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Selbsterniedrigung durch Spazierengehen

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Produktdetails
Titel: Selbsterniedrigung durch Spazierengehen
Autor/en: Stephan Wackwitz

ISBN: 3100910540
EAN: 9783100910547
Essays.
Lesebändchen.
FISCHER, S.

Februar 2002 - gebunden - 159 Seiten

Man verbringt seine Tage irgendwo im Herzen der Gesellschaft, richtet sich ein, lebt im Großen und Ganzen ein unauffälliges Leben, von außen ist nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Und doch gibt es da in den schwachen Momenten etwas Befreiendes, auch seltsam Bedrohliches, etwas, das einen von einem Moment auf den anderen hinauskatapultieren kann aus diesem Alltag. Stephan Wackwitz' Essays erzählen von dieser anderen Welt, in der es nicht kalkuliert und kontrolliert zugeht, der Welt der Tagträume und Phantasien, der Kunst, einer Welt der Verausgabung und der Erkenntnis. Es ist die Welt neben der Welt, wie wir sie kennen, in der sich jedoch das Eigentliche ereignet. Und das kann überall sein: In einer Bank und dem Park daneben, in einem japanischen Buchladen, in dem Erwachsenen völlig unverständlichen Reich der Pokémons, beim morgendlichen Teetrinken oder beim Spazierengehen.
Stephan Wackwitz, geboren 1952 in Stuttgart, studierte Germanistik und Geschichte in München und Stuttgart. Er leitet heute das Goethe-Institut in Tiflis, nach Stationen in Frankfurt am Main, Neu Delhi, Tokio, München, Krakau, Bratislava und New York. Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen von ihm Romane (>Die Wahrheit über Sancho Pansa<, >Walkers Gleichung<), autobiographische Bücher (>Ein unsichtbares Land<, >Neue Menschen<, >Die Bilder meiner Mutter<) sowie die Reisebücher >Tokyo. Beim Näherkommen durch die Straßen<, >Osterweiterung<, >Fifth Avenue< und >Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan<.
Das Seiende im Ganzen



(...)

Die Stimme meines achtjährigen Sohns klang so verzweifelt am Telephon, daß ich, als ich im Büro gegen zwei Uhr nachmittags über irgendwelchen Ausarbeitungen saß und erwartungsfroh das klingelnde Handy aus der Jackentasche gefummelt hatte, im ersten Moment dachte, es sei etwas wirklich Schlimmes passiert. "Papa, mir ist so langweilig", sagte er mit einer Traurigkeit, die etwas Ernsterem angemessen gewesen wäre und obwohl ich erleichtert war, daß es nur darum ging, sah ich ihn sekundenlang als den Prinzen eines verregneten Frühnachmittagsreichs, das sich in endlosen Weiten jetzt vor uns beiden in unauslotbare Zeittiefen dehnte, wie er zuhause gleichsam mit verrutschter Krone auf dem Wohnzimmersofa saß, in die tropfenden Zweige des Gartens starrte ("J'ai plus de souvenirs que si j'avais mille ans" heißt es in Baudelaires "Fleurs du Mal") und ich wußte wieder, wie entsetzlich es sein kann, wenn einem mit acht Jahren langweilig ist.



Es war ja eigentlich nichts. Er war ein bißchen müde von der Schule und vom Mittagessen. Er würde jetzt gleich seine Hausaufgaben machen müssen. Sein bester Freund konnte heute nachmittag nicht zu ihm kommen. Seine Mutter war mit irgendetwas beschäftigt. Man würde den ganzen Nachmittag lang unmöglich Fußball spielen können. Es war eigentlich nichts, aber es war in Wirklichkeit Das Nichts, dem sich mein Sohn an diesem Tag gegenübersah und plötzlich graute es mir in meinem Büro auch und ich sah den Regen vor dem Fenster und das Leben überhaupt einen Moment lang mit seinen achtjährigen Augen.



Es ist, was wir Erwachsenen längst vergessen haben, offenbar sowieso alles andere als einfach, acht Jahre alt zu sein. Mein Sohn jedenfalls ist imstande, sich über sein Alter regelrecht zu beklagen. Sieben sei in Ordnung gewesen, hat er in der letzten Zeit mehrmals festgestellt, neun wäre wahrscheinlich auch OK, aber acht Jahre alt sei er wirklich nicht gerne. Ac
ht sei überhaupt ein blöde Zahl und sehe auch richtig blöd aus: so schlangenartig. Und je öfter ich mit anderen Eltern über dieses Unbehagen meines Sohnes an seinem Alter und an seinem Platz in der Welt spreche, desto häufiger erfahre ich, daß auch andere Kinder zu Beginn ihrer Schulzeit seltsame existentielle Krisen durchmachen: schwer erklärliche Anfälle von Unsicherheit, Zeiten des Brütens, der Angst, der Manie und der Stumpfheit. Es ist, wenn man einen Augenblick lang nachdenkt, auch gar nicht so schwer zu verstehen. Man ist mit acht kein kleines Kind mehr, aber auch noch kein großes. Man kann noch nicht umgehen mit den Tröstungen und Privilegien, die großen Kindern oder Erwachsenen zur Verfügung stehen und doch braucht man sie schon (ein Grund für die grassierende Besessenheit durch künstliche und käufliche Spielzeuguniversen in dieser Altersgruppe: "Star Wars", "Pokemon", "Barbie", "Lego Technic"). Es wird plötzlich etwas verlangt von einem. Es reicht nicht mehr, einfach nur dazusein. Es ist fast so etwas wie eine kleine, vorzeitige, kurze und dann scheinbar folgenlos doch noch einmal vorübergehende Pubertät.



Aber irgendwie kann es nur daran auch nicht liegen, daß beispielsweise kleine Mädchen aus denkbar glücklichen, vollständigen und wohlsituierten Familien in diesem Alter die Gewohnheit annehmen, mitten in der Nacht aufzustehen und schlaflos die Wohnung zu durchstreifen, um zu kontrollieren und sicherzustellen, daß nicht Brände aus- oder Räuber einbrechen; daß andere Kinder düstere Ängste vor dem bevorstehenden Untergang der Welt und der Ankunft unbestimmt-fürchterlicher außerirdischer Mächte äußern. Manche Sieben- oder Achtjährigen brauchen, nachdem sie in schon fast erwachsener Weise selbständig schienen, plötzlich wieder soviel elterliche Zuwendung wie Dreijährige; erleben Perioden des Bettnässens; essen schlecht. Und allen ist, nachdem sie jahrelang interessierte, vielbeschäftigte, geistesgegenwärtige Drei-, Vier-, Fünf- und Sechsjäh
rige waren, auf einmal in einer fürchterlichen und existentiellen Weise fad: "Papa, mir ist so langweilig!"



Der Einbruch des ennui in die Welt achtjähriger Kinder ist ennervierend und manchmal qualvoll für sie und ihre Eltern. Überhaupt gibt es, von körperlichen Schmerzen abgesehen, eigentlich wenige Zustände, die unangenehmer sind als die Langeweile. Und es ist eine bisher wohl noch überhaupt nicht untersuchte Frage, welche Folgen es auf die Verfassung und den Zustand unserer modernen Gemeinwesen und unserer systemisch ausdifferenzierten Wirtschaft hat, daß deren Verwaltung vor allem mithilfe dieser so furchtbar langweiligen Sitzungen bewerkstelligt werden muß: Komitteesitzungen, Vorstandsitzungen, Abteilungsleitersitzungen, Kabinettsitzungen, Zentralkomitteesitzungen, Sektionssitzungen - Veranstaltungen, über deren entsetzliche, zerknirschende, gottlose Langweiligkeit sich der Außenstehende meist keine angemessene Vorstellung macht. "Historiker werden noch in ferner Zukunft dicke Bücher schreiben", sagt der Held der fiktiven Stalin-Memoiren von Richard Lourie, eines des besten Bücher über die modernen Formen der Machtausübung, "und zu ergründen suchen, warum Leo Trotzki nach Lenins Tod den Machtkampf gegen Stalin verloren hat. Sie werden Dutzende, gar Hunderte von Erklärungen finden, doch es gibt im Grunde nur eine: Trotzki hat Langeweile gehaßt, und Stalin hat sie geliebt. Die Fähigkeit, zur Not mehr und immer noch mehr Stumpfsinn zu ertragen, ist das große Geheimnis meines Erfolges. Nach der Revolution habe ich die fadesten und langweiligsten Posten übernommen, wurde unter anderem Leiter des Organisationsbüros, kurz Orgbüro genannt, und war damit eine Art Personalchef. Für Männer wie Trotzki war diese stille, glanzlose Arbeit der reine Stumpfsinn. Wer will schon in einem kalten, düsteren Zimmer sitzen und Karteikarten sortieren, nicht wahr? Nun, ich zum Beispiel. Weil ich wußte, daß jede Beförderung, die ich aussprach, mir mittel- und langfr
istig einen Verbündeten gewinnen würde, der sich bei entscheidenden Abstimmungen erkenntlich zeigen konnte. Und ich habe bewußt die neuen Genossen befördert, die ungehobelten, ehrgeizigen, rachsüchtigen jungen Leute, durch Welten von den bärtigen alten bolschwistischen Bücherwürmern getrennt."



Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, daß allein die Macht über totalitäre Apparate vor allem durch die Fähigkeit erworben wird, still dasitzend fegfeuerhaft ausgedehnte Zeitspannen schierer Langeweile zu ertragen, derlei vielleicht sogar genießen zu können. Auch demokratische Politiker und Manager der Marktwirtschaft müssen das können. Und am Wochenende, zuhause im Wahlkreis, sind dann noch Frühschoppen absolvieren, Weinköniginnen zu küssen, Honoratiorenabende zu besuchen. Eine Art Gehirntod bei lebendigem Leibe ist der Seelenzustand moderner Machtausübung, ein Koma, aus dem es allerdings reptilienhaft blitzschnell zu erwachen und richtig zu reagieren gilt, wenn die Diskussionen und Dinge jene entscheidene Wendung nehmen, die die eigene Machtstellung gefährden könnte. Diese schwebende Aufmerksamkeit im Sumpf der sich eozänweit dehnenden Langeweile ist es wahrscheinlich, die vielen an sich intelligenten, gutwilligen und integren Menschen, die mit hochmögenden Aspirationen sich in politischen Apparaten engagieren, nach einem oder zwei Jahrzehnten der Machtteilhabe dann jene krokodilshafte Anmutung verleiht.

(...)


Gedruckte Welten


 
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