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Alle Rezensionen von Claudine Borries

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Unglücklich und einsam erlebte der jüngste Sohn von Thomas Mann und seiner Frau Katja seine Kindheitsjahre. Er muss ein unausstehliches Kind gewesen sein. Schon als Säugling greinte er unablässig und quälte Vater, Mutter und die Amme mit seiner Unruhe. 1919 wurde er als jüngstes Kind von sechs Geschwistern geboren. Nichts und niemandem konnte Bibi, wie er genannt wurde, etwas recht machen, und früh schon zeigte Thomas Mann eine tiefe Abneigung gegen das unerwünschte sechste Kind in seiner Familie. Bibi legte sich mit Schülern und Lehrern an, flog immer wieder von Schulen und war klug genug, mit seinen Argumenten die Erwachsenen in die Enge zu treiben. Sein liebster Bruder war Klaus Mann, genannten Aissi. Von dem 13 Jahre Älteren lernte er, was es mit Drogen und deren Folgen auf sich hat. Da aber lebte die Familie schon in der Schweiz auf der Flucht vor den Nazis. Bibi war hellwach und mit seinen Augen und Ohren überall. Er lernte Bratsche und Violine spielen, ist aber nach den Aussagen des Biographen Michael Degen nie wirklich fleißig und strebsam gewesen. Er störte gerne und scheint insgesamt ein fast schwer erziehbarer Junge gewesen zu sein. Verwunderlich war das nicht, denn Eiseskälte und Ablehnung erfuhr er von seinem Vater zeitlebens. Michael Degen entwirft ein Bild der Familie Mann, das sehr wirklichkeitsgetreu die Lage schildert, in der man sich seit der Machtübernahme Hitlers befand. Die Schweiz bot vorübergehend Unterkunft, bis Thomas Mann mit seiner Familie nach Amerika ins Exil ging. Der Schriftsteller war ein alles beherrschender Familienmensch, zu dem Katja in treuer Anhänglichkeit hielt. Sie musste einen Balanceakt aufführen, um ihrem Mann die nötige Ruhe zu verschaffen und den Kindern eine behütende und lenkende Erziehung angedeihen zu lassen. Die Kinder waren jedoch allesamt eigenwillige, begabte und aufsässige Zeitgenossen, deren Erziehung unter den gegebenen Bedingungen kaum zu leisten war. Über den Lebenslauf der ältesten Geschwister Klaus und Erika gibt es zahlreiche Zeugnisse, von Golo Mann gibt es Biographien, doch Michael Mann erfährt erst jetzt in der Biographie von Michael Degen seine Würdigung. Man bekommt neue Einblicke in eine Familie, die außergewöhnlich war und in ihrem inneren Zustand Anlass zu immer neuen Interpretationen bot. Erstmals wird mit aller Deutlichkeit klar, dass die frühe Ablehnung des Sohnes durch den Vater verheerende Folgen zeitigte. Besonders die Söhne hatten unter der Übermacht und Gleichgültigkeit seitens ihres Vaters zu leiden. Insofern rundet sich das Bild der Familie Mann zu einem komplexen Drama. Nur die jüngste Tochter Medi wurde wirklich glücklich in ihrem Leben, alle anderen Kinder sind am Ende psychisch gescheitert. Michael Degen kommt das Verdienst zu, hier eine letzte Wissenslücke über das Leben im Haus Mann zu schließen. Er hat die Aufgabe sinnvoll gemeistert.

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In einem langen Monolog erzählt Lena Gorelik ihrem kleinen Sohn, was es mit dem Judentum auf sich hat. Sie, die sich in ihren vorherigen Romanen vielfach mit dem Leben als Jüdin und mit Identitätsfragen beschäftigt hat, kann es auch jetzt nicht lassen! Wer Romane von Lena Gorelik kennt, weiß, dass sie mit Heiterkeit, Humor und Lachen ihr Leben und das ihrer jüdischen Mitbürger zu zeichnen versteht. Verwandte mit ihren Eigenarten kommen zur Sprache, Mütter und Kinder und L.Gorelik erzählt von ihrem Leben in der Sowjetunion. Sie beschreibt jüdische Feste und setzt sie in Verbindung zu den Traditionen der jüdischen Geschichte. Mit feiner Selbstironie nimmt sie das Judentum auf die Schippe und bleibt zugleich bei ihren jüdischen Wurzeln, die sie als Kind mit elf Jahren vermittelt bekam. So sagt sie ihrem gerade erst geborenen Sohn: Lieber Mischa, der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude.... Wenngleich ihre Kritik am Judentum in feine Ironie getaucht ist, spürt man doch einen nicht geringen Stolz, zu dem auserwählten Volk zu gehören. Witzig, geistreich, amüsant, sprudelnd vor Fantasie und niemals bösartig, liebenswert bis spöttisch sind ihre Schilderungen über das jüdische Leben, dem sie eine gewisse Lebensfreude zuspricht. Mit Intelligenz und Scharfsinn findet sie die Schwachstellen in der Gesellschaft der Nichtjuden und gibt dabei heitere Begebenheiten zum Besten. Umwerfend äußert sie sich über Philosemiten und Konvertiten, und so manch¿ einer wird sich wie in einem Spiegel hier wieder erkennen können. Man liest den Brief an ihren Sohn Mischa mit der gleichen Freude wie ihre früheren Romane und freut sich über den Humor, den gelegentlichen Ernst und die Weisheit, die aus ihren Worten spricht. Mit ihnen preist sie ihre jüdische Lebensart, und insgeheim kämpft sie für eine gerechte Sache: den Juden zu lassen, was zu ihnen gehört und das Leben der anderen bitte nicht mit dem jüdischen Leben zu vermengen. Lena Gorelik gehört zu den so genannten Kontingentjuden , denen die Ausreise aus Russland nach Deutschland ermöglich wurde. Heute lebt sie mit Mann, Kind und Hund in München.

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Fremd in Irland fühlt sich Vid Coçic, den es aus seiner vom Krieg zerstörten Heimat Serbien dorthin verschlagen hat. Durch Zufall lernt er den Iren Kevin Concannon kennen, einen jungen und undurchsichtigen Anwalt, der ihm mit seiner Freundschaft ziemlich nahe rückt. Ob ihm das immer so recht ist? In eindringlicher Manier beschreibt der Icherzähler, wie Vid in ein Geflecht von Verbindungen hineingezogen wird, die ihm nicht geheuer sind. Als Bautischler wird Vid im Hause von Kevins Mutter gebraucht, die mit ihren beiden Töchtern zusammenlebt und neugierige Annäherungen an ihn sucht. Sie will alles wissen von ihm, und er will nichts verraten von sich und seinen Lebensgeheimnissen. Das gelingt nur schlecht, denn obendrein ist Vid durch Kevin in ein Verbrechen hineingezogen worden, das ihm schwer zu schaffen macht. Irland mit seinen Menschen und ihren teils schroffen aber auch liebenswerten Zügen bekommt Gewicht durch die Erzählung, die sich geheimnisvoll und hintergründig entfaltet. Die Mischung aus Wut, Gewalt und Alkohol ist selbst in den besten Kreisen zu finden. Familiengeheimnisse, unausgesprochene Verärgerungen und immer wieder Brüche in Beziehungen sind an der Tagesordnung. Es nimmt nicht Wunder, dass allenthalben Rachetaten zu finden sind, die bis zum Mord reichen können. Vid ist irritiert und tut sich schwer, in den verworrenen Lebensgeschichten, die er überall erlebt, seinen eigenen Weg zu finden. Er erinnert sich an die Gewalt, die zwischen Bosniern und Serben herrschte, und die so viel Unglück über sein Heimatland gebracht hat. Wie schnell wird man in Handlungen hineingezogen, die einem Ungemach bereiten! Hier begegnet ihm das Gleiche wie einst in seiner Heimat. Dabei ist er doch gerade vor dieser Gewalt geflohen! Freundschaft, Liebe, Verrat und Sehnsucht nach Heimat durchziehen den Roman wie ein roter Faden. Sie begleiten den Helden auf einem Weg, der kein gutes Ende zu nehmen verspricht. Hugo Hamilton zeigt sich hier als ein Meister der Beschreibungen von Beziehungsmustern, die in immer schnellerer Folge gute Freundschaften zerstören und Familien in Unversöhnlichkeit verharren lassen. Das Bild Irlands ist nicht zuletzt geprägt von den dramatischen Folgen der Religionskriege, die den Bewohnern des Landes keine Ruhe ließen. Auch davon finden sich Spuren in dem Roman wieder. Hugo Hamilton hat das Thema Gewalt in seiner aufwühlenden Erzählung mit menschlichem Einfühlungsvermögen abgehandelt. Jeder einzelne der Protagonisten ist zu bedauern, weil sich Harmonie so gar nicht einstellen will. Hier finden sich überall die Spuren eines zerrissenen Landes mit seinen zerrissenen Bewohnern und lassen uns ratlos zurück.

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Der herzliche, humorvolle und mit Komik begabte Kabarettist Joachim Ringelnatz hat mit seinen eiligen und liebevoll geschriebenen Nachrichten aus Berlin an seine Frau Leonharda Pieper, von ihm schalkhaft "Muschelkalk" genannt, Zeugnisse seiner inneren Wahrhaftigkeit und zärtlichen Zuneigung hinterlassen. Es handelte sich vorwiegend um sachliche Nachrichten aus dem Lebens - und Berufsalltag, die jedoch immer auch eine Prise Komik enthielten. Ringelnatz war Abenteurer, Maler, Schriftsteller und Kabarettist aus vollem Herzen musste sich jedoch mühsam durchschlagen. Die Briefe stammen aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der Wirtschaftsnot und Inflation die Menschen bedrängte. Zugleich herrschte in Berlin eine Hochzeit für Künstler, Maler, Sänger und kabarettistische Kleinkunst. Ringelnatz wurde für die Kleinkunstbühne Schall und Rauch engagiert und reiste als Vortragskünstler durch die Lande. Er malte und dichtete, und seine beliebtesten Gedichte erschienen zu dieser Zeit. Bekannt wurde er vor allem durch die Sammlung Kuttel Daddaledu und die Turmgedichte . Finanziell ging es ihm und seiner Frau in jenen Berliner Jahren allmählich besser. Die beiden verband eine innige Liebe, die in zärtlichen Aussprüchen, kleinen Gedichten und liebevollen Redewendungen in den kunterbunten Nachrichten ihren Ausdruck fand. In einem mit M. für "Muschelkalk" unterschriebenen Nachwort erwähnt Frau Ringelnatz die zahlreichen Künstler, die ihnen begegnet sind, und die wunderbaren zwanziger Jahre in Berlin, in der sie so viele Freunde fanden. Alles endete 1933, als Ringelnatz Auftrittverbot und Schriftverbot erhielt und wie so viele gleichgesinnte freiheitlich denkende Künstler seiner Epoche im Ausland Unterschlupf suchen musste. Damit verbunden war die totale Mittellosigkeit. Er starb mit erst 51 Jahren in der Schweiz an Tuberkulose. Die in der Friedenauer Presse in Neuauflage von 1963 erschienenen Briefe ermöglichen einen letzten Blick auf den Dichter, der auch heute noch unvergessen mit seinen humorigen und gelegentlich melancholischen Gedichten die Herzen der Menschen erfüllt.

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Nach Arno Geiger hat sich nun wieder eine deutschsprachige Autorin und Journalistin mit ihrem alt werdenden Vater beschäftigt. Eindringlich schildert sie seinen Umzug in ein Heim für betreutes Wohnen und dem damit einhergehenden Verlust an Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Erschreckend für alle erwachsenen Kinder und Leser ist dieser Ausstieg aus der Selbständigkeit, der mit Ängsten und dem Verlust von Würde einhergeht. Die 1969 geborene Katja Thimm wusste wenig bis gar nichts über die ersten dreißig Lebensjahre ihres Vaters und begann erst nach seinem Umzug ins Altenheim sich mit ihm darüber auseinander zu setzen. Sie begleitet ihren Vater während des Prozesses in die Abhängigkeit und lässt in ihre gegenwärtigen Beobachtungen Vergangenheit und Gegenwart einfließen. Nur zögerlich nähert sie sich dem Menschen, der ihr im Leben immer recht fremd geblieben ist. Mit eigenen Erinnerungen gekoppelt erforscht sie seine Vergangenheit, die durch frühe Verluste, Flucht und Vertreibung gekennzeichnet war. Das geschädigte Kriegskind von einst tritt in den Fokus. Mit K. Thimm meldet sich eine Vertreterin der Nachfolgegeneration zu Wort, die wenig von den Ereignissen weiß, denen ihre Eltern in ihrer Jugend ausgesetzt waren oder davon, was ihre Eltern in ihrer Kindheit bedrückt, erfreut oder geängstigt hat. Dieser Vater ist nach der Flucht vor den Russen aus Ostpreußen in dem östlichen deutschen Nachfolgestaat angekommen, in dem kommunistische Dogmen zu Terror und Gewalt ähnlich wie im Nazireich führten. Entstanden ist die individuelle Geschichte eines Menschen, der sich vor seiner näheren Umwelt verschlossen hat und dem mit dem Altern die nur unter schwierigsten Bedingungen erworbene Selbstbestimmung verloren geht. Ein wenig stolpernd springt die Erzählung zwischen den Beobachtungen am Vater, Erinnerungen an eine Polenreise mit ihm und eigenen Erfahrungen in der Kindheit hin und her. Unter den zahlreichen Elterngeschichten , angefangen von Wibke Bruns mit ihrem Buch Meines Vaters Land über Arno Geiger mit Der alte König in seinem Exil scheint sich z.Zt. eine intensivere Erforschung alter Eltern und ihrer Vorgeschichten Bahn zu brechen. Mit Aufmerksamkeit beobachtet man hier ein neues oder lange verdrängtes Interesse an den komplizierten und oftmals in Not zustande gekommenen Familienbeziehungen, die ohne unsere ungute Geschichtsvergangenheit vielleicht anders verlaufen wären. Das Erzählte enthält deprimierende Erinnerungen an den Druck, der im Elternhaus von K.Thimm herrschte und an die mangelnde Freude ohne innere Verbundenheit mit dem Vater. Doch ähnlich wie hier mag es in vielen Familien von Nachkriegskindern ausgesehen haben. Als Zeitzeugnis wird das Buch so manche lebendige Erinnerung auch beim Leser anrühren und ist als weiterer Beleg der Auswirkungen unserer desolaten Geschichte mit ihren Folgen zu betrachten.

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Hans Keilson ist ein ungewöhnlicher Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Er ist berühmt und bekannt durch seinen Roman Das Leben geht weiter , seine Berichte und sein Engagement als Therapeut für Kinder von Opfern des Holocausts. Er ist ein weiser Mann, der in seinem hier vorliegenden kurzen Lebensabriss einen Einblick gibt in sein Leben, das ganz unter dem Zeichen der beiden Weltkriege und der Judenverfolgung stand. 1922 in Freienwalde geboren wuchs er gut bürgerlich und behütet auf. Brandenburg mit seiner Landschaft, den Seen und der unübertroffenen Weite löst in ihm sichtbar Erinnerungen aus, die an gute Zeiten gemahnen. In zurückhaltenden Worten spricht er über seine Vorfahren und das langsam erst in sein Bewusstsein gerückte Dasein als Jude. Man war in der Familie nicht streng orthodox, hielt aber die jüdischen Feste in Ehren. Als in Deutschland die Lage für Juden brenzlig wurde, zog er 1936 nach Holland und holte auch seine Eltern dorthin. Ihm gelang mit falschem Pass das Überleben, seine Eltern endeten in Birkenau. Er erzählt ohne Hass und Ressentiment mit leisen Worten über seine Jugendzeit und sein Überleben. Die einzelnen Teile seiner Erinnerungen reihen sich lose aneinander. Mit feinem Gespür weiß er über jene zu berichten, die, freiheitlich im Denken, ihm nahe standen und die wussten, vor wem man sich hüten musste. In einem Gespräch mit dem Herausgeber des kleinen Büchleins, Heinrich Detering, wird uns bewusst, wie Hans Keilson mit Hilfe der Psychoanalyse selber seine Trauer zu bewältigen trachtete und diese in Anwendung bei der Hilfe von Opfern des Naziregimes zur weiteren Bewältigung nutzte. Wer Hans Keilson je selber erlebt hat, der wird sich für immer an seine sanfte und zutiefst von Mitmenschlichkeit geprägte Gestalt erinnern. Er lebt im biblischen Alter von 101 Jahren in Holland, dem Land, das ihm in dunkler Zeit Heimat und Zuflucht geworden war.

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Dieser Krimi enthält zunächst alles, was zu einem guten Krimi gehört: gleich zu Anfang passiert ein Mord. Ausgerechnet der bekannte Wirtschaftsanwalt Oscar Juliander wird bei einer Segelregatta, an der er teilnimmt, ermordet. Das führt unweigerlich in die Welt der Reichen und Schönen. Da tummeln sich so allerhand Gerüchte um Liebschaften, eheliche Zerwürfnisse und nur notdürftig gekittete Beziehungen. Natürlich ist man auf diesem gesellschaftlichen Niveau schon arriviert, und Geld spielt eine wichtige Rolle. Kommissar Thomas Andreasson hatte sich auf ein entspannendes Wochenende bei der Regatta gefreut, als er mit dem komplizierten Mordfall betraut wird. Er und seine Kollegin Margit Grankvist haben alle Hände voll zu tun, um Licht in das Dunkel um den Mord zu bringen. Nora, die Kinderfreundin von Thomas, ist in Not, als sie ein Haus von einer geheimnisvollen alten Frau erbt, die in mehrere Morde verwickelt war. Ihre nicht sehr glückliche Ehe mit Hendrik erschwert eine Lösung, wie mit dem Haus zu verfahren sei. Viveca Sten ist eine äußerst lebendige Schriftstellerin. Sie kennt sich aus in der schwedischen Landschaft, die zu ihren Ausführungen das Ambiente bietet. Man meint den Meergeruch zu schnuppern, wenn sie über die Segelschiffe im Schärengarten berichtet. Familienbeziehungen spielen eine herausragende Rolle in diesem Roman, der atmosphärisch das schwedische Gesellschaftsleben in den Fokus rückt, insbesondere das der Reichen und Arrivierten. Die vielen Zeugenbefragungen bieten Gelegenheit, in die unterschiedlichen Milieus der Befragten Einblicke zu nehmen. Dabei rundet sich ein Gesellschaftsbild, das von Reichtum glänzt, im Inneren aber zerrüttete Familienverhältnisse offenbart. Es dauert ein wenig, die vielen verwirrenden Namen zuzuordnen. Doch wer sich in den Roman vertieft, wird erbauliche Unterhaltung finden. Gerade der Reichtum im Kontrast zur inneren Zerrüttung der Familienverhältnisse erzeugt einen differenzierten Einblick in eine Gesellschaft, die sich nach außen solide gibt und im Inneren morbide, kaputt und überdrüssig ist. Außer dem kriminalistischen Spot ist der Roman doch auch ein Gesellschaftsroman, der mit seinen Abhandlungen absolut gleichwertig neben der Kriminalhandlung steht. Leider zieht sich die Handlung durch die vielen Nebengeschichten in die Länge, so dass die Spannung, die der Roman zu Beginn verspricht, sich bald verflüchtigt. Der Roman ist unterhaltsamer für alle jene, die weitschweifige Unterhaltung lieben.

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Ein merkwürdiger Sonderling beherrscht die Handlung dieses Romans. Er ist 34 Jahre alt und lebt einsam und abgesondert von aller menschlichen Kommunikation, so weit sie nicht erforderlich ist, in einer Dachkammer. Dort hängt er ausdauernd seinen obszönen und düsteren Fantasien nach. Wir befinden uns in Bordeaux in Frankreich, das mit seinen Bistros, Restaurants und seinen Weinhandlungen die Rahmenhandlung für den ansonsten unsympathischen Lüstling bietet. Seine vorsichtigen und doch eindringlichen Gedanken drehen sich um Sex und schöne Frauen, nach denen er sich sehnt. Doch weiß er, dass sein vernachlässigtes Äußeres ihn für niemanden anziehend oder attraktiv macht. Als er eines Tages die zarte und hübsche blonde Schülerin Isabelle sieht, kann er sich innerlich nicht von dem besonderen Eindruck lösen, den ihre Erscheinung in ihm ausgelöst hat. Er versucht, so viel wie möglich über sie heraus zu finden. Mit einigem Schaudern beobachtet man diesen ichbezogenen Mann, der dem Müßiggang nachgeht und Zeit im Überfluss hat, um sich ganz seinen überbordenden und abartigen Fantasien zu überlassen. In einem unendlichen Monolog folgt man seinen Gedankenspielen, die vorwiegend auf ein Ziel gerichtet sind: das unschuldige junge Mädchen Isabelle für sich zu gewinnen. Dieser monomanische Egoist ist von zynischem und abartigem Charakter. Besessen folgt er seinen Eingebungen, sich die junge Isabelle gefügig zu machen. Es geht in dem Roman um Macht und Ohnmacht, die sich an gegenseitiger sexueller Abhängigkeit festmacht. Dabei kann immer nur einer siegen: derjenige, der am Ende den anderen verstößt. Die Geschichte drückt sich in poetischen Bildern und feinsinnigen psychologischen Beobachtungen aus. Der chauvinistischen Macht eines Mannes, der nach erfolgreichem Sieg über eine Minderjährige seine Unabhängigkeit schnellstens wieder erlangen möchte, wird glänzend nachgegangen. Neben den impressionistischen Bildern von Kneipenbesuchen und dem Umgang mit wenigen Menschen, mit denen unser Held zu tun hat, ist es die perfide Form der Dekadenz, die abstößt. ¿Kalter Stil, kalte Analysen und kalte Charaktere¿ wie es in einem Nachwort von C. Rabier - Darnaudet heißt, zeichnen diesen Roman aus. Er wird dennoch als Meisterwerk der klassischen Moderne gepriesen. Dem literarischen Eindruck einer besonderen Darstellungsweise, die gleichzeitig fasziniert und abstößt, kann man sich nicht entziehen. Vergleiche mit Camus und Emmanuel Bove sind nicht abwegig. Die Romane des schon 1982 verstorbenen Jean Forton wurden mit dem düsteren Nihilismus von Camus verglichen. Er bleibt jedoch in seinem dunklen Ambiente und seinem Zynismus einmalig und verbirgt, wie es heißt, unter dem Mäntelchen der Banalität einen größenwahnsinnigen Charakter. Der französische Autor Jean Forton wurde für diesen Roman mit dem Prix Fénéon ausgezeichnet.

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Nur mit höchsten Leseansprüchen versehen sollte man sich an das Werk von Anita Albus heranwagen, in dem sie Prousts Romanwerk interpretiert hat. Setzt sie doch beim Leser ausreichende Kenntnis von Prousts Lebenswerk - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit¿ voraus. Proust selbst hat seinen Roman als Kathedrale gesehen, wie es auf dem Einband heißt, in dem er weit verzweigt "Naturgesetze, Kunst und Religion als große Einheit begriffen hat". Antia Albus ergeht sich u.a. in naturkundlichen Beobachtungen, die sie in der darstellenden Kunst gespiegelt sieht. Sie beschreibt Prousts Fähigkeit, sich durch Kochkünste an sinnliche Gaumenfreuden heran zu tasten und ergeht sich in religiösen Bezugnahmen zu Prousts Werk. Am Beispiel der sich von den Ritualen der religiösen Zeremonien entfernenden Kirchen und der damit verbundenen Entfremdung der kirchlichen Gemeinschaft liest man bei Anita Albus: "Ohne die Perspektive der Unsterblichkeit, die sich ihm ( Proust) durch die "göttliche Speise" einer in Tee getauchten Madeleine offenbarte, wäre die Recherche, wie die zweckentfremdeten Kathedralen, ihres Sinnes beraubt." Dieses Zitat markiert den Schwierigkeitsgrad, mit dem die anspruchsvollen Interpretationen von Anita Albus den Leser herausfordern. Sie zitiert aus Briefen und Romanen Prousts, um auf diese Weise in die Gedankenwelt des begnadeten Dichters einzustimmen. Da geht es um Glauben oder Unglauben, um die Wahrnehmung seines Werkes als eines umfassend zu verstehenden Kosmos von Eindrücken und einem Gesellschaftsbild, in dem sich Sinnlichkeit und Realität einer ganzen Epoche widerspiegeln. Proust hat an Blüten und Früchten zahlreiche Erinnerungen festgemacht, die diese sinnlichen mit den kontemplativen Eindrücken zu einer Einheit verbunden haben. Durch Analogien zu Darstellungen der bildenden Kunst, in Sakralwerken, der Bibel und immer wieder der großartigen Architektur der Kathedralen durchzieht das Buch von Anita Albus ein Anspruch von allumfassender Interpretation von Prousts ¿Recherche¿. Wenngleich mir eine intuitive Aufnahme von Prousts Werk gelungen zu sein scheint, in der die Erfahrungen kindlicher Sinneseindrücke eine gewichtige Rolle spielen, die mit einem gewissen Ewigkeitswert behaftet sind, bleibt mir die ausufernde Interpretationsfreude von Anita Albus fremd. Sie ist selber eine Künstlerin, deren Ausdrucksweise einen großartigen ästhetischen Wert zeigt. Insofern zeugt ihre Analyse von eigenem Kunstverstand und Gewandtheit im Ausdruck. Reich bebildert und mit zahlreichen Anmerkungen versehen kann man sich vorstellen, dass Anita Albus sich tief in das Werk Prousts hineingedacht hat. Der Fischerverlag hat das Buch in einer wunderschönen bibliophilen Ausgabe herausgebracht. Für den Kunstkenner und Literaturfreund ist das Buch ein Gewinn und eine kunstvolle Ergänzung zu Proust Lebenswerk.

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Jaques stammt aus dem kleinen Chilenischen Dorf Contulmo. Als er nach seinem Examen als Lehrer in das Dorf zurückkehrt, steigt in den Gegenzug sein Vater, der die Familie verlässt. Er gibt an, dass er in seine Heimatstadt Paris zurückkehren will. Jaques lebt fortan ein ruhiges Leben in einem einfachen Ambiente zusammen mit seiner traurigen Mutter, die ihre Trennung vom Vater kaum erträgt. Die Sehnsucht nach der jungen und schönen Nachbarin Teresa treibt Jaques um und lässt ihm keine Ruhe. Der kurze Roman ist in schlichte und kurze Sätze gefasst, die einen prägnanten Eindruck von der herrschenden Armut geben und die Beschränkungen des Lebens subtil einfangen. Atmosphärisch trifft der Autor mit seiner Erzählform den ausweglosen und einfachen Alltag, in dem man kaum Abwechslung und frohe Lebendigkeit findet. Als Jaques erste Sexabenteuer in der nahen Kleinstadt sucht, hat er eine unerwartete und erschütternde Begegnung. Er kehrt ernüchtert und irritiert zu seiner Mutter zurück. Alles dreht sich in diesem Roman um die Sehnsucht, um die Liebe, das stille Leben, um Armut, Traurigkeit und Hoffnung. Zuletzt offenbart sich eine verwirrende und komplizierte Liebesgeschichte, die zeigt, dass unter der Oberfläche der vermeintlich simplen Geschichte die Leidenschaft brodelt. Der Autor findet den richtigen Ton, um die Stimmung von Land und Leuten einzufangen. Mit großer Liebe zum Detail beschreibt er sie und bleibt dem ruhigen und melancholischen Lebensgefühl in dem südamerikanischen Landstrich eng verbunden. Der hübsch aufgemachte Einband signalisiert die bunte Vielfalt von Fauna und Getier. Als Kleinod möchte man diesen kleinen komprimierten Kurzroman bezeichnen. Der Autor Antonio Skármeta feierte 1985 mit seinem Roman Mit brennender Geduld um den Briefträger des berühmten chilenischen Dichters Pablo Neruda einen Welterfolg. Er lebte viele Jahre im Exil in Berlin. Dort vertrat er sein Land von 2000 -2003 auch als Botschafter.

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