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Alle Rezensionen von ulrike rabe

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Eine Familie in Rumänien, beide Eltern haben keine Arbeit, die Kinder Manuel und Angelica wenige Perspektiven. Da beschließt die Mutter Daniela, heimlich, zu gehen. Nach Italien, um dort als Altenpflegerin zu arbeiten. Bald verabschiedet sich auch der Vater. Manuel, der zu dieser Zeit ein pubertierender Jugendlicher ist, findet keinen Halt. Bis ein Unfall seine Mutter wieder zurück zur Familie führt. Marco Balzano spricht hier für viele Frauen, für viele Familien, die ein ähnliches Schicksal teilen wie Daniela und ihre Kinder. Wenn ich wiederkomme hat ein wichtiges und notwendiges Thema zum Inhalt. Die Arbeitsmigration osteuropäischer Frauen hinterlässt eine Leere in den Familien. Sie selbst arbeiten und leben weiterhin in prekären Verhältnissen, oft schwarz, über- und unterqualifiziert gleichermaßen, von der Hand in den Mund, dem Wohlwollen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen ausgeliefert. In Italien hat sich offenbar sogar das Wort Italienkrankheit etabliert, welches die physischen und psychischen Belastungen der Pflegerinnen zusammenfasst. Mehr dazu kann man auch im Nachwort des Autors zum Buch lesen. keiner kümmert sich um die, die sich kümmern In diesem Roman erfahren wir von Manuel, Daniela und Angelica, wie sie mit diesem Leben zurechtkommen müssen. Daniela muss wohl so sein, nach außen hin abweisend, um ihre Schuldgefühle zu verbergen. Damit macht sie es aber der Leserin auch nicht leicht, mit ihr mitzufühlen. Mit ihrem Fortgehen sichert Daniela zwar finanziell die Zukunft ihrer Kinder ab, die emotionale Leere lässt sich dadurch nicht füllen. Entfremdet kehrt sie wieder, es ist ein schwieriger Annäherungsprozess, die Distanz und Sprachlosigkeit vorherrschend. Die Entfernung ist für die Leserin allzu deutlich, das mag mit ein Grund sein, warum ich zwar die Personen und ihr Handeln nachvollziehen kann, ich aber nicht berührt wurde.

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Glasgow 1980, die Familie Bain lebt in prekären Verhältnissen. Agnes Bain hat zwei Kinder aus erster Ehe. Ihr Mann Big Shug ist Taxifahrer und einer der nichts anbrennen lässt. Shuggie ist der gemeinsame Sohn. Alle hausen sie bei Agnes Eltern, die es nicht verwunden haben, dass Agnes ihren soliden katholischen Mann gegen einen unzuverlässigen Draufgänger eingewechselt hat. Nichts von dem was sich Agnes erträumt hat, ist eingetreten. Als die Familie von Glasgow in den tristen Bergbauort zieht und Shug Agnes und die Kinder im Stich lässt, wendet sich Agnes immer mehr und mehr dem Alkohol zu. Shuggie Bain und der Autor Douglas Stuart haben eine ähnliche Geschichte. In dem Roman verarbeitet der schottische Autor seine eigene Kindheitsgeschichte. Und das mit einer Eindringlichkeit und berührender Sprache. Nicht von ungefähr hat Stuart für dieses Buch den Man Booker Prize 2020 erhalten. Es ist trist, es ist schonungslos, es ist berührend. Aber es erschlägt einen nicht mit der Betroffenheitskeule. tell it like it is und das sprachlich gekonnt, wenn Stuart erzählt. Mit dem Versuch der Übersetzerin den Glasweger Ton zu treffen habe ich mich arrangiert. Glück is dat Einzige, was uns ausse Bredullje hilft. Vom Glück kann keine Rede sein, mitten in der Ära Thatcher. Die Menschen trifft die volle Härte dieser Regierung einer strikten Wirtschaftspolitik. Arbeitslosigkeit, mangelnde Ausbildung, keine finanzielle Absicherung, schlicht Chancenlosigkeit, die vor allem Frauen und Kinder betrifft. Das wöchentliche Hangeln von Stütze zu Stütze . Agnes Bain gerät in einen Kreislauf von Alkohol, Depression, sozialer Isolation und ein Umfeld, das ganz genauso ist. Im Grunde interessiert sich niemand für Menschen wie Agnes. Sie sind peinlich, unangenehm, nichts wo man anstreifen möchte, sprichwörtlich. Mit ihnen ist kein Staat zu machen. In der Ära Thatcher bestimmt nicht. Selbst in der Familie ist sich jeder selbst der Nächste. Die Tochter Catherine entkommt früh durch Heirat den Verhältnissen und zieht nach Südafrika. Alexander vergibt sich die Chance auf ein Kunststudium, schafft aber letztlich auch den Absprung. Der einzige Halt, der Agnes bleibt ist Shuggie. Schon als Kind lernt der Junge mit den Stimmungsschwankungen der Mutter umzugehen, Geld auf die Seite zu legen, damit Agnes nicht alles in Bier und Schnaps umsetzt. Dazu ist Shuggie anders , feinfühlig, auch körperlich nicht. männlich genug . Auf seinen schmalen Schulten lastet eine große Verantwortung für seine alkoholkranke Mutter. Es ist ein Roman über eine sehr intensive Mutter-Sohn-Beziehung. Letztlich ist aber auch die allergrößte Liebe eines Kindes zur Mutter machtlos gegen die toxische Spirale der Sucht.

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Benjamin, Nils und Pierre, nach langen Jahren der Abwesenheit fahren die drei Männer zum letzten Mal zu ihrem ehemaligen Sommerhaus. Es war der letzte Wunsch ihrer Mutter, dass deren Asche dort am See verstreut wird. Die Brüder haben sich voneinander entfernt. An diesem Ort der Kindheit kommen sie wieder zutage: unverarbeitete Konflikte, ungesagte Erinnerungen. Der schwedische Schriftsteller Alex Schulmann erzählt in seinem Debütroman von den Überlebenden , von der Vergangenheit bis ins Heute und vom Heute in Rückwärtsschritten, bis sich jetzt und damals annähern. Wie wuchsen diese Jungs auf? Die Eltern waren Alkoholiker, Akademiker jedoch ohne jeglichen Ehrgeiz und Antrieb. Ein ständiges Schwanken zwischen dem Überschwang des Vaters und der herablassenden Gefühlskälte der Mutter. Es bahnt sich etwas in diesem letzten Sommer damals in dem roten Holzhaus am See. Etwas das so einschneidend ist, dass auch die schon längst erwachsenen Brüder davon zehren. Die abwechselnd vorwärts und rückwärts gerichteten Kapitel lassen eine gewisse Dynamik entstehen. Die endgültige Tragweite und Tragik des Geschehenen entfalten sich erst auf den letzten Seiten. Das Gewicht all dessen, was in diesem Moment passiert, ist groß. Doch das meiste ist längst geschehen. Was sich hier abspielt ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der am weitesten vom Einschlagpunkt entfernt ist. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, sehen wir auf der Oberfläche noch einige Zeit die Kreise, die der Einschlag mit sich zieht. Doch der Stein selbst liegt schon lange verborgen am Grunde des Sees. Habe ich zunächst noch überlegt, worauf der Autor eigentlich mit seiner Geschichte hinauswill, was das Besondere - abgesehen von der Komposition der Erzählung, die fand ich von Anfang an genial - an dieser Geschichte sein sollte, kommt eine völlig überraschende Wendung, die alles in ein anderes Licht rückt. Ein großartiges Manöver, das nur ein Risiko mit sich bringt: beinahe hätte mich der Autor ab der Hälfte des Buches verloren. Die Überlebenden ist also kein Buch für Ungeduldige. In diesem Buch über Familie, Zusammenhalt und Schuld läuft es am Ende auf eines hinaus: Versöhnung.

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Zelda ist 21 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Bruder Gert in einer Wohngemeinschaft. Sie hat einen Freund und eine beste Freundin und einen Teilzeitjob in der Bibliothek. Zelda interessiert sich brennend für die Wikinger, deren Geschichte und Bräuche und deren Krieger. Klingt alles ganz "normal", ist es aber nicht. Zelda ist aufgrund des Fetalen Alkoholsyndroms kognitiv eingeschränkt. Doch Zelda ist weder schwach noch dumm, in ihr steckt gehörig viel Mut und Lebensweisheit. Und das ist gut so. Denn ihr Bruder Gert, der sich eigentlich um sie kümmern sollte, hat sich mit den falschen Leuten eingelassen und steckt nun in ziemlichen Schwierigkeiten. "Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz", so lautet der Titel des Debütromans von Andrew David MacDonald. Der kanadische Schriftsteller stellt uns eine ganz besondere Protagonistin vor. Zelda muss man einfach in sein Herz schließen. Die junge Frau, deren Leben von Kindheit an kein einfaches war, ist so ein starker Charakter, liebenswert und mutig. "Einem festen Plan zu folgen ist wichtig, damit alle wissen, wo man ist, und damit man immer weiß, was zu tun ist." Zeldas Tagesablauf hat ein gewisses Grundgerüst, das gibt ihr Halt und Sicherheit. Als Zeldas Bruder Gert in Schwierigkeiten gerät, weiß Zelda aber intuitiv was zu tun ist und schmiedet wahrlich einen Wikingerschlachtplan. Zelda ist die Heldin ihrer eigenen Legende. Ich feiere Zelda, die Heldin dieses Buches, die ich umarmen möchte, die mich zu Tränen rührte, von der ich alles und noch mehr lesen wollte!

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Liebe und Kunst, Fakten und Fiktion. Wo beginnen, wo hört es auf. Grenzen verschieben sich. Wie geht ein Autor mit seinem eigenen Werk um. Der deutsche Schriftsteller Wolfram Fleischhauer greift hier in die vollen. Sein neuester Roman "Die dritte Frau" ist nicht nur die Aufarbeitung des eigenen Werkes, seinem Erstling "Die Purpurlinie" und eine Art Fortsetzung dieses Debüts. Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben und gleichzeitig eine höchst spannende Suche nach Antworten. Ein Gemälde, ein historischer Background, eine Frau, Südfrankreich, eine fikitve Lösung eines Rätsels. Auch wenn der vorliegende Roman sich immer wieder auf einen lang zurückliegenden Vorgänger beruft, lässt sich das Buch ganz ohne Vorkenntnisse lesen. Es entwickelt einen feinen Sog. Schön und genießerisch zu lesen.

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In dem Sommer, in dem sie ihren Schulabschluss hat, beschließt sie: ¿Ab heute will ich gesund leben, Sport treiben und abnehmen.¿ Sie hat Pläne, die sich durchaus vernünftig anhören. Sie will studieren, will klug sein, mit Verstand und dem Herzen. Neun Monate später ist ihr das Leben entglitten, leidet unter Essstörungen, wiegt unter 4o Kilogramm. Es ist eine Geschichte einer obsessiven Sucht, die Louise Juhl Dalsgaard hier erzählt. Ist es ihre eigene, oder nur sehr scharf beobachtet, einerlei. Die dänische Schriftstellerin legt hier mit ihrem 2017 erschienen Debüt ¿Genug¿ das Porträt einer jungen Frau an, das besonders ist in Sprache, Form und Inhalt. Es sind Erinnerungen, Gedankensplitter der jungen Frau zu ihrer Kindheit, ihrem Erwachsenwerden, ihrem Leben mit der Krankheit, dem Verhältnis zu Mutter und Vater, den toxischen Beziehungen zu Männern. Unterbrochen werden diese oft nur wenige Zeilen langen Segmente von Therapieberichten behandelnder Ärzte, Therapeuten und Sozialarbeiter, die dem ganzen einen höchst authentischen Anstrich geben. Schon als Kind verspürt die Protagonistin eine seltsame Distanz zu ihrem Körper. ¿In einem Sommer taufe ich meine Knie. Das da und das da, nenne ich sie¿Viele Jahre lang sind meine Knie das Einzige, was mich mit mir verbindet.¿ Das da und das da! Schon immer wich die Mutter Gesprächen aus, trägt viel Ungesagtes mit sich herum, wie eine russische Puppe, gefüllt mit sich, gefüllt mit sich und ganz tief drinnen die Tochter wie eine Puppe. Der Vater beginnt gleich gar keine zu führen. Verständnislos und hilflos sind die Eltern mit der Situation. Sie sind wie Außenstehende. Wie also sollten sie klar kommen mit der Krankheit der Tochter, wenn diese selbst keinen Grund nennen kann oder mag. ¿Mein Gehirn möchte gesund sein, mein Körper beharrt darauf, dass ich es nicht wert bin.¿ Ihr Bruder ist eine Stütze, weil er unverblümt und geradeheraus ist. Mit ihm schließt sie, initiiert von ihrem Sozialarbeiter - einen Vertrag, nicht aufzugeben. Handschriftlich steht dazu nach den Unterschriften: Kämpfe, Louise ¿ Am Ende wartet das Leben ¿Fast jeden Tag spaziere ich runter zum See. Da stehe ich dann und rufe: Dass ich MEHR haben will, obwohl ich mehr als GENUG habe.¿ Dieses Buch ist einschneidend, berührend. Ein Aufschrei, aber auch ein Zeugnis von Stärke. Besonders und beeindruckend.

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Berlin 1942: Senta Goldmann katalogisiert für ihren Schwiegervater eine Reihe von Gemälden, die der jüdische Kunsthändler den Nationalsozialisten übergeben muss. Es ist der Vorabend seiner Deportation. Von den Bildern und der Liste verliert sich nach dem Krieg jede Spur. Jahre später erinnert sich Senta an die Werke, vor allem an das eine mit folgenden Worten: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, von Johannes Vermeer¿. Berlin, heute: Hannah arbeitet an ihrer Doktorarbeit, hat eine Affäre mit ihrem Professor und einmal pro Woche besucht sie ihre 94-jährige Großmutter Evelyn in der Seniorenresidenz. Zufällig entdeckt Hannah dort einen Brief einer israelischen Anwaltskanzlei, indem es um Restituierung eines Gemäldes aus ehemals jüdischem Besitz geht. Evelyn will mit der Sache nichts zu tun haben. Doch Hannah beginnt nachzuforschen und erfährt von einer Familiengeschichte, die bislang verschwiegen wurde. Der Journalistin und Autorin Alena Schröder ist ein eingängiger und stimmiger Generationenroman gelungen, der sich von den 1920er Jahren bis zu unseren heutigen Tagen erstreckt. Da ist in Rostock die junge Senta, die nach der Geburt ihrer Tochter Evelyn nicht mehr die "Kleene" des ehemaligen Fliegerasses sein will und ihre Familie verlässt, um nach Berlin zu gehen. Evelyn, die Ärztin geworden ist, und ihrer eigenen Tochter Sylvia gegenüber immer das Gefühl hatte ihr etwas schuldig geblieben zu sein. Zu ihrer Enkelin Hannah verspürt sie eine innige Bindung, die nach dem frühen Tod von Sylvia noch stärker wurde, aber Evelyn ihre Gefühle nur selten wirklich preisgibt. Hannah sucht noch nach ihrem Platz. Als die junge Frau sich mit der Geschichte ihrer Urgroßmutter auseinanderzusetzen beginnt, ist sie schließlich auch in der Lage sich in ihrem Leben zurechtzufinden, anzukommen. Es sind vier eigenwillige Frauen mit unterschiedlichen Lebensmodellen. Es geht stark um die Zufriedenheit - oder das genaue Gegenteil - von Mutterschaft. Mütter, Töchter, Enkeltöchter müssen sich hier in unterschiedlichsten Konstellationen zusammenraufen. Leitmotiv ist ein verschwundenes Gemälde, vernehmlich ein Vermeer, und doch, es ist kein Kunstroman, auch keine Jagd nach einem Schatz. Niemals könnte die Rückerstattung eines Bildes das Unrecht der Nazis, das an Millionen Menschen verübt wurde, wiedergutmachen. Doch hier ist es auch ein Symbol für die Wiedergutmachung im Kleinen, die Aussöhnung mit einer komplizierten Familiengeschichte.

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Sam ist ungefähr zwei Jahre alt, als er mit seinem Betreuer Professor Guy Schemerhorn einen Auftritt der TV-Show "Sag die Wahrheit" hat. Er erobert die Herzen der Zuseher, vor allem das von der jungen Studentin Aimee, die sich daraufhin bei Professor Schmerhorn bewirbt um bei der Studie rund um Sam mitzuwirken. Was ist denn das Besondere an Sam, der in Gebärdensprache kommuniziert und in seinem kleinen Anzug und dem tollpatschigen Gang so niedlich daherkommt? Sam ist ein Schimpanse. Der amerikanische Autor T. C. Boyle ist ein renommierter Schriftsteller, der sich immer wieder ganz speziellen Themen widmet, sich auf reale Ereignisse und daraus Stoff für seine Romane bezieht. Auch hier hat sich Boyle mit den historischen Studien um Bewusstsein und Spracherwerb bei Schimpansen auseinandergesetzt. Viel und gerne habe ich Boyle bisher gelesen, doch mit "Sprich mit mir" hatte ich so meine Probleme. Da ist einerseits die Geschichte seiner menschlichen Protagonisten, Aimee und Guy, die mit den sonst so skurrilen Personen aus dem Boyleschen Universum nichts gemein haben. Im Gegenteil fand ich sie farb- und lieblos hingeklatscht, schablonenhaft. Ein Professor und seine Studentin, da kann es offensichtlich nicht ohne Affäre abgehen. Klassisch wird die Rollenverteilung, wenn es ums "Sorgerecht" geht, auch wenn das schutzbefohlene Wesen hier kein Kind ist, sondern ein Affe. Das mag auch der Zeit geschuldet sein, in der der dieser Roman angesiedelt ist, irgendwo Ende der 1970er Jahre. (Dass Boyle den Zeitanker anhand von Neuerscheinungen am Musikmarkt setzt, das wiederum fand ich sehr gut gemacht) Ein bisschen mehr Originalität hätte ich mich für das humane Personal trotzdem gewünscht. Ja, und dann ist da Sam, der Schimpanse, um den alles geht. Ein Forschungsobjekt. Bemitleidenswert, denn nach dem Ausbleiben der Fördergelder, bleibt dem Tier nach der Studie nur mehr ein Käfig im Tierversuchslabor. "Die Art, wie er reagierte, hatte etwas so Rührendes, dass man ihn am liebsten umarmt hätte. Wie süß, sagte sie. Sowas von süß!" Boyle gibt Sam eine Erzählstimme. Und das funktioniert. Sam ist liebenswert. Sam ist schützenswert. Das Tier wird vermenschlicht. Hier gerät Boyle aber in meinen Augen genau in das Fahrwasser derer, die ihre Haustiere über alles stellen und beim Schnitzelfleisch die Bioqualität loben. "Es hatte doch so ein gutes Leben" "Ein Affentheater veranstalten? So nennt man das in der Verhaltensforschung: ein Affentheater veranstalten." Die Gameshow zu Beginn des Buches hieß "Sag die Wahrheit". Zum Schluss lernt Sam sogar zu lügen. Können Forscher, kann Boyle, können wir wissen, wie ein Tier, was ein Tier wirklich denkt. Wenn Boyle Sam "sprechen" lässt, ist es doch auch nur das, was der Mensch meint und interpretiert. Im Übrigen glaube ich, dass jedes Tier in irgendeiner Form kommuniziert, vielleicht nicht immer mit uns. Guy Schmerhorn ging es nie um den Affen, sondern um das Projekt. Bei Boyle bin ich mir nicht sicher.

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Bei einem Strandspaziergang hat Rebecca Friedrichsen eine seltsame Begegnung: Eine junge Frau, vollkommen nackt, die Kleider wurden ihr gestohlen während sie schwimmen war. Rebecca, die in Rerik seit der Geburt ihrer Tochter Greta nur sehr wenig Gesellschaft hat, hilft gerne aus. Sie freundet sich mit der Frau an, die sich als Julia vorstellt, und will die neue Freundin einige Tage später ihrer Ehefrau Lucy bei einem gemeinsamen Abendessen vorstellen. Doch Julia verschwindet auf ähnlich mysteriöse Weise aus Rebeccas Leben, wie sie aufgetaucht war. "Ich hatte ein Leben. Es war perfekt. Ich hatte Greta, und ich hatte Lucy. Mehr habe ich nie gewollt." Mit dem Verschwinden der Frau vom Strand will sich Rebecca nicht zufriedengeben. Doch bei Ihren Nachforschungen löst sie Ereignisse aus, die ihr Leben kopfüber verändern. Schon vom Prolog weg wissen wir, dass es einen Todesfall in diesem Buch geben wird. In dem nachfolgenden ersten Teil und auch ganz zum Schluss schildert Rebecca ihre ganz persönliche Sicht der Dinge. Sie wendet sich dabei direkt an die Lesenden, erzeugt das Gefühl, dass man mit ihr an einem Tisch sitzt und ihr zuhört. Schnell ist man hier bereit, Rebecca zu mögen. Der Großteil des Buches ist den Ermittlungen im eingangs erwähnten Todesfall gewidmet. Hier begleiten wir Kriminalpolzistin Edda Timm und ihr Team bei der Arbeit. Edda ist professionell, routiniert und hartnäckig. Fast schon ungewöhnlich ist, dass ihr die Autorin keine privaten Verwirrungen auf den Leib schreibt. Edda hat schlicht kein Privatleben und lebt für den Job. Die Frau vom Strand ist ein raffiniert, spannend erzählter "Thriller" (eigentlich mehr Krimi), undurchsichtig bis zum Schluss mit überraschenden Wendungen aus der versierten Schreibfeder von Autorin Petra Johann, die sich der Frage stellt, wie weit wir gehen, um zu schützen, was wir unbedingt lieben

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Grady; Missouri: Sam Turner ist 15 Jahre alt in diesem Sommer 1985. Es ist der Beginn der Sommerferien und einige lange Wochen ohne sinnvolle Beschäftigung liegen vor ihm. Er hat keine Freunde, seine Mutter ist schwer krank und der Vater hat sich in dumpfes Schweigen zurückgezogen. Doch da bietet sich ein Ferienjob im örtlichen Kino an und plötzlich ist alles ganz anders in diesem Sommer. "In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb." Gleich zu Beginn des Buches weist uns Autor Benedict Wells den Weg, den sein Coming of Age Roman Hard Land nehmen wird. Es wird eine Reise ins Erwachsenwerden. Mittendrin im Sound der 80er Jahre erlebt Sam in diesen wenigen Wochen alle Höhen und Tiefen, die ein Heranwachsender zu bewältigen hat. Zusammenhalt Freundschaft, Erste Liebe. Aber auch die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren. "Kind sein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt." Warum siedelt Benedict Wells diese Geschichte nur 1985 an, dem Jahr, in dem der Schriftsteller gerade einmal ein Jahr alt war? Weil er ein unglaubliches Gespür für Sehnsuchtsorte hat, der Musik und den Filmen dieser Zeit ein Denkmal setzt und damit sein Lesepublikum aller Altersgruppen erreicht. Diejenigen, die diese Zeit selbst in einem ähnlichen Alter wie Sam erlebt haben, vielleicht am Meisten. Alle anderen werden zumindest ein ähnliches Alter wie Sam haben oder gehabt haben, diesen verwirrenden Zustand der Pubertät, die Disharmonie von Gefühl, Körper und Intellekt, kennen. Zurück in der Vergangenheit, in dieser fiktiven langweilige Kleinstadt Grady irgendwo im amerikanischen Mittelwesten, gehen für den Autor Benedict Wells die Lichter an. Mitten in dem "John Hughes Universum", zwischen Simple Minds und Billy Idol, dem Zauber von ersten Malen und ersten Sätzen, bleibt Wells ein Magier der Emotionen. Dieses Buch ist Kino, vom Beginn bis zum Abspann und Soundtrack. Don`t stop believin`¿!

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