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Alle Rezensionen von Valter Miegas

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Dora muss raus! Nichts ist mehr stimmig. Zu viele Informationen, zu viel Widersprüchliches, die Mitmenschen werden immer befremdlicher in der ansonsten splendid isolation der Stadt, selbst der Mann an ihrer Seite entfernt sich gefühlt immer mehr. Dann bricht auch noch die Corona-Pandemie aus, die daraus resultierende Arbeit im home office erzeugt immer unrträglichere Enge, die zu weiterer Distanzierung führt. Hals über Kopf kauft sie ein altes Haus auf dem Land in Brandenburg um dem allen zu entfliehen und um zu versuchen, wieder zu sich selbst und zu innerer Ruhe und Stabilität zu finden. Zunächst muss sie sich an die neue Umgebung gewöhnen, kämpft mit dem verwilderten Garten; ohne eigenes Verkehrsmittel findet sie sich auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, erleidet seine Unzulänglichkeiten und Unbequemlichkeiten. Erfreulicherlicherweise findet sie in der ihr neuen Situation Hilfe von den anderen Dorfbewohnern: auf dem Dorf ist man aufeinander angewiesen und jeder hilft jedem, und so findet sie die Wärme, Menschlichkeit, Empathie, die Städter immer mehr vermissen, ausgerechnet im Nazi-verseuchten Dorf. Zu ihrer großen Überraschung aber auch Verwirrung findet sie in ihrem Nachbarn, dem Dorfnazi, wie er sich vorstellt, trotz seiner im Grunde gewaltbereiten Einstellung einen der nettesten und hilfsbereitesten Menschen dem sie je begegnet ist... Über Menschen - Übermenschen Juli Zeh lässt Dora über Menschen berichten, die sich gerne als Übermenschen gerieren. Es friert einen, wenn einer dieser Übermenschen erzählt, mit welcher Normalität man nach Lichtenhagen gefahren sei, sich am Feuer erfreut habe und den Beifall der Umstehenden genossen habe. Leider gibt sie diesen gewaltbereiten rassistischen engstirnigen Nazis auch freundliche und hilfsbereite Seiten, was zu einer gewissen Verharmlosung dieser Gruppe führt, die in der realen Welt ja auch vor Mord nicht zurückschreckt. Dora stellt aber auch klar, dass sie selbst, weil Nicht-Nazi, etwas besseres ist. Zunächst sieht es so aus, als würde Juli Zeh lauter Kurzgeschichten über Dora, eine junge Werbedesignerin, die mit sich und der Welt, die für sie voller beängstigende Widersprüche ist, nicht klar kommt, aneinanderreihen. Entsprechend kurz sind die meisten Kapitel dieses Romans und sie folgen einem Muster: Die Kapitel beginnen meist mit einfachen Sätzen über Alltägliches, steigen dann aber hinab in die Tiefen von Doras Wahrnehmung und Gefühlsleben und Doras Versuche, das Erlebte zu verarbeiten. Wenn man Informationen auf Schubladen verteilt, Wahrnehmungen in Kategorien sortiert, scheint die Welt überschaubar. Werden die Informationen zu viele, die Wahrnehmungen zu unterschiedlich, kommt man mit dem Verteilen und mit dem Sortieren nicht mehr nach, die Verwirrung wächst, die Orientierung schwindet. So in etwa fühlt sich Deutschland derzeit, Juli Zeh versucht, diesen Zustand an Hand ihrer Protagonistin Dora zu vermitteln. Recht schnell erkennt man, dass eine Schublade, eine Kategorie nicht ausreicht. Was nun? Der in Unterleuten bereits gesichtete Kampfläufer rennt auch in Über Menschen2 wieder durch die Natur, vermittelt somit eine gewisse Nähe zu derselben und macht auf den zerstörerischen EInfluß des Menschen aufmerksam, Stichwort Klimawandel2. Warum allerdings der weniger gefährdete und alltäglichere Star ein proletarisches Federkleid tragen muss, bleibt unklar. Ein weiteres Tier wird als Metapher eingesetzt: der Wolf symbolisiert meist alle Ängste der Menschen vor dem Unbekannten, Wilden, Starken, Gefährlichen, darf also auch in einem Buch, das sich mit dem Umgang mit Nazis in der Dorfgemeinschaft beschäftigt, nicht fehlen. Es gibt immer einen, der immer dabei ist, aber eigentlich nicht dazugehört und auch nicht dazugehören will. Leider bricht dann der Charakter des Protagonisten und sein Schicksal mit diesem Bild. Manches vom Film entlehnte Atmosphäre-Stilmittel wird eingesetzt, wenn z.B. der Regen die traurigsten Momente durchnässt, und wirkt dann klischeehaft und unpassend. Der Beginn der Corona-Pandemie spielt in diesem Roman eine entscheidende Rolle, unterstreicht dadurch die Aktualität der Botschaft des Romans, auch wenn der Zusammenhang zum eigentlichen Thema fehlt. Für eine Auseinandersetzung mit den Folgen der Pandemie auf die Gesellschaft und die Menschen ist es zu früh und so bleibt dieser Aspekt im Gegensatz zu den anderen Themen inkohärent oberflächlich. So kommen letztendlich zwei Themenkreise zustande. Die Schwierigkeiten beim Leben im ländlichen Raum, hervorgerufen durch die an Ballungszentren orientierte Wirtschaft (Infrastruktur Versorgung Lebensmittel Waren Medizin), wie sie überall in Deutschland zu beobachten sind, ergänzt durch den Raubbau an der ehemaligen DDR nach der Vereinigung . Der Schwerpunkt schlechthin ist die Auseinandersetzung mit dem Dilemma, in der Dorfgemeinschaft auf Menschen angewiesen zu sein, mit denen man nichts zu tun haben möchte, weil sie völlig ohne Unrechtsbewusstsein ihr gewaltbereites rassischtes Nationalistenleben leben. Es könnten durchaus autobiographische Züge sein, wenn Dora von ihren Werten und ihrer Einstellung zur Religion erzählt, oder Antworten auf ihre Ängste auf Ausflügen in die Heideggersche Philosophie sucht. Sehr schön, wie sie von dort auch den Bogen zur heute allgegenwärtigen Achtsamkeit schlägt. Juli Zeh zeigt in ihrem neuen Roman auf unterhaltsame, bisweilen auch witzige Art und Weise die derzeitige Befindlichkeit der deutschen Gesellschaft. Dabei wertet sie nicht und unternimmt weder Erklärungsversuche noch Ursachenforschung, er wird weder Lehrstück noch philosophischer Leitfaden für den Umgang mit den Problemen unserer Zeit. Sie erklärt nicht, was richtig ist, stellt aber immer wieder dir richtigen Fragen. Sie malt ein umfassendes Bild der heutigen Gesellschaft, der Rezeption und der Reaktion der Menschen auf eine immer schneller immer komplexer werdende Welt, in der der Einzelne machtlos Probleme aushalten muss, die nur gesellschaftlich zu lösen sind. Der Roman ist sehr schön geschrieben und liest sich leicht und flott. Auch wenn es gegenüber Unterleuten stark abfällt, schnell will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, genießt den Humor und Wortwitz, will wissen, wie es weitergeht, wie sich Dora weiter entwickelt und wie Juli Zeh die Geschichte schließlich auflöst, und bleibt am Ende angekommen durchaus nachdenklich zurück.

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Mia erträgt ihren vom Kapitalismus geprägten banalen Werbetexter Job nicht mehr. Während des Studiums hatte sie in einem Seminar über japanische Literatur Sei Sh¿nagon kennengelernt, die mit ihrem ¿Kopfkissenbuch¿ Literaturgeschichte geschrieben hat, und fortan nicht mehr aus den Gedanken verloren. Sie findet eine Möglichkeit und den Mut, aus ihrem verhassten Alltag in Helsinki auszubrechen. Diese gewonnene Freiheit nutzt sie, um sich auf die Suche nach Sei zu machen. Sie reist auf deren Spuren nach Kyoto und nach London, um ihr näher zu kommen, versucht ihr Geheimnis zu ergründen. Aus ihren Notizen, festgehalten während dieser Auslandsaufenthalte, sich an den Stil des Kopfkissenbuches anlehnend, erstellt Mia Kankimäki nicht nur eine wissenschaftliche Abhandlung über die Hofdame Sei und ihre Zeit am japanischen Hof des 10. Jhdts, sondern auch einen veritablen Reiseführer für Kyoto und für Teile Londons, eine umfangreiche Einführung in die japanische Kultur einst und jetzt, und, nicht zu vergessen, sehr offene Einblicke in ihre eigene Gedanken- und Gefühlswelt. Es ist das erste Buch in westlicher Sprache über Sei Sh¿nagon. Diese Hommage an Sei Sh¿nagon ist wunderbar gelungen, sie ist wahrlich okashi. Mit Sei führt sie wie mit einer Freundin einen beständigen Dialog über diese 1000 Jahre hinweg, versucht sich in ihre Welt hineinzuversetzen. Sie gibt uns in diesen Dialogen auch ungewohnte Einblicke in die japanische Geschichte. Ein zentraler Punkt ist dabei die Situation der Schriftstellerinnen damals im Fernen Osten und in der jüngeren westlichen Geschichte, sie zitiert immer wieder Virginia Woolf. Durch ihre Präsenz an den Orten, an denen Sei gelebt hat, erfährt man auf sehr unterhaltsame Weise vieles über das Leben in Japan heute, die Dos and Don¿ts, selbst bei Naturkatastrophen. Ihre Begeisterung für Kyoto und die japanische Kultur ist dabei sehr ansteckend, sei es die Stadt selbst und die sie umgebende Landschaft, sei es Pflaumenblüte, Kalligraphie, das Festival der Zeiten (Jidai Matsuri), um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Diese Beschreibungen sind so lebendig, man möchte sofort los und all das selbst erleben. Der eigentliche Punkt ist aber ein anderer. Mia Kankimäki schreibt von Beginn ihres Projektes Tagebuch. Der Leser erfährt dadurch hautnah, wie es ihr während der Arbeit geht, wie sie sich fühlt, wie sie neue Freunde findet und sich wieder von ihnen verabschieden muss, wie sie sich in diese östliche Kultur einlebt, nicht zuletzt, was ihr Projekt mit ihr macht. Immer wieder verweist sie dabei auf Philosophen, Autoren, Filme, Musiker, und verleiht ihren Wahrnehmungen und Gefühlen einen anderen Kontext, eine andere Perspektive. Sie steigt hinab in philosophische Tiefen und stellt Fragen, die die Philosophie seit Jahrtausenden beschäftigen. Durch diese Einblicke in ihr Seelenleben nimmt sie den Leser ganz unmittelbar mit auf ihrer Reise durch Raum und Zeit. Wunderschön zu lesen, wie sie mit den neuen Freunden durch die Stadt streift, von Butoh-Aufführungen durch die Parks und Gärten in die Teehäuser und -stuben und auch mal nächtelang durch die Bars, die man nicht findet, auch wenn man weiß, wo sie sind. Mia Kankimäki zeigt hier herrlich gemischt einerseits die Charaktere ihrer Freunde aus aller Welt, wie sie sie wertschätzt, anderseits die kulturelle Vielfalt der japanischen Freizeitgestaltung. Man könnte, ja müsste, noch eine Fülle von anderen Themen ansprechen, um diesem Buch gerecht zu werden. Dieses ineinander Verflechten der Zitate Seis, der japanischen Geschichte, der Reisebeschreibungen, der Kulturvergleiche und ihrer persönlichen Erlebnisse und Erkenntnisse, machen das Buch trotz gelegentlicher Längen zu einem abwechslungsreichen Werk, das man nicht nur einmal durchliest und dann weglegt, man wird sich immer wieder abschnittsweise darin vertiefen. Will man nach der Lektüre von ¿Dinge, die das Herz höher schlagen lassen¿ auch das Kopfkissenbuch lesen? Keine Frage! In kleinen Dosen genossen wird es für lange Zeit Freude bereiten! Ein anderes Phänomen des Kopfkissenbuches darf in Mias Buch nicht fehlen: die Listen, die Sei sehr feinfühlig und elegant führt, die sich andererseits heutzutage wachsender Beliebtheit erfreuen; das Thema einer dieser Listen ist zum Titel des Buches geworden. Kein Zweifel, es ist eine wunderschöne Rekursion: das Buch, das diesen Titel einer Liste trägt, muss auch in dieser Liste aufgeführt sein!

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