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Die Schnecke

Überwiegend neurotische Geschichten. 2. , Aufl.
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Produktdetails
Titel: Die Schnecke
Autor/en: Wolfgang Schömel

ISBN: 3608935738
EAN: 9783608935738
Überwiegend neurotische Geschichten.
2. , Aufl.
Klett-Cotta Verlag

Januar 2003 - gebunden - 205 Seiten

»Neulich habe ich mir die Bomberjacke B 3 der US-Air-Force gekauft, in der man aussieht wie die Piloten in den Hollywood-Filmen, ehe sie schicksalsschwer, aber von heroischem Pessimismus getragen, von England aus zum Bombenflug nach Deutschland abheben.«

Online-Redakteure, Architekten oder arbeitslose Philosophen sind die Helden dieser Geschichten. Gemeinsam haben sie, daß sie als Singles leben und nicht recht wissen, ob sie sich unglücklich fühlen oder nicht. Der Jagd nach dem Weibe gilt ihr ganzes Sinnen und Trachten: »Eine hat mich verlassen, eine habe ich gezwungen, mich zu verlassen, und eine hat mich gezwungen, sie zu verlassen.«

Was sie sonst noch umtreibt? Der Waldlauf und der private Haschisch-Anbau. Die rätselhafte ICE-Bekanntschaft neulich und die Bangkok-Reise. Einsame Fernsehabende am Wochenende und das Gefühl, in einer unhaltbaren Hängeposition zu leben. Denn diese Geschichten sind mitten aus dem Leben der Stadtneurotiker gegriffen. Wie man gutgebaute osteuropäische Reinigungskräfte besser nicht anbaggern sollte; wie man frühere Buchfehlkäufe radikal korrigiert oder das ultimative Verführungs-Abendessen kocht - all das ist in diesen mit hinreißend trockenem, melancholischem Charme geschriebenen Stories zu lesen. Die nostalgischste von ihnen heißt: »Killing me softly«.

Egal, auf wie vielen Seiten dieser Erlebnisberichte vom ganz normalen Wahnsinn Sie sich wiedererkennen - »Die Schnecke« wird Sie begleiten.

Wolfgang Schömel hat am 4. September 2003 den Georg-K.-Glaser-Preis 2003 erhalten.
Wolfgang Schömel geb. 1952 in Bad Kreuznach, studierter Germanist und promovierter Philosoph, schreibt seit den 1980er Jahren für verschiedene Medien. Schömel wurde mit dem Georg-K.-Glaser-Preis im Jahr 2003 und dem Preis Buch des Jahres 2004 des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Rheinland Pfalz ausgezeichnet. Seit 1989 ist er Literaturreferent der Freien und Hansestadt Hamburg und seit 1992 auch als Mitherausgeber des literarischen Jahrbuches Hamburger Ziegel aktiv. Wolfgang Schömel lebt und arbeitet in Bremen und Hamburg.
Zufällig hatte ich also eine Möglichkeit gefunden, unverdächtig, ja ich möchte sogar sagen, gerechterweise an einem öffentlichen Ort zu existieren und dabei gleichzeitig ein Publikum hautnah an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich begriff, daß diese gläsernen Wartehäuschen nichts anderes sind als genial ersonnene jagdliche Ansitze, an denen, wenn mir ein Fortfahren in dieser Bildwelt gestattet ist, das Wild nicht nur vorbeiläuft, sondern in die es sogar hineinhüpft und -schlüpft. Überdies ist der Aufenthalt auch in Zeiten seltenen Wildwechsels durchaus angenehm: Ein Blick über die Elbe, in den Jenisch-Park, ein bißchen in der Morgenpost lesen, oder auch, wenn gar nichts los war, das Döschen Bier leer trinken, das ich stets in meiner Schein-Arbeitstasche mit mir trage. Ich habe eine winzige Erbschaft gemacht, die ich dem Arbeitsamt verschwieg. Mit dem Geld legte ich mir ein durchaus ansehnliches Gehobener-Angestellter-Outfit zu, als zusätzliche Sicherheit, wenn man so will. Ich kaufte mir einen eleganten Trenchcoat, ein paar schwarze Oxford-Schuhe, die zumindest auf den ersten unerfahrenen Blick sehr edel wirken, ein teures englisches Eau de Toilette, die besagte Arbeitstasche aus feinstem dunkelgrünen Leder, in der ich neben der Bierdose und der Morgenpost auch die "Financial Times" und die schweizerische Zeitschrift "Du" mit mir führe. "Du" kommt gut bei kulturbeflissenen Geisteswissenschaftlerinnen mittleren Alters. Leider sind sie fast ausnahmslos sehr unattraktiv. Ein Fünfhundert-Euro-Fliegerchronograph, der nach zweitausend Euro aussieht, sowie ein teures Portemonnaie mit Reißverschluß und Krokoprägung tun ein übriges: Ich hätte mir früher nicht träumen lassen, welch einen Zugewinn an selbstempfundener Existenzberechtigung solche Dinge mit sich bringen. Ich leide an starken Antlitzschwankungen, für die selbst jahrelange Ursachenforschungen keine brauchbaren Kausalitäten gefunden haben. Manchmal schlafe ich leidlich gut und sehe fahl und zerfressen aus. Das andere Ma
l liege ich die ganze Nacht mit Gemütsrasen wach, finde mich jedoch am nächsten Tag einigermaßen erträglich. Meine physiognomischen Unbeständigkeiten werden durch die genannten Ausstattungsgegenstände eingeebnet. Ein bestimmter Wahrnehmungsstandard bleibt bestehen, und selbst dann, wenn das Gesicht deutlich zerrüttet ist, wird gutwillig vermutet, daß die Karriere wohl ihren Tribut fordert. Und "Karriere" ist schließlich ein Wort, das die Frauen sinnlich aufwühlt und erregt: Ein Mann hat sich etwas geschaffen, allein, ihm fehlt der erdig ruhende Pol eines Weibes, das ihm mit seiner emanzipierten Fürsorglichkeit sowie mit avancierten erotischen Angeboten und mit Blumensträußen die geschmackvoll eingerichtete Wohnung beseelt.

... Schömel schreibt böser als Woody Allen, lakonischer als Michel
Houellebecq und weniger zugespitzt als Bret Easton Eillis über Menschen,
die von sich sagen können: "Nach der Promotion hing ich rum und bekam
keinen Job." Oder: "Ich bin nicht zynisch! Schau, wie ich im Kino immer
heule!"
(Lift, Stuttgart, Februar 2003)

... Schömels
Sprache ist sorgfältig gewählt, seine Beobachtungen sind schmerzhaft
genau. Ohne Platitüden, aber mit Empathie wirft er mal grelle, mal
melancholische Schlaglichter auf seine Protagonisten - Ihre
Körperkultur, ihren strategisch durchkomponierten Tagesablauf und ihre
fehlende raison dètre.
(Morgenpost, 26.11.2002)

Die wahre,
topaktuelle Brisanz dieses Buchs aber liegt in der Beschreibung
männlicher Not am Beginn des dritten Jahrtausends: Einsam und immer auf
der Jagd, hechelt der Singlemann den Glücksversprechen der sexuellen
Marktwirtschaft hinterher, hilflos der Gnade der Frauen (und den eigenen
Trieben) ausgeliefert -je weniger er mit den Jüngeren mithalten kann,
desto mehr wird er zur lächerlichen Figur. Bis er eines Tages anfängt,
Selbstgespräche zu fuhren.
Wolfgang Höbel (Der Spiegel, 7.10.2002)

Episoden
des Alleinseins und des Geschlechtslebens, lakonisch und mit viel Sinn
fürs Tragikomische erzählt, stellenweise bis an den Rand des Slapsticks
hochgetrieben. Wer meint, es in diesem Band mit einer männlich
eingefärbten Sex and the City-Welt zu tun zu haben, der liegt ganz
richtig. Nur dass es in Schömels Welt keine Dialoge gibt und erst recht
kein gemeinsames Kichern über die kleinen Martyrien und Mysterien der
Geschlechterdifferenz. ...
Dirk Knipphals (die tageszeitung, 9.10.2002)



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