob verliebt sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Für den Vater des Mädchens ist Jakob natürlich kein geeigneter Ehekandidat. Der Bauer verhindert diese Verbindung. Marie wartet dennoch viele Jahre auf ihren Jakob, der inzwischen Soldat geworden ist und nach sieben Jahren zwar zurückkehrt, aber dann bald an den französischen Königshof geschickt wird, weil Prinzessin Elisabeth, die Schwester von Ludwig XVI., jemanden braucht, der sich mit Schweizer Kühen auskennt. Als die Prinzessin von den getrennten Liebenden hört, nutzt sie ihren Einfluss und holt Marie nach Versailles. Das Glück dauert jedoch nur bis zur Französischen Revolution. Dann müssen sich die Liebenden neu orientieren. Capus hat einen gut lesbaren Roman geschrieben, bei dem sowohl das authentische Porträt des zeitgenössischen Versailles als auch die sprachliche Virtuosität auffallen muss. Capus schafft eine Wortkulisse, die das höfische Leben inklusive damalige hygienische Verhältnisse lebendig werden lässt. Das Ergebnis ist kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine Geschichte voller Humor und Satire. Ich habe diesen Roman gern gelesen, obwohl ich ihn nicht für sein bestes Werk halte. Trotzdem ist das Buch eine Empfehlung wert.

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Jennifer Egans neuer Roman "Manhattan Beach" ist im New York der 30er und 40er Jahre angesiedelt. Die Menschen leben mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht die junge Anna mit ihren Eltern Eddie und Agnes und der jüngeren behinderten Schwester. Als 11jähriges Mädchen begleitet sie ihren Vater eines Tages zu dem reichen Gangster Dexter Styles. Worin die Arbeit ihres Vaters für diesen Mann besteht, weiß das Kind nicht. Vier Jahre später verschwindet der Vater spurlos, und Agnes und ihre Töchter sind auf sich allein gestellt. Mit 19 arbeitet Anna in der Werft. Sie nimmt Messungen vor, möchte aber viel lieber eine Tauchausbildung machen und Kriegsschiffe in der Werft reparieren. Es dauert eine Weile, bis ihre Hartnäckigkeit zum Erfolg führt und man sie einstellt. Sie schließt Freundschaft mit einer jungen Frau, die sie in eine Bar mitnimmt. Dort sieht sie Dexter Styles wieder. Sie sucht Kontakt zu ihm, weil sie zu Recht vermutet, dass er etwas über den Verbleib ihres Vaters weiß. Dexter und Anna kommen sich näher. "Manhattan Beach" ist ein historischer Roman mit Krimielementen. Einerseits bekommt der Leser ein Bild vom Leben in der damaligen Zeit: den Lebensbedingungen der Menschen zu Kriegszeiten, der Stellung der Frau in der amerikanischen Gesellschaft und der Macht der Gangstersyndikate. Andererseits wollen Anna und der Leser wissen, was mit ihrem Vater passiert ist. Erzählt wird aus drei verschiedenen Perspektiven, der von Anna, Dexter und Eddie und auf wechselnden Zeitebenen. Wichtige Informationen hält die Autorin bis fast zum Schluss zurück. Auch dadurch wird Spannung aufgebaut, denn der Leser begreift nur allmählich, wie eng die drei Schicksale verknüpft sind und welche Geheimnisse die Protagonisten sorgsam verbergen. Egan legt einen sehr interessanten Roman vor, der allerdings wegen der sehr detaillierten Beschreibung von Tauchgängen und der benötigten Tauchausrüstung etwas Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Mir hat das Buch gut gefallen.

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In Jardine Libaires Roman "Uns gehört die Nacht" begegnen sich in New Haven zwei sehr verschiedene junge Menschen Anfang 20. Der Yale-Student Jamie Hyde ist der Nachkomme einer reichen Banker-Dynastie, die Halb-Puerto-Ricanerin Elise Perez stammt aus der South Bronx, hat keinen Schulabschluss und hat ihre Mutter, den kriminellen und gewalttätigen Partner der Mutter und die jüngeren Geschwister verlassen, um diesem von Alkohol, Drogen und Gewalt beherrschten Leben zu entkommen. Die Beiden verlieben sich ineinander, aber die superreiche Familie setzt von Anfang an alles daran, die Beziehung zu stören und zu beenden - sogar Jameys Mutter Tory, die als Schauspielerin ebenfalls keine standesgemäße Partie für Alex Hyde war und nie gesellschaftlich akzeptiert wurde. Jedoch lässt sie es sich auch nach der hässlichen Scheidung von Jameys Vater nicht nehmen, von Reichtum und Privilegien der Hydes zu profitieren. Der Roman zeichnet die Entwicklung dieser zunächst nur obsessiven sexuellen Beziehung nach, die sich allmählich zu einer tiefen Liebe entwickelt. Die sexuell erfahrene Elise verführt den naiven, schüchternen Jamey, stellt aber fest, dass dieser sie nach dem Sex zu hassen scheint. Ihr Defizit an Bildung und ihre typischen Verhaltensweisen eines Mitglieds der unkultivierten Unterschicht stoßen ihn ab. "Uns gehört die Nacht" beschreibt die Entwicklung dieser problematischen Liebe über einen Zeitraum von 1 ¿ Jahren, von Januar 1986 bis Juni 1987. Es ist spannend zu lesen, wie Jamey versucht, sich aus dem Klammergriff seiner Familie zu befreien und schließlich mit Elises Hilfe um sein Überleben kämpft. Ist er willens und in der Lage, alle Brücken hinter sich abzubrechen und mit Elise einen Neuanfang zu wagen? Teilweise berührt diese Geschichte, sie ist aber streckenweise auch brutal und grausam, die Sprache mal poetisch, dann wieder überaus derb, zum Beispiel in der expliziten Beschreibung von Sexszenen. Das Buch ist nicht uninteressant, aber insgesamt bin ich doch ein bisschen enttäuscht.

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In seinem Buch "Naturnahes Kochen - einfach, gut, gesund" kombiniert der Gourmetkritiker und gelernte Koch Erwin Seitz eine gut informierte Warenkunde mit einem Rezeptteil von 24 Rezepten. Nach meinem Empfinden wecken Buchbeschreibung und Titel beim Leser falsche Erwartungen. Längst nicht alle Zutaten sind gesund, naturnah oder saisonal, zum Beispiel Blutwurst, Bratwurst oder Schokolade. Es mag sein, dass die gut erklärte Zubereitung nur 30 Minuten dauert, aber was ist mit der Beschaffung der teils ungewöhnlichen Lebensmittel? Saibling gibt es bestimmt nicht an der nächsten Ecke. Von daher kommen einige der Gerichte für Berufstätige von vornherein nicht in Frage. Ich hätte mir wesentlich mehr Rezepte mit leicht zu beschaffenden frischen und kostengünstigen Zutaten gewünscht. An der Optik des Bandes ist nichts auszusetzen. Ich habe auch nichts gegen einen Zugewinn an Wissen in der Warenkunde, aber ich sehe in dem Band eher eine Ergänzung meiner Kochbuchbibliothek und nicht einen Ersatz für bewährte Standardwerke.

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Mit "Kleine Feuer überall" legt Celeste ihren zweiten Roman vor. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Bill und Elena Richardson mit ihren vier halbwüchsigen Kindern. Sie leben in einem Haus in Shaker Heights, einem reichen Vorort von Cleveland, Ohio. Sie besitzen ein zweites Haus im Ort, in dem eine Wohnung an die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und ihre Tochter Pearl vermietet ist. Eines Tages brennen im Haus der Richardsons kleine Feuer in sechs Schlafzimmern. Elena steht fassungslos mit drei ihrer Kinder vor dem Haus, während die Feuerwehr versucht, die Brände zu löschen. Izzy, die jüngste und als verhaltensauffällig bekannte Tochter ist unauffindbar. Am Vortag verschwanden auch Mia und ihre Tochter, ohne sich zu verabschieden. Wer hat die Brände gelegt und warum? Ein zweiter Konflikt bewegt die Bewohner von Shaker Heights, wo alles geregelt ist und normalerweise nichts Außergewöhnliches passiert. Eine arme Chinesin und ein reiches, adoptionswilliges Ehepaar streiten um ein Baby. Die Chinesin will ihr Kind zurückhaben, das Ehepaar und viele Menschen im Ort meinen, sie hätte ihre Rechte verwirkt, als sie das Kind in ihrer Not aussetzte. Mia und Elena stehen in diesem Konflikt auf entgegengesetzten Seiten. Hat Mia, eine Kollegin der Chinesin im China-Restaurant, verborgene Gründe für ihre Parteinahme? Elena beginnt, die Vergangenheit ihrer Mieterin zu erforschen und deckt eine Menge Geheimnisse auf. Elena fühlt sich durch Mias unkonventionelle Lebensweise bedroht und versucht, ihre Familie zu schützen - ein fataler Schritt. Ngs Roman behandelt zahlreiche Themen: Mutterschaft und Familie, vor allem die Beziehung von Müttern und Töchtern, Kunst und Leben, Klasse, Privilegien und vor allem Rasse. Die Frage, ob reiche weiße Adoptiveltern ein chinesisches Kind seiner Kultur entfremden dürfen, wird ausführlich behandelt und unterschiedlich beantwortet. Elenas älteste Tochter Lexie mit ihrem farbigen Freund Brian schätzt sich glücklich, in einer Zeit und an einem Ort zu leben, wo Rassenzugehörigkeit keine Rolle mehr spielt. Der in den 90er Jahren angesiedelte Roman zeigt den naiven Glauben an ein besseres Amerika ohne Rassismus. Angesichts von Donald Trumps Präsidentschaft und der Existenz von Bewegungen wie Black Lives Matter ist dieser Glaube utopisch. Trotz einiger Längen und generell relativer Handlungsarmut hat mir der Roman gefallen, vor allem wegen der gelungenen Charakterisierung der weiblichen Protagonisten und der sprachlichen Qualität.

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Im Jahr 1830 ist Mary knapp 15 Jahre alt. Sie ist die jüngste von vier Töchtern einer bettelarmen Bauernfamilie. Die Eltern und ihre vier Töchter arbeiten sich fast zu Tode - von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Vater, ein gewalttätiger Grobian, kommt nicht darüber hinweg, dass er keine Söhne hat, die ein größeres Arbeitspensum schaffen, zumal Mary ein verwachsenes Bein hat und auch deshalb keine vollwertige Arbeitskraft ist. In der Familie lebt noch der nach einem Arbeitsunfall verkrüppelte Großvater, der sich immer wieder anhören muss, dass er ein nutzloser Esser ist. Zu ihm hat die junge Mary ein gutes Verhältnis. In dieser Familie gibt es ansonsten nur Arbeit, keine Liebe, kein Glück und das alles ohne Hoffnung auf Besserung. Eines Tages überlässt der Vater seine jüngste Tochter gegen Bezahlung dem Pfarrer, der Hilfe bei der Betreuung seiner kranken Frau braucht. Auch hier muss Mary unter der Aufsicht der 32jährigen Haushälterin Edna sehr viel arbeiten, obwohl die Arbeit körperlich nicht so anstrengend ist wie auf der Farm. Obwohl Mary jetzt materiell in besseren Verhältnissen lebt - sie hat ein eigenes Bett und bekommt genug zu essen - sind auch in diesem Haus die Menschen nicht glücklich. Der arrogante, verantwortungslose Pfarrerssohn Ralph macht sich an jede Frau in seiner Nähe heran und kann sein Elternhaus für sein Studium gar nicht schnell genug verlassen, womit er seiner todkranken Mutter das Herz bricht. Mary hat Heimweh nach der nur eine halbe Meile entfernten Farm und dem Großvater, darf aber monatelang das Pfarrhaus nicht verlassen. Nach dem Tod der Pfarrersfrau muss Edna gehen, während Mary bleibt. Sie hat längst verstanden, dass sie ein Gefängnis gegen ein anderes getauscht hat. Es gibt für sie keine Entscheidungsfreiheit und keine Befreiung von männlicher Dominanz. Ihr Arbeitgeber nimmt ihr die Freiheit genauso wie ihr Vater. Als der Pfarrer der intelligenten jungen Frau mit Hilfe der Bibel das Lesen und Schreiben beibringt, sieht Mary einen möglichen Ausweg aus ihrer Situation. Doch sie zahlt einen hohen Preis dafür. Die Katastrophe ist unausweichlich. Sie, die nie eine Wahl hatte, trifft am Ende ihres Berichts eine einzige Entscheidung, die sie befreit. Die Autorin hat mit Mary eine Protagonistin mit einer unverwechselbaren Stimme geschaffen, die mit Hilfe ihrer neu erlernten Fähigkeiten über das entscheidende Jahr in ihrem Leben berichtet: 1830-31. Mary ist zwar ungebildet, aber intelligent mit schneller Auffassungsgabe, dazu sehr direkt, was ihr immer wieder Ärger und Prügel einbringt. Ich-Erzählerin Mary bekommt in diesem schlanken Bändchen einen eigenen Stil - fast ohne Großbuchstaben und ohne Anführungszeichen für Zitate, ohne Kommata. Satzbau und Grammatik sind fehlerhaft, aber ihre Sprache wirkt sehr authentisch. Sie lebt ein Leben, in dem Gefühle nicht zählen und erst recht nicht ausgedrückt werden können, aber in großer Nähe zur Natur und den Tieren auf der Farm, besonders zu der Kuh, die ihr Wärme spendet. Eindrucksvoll ist die Szene, als sie am Ostersonntag einen Hügel besteigt, um dort den Sonnenaufgang zu erleben. "Die Farbe von Milch" beschreibt das Schicksals eines jungen Mädchens, aber macht dem heutigen Leser auch deutlich, wie Klassenzugehörigkeit vor 200 Jahren über Lebenschancen entschied. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

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