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Alle Rezensionen von Herbert Huber

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Die Autorin Lilo Beil greift in ihren Krimis meist brisante, aktuelle Themen auf. In Mädchen im roten Kleid sind es gleich mehrere: * Raubkunst, hier am Fall von geraubten Gemälden aus der NS-Zeit. Ein Thema, das die deutsche Öffentlichkeit immer wieder beschäftigt. Aktuell geht es in Deutschland (und Europa) aber auch um Geraubte Dinge aus der Kolonialzeit. * Künstler und Intellektuelle im Exil. Es erstaunt immer noch, wieviele Lebensläufe und Karrieren von NS-Deutschland zerstört wurden. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, umso wichtiger ist es, das immer in Erinnerung zu rufen. * Erinnerung. Dieses Thema ist natürlich in allen Krimis prominent vertreten, doch im Mädchen im roten Kleid ist es ein extrem wichtiges Handlungsmoment. Der Krimi beginnt leise während eines Urlaubs des ehemaligen Kriminaler Friedrich Gontard und seiner Frau Anna in Südfrankreich. Eine junge Frau, der sie öfters begegnen, erweckt die Aufmerksamkeit Gontards und den Argwohn der Leser. Szenenwechsel nach Heidelberg. Die erste Leiche wird nahe am Neckar abgelegt. Während die Leser jetzt darauf warten, wie das mit den Andeutungen in Südfrankreich zusammenhängt, wird man auf eine Kunstauktion geführt. Ohne dass man es merkt, steckt man schon mitten drin im Kriminalfall. Die Auktion und das Verhalten einiger Bieter sind die Schlüssel für das Geschehen, das eine weit zurückliegende Vergangenheit (von der viele schon hofften, sie sei vergessen und vergeben) mit der Gegenwart verbindet. Ganz klassisch gibt es auch noch einen zweiten Mord. Dann muss man der Autorin noch abkaufen, dass der 80-jährige Ex-Kommissar Gontard vom aktuellen Heidelberger Kripochef Manfred Berberich zur Aufklärung hinzugezogen wird, ja sie wird ihm nahezu übertragen. Die Leser werden an der Klärung des Falls beteiligt, die dahinter liegende Motivlage ist komplex aber durchaus glaubwürdig. Das Verdienst der Autorin ist es, dass sie Gegenwartsthemen geschickt in Kriminalfälle ummünzt und das Ganze mit mehr oder weniger liebenswürdigen Figuren und der gewohnten Umgebung von Pfalz, Bergstrasse und Odenwald ausbreitet. Ein kurzweiliger Krimi mit Anregungen zum Nachdenken.

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Als ich vor kurzem zum ersten Mal politische Diskussionen bei LBC (Leading Britain`s Conversation) hörte, war ich frappiert. James O`Brien, einer der Talkshow-Hosts, agierte ganz anders, als ich es von deutschen Medien her kannte. How to Be Right: in a World Gone Wrong ist eine Einführung oder Nachlese zur täglichen Diskussion bei LBC durch den Host James O`Brien. In den Kapiteln 1.Islam and Islamism 2.Brexit 3.LGBT 4.Political Correctness 5.Feminism 6.Nanny States and Classical Liberals 7.The Age Gap 8.Trump diskutiert O`Brien diese Themen und läßt kurze Interviewausschnitte auffahren. Während man bei uns möglichst ausgewogen jeder noch so schmarrigen Meinung breiten Raum gibt und sie meist "mal so stehen läßt", wendet O`Brien die Sokratische Methode (Hebammentechnik - Maieutik) an. Er läßt die Hörer ausführlich zu Wort kommen, hört zu, widerspricht selten, fragt dann nach Begründungen oder Bedeutungen und läßt da nicht locker. Er will den Anrufern nichts entgegen setzen, will sie nicht belehren: sie verrennen sich von selbst. Nachteil: die Anrufer schauen dabei oft doof aus. Aber ist das ein Nachteil? O`Brien will nicht zeigen, dass er recht hat, sondern dass viele Leute ihre Meinung trotz hartnäckiger Nachfrage nicht begründen können. Dabei ist er immer fokussiert und manchmal - zumindest für die Zuhörer - witzig, so wenn er Richard, der sich in der Diskussion verrannt hatte, unterbricht: "I`m just going to interrupt you there Richard, which some may consider an act of mercy". Übrigens nennt O`Brien immer nur die Vornamen der Anrufer. Da O`Brien diese Technik der Diskussion in allen Kapiteln durchgängig anwendet kann es für manche Leser, die mit seiner Technik längst vertraut sind, wiederholend wirken. Wer aber den Standpunkt eines liberalen britischen Journalisten zu den im Inhalt aufgeführten Punkten kennenlernen will, sich für Diskussionen bei LBC vorbereiten will oder sein eigenes Diskussionsverhalten verbessern will, wird das anregende, schnell zu lesende Buch mit großem Vergnügen und Gewinn lesen.

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In der lobenswerten Reihe Weltlese , herausgegeben von Ilja Trojanow, werden lesenswerte, meist unbekannte Autoren aus aller Welt einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Der Autor Isak Samokovlija ist im Band "Der Jude, der am Sabbat nicht betet" mit acht Erzählungen vertreten. Das Genre Erzählungen oder Kurzgeschichten hat es in Deutschland sonderbarerweise immer noch hart. Allen, die bei diesem Genre zu schnell abwinken, sage ich: viele der acht Erzählungen sind knapp gefasste Lebensromane. Der Band enthält die folgenden Erzählungen: Der Jude, der am Sabbat nicht betet Der Lastenträger Samuel Simha Die Drina Die rote Dahlie Davokas Geschichte von Jahijels Aufbegehren Davokas Geschichte von der reinen Wahrheit Hanka Stellvertretend für die anderen Erzählungen erläutere ich kurz "Der Lastenträger Samuel". Das Mädchen Saruca wächst in einer großen Familie auf und hat zunächst noch Träume für ihr weiteres Leben. Doch der frühe Tod ihrer Mutter macht einen Strich durch die Rechnung. Ab jetzt geht es um das halbwegs erträgliche Leben. Auch Lastenträger Samuel hat schlechte Startbedingungen. Durch die angepeilte Verheiratung mit Saruca wagt auch er zu träumen. Sie heiraten, aber werden weiter rackern müssen. Der kleine Roman erzählt auf wenigen Seiten die Geschichte der beiden jungen Menschen und ihrer Verwandten, die ihrem Milieu nicht entrinnen können. Einzig "Die Drina" sagte mir nicht so zu, obwohl auch diese Erzählung ihre starken Stellen hat. Gemäß ihrem Titel geht es nicht um Menschen pars pro toto, die um ihre Zukunft bangen und kämpfen, sondern um alles Mögliche rund um den Fluss Drina. Acht Liebes- und Lebenserzählungen, die es wert sind dem Vergessen entrissen zu werden. Sehr zu empfehlen.

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Sophie Dahm, Nichte von Charlotte Rapp, der Miss Marple von der Bergstraße, wird durch Telefonanrufe belästigt. Hinweise lassen vermuten, dass der Anrufer mit einer Serie von Morden an Frauen in der Region zusammenhängt. Charlotte schaltet ihren Lebensgefährten Ferdinand Guldner, pensionierter Kriminaler, ein. Beide ermitteln routiniert. Einige Fährten, die die Autorin legt, erweisen sich als falsch. Ziemlich am Ende zieht sie den Joker. Die Stärken der Krimis von Lilo Beil liegen in den sympathischen Ermittlern (wenn man die Trinker oder aus anderen Gründen vom Dienst suspendierten Kriminaler aus anderen Krimis satt hat), dem Regionalkolorit und dem Thema unter dem viele ihrer Krimis stehen. Im vorliegenden Krimi "In kindlicher Liebe" ist es Mobbing und die zu große Vertraulichkeit, die Zeitgenossen in Schwierigkeiten bringt. Hier ist es die naive Sophie, die ständig auf Männer hereinfällt, weil sie zu arglos auf jene zugeht. Die Ermittlungen durch die Amateurin Charlotte und immerhin Ex-Profi Ferdinand halten die Leser immer wach, setzen sie aber nicht auf Hochspannung. Anflüge dazu kommen auf, wenn Spohie in kindlicher Unbefangenheit (obwohl sie um die vierzig Jahre alt ist) ihren neuen Auftraggeber, den ominösen, ihr völlig fremden Architekten Gabriel Vonderheid in ihre Mobbingaffäre einweihen will. Der Leser glaubt es kaum. Zum ersten Mal hielt ich den Atem an, als ein Treffen von Sophie in der Höhle des vermeintlichen Löwen Vonderheid arrangiert wird. Eine lange Reihe prominenter Künstlerkollegen werden im Text genannt: William Shakespeare, ..., Paula Modersohn-Becker, Petrarca, ... Edgar Allan Poe, Monty Python, Martin Helmchen, Marcel Proust, ... Aber keine Angst, wenn die Liste auf Seite 46 abgearbeitet ist, bleibt es einige Seiten ruhig. Doch dann werden weitere berühmte Maler, Musiker und Schriftsteller namentlich eingestreut. Manche Szenen kamen mir nicht recht glaubwürdig vor. Akzeptierbar noch die kunstbeflissenen Protagonisten. Sie kennen also die Rolle der Platée in Philippe Rameaus (jetzt ist der auch noch untergebracht!) gleichnamiger Oper. Einverstanden. Doch dass Charlotte Rapp und der versierte Ex-Kriminaler Ferdinand Guldner völlig ahnungslos keinen Zusammenhang sehen, als Sophie, die von einem Unbekannten - möglicherweise einem verflossenen Verehrer - drangsaliert wird, bei den gesungenen Zeilen "So hat sich Amor immer gerächt. Wie grausam ist Amor, wenn er gekränkt wird" bleich wird, nehme ich nicht ab. Nett und ganz in meinem Sinne geißelt die Autorin an etlichen Stellen die "läppische Beschörungsfomrmel" "Alles gut". Witzig nimmt sich die Autorin damit am Ende von Kapitel 16 selbst auf den Arm: "Und alles würde gut". Im insgesamt angenehm zu lesenden Krimi aus Südhessen wird am Ende natürlich auch alles gut.

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Der gut in der Hand liegende, haptisch angenehme Band umfasst vierzehn Kurzgeschichten. Munter gehe ich an die Lektüre, doch die Stories sind ziemlich gewöhnungsbedürftig. Wie im Verlagstext angekündigt beschreiben sie Alltagssituationen, oft von zerbrochenen Beziehungen. Am Vormittag hatte ich auf Bayern4 Klassik die Konzertouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy "Meeresstille und glückliche Fahrt" gehört und jetzt lese ich "Windstille". Das passt. Allmählich finde ich eine Beziehung zu den Stories. Angenehm empfinde ich, dass der Autor selten bewertet, obwohl ich manche Behauptungen nicht so ohne Weiteres teilen kann, so beispielsweise "Im Krieg geht es nicht um Belange, sondern um Leben und Tod" (S. 63, "Schlachtverlauf"). Ich meine eher, dass es beim Krieg meist um religöse Belange oder Machtansprüche geht, die dann auf Kosten von Menschenleben durchgesetzt werden. Keine der ersten fünf Stories reißt mich vom Hocker, doch sie regen die Fantasie an. Ich hoffe, der Autor wird sich noch steigern. Das Gegenteil trat ein. Ab "Jetzt kostenlos spielen" ändert sich mein Eindruck. Diese Kurzgeschichte ist für mich ein Totalausfall. Ich kapiere nicht, was vor sich geht, was real ist oder nur ein Computerspiel. Und ein erzähltes Computerspiel interessiert mich weniger als ein Fahrrad, das in Peking umfällt. Den Wirrwarr kann ich nicht entwirren. Bei einigen Stories glaube ich zwar begriffen zu haben, was abläuft, kann mir aber keinen Reim darauf machen. Stellvertretend dafür nenne ich "Wir warten im Alpenglühen auf den Rest der Gruppe" und "Die Erfindung des Abakus". So legte ich am Ende den Band enttäuscht aus der Hand.

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Der Name Romani Rose war mir bekannt vorgekommen, wer sich konkret damit verband, war mir unklar. Nach Lektüre der reichbebilderten Biografie des Menschenrechtsaktivisten ist mir sein Wirken gegenwärtig. Den Hauptteil über das Leben und Wirken Romani Roses gliedert die Autorin Behar Heinemann in Unter dem Schatten von Auschwitz (1946 - 1956) Was ist Gerechtigkeit? (Die Nachkriegsjahre bis 1956) Was ist Diskriminierung? Der "kleine Lutz" (1956 - 1979) Streiten um die Wahrheit (1979 - 1982) Die Erkenntnis setzt sich durch (1982 - 1997) Ehre den Ermordeten (1997 - 2012) Das internationale Engement Zwischenbilanz - Erfolg ist messbar (2012 bis heute) Die Autorin nimmt die Geburt Romani Roses am 20. August 1946 zum Anlaß die Geschichte der Sippe Rose im 20. Jhdt. bis 1946 zu skizzieren. Ihre Vorgehensweise ist die fiktionale Nacherzählung, ohne sich dabei in Details zu verlieren. Knapp werden die Verbrechen an den Sinti und Roma im Dritten Reich geschildert. Sie setzten sich nach dem Kriege auf anderer Ebene fort. Bei der Verfolgung der Täter wurden deren Verbrechen verharmlost, die Opfer-Täter-Rolle nahezu umgekehrt und Verfahren eingestellt, Wiedergutmachung wurde verweigert. Während der gesamten Lektüre wird klar, dass sich die antiziganistischen Einstellungen durch die gesamte Geschichte bis in die Gegenwart ziehen. Die Ressentiments gegen Sinti und Roma wurden im Laufe der Jahre nur verbal übertüncht. Gab es früher eine Reichszentrale zur Bekämpfung des Ziguernerunwesens, so wurden daraus in den Nachkriegsjahren "Landfahrer". Heute wird der Antiziganismus mit der Sonderbehandlung der Flüchtlinge aus dem Balkan bemäntelt. Den Lesern wird im Laufe der Lektüre klar, warum für Leute wie Romani Rose eine ungeheure Arbeit bevorstand. Der Schwerpunkt der Biografie liegt auf dieser Arbeit. Romani Rose gab Zuversicht, weckte Hoffnungen, verlor aber nie die Bodenhaftung und den Sinn dafür, was durchsetzbar ist. Für die Erreichung der Ziele der Sinti und Roma setzte Rose sich unermüdlich ein. Mit der Biografie Romani Roses untrennbar einher geht die Bürgerrechtsbewegung für Sinti und Roma und für die Menschenrechte ganz allgemein. Dem Leser wird verdeutlich gegen welche Widerstände jahrezehntelang und immer noch gearbeitet werden muss um ein Bewusstsein für die Diskriminierung der Sinti und Roma zu schaffen. Mich beeindruckte, dass sich Rose nicht nur für die Sinti und Roma in Deutschland einsetzte, sondern auch für die Roma im Kosovo. Dem Hauptteil des Buchs folgen Reden, Ansprachen, Laudatio und Grußworte, eine Schlußbetrachtung und Anhang mit Fußnoten. Die Schlußbetrachtung sollte man keineswegs übergehen. Die Textkapiteln werden durch reichliches Bildmaterial ergänzt. Es entstand ein instruktiver Bildband, umso erstaunlicher, dass der Preis dafür niedrig gehalten wurde. Ich hätte mir auch Einsicht in Roses Privatleben gewünscht. Es wird ganz ausgespart. Erst in der Schlußbetrachtung erfahren die Leser, dass Rose Familie hat, mit der er gerne nach Irland reist. Einen Absatz weiter werden 5 Söhne und 1 Tochter genannt. Während die Debatte um "Holocaust" und "Porajmos" zufriedenstellend abgehandelt wird (S. 66-67), wird die ähnliche Debatte um "Ziguener" und "Sinti und Roma" nur angedeutet (S. 46, S. 66). Da hätte ich mehr erwartet. Diese wenigen Kritikpunkte schmälern meine starke Empfehlung für das Werk nicht. Jeder, der sich für Romani Rose, sein Wirken oder die Bürgerrechtsbewegung für die Sinti und Roma interessiert, findet hier reichlich Lesestoff mit einer Fülle von ergänzenden Fotos.

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Im Juli 2017 wird Herbert Blomstedt 90 Jahre alt. Rechtzeitig dazu legte die Musikkritikerin Julia Spinola einen Gesprächsband mit dem großen Dirigenten vor. Sie begleitete ihn auf Reisen und besuchte ihn an Orten, die in seiner Biografie eine wichtige Rolle spielen. Als grobe Leitlinie der Gespräche dient der wechselhafte Lebenslauf. Im Laufe seiner Karriere leitete Blomstedt eine Vielzahl von Orchestern, darunter die Staatskapelle Dresden, das San Francisco Symphony Orchestra, das NDR Sinfonieorchester und das Gewandhausorchester Leipzig. Trotzdem eine klare Gliederung fehlt, entsteht beim Lesen der Dialoge ein zusammenhängendes Bild. Der Titelzusatz "Mission Musik" ist klug gewählt. Für den Sohn eines Adventisten-Pastors ist die Partitur die Bibel des Dirigenten. So konziliant er mit den Orchestermitgliedern, dem Publikum und seinen Dirigentenkollegen umgeht, so unerbitterlich ist er, wenn es darum geht, genau das umzusetzen, das der Komponist übermittelte. Er ist zwar gläubiger und bekennender Adventist, aber seine Missionierungsfeld ist die Musik. Ganz nebenbei beantwortet Blomstedt auch ungestellte Fragen: "Ohne Lebenserfahrung kann man nur die Noten spielen, aber nicht, was dahinter steckt" (S. 112). Freunde ganz anderer Musik, wie z.B. dem Blues, werden das bestätigen. Der Anhang ist hilfreich, da man mit dem Personenregister auch später noch etwas finden kann. Allerdings ist die Diskografie unvollständig. Es fehlt beispielsweise eine großartige Interpretation von Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 mit den Bamberger Symphonikern, 1995. Das trübt aber den sehr guten Eindruck des gut lesbaren Gesprächsbands kaum. Für alle Klassikfreunde sehr zu empfehlen, für Freunde des Dirigenten Blomstedt unverzichtbar. Alle Leser werden sicher nach der Lektüre Blomstedts Interpretationen mit anderen Ohren hören.

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Beim Besuch der Burg Landeck mit ihrem Enkelkind wird das Ehepaar Anna und Friedrich Gontard von der Pflegerin Teresa Rosinski auf den toten Gottlieb Schellhorn aufmerksam gemacht. Für den pensionierten Kriminaler Gontard ist schnell klar: kein natürlicher Tod. Wer je schon einen der Krimis um den (ehemaligen) Kripochef Ludwigshafen gelesen hat, wundert sich nicht, dass der Ermordete und die Hintergründe auch mit dem Vorleben der Gontards verquickt sind. Schellhorn war einst Religionslehrer von Anna Gontard und trug den Spitznamen "Luther". Er war Anhänger der "Deutschen Christen" und bis zu seinem Tod immer noch Hitler-Verehrer. So las er kurz vor seiner Ermordnung in Paul de Lagarde: "Nationale Religion", seinem Bibelersatz seit den Dreißiger Jahren. Auch in "Ein feste Burg" darf der Pensionist Gontard seinen Nachfolger bei der Kripo Ludwigshafen, Manfred Berberich, bei der kriminalistischen Spurensuche unterstützen. Ja, das Ehepaar Gontard ist die treibende Kraft wenn es darum geht die Beziehungen aus Vergangenheit und Gegenwart aufzuspüren und das Verbechen aufzuklären. Die Handlung und ihre Hintergründe lassen die Leser das Buch nicht aus der Hand legen. Geschickt werden akute Themen wie Pflegenotstand, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und Luther-Gedenkjahr einbezogen und die Leser dürfen miträtseln. In der zweiten Romanhälfte befürchtete ich kurz, dass Friedrich Gontard sich naiv in die Höhle des Löwen begibt, ein - wie ich finde - inzwischen abgenutzes und unglaubwürdiges Spannungsmanöver. Doch die Autorin widersteht und der Fall wird ohne Effekthascherei aufgelöst. Wie üblich bei Krimis plante ich "Ein feste Burg" auf drei Sitzungen zu lesen (einlesen - reinsteigern - fertig lesen), doch ich las in einem Satz durch. Ein thematischer Krimi wie aus einem Guß.

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Im Lyrik-Bändchen "Legenden zwischen Lenden" reist der Wiener Poet Andre Pfoertner auf historischen Spuren: von der Schöpfung bis zur Neuerschaffung. Die Leser erwarten sechs lange, teils epische Gedichte: Schöpfung des Menschen Die Geburt der Aphrodite Kalypso - Die Verborgene (Gewalt der Liebe) Das Ende des Ancien Régime Weltschmerz eines Don Giovanni Ischtar - Göttin mit zwei Gesichtern Etwas missführend ist der Untertitel "Mittelmeergedichte", obwohl sie alle mehr oder weniger im oder am Mittelmeer angesiedelt sind. Aber es sind keine Urlaubsgedichte vom Strand, sondern oft stark an literarische Vorlagen, wie die Odysee von Homer, angelehnt. Zum Verständnis sind viele Namen und Fachbegriffe in den Anmerkungen erläutert. Wer die Kombination erotischer Reime und historisch-literarische Vorgänger, die dem Leser einiges abverlangen, mag, wird mit Legenden zwischen Lenden voll auf seine Kosten kommen.

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Andreas Urs Sommer, Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, legt mit dem Essay "Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt" eine tiefgründige philosophische Betrachtung zu den Werten und der Wertediskussion vor. Wer eine Hilfe für die Lebensführung erwartet liegt allerdings falsch. Im Inhaltsverzeichnis fallen viele Fragen auf, die normalerweise niemand stellt, wie: "Was haben Werte?", "Was tun sie?" Im Text folgen noch viele weitere solcher Fragen, beispielsweise gleich in der Vorrede: "Warum soll ich an Werte zu glauben genötigt sein". Der Essay will diese Fragen, die u.a. der Begriffsklärung dienen, beantworten und bewusst machen, warum wir glauben uns über Werte definieren zu müssen. Durch alle Kapitel ziehen sich zwei Themen: 1) Werte gibt es nicht, sie sind Fiktion 2) Die Wertediskussion wird schlampig geführt. Wichtige Ergebnisse der folgenden Diskussionen: Werte sind Eigenschaften, die man allen Möglichen zuschreiben kann. Sie grenzen immer gegen anderes ab, da sie immer im Vergleich zu etwas Anderem zugeschrieben werden. Wertvoll ist etwas, wenn man es ungleich besser findet als etwas anderes. Einen absolut gültigen Wert gibt es nicht, stellt Sommer fest. Werte sind dynamisch, perspektivenabhängig, personengebunden und wandelbar. Das Reden über Werte bleibt häufig nebulös (nicht im besprochenen Werk). Werte mutierten von der Eigenschaft zu einer "Als-ob-Substanz". Im letzten Kapitel dann gibt Sommer endlich die Antwort auf die Frage, die der Untertitel aufwirft: "Warum brauchen wir Werte, wenn es sie nicht gibt?" Seine Antwort enttäuschte mich (er hatte aber schon unterwegs im Text bessere anklingen lassen): "Weil wir Fiktionen brauchen. Fiktionen sind nicht starr, sondern wandelbar, anpassungsfähig an unsere Bedürfnisse". Ein hohes Verdienst des Essay ist es, zu zeigen, dass das Wertegerede in der Politik meist Sonntagsreden sind. Denn jeder hat Werte: auch der Ehrenmörder. Allerdings muss man recht aufmerksam lesen um hinter der Demontage der Werte und der damit zusammenhängenden Begriffe und Diskussion die positiven Aussagen aufzunehmen. Die Lektüre ist besonders in den ersten Kapiteln, in denen der Autor das Terrain absteckt, schwierig. Das bezieht sich auf den Inhalt (Sommer versucht Fragen zu beantworten, die einem Laien nicht einfallen würden) als auch auf die Sprache. Wenn alle Warntafeln stehen und sich der Autor selbst auf die Wertediskussion begibt wird es flüssiger und die Leser können viel mitnehmen. Wie eingangs erwähnt: Wer eine Hilfe für die Lebensführung erwartet liegt falsch. Für die Wertediskusssion erhält man aber wertvolles Rüstzeug.

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