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Geschichte vom alten Kind

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Produktdetails
Titel: Geschichte vom alten Kind
Autor/en: Jenny Erpenbeck

ISBN: 3442726867
EAN: 9783442726868
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btb Taschenbuch

1. Juli 2001 - kartoniert - 128 Seiten

Ein Mädchen wird gefunden, nachts auf einer Straße, einen leeren Eimer hat es in der Hand. Es ist nicht schön noch häßlich, niemand kennt seinen Namen, niemand weiß, woher es kommt, niemand weiß, wer seine Eltern sind. Niemand, auch das Kind selbst nicht. Also wird es in ein Heim gesteckt und auf eine Schule geschickt. Eine verstörende Aura der Formlosigkeit umgibt dieses Geschöpf; jeder Versuch der Kontaktaufnahme prallt zurück wie ein Ball von der Wand. Nur ganz selten scheint es, als wisse das Kind mehr, als es preisgibt - doch wer versucht, sein Geheimnis zu durchschauen, hat das Gefühl, er blicke in einen blinden Spiegel ...
In ihrer ersten Veröffentlichung gelingt es Jenny Erpenbeck, der wundersamen Gestalt des alten Kindes eine ganz eigene Sprache zu geben. Eine Sprache, die auf faszinierend-verstörende Weise alles fasst: die Magie der Fremdheit, das Staunen über die Welt, das Geheimnis des Kindes. Mit ihrem hochgelobten Debüt hat sich Jenny Erpenbeck als eine der ganz großen Hoffnungen der jungen deutschen Literatur erwiesen.


Jenny Erpenbeck wurde 1967 in eine Berliner Schriftstellerdynastie geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin und Regisseurin in der Nähe von Graz, wo sie im Frühjahr 2000 mit großem Erfolg ihr erstes Stück "Katzen haben sieben Leben" am Schauspielhaus inszenierte.§2008 wurde Jenny Erpenbeck mit dem "Solothurner Literaturpreis" für ihr "feinsinniges erzählerisches Werk" sowie dem Heimito von Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet, 2009 wurde sie mit dem Preis der LiteraTour Nord geehrt, 2013 wurde ihr der Joseph-Breitbach-Preis für ihr literarisches Gesamtwerk verliehen, 2016 der Walter-Hasenclever-Literaturpreis und der Thomas Mann-Preis.
Als man es gefunden hat, stand es des Nachts auf der Straße, mit einem leeren Eimer in der Hand, auf einer Geschäftsstraße, und hat nichts gesagt. Als die Polizei es dann mitgenommen hat, ist es von Amts wegen gefragt worden, wie es heiße, wo es wohne, die Eltern wer, das Alter welches. Vierzehn Jahre alt sei es, antwortete das Mädchen, aber seinen Namen wußte es nicht zu sagen, und auch nicht, wo es zu Haus war. Die Polizisten hatten anfangs Sie zu dem Mädchen gesagt, aber jetzt sagten sie Du. Sie sagten: Du mußt doch wissen, woher du gekommen bist, wo du vorher gewesen bist, bevor du dich hier auf die Straße gestellt hast mit deinem leeren Eimer. Das Mädchen konnte sich einfach nicht daran erinnern, es konnte sich an den Anfang nicht erinnern. Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde. Einer der Polizisten versuchte, das Mädchen zu beleidigen und sagte: Alles im Eimer, was. Aber das Mädchen merkte gar nicht, daß es beleidigt hatte werden sollen, und antwortete einfach: Ja.


Nachforschungen ergaben nichts. Zwar war das Mädchen in seiner ganzen Größe und Dicke vorhanden, was jedoch Herkunft und Geschichte anging, war es derart von Nichts umgeben, daß seiner Existenz von Anfang an etwas Unglaubliches anhaftete. Das Mädchen war übrig. Also nahm man ihm seinen Eimer weg, faßte es bei der fleischigen Hand und gab es im Kinderheim ab.


Das Mädchen hat ein großes, fleckiges Gesicht, das aussieht wie ein Mond, auf dem Schatten liegen, es hat breite Schultern wie eine Schwimmerin, und von den Schultern abwärts ist es wie aus einem Stück gehauen, weder ist eine Erhebung dort, wo die Brüste sein müßten, noch eine Einbuchtung in Höhe der Taille. Die Beine sind kräftig, auch die Hände, und dennoch macht das Mädchen keinen überzeugenden Eindruck, das mag an seinem Haar liegen. Dieses Haar ist weder lang noch kurz, im
Nacken ist es ausgefranst, und weder ist es braun, noch auch wirklich schwarz, es ist allenfalls so schwarz wie ein Fahnentuch, das zu lange in der Sonne gehangen hat und davon ganz ausgeblichen ist, manchmal erscheint es beinahe grau. Das Mädchen bewegt sich langsam, und wenn es sich einmal nicht langsam bewegt, erscheinen kleine Schweißtropfen auf dem Rücken seiner Nase. Das Mädchen weiß, daß es zu groß geraten ist, deshalb zieht es den Kopf ein. Es beugt seinen Leib, als müsse es auf diese Weise eine große Kraft zurückhalten, die in seinem Innern wütet.


Das Kinderheim, in dem die Polizei das Mädchen abgegeben hat, ist das größte der Stadt. Es liegt im äußersten Bezirk dieser Stadt, dem Bezirk, der an den Wald grenzt, es besteht aus mehreren Gebäuden, die über ein weites und unübersichtliches Gelände verteilt sind. Da gibt es Wohngebäude, einen Kindergarten, eine Schule für die unteren und eine für die höheren Klassen, außerdem ein Küchenhaus, eine Sporthalle, einen Festsaal, einen betonierten Platz, ein Fußballfeld, und Schuppen, in denen verschiedene Werkstätten untergebracht sind - dort sollen die Schüler lernen, hart zu arbeiten, wie das Leben es von ihnen verlangen wird. Um all das ist ein Zaun gezogen, ein Zaun mit einem einzigen Tor, das von einem Pförtner beaufsichtigt wird, mit dem muß man sprechen, wenn man aus dem Heim hinaus oder ins Heim hinein will. Durch dieses Tor kommen am Wochenende die verwahrlosten oder wohlsituierten Eltern zu Besuch, weinende und nicht weinende Eltern, für manche Kinder allerdings kommen durch dieses Tor weder verwahrloste noch wohlsituierte, noch weinende, noch sonst irgendwelche Eltern. Durch dieses Tor kommen auch Fremde, die Eltern werden wollen, sie kommen, um Kinder zu beschauen, aber für manche Kinder kommen auch diese nicht. Es gibt Kinder, so unrein, so riesig oder rauh, daß sie nicht einmal abgewiesen werden müssen, man sieht sie gar nicht erst an, weil sie nicht durch das Sieb passen, das für die Aus
wahl gewebt ist. Sie sind da, aber sehen kann man sie nicht. Zu diesen wird zweifellos das Mädchen gehören. Dennoch wirkt seine Unsichtbarkeit, als sei sie von prinzipiellerer Natur - die ganze Gestalt des Mädchens ist so verbogen, selbst sein Gehen ist so verbogen, daß jeder, der es bei der Hand fassen wollte, förmlich in ein Nichts hineingreifen würde.


An diesem noch warmen Tag im Herbst wird es also ganz ruhig über den mit Rasen spärlich bewachsenen Sportplatz gehen können, auch wenn an dessen Rändern die Eltern oder die, welche Eltern werden wollen, auf den hölzernen Bohlen sitzen, mit denen der Platz eingefaßt ist. Denn zwar heften die Eltern oder die, welche es werden wollen, ihre Augen auf diesen Platz und beobachten ihre Kinder oder die, welche es werden sollen, bei verschiedenen Spielen - das Mädchen jedoch bemerken sie nicht, als sei es gefeit gegen ihre Blicke. Niemand von den verwahrlosten und weinenden und anderen Eltern, noch einer von den Fremden, die Eltern werden wollen, wird sehen, wie es über den Platz geht. So hat es sich das gedacht. So wie andere danach streben, aus einem umzäunten Gebiet, aus Gefängnis, Arbeitsanstalt, Irrenhaus oder Kaserne auszubrechen, ist das Mädchen genau im Gegenteil in ein solches umzäuntes Gebiet, in ein Kinderheim eben, eingebrochen, und es besteht kaum eine Wahrscheinlichkeit, daß jemand auf die Idee kommen wird, es wieder zum Tor hinauszuführen, es zurückzureißen in die Welt.


So geht es also mit großer Gelassenheit über diesen Platz und nagt, während es über den Platz geht, an seinem Fingernagel. Und als gleich am ersten Tag, während es über den Platz geht und an seinem Fingernagel nagt, ein Kleiner es anrempelt, so daß es fast fällt und sich mit der Hand auf dem Boden abstützen muß, beginnt es zwar, einen kleinen Moment lang zu schluchzen, aber es tut das nicht ungern. Denn daß ein Kleiner es anrempelt, damit es in den Dreck falle, und so sehr anrempelt, daß es schluchzen muß, weckt in d
em Mädchen die Hoffnung, daß ihm verstattet sein wird, einen der unteren Plätze in der schulinternen Hierarchie zu belegen, womöglich sogar den untersten, und der unterste Platz ist immer der sicherste, nämlich genau der, dessen Ansprüchen es auf jeden Fall wird standhalten können. So wischt es sich nicht einmal den Dreck von der Hand, sondern geht weiter und schluchzt noch ein bißchen und beginnt dann wieder an seinem Fingernagel zu nagen, der nun beschmutzt ist.


Als man es zum ersten Mal in sein Zimmer geführt hat, das in der Hauptsache ein Schlafraum ist, den es mit drei anderen Mädchen zu teilen hat - das war einer der glücklichsten Momente in seinem Leben. Es gab keinerlei Unordnung in diesem Zimmer - nur vier Betten, ein jegliches an einer der vier Wände, alle vier sauber hergerichtet, und daneben je einen Stuhl und einen blechernen Spind. In den Spind gehört das Kleiderbündel für die Woche, auch die Schulbücher und Hefte gehören da hinein, und die wenigen persönlichen Dinge, die ein Kind sammelt oder, wenn es genug erspart hat, sich von seinem Taschengeld erwirbt. Letztere werden einem solchen sparsamen Kind allerdings häufig wieder gestohlen. Die Spinde können nicht abgeschlossen werden, das ist eine Frage des Prinzips. Es geht um das kameradschaftliche Zusammenleben. Alle Sachen, welche das Kind bei seiner Einlieferung mitgebracht hat, muß es abgeben. Sie werden weggeworfen, denn das Heim macht einen ganz neuen Anfang.


In dem Raum ist zu dieser Zeit keines der anderen Mädchen, denn es ist noch nicht Schlafenszeit, und der Raum darf erst zur Schlafenszeit betreten werden. Er ist kein Aufenthaltsraum. Die Erzieherin spricht, das Mädchen schweigt und nickt, es darf in den Spind hineinsehen, in dem schon alles so angeordnet ist, wie es von nun an sein soll. Einen Moment lang muß es an seinen Eimer denken, der beim Hin- und Herschaukeln immer einen leisen Klagelaut von sich gegeben hat. Dann soll es ausziehen, was es am Leibe hat. Es
setzt sich auf den Rand seines Bettes und beginnt, die Hose auszuziehen, dann die feinen, aber zerrissenen Strumpfhosen, die es darunter trägt, und es kreuzt die Arme über dem Kopf, um sich seines verfilzten Wollpullovers zu entledigen, der viel zu eng ist, erstaunlicherweise kreuzt es dazu die Arme über dem Kopf, wie eine Frau. So zieht sich das Mädchen aus bis auf ein angegrautes Hemdchen und einen angegrauten Schlüpfer, dann steht es auf und folgt der Erzieherin nach, die ihm winkt. Die Erzieherin geht über den mit Linoleum belegten, fensterlosen Flur bis zum Waschraum, das Mädchen folgt ihr. Im Waschraum gibt es dann noch sein Hemdchen her, und steigt aus dem Schlüpfer, dazu balanciert es auf einem Bein, duckt sich und blickt dabei zu der Erzieherin, die neben ihm steht und die ordnungsgemäße Wandlung verfolgt, auf. Die Erzieherin hat die anderen Sachen des Mädchens über ihren Arm gelegt, nun legt sie noch das Hemdchen und den Schlüpfer dazu. Jetzt, wo es nackt ist, sieht das Mädchen einem Holzkloben nicht unähnlich. Es richtet sich auf und tritt unter die Dusche. Es beginnt, sich zu waschen. Endlich kann es den Dreck von sich abwaschen, der seinen ganzen Körper bedeckt, den Dreck, wie er sich im Laufe der Zeit auf einem Körper ansammelt.


Nach dem Waschen übergibt die Erzieherin dem Mädchen das Kleiderpäckchen für die Woche. Die Kleidung gibt es auf Zuteilung aus der Kleiderkammer, es sind alles Sachen aus zweiter, dritter, vierter Hand, aber gewaschen sind sie, und der Größe des jeweiligen Kindes angemessen. Das Mädchen schlüpft in diese ihm zugewiesene Kleidung. Während in Pullover, Hosen und Röcke eine Nummer eingenäht werden wird, die anzeigt, daß diese Sachen nun dem Mädchen gehören, solange sie ihm passen, gelten die Schlüpfer und Unterhemden wie auch die Nachthemden als 'Wäsche', das heißt, ein Kind bekommt pro Woche einen Schlüpfer und ein Unterhemd und ein Nachthemd aus der allgemeinen Wäschelieferung, die Leibwäsche ist gleichsam die Wäsc
he für einen einzigen großen Kollektivleib, und wem das nicht gefällt, der wird mit Madame angeredet, und es nützt ihm doch nichts. Das Mädchen muß aber gar nicht erst mit Madame angeredet werden, denn es ist ganz einverstanden mit dieser Regelung für die Wäsche, es kennt auch die schöne Aufforderung: Keine falsche Scham!, an die erinnert es sich im Zusammenhang mit dieser Wäscheregelung. Jedenfalls rückt dieser kollektive Schlüpfer einiges, das in Unordnung war, wieder in die Ordnung, so ein Gefühl hat das Mädchen.


Als es dann in einem solchen Zustand angelangt ist, angetan mit ebender zugeteilten Kleidung wie alle andern hier und in dem gleichen Grade sauber wie alle anderen, blickt es sich nach einem Spiegel um. Es will sich selber in seinem neuen Leben betrachten, will sehen, ob sich sein Gesicht verändert hat infolge des Beginns dieses neuen Lebens, muß aber feststellen, daß es in seinem Zimmer keinen Spiegel gibt. Es wird umhergehen und bemerken, daß weder auf der Toilette noch auf irgendeinem Flur, noch irgend sonst in dem Heim ein Spiegel angebracht ist. Es wird schließlich, schon wie im Vorgefühl einer Schuld und deshalb so beiläufig als möglich, nach einem Spiegel fragen und daraufhin erfahren, daß Eitelkeit eine der sieben Todsünden ist, Madame. Und obgleich der Vorwurf, der in dieser Antwort enthalten ist, davon zeugt, daß die Erzieherin vollkommen blind ist für die Natur der Gründe, die das Mädchen nach einem Spiegel haben suchen, ja schließlich sogar fragen lassen, erhellt die Entgegnung doch das Prinzip, von dem diese umzäunte Anstalt durchdrungen ist, und keinen glücklicheren Zustand kennt das Mädchen als jenen, in den der Anblick der Architektur eines Prinzips es versetzt. Keinen helleren und schöneren Anblick kennt es.
Das Mädchen erinnert sich an die Zeit der Spiegel, als es, zunächst mit Beunruhigung, später mit Interesse, und schließlich mit Befriedigung, ja geradezu einer Art Stolz wahrnahm, daß sein Gesicht über lange Zeit hi
nweg ganz und gar unverändert aussah, so als würde dessen runde, fleischige Form das Alter abweisen. Das Mädchen hatte daraufhin begonnen, Versuche in Hinsicht auf diese Unveränderbarkeit anzustellen. So zum Beispiel hat es, wenn ein Grund vorlag, um zu weinen, diesen Grund wahrgenommen und ausgiebig geweint, und nach dem Weinen schnell in den Spiegel gesehen. Und siehe, weder waren seine Wangen eingefallen von der Anstrengung des Weinens, noch war seine Haut porös geworden, noch hatten sich Schatten um seine Augen gelegt. Es konnte also weinen, soviel es wollte, und dennoch ganz sicher sein, daß das Weinen keine Spuren in seinem großen Gesicht hinterlassen würde. Ein andermal hat es jemanden angelogen, und hinterher in einem Spiegel nachgesehen, ob sein Gesicht sich in das Gesicht einer Lügnerin verwandelt hat, aber entweder war sein Gesicht schon von Anfang an das Gesicht einer Lügnerin gewesen, oder es hat sich von der Lüge einfach nicht verändert, obgleich es vor der Lüge nicht das Gesicht einer Lügnerin war und danach dasselbe Gesicht, aber nun das Gesicht einer Lügnerin. Auch, nachdem ihm einmal jemand unverhofft ein sehr schönes ledernes Portemonnaie geschenkt hatte, in welches der schiefe Turm von Pisa geprägt war, hat es in den Spiegel geblickt, aber die Freude ist dem Gesicht nicht anzusehen gewesen. Diese Beobachtung der Beständigkeit seines Gesichtes, die zur Folge hatte, daß sich das Mädchen daran gewöhnte, häufig in den Spiegel zu sehen, ist wohl kaum mit dem Begriff Eitelkeit zu fassen, aber nun war einmal die Ansicht, daß Eitelkeit eine der sieben Todsünden sei, als Grund dafür angegeben worden, daß es innerhalb dieses Heims keine Möglichkeit gab, sich zu spiegeln, und das Mädchen nahm mit Dankbarkeit zur Kenntnis, daß für es wie für alle anderen ein und dieselben Gründe galten, das und das gutzuheißen oder das und das nicht gutzuheißen. Befreit von der Kontrolle über sein Gesicht, es schlichtweg vergessend, tritt das Mädchen also ein in die helle Ar
chitektur des Prinzips, die es einen Moment lang hat schauen dürfen.


Als es in die Klasse gekommen ist, und alle haben neben ihren Bänken gestanden, und es selbst hat neben der Lehrerin gestanden, ganz vorn, war es sich vorgekommen wie Gulliver bei den Zwergen. Es hat sich umgesehen und bemerkt, daß es auf alle Köpfe herabschauen kann. Da hat es gewußt, daß es zu groß ist. Es hat seinen Kopf eingezogen und darauf gewartet, daß die Lehrerin ihm einen Platz zuweise. Die Lehrerin hat es auf den einzigen noch freien Platz gesetzt, auf den Platz neben einem Jungen mit einem sehr grobschlächtigen Gesicht. So ist der Gegensatz nicht ganz so groß gewesen, und die anderen haben sich beruhigen können, und haben anfangen können zu glauben, daß dieses Mädchen die Neue sei. Die Mädchen konnten auf einen Blick sehen, daß es sich hierbei um keine Schönheit handelt, durch welche die feingesponnene Hierarchie in Unordnung gebracht würde, weil jenes gewaltige Geschöpf in dem Moment, da es sich setzt, sofort wie ein bleierner Bodensatz auf den Grund der Ordnung sinkt, und die Jungen wußten, daß sie einen Fang gemacht hatten, daß da Futter für etliches Gelächter ihnen ins Maul hineinspaziert war, und das freute sie. Aus dem lächelnden Schweigen seitens der Klassenkameraden, das auf seine Plazierung folgt, wagt das Mädchen zu schließen, daß seine Unbeholfenheit offenbar hinreichend ist, ihm trotz seiner Größe einen Platz in der achten Klasse zu verschaffen, womöglich sogar den untersten, und da ist es erleichtert. In diesem Augenblick hört man, wie irgendwo eine Tür leise geschlossen wird, und dem Mädchen kommt es so vor, als sei das alte Leben jetzt von ihm gewichen.
Der Unterricht nimmt seinen Fortgang, das Mädchen aber sitzt still, und die ganze bleierne Beschriftung seines Gehirns fällt nun in den blauen Himmel hinein, der vor den Schulfenstern steht, jedes Wort und jeden Gedanken läßt es los, bis es schließlich einfach dasitzt und ganz leer ist, und man mit Recht
von ihm sagen könnte: Es ist ein unbeschriebenes Blatt.


Das großgeratene Kind beginnt, dem Unterricht zu folgen, dem Mathematik-Unterricht einer achten Klasse zum Beispiel: Wenn x gleich y, steigt die Gerade in einem Winkel von fünfundvierzig Grad an. Das Mädchen lauscht, was gesagt wird, und lauscht, was gedacht wird, lauscht auf all das, was in dem Mathematik-Unterricht einer achten Klasse gesagt wird und gedacht wird. Irgendwoher kennt es diese Gerade, die in einem Winkel von fünfundvierzig Grad ansteigt, und doch ist es erstaunt, ihr auf dieser Seite des Diagramms wieder zu begegnen. Irgend etwas muß jetzt spiegelverkehrt sein, oder spiegelverkehrt gewesen sein. Dem Mädchen scheint, es müsse irgendwann die Seite gewechselt haben, aber wann, das kann es nicht sagen. Mit dem Kopf durch die Wand, würden Erwachsene das wohl nennen.






"Klug und überraschend. Die "Geschichte vom alten Kind" ist das wohl wundersamste Buch des Herbstes." Süddeutsche Zeitung

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Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll 2 Sterne.. - von Andi Front - 05.09.2010 zu Jenny Erpenbeck „Geschichte vom alten Kind“
Das Buch ist auf eine besondere Art langweilig und exotisch zugleich; Es ist zwar definitiv ein in einem komisch und interessanten Stil geschriebenes Buch, allerdings würde ich es nicht noch einmal lesen und auch nicht weiterempfehlen.
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