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J. R. R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts

Autor des Jahrhunderts. Originaltitel: J. R. R. Tolkien. …
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Produktdetails
Titel: J. R. R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts
Autor/en: Tom A. Shippey

ISBN: 3608934324
EAN: 9783608934328
Autor des Jahrhunderts.
Originaltitel: J. R. R. Tolkien. Author of the Century.
Übersetzt von Wolfgang Krege
Klett-Cotta Verlag

Januar 2002 - gebunden - 380 Seiten

Er weist nach, daß Tolkien weniger einen Abenteuerroman schreiben wollte, sondern eine linguistische Fantasy, daß der Ursprung seiner Geschichte in Wörtern begründet liegt. Anhand einer sprachgeschichtlichen Analyse des Hobbit-Namens Baggins (deutsch Beutlin) und der Untersuchung des Sprachstils der Hobbits weist Shippey nach, daß die Auenlandbewohner in Mittelerde einen Anachronismus darstellen, daß sie »moderne« Figuren und als Zeitgenossen Tolkiens zu sehen sind. Shippey, der Tolkiens Werk in einem Atemzug mit dem von James Joyce nennt, findet zudem scharfe Worte für die Literaturkritik, die für 90 Prozent dessen, was die Leser lieben, kein Interesse zeigt. Für ihn - und für die Mehrzahl der Leser - ist Tolkien der Autor des Jahrhunderts.
Tom Shippey Wie kaum ein anderer ist Tom Shippey dazu prädestiniert, über Tolkien (und ganz in seinem Sinne) zu schreiben: hat er doch selbst in Oxford gelehrt, teilweise noch während Tolkiens eigener Lehrtätigkeit, und Tolkiens eigene Fächer. Shippey hatte den Lehrstuhl für Mediävistik an der Universität von Leeds inne, denselben, den Tolkien früher bekleidet hatte. 2001 wurde er mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Shippey lehrt zur Zeit an der Universität von St. Louis, USA.
Freilich ist das Phantastische, wie klarzustellen ist, nicht dasselbe wie Fantasy als literarisches Genre - von den eben aufgezählten Autoren dürften sich nur vier gewöhnlich in den Fantasy-Regalen der Buchläden vorfinden; und zur phantastischen Literatur gehören außer der Fantasy noch etliche andere Genres: Allegorie und Parabel, Märchen, Horror und Science Fiction, die moderne Gespenstergeschichte und die mittelalterliche Romanze. Dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung. Diejenigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts, die am überzeugendsten zu ihren Zeitgenossen und für sie gesprochen haben, fanden es aus irgendeinem Grunde nötig, im metaphorischen Modus des Phantastischen zu schreiben, über Welten und Kreaturen, von denen wir wissen, daß sie nicht existieren, wie Tolkiens Mittelerde, Orwells Engsoz, Goldings und Wells? einsame Inseln, oder über die Marsianer und Trafalmadorer, die bei Wells und Vonnegut in friedliche englische oder amerikanische Wohnviertel einbrechen.

Eine bequeme Erklärung für dieses Phänomen ist natürlich, daß es eine Art literarische Seuche darstelle, deren Opfer - die Millionen von Lesern - man verachten, bemitleiden oder durch Rehabilitation zum korrekten und nüchternen Geschmack zurückführen müsse. Gewöhnlich wird diese Krankheit Eskapismus genannt: Verfasser und Leser phantastischer Geschichten flüchten vor der Realität. Das Problem dabei ist nur, daß so viele der Initiatoren des phantastischen Modus, der im späteren zwanzigsten Jahrhundert zur Geltung kam, zum Beispiel alle vier oben zuerst genannten (Tolkien, Orwell, Golding, Vonnegut) Veteranen waren, die bei den traumatisch folgenreichsten Ereignissen des Jahrhunderts dabeigewesen oder zumindest tief davon betroffen waren: die Schlacht an der Somme (Tolkien), die Bombardierung Dresdens (Vonnegut), der Aufstieg und die anfänglichen Siege des Faschismus (Orwell). Auch kann niemand sagen, sie hätten diesen Ereignissen den Rücken gekehrt; vielmehr mußten sie eine Form suchen,
wie man über sie sprechen und sich mitteilen konnte. Es ist seltsam, daß diese aus irgendeinem Grund in so vielen Fällen außer realistischen auch phantastische Elemente einbegreifen mußte - doch so ist es gewesen.

Die fortdauernde Wirkung von Tolkiens phantastischen Werken, die vollkommen unerwartet und unvorhersehbar war, kann nicht als bloße Geschmacksverirrung eines Massenpublikums abgetan werden, über die sich alle literarisch hinlänglich Gebildeten nicht zu kümmern brauchten. Sie verdient eine Erklärung und eine Rechtfertigung, die dieses Buch zu geben versucht. Ich behaupte, daß diese Wirkung nicht nur vom Reiz des Ungewöhnlichen ausgeht (der freilich vorhanden ist und seinerseits bis zu einem gewissen Grad erklärt werden kann), sondern von einer todernsten Antwort auf die großen Fragen zu Beginn eines neuen Jahrhunderts, so wie sie jetzt am Ende des Jahrhunderts zu überblicken sind: die Frage nach dem Ursprung und der Natur des Bösen (eine ewige Frage, die sich aber zu Tolkiens Lebzeiten in furchtbarer Weise neu stellte); nach der menschlichen Existenz in Mittelerde, ohne die Stärkung durch eine göttliche Offenbarung; nach der kulturellen Relativität; und nach dem Vorfall und der Fortdauer der Sprache. Dies sind Themen, die niemand verachten darf und deren niemand sich schämen muß, wenn sie ihn beschäftigen. Es ist richtig, daß Tolkiens Antworten nicht jedermann überzeugen werden und daß sie auch den Antworten vieler seiner oben genannten Zeitgenossen scharf widersprechen. Aber die erste Einschätzung gilt für jeden Schriftsteller, der je gelebt hat, und die zweite betrifft eine der Eigenschaften, die ihn auszeichnen.

Eine zweite solche Eigenschaft ist Tolkiens wissenschaftliche Kompetenz. Über manche Gegenstände wußte Tolkien einfach mehr als irgendwer sonst auf der Welt und hatte gründlicher über sie nachgedacht. Manche meinten, er hätte seine Ergebnisse lieber in akademischen Abhandlungen niederschreiben sollen statt in phantastischen Er
zählungen. Ein kleines akademisches Publikum hätte ihn dann vielleicht ernster genommen. Andererseits ist dieses akademische Publikum schon zu seinen Lebzeiten immer mehr zusammengeschrumpft, und heute ist es nahezu verschwunden. Es gibt ein altenglisches Sprichwort, und mit der für das Altenglische typischen herausfordernden Dunkelheit besagt es: Ciggendra gehwelc wile pæt hine man gehere, jeder, der ruft, will gehört werden.

Tolkien wollte gehört werden, und er wurde gehört. Aber was war es, das er zu sagen hatte?


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