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Tattoos & Tequila

Mein Weg zur Hölle und zurück mit Mötley Crüe.
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Produktdetails

Titel: Tattoos & Tequila
Autor/en: Mike Sager, Vince Neil, Vince Neil, Mike Sager

EAN: 9783854453543
Format:  EPUB
Mein Weg zur Hölle und zurück mit Mötley Crüe.
Übersetzt von Mike Sager
Hannibal Verlag

14. April 2011 - epub eBook - 352 Seiten

Gegen ihn wirkt Mick Jagger wie ein Chorknabe: Selbst die verrücktesten Sex-, Drogen- und Rock 'n' Roll-Fantasien werden noch übertroffen von dem, was Vince Neil erlebt hat und jetzt freimütig in seiner Biografie bekennt. Vince Neal ist der Sänger und Frontmann der Heavy-Metal-Band Mötley Crüe, die er vor 30 Jahren mitbegründet hat. Sexfilme mit Pornostars, zahlreiche Gefängnisaufenthalte wegen Trunkenheit und "ungebührlichen Verhaltens" brachten den Namen des Besitzers eines Strip-Clubs in Hollywood, einer Tequila-Brennerei in Mexiko, eines Tattoo-Studios in Las Vegas und sogar einer eigenen Fluggesellschaft namens Vince Neil Aviation immer wieder in die Schlagzeilen. In seiner Autobiografie Tattoos & Tequila erzählt Vince Neal die ganze Geschichte erstmals mit eigenen Worten: Die Höhenflüge als Rockstar mit allen Exzessen, die Trennung und Wiedervereinigung von Mötley Crüe mit allen Skandalen, insbesondere der Streit mit Tommy Lee, Probleme mit seinem Übergewicht, der tragische Tod seiner Tochter Skylar, seine Rolle bei dem alkoholträchtigen Autounfall, bei dem sein Freund Razzle das Leben verlor. Auch die zahlreichen Momente, in denen er seinen Lebenswandel bereut, schildert er offen und schonungslos.
Vince Neil Wharton, wie er bürgerlich heißt, wurde am 8. Februar 1961 in Hollywood, Los Angeles, geboren. Auf der High School, von der er später wegen Drogen verwiesen wurde, traf er erstmals Tommy Lee. Vince Neil, der über eine markante hohe Singstimme verfügt, sang zunächst in einer Band namens Rock Candy und wurde 1981 von Tommy Lee und Nikki Sixx für Mötley Crüe engagiert. Er nahm fünf Alben mit Mötley Crüe auf, verließ dann die Gruppe für eine Solo-Karriere, kehrte aber 1997 als Sänger zu Mötley Crüe zurück. 2010 ging Vince Neil wieder ins Studio, um eine Solo-CD mit dem Titel Tattoos & Tequila aufzunehmen. Mike Sager ist ein amerikanischer Bestseller-Autor und preisgekrönter Reporter. Der "Beat Poet" des amerikanischen Journalismus, wie er gerne genannt wird, hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, schreibt u.a. für das Esquire Magazine und gewann zuletzt 2010 den National Magazine Award for Profile Writing.

Ein nachtschwarzer Lamborghini Gallardo Spyder gleitet mit schnurrendem Motor auf den Parkplatz von Feelgoods Rock Bar & Grill, ein gutes Stück abseits des Strip in Las Vegas. Über die Sahara Avenue rauscht wie üblich zur Mittagszeit viel Verkehr, und acht Kilometer südöstlich ist die Skyline von Sin City zu sehen, die sich wie eine Fata Morgana über die zersiedelte Landschaft erhebt. Wir befinden uns in einem gesichtslosen Vorort im westlichen Teil der Stadt, wo Einkaufszentren, Neubaugebiete und Schulen in direkter Nähe von Massagesalons, Headshops und Spielhallen liegen. Über dieser Kulisse wölbt sich ein blauer Himmel wie gemalt; schneebedeckt und schroff ragen die Spitzen der Berge in der Ferne auf und leuchten im hellen, dünnen Winterlicht.

Es ist Dezember und ziemlich kühl. Weihnachten steht vor der Tür. Hier und da haben sich einige Leute die Mühe gemacht, ihre Palmen mit Leinensäcken zu umwickeln. Laut unserem Zeitplan sind wir schon einen Tag in Verzug. Tag eins war gestern, und da gab es drei abgesagte Verabredungen. Die ganze Sache fängt richtig rock’n’roll-mäßig an – der Star lässt sich nicht blicken, die Manager und Agenten sind eilig bemüht, noch einen Ausweichtermin zu organisieren, die Spesenausgaben schnellen in die Höhe und die ohnehin schon viel zu kurze Zeit bis zum Abgabetermin verrinnt … Natürlich wird immer wieder versichert: Wir versuchen, diese tolle Sache irgendwie zum Laufen zu kriegen. Wir haben ja schon endlos drüber geredet. Es fehlt ja nur noch unser Star.

Und jetzt hat gerade jemand auf Reset gedrückt.

Es ist Dienstag.

Klappe, die zweite.

Der Star kommt zu unserer Verabredung am Mittag eine Viertelstunde zu früh.

„Dafü
r ist er berüchtigt“, hatte mir schon gestern sein Management gesagt, als er unser Treffen gerade nach hinten verschoben hatte. „Du solltest unbedingt auch früh erscheinen. Er hasst es, wenn die Leute zu spät kommen.“

Er ist dafür berüchtigt, zu früh zu kommen …

… wenn er beschlossen hat, dass er überhaupt kommt.

So sollte dieser Satz wohl lauten.

Kleine Korrekturen wie diese, das stelle ich in den folgenden Monaten fest, sind an vielen Stellen nötig, wenn man das Leben eines anderen aufschreiben soll. (Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte.) Wir haben alle unsere Rollen. Und es ist gut, wenn man sich seiner eigenen bewusst ist.

Ein eleganter italienischer Zweisitzer bremst in schrägem Winkel auf einem schraffierten Feld, hinter dem ein Schild mit der Aufschrift „nur für Motorräder“ aufragt: 512 PS, Nummernschild mit personalisierter TATUUD-Buchstabenkombi, schwarze Ledersitze mit gelber Stickerei, passend zu den gelben Bremssatteln, und ein einsamer Dosenhalter, den sich seine vierte Frau gewünscht hat („Man sollte für eine Viertelmillion Dollar doch wohl einen Dosenhalter erwarten können“, hat sie gesagt.)

Nach einem Augenblick öffnet sich die Fahrertür. Als erstes wird ein abgewetzter UGG-Stiefel aus Kalbsleder sichtbar, dann ein Bein in trendgerecht zerrissener Jeans. Durch die größeren Risse blitzt ein muskulöser Oberschenkel – zu seinen besten Zeiten füllte niemand eine Spandexhose mit Leopardenmuster so gut aus wie er. Eine Hand greift nach der Türfüllung – der Wagen ist schließlich sehr tief gelegt. Um das Handgelenk schlingt sich eine Dunamis-Armbanduhr aus Platin mit 40-karätigen Diamanten. Im übergroßen Sichtglas schwebt ein Tot
enkopf herum. Eine Spielerei im Wert von 300.000 Dollar, von der es weltweit nur fünf Exemplare gibt, wie er später erzählt. Ein Fakt, der sich schwer überprüfen lässt.

Mit etwas Mühe hievt er sich hinaus und richtet sich auf, und nun sehe ich ihn zum ersten Mal vor mir, unverkennbar nach 30 Jahren im Rampenlicht.

Vince Neil Wharton – früher bekannt für seine toupierte Haarspray-Frisur und die durchdringende Kreischstimme, das Gesicht des Macho-Glamrocks der Achtziger, der Frontmann von Mötley Crüe.

Inzwischen ist er 48, ein Mann im dritten Lebensabschnitt, etwas gedrungener als erwartet und auch kleiner – 77 Kilo auf 175 Zentimeter. Er trägt einen stoppligen Kinnbart, dünn und mit grauen Strähnen, und lächelt entspannt – vor allem dann, wenn die Menschen ihn beachten. Seinen rechten oberen Schneidezahn schmückt ein kleiner Diamant, eingebettet in eine Reihe perlweißer Kronen, oben wie unten; in der Dunkelheit eines Rock-Clubs funkelt der Stein.

Mit seinen Drogen- und Alkoholexzessen ist er ebenso in die Rockgeschichte eingegangen wie mit den hohen Absätzen, dem Make-up und den ärmellosen Glitzer-T-Shirts, die ihn Anfang der Achtziger zum androgynen Sexsymbol machten. Heute ist Vince Neil ein gesetzter Mann mittleren Alters. Einen Teil des Jahres verbringt er in Las Vegas, den anderen im Norden Kaliforniens, woher seine Frau stammt. Er hat schon „Geld, aber nicht scheißegal viel Geld“, wie er gern sagt. Oft weist er darauf hin, dass man in einer Band wesentlich weniger verdient als solo. (Und dass von diesem Geld die Agenten, Anwälte, Manager und Steuerberater rund 30 Prozent abschöpfen.) Vince ist nicht nur Rocksänger, er ist auch Geschäftsmann, der sich an verschiedenen Fronten engagiert. Da ist zum einen Tres Rios Tequila, ein Unterneh
men, das im mexikanischen Guadalajara Tequila der Extraklasse produziert. Bei Vince Neil Aviation kann man echte Rockstar-Jets chartern – komplett mit Leopardenfellen und dunkelroter Samtausstattung, wie man sich das eben vorstellt. Vince Neil Ink, ein nobles Tattoo-Studio mit Boutique, ist gleich zweimal auf dem Strip in Las Vegas vertreten. Er liebt exotische Sportwagen und Uhren, hat eine ganze Garage voller alter Poster und Kostüme, von denen er einzelne Exemplare an die Restaurantkette Hard Rock Café verkauft hat … und einen ganzen Haufen Gitarren, die ihm ständig von den Instrumentenherstellern geschickt werden, obwohl er in seinem Repertoire lediglich zwei Titel hat, bei denen er dieses Instrument überhaupt spielt – einen Solo-Song, einen von Mötley Crüe. Der Löwenanteil seines Einkommens stammt noch immer aus der Arbeit mit der Band, die in drei Jahrzehnten 80 Millionen Alben umgesetzt hat. (Mötley Crüe verkaufen sich immer noch gut, obwohl sie keine neuen Songs mehr geschrieben haben, seit 2008
Saints Of Los Angeles erschien, eine Art musikalische Autobiografie der Bandmitglieder und ihr vermutlich bestes Werk seit Jahren – zudem das einzige der jüngeren Zeit, das neue Original-Songs enthält.)

Anstatt eines Spandex-Oberteils trägt Vince ein T-Shirt von Vince Neil Ink mit ausgerissenem Halsausschnitt. Da ich ihm während unserer Zusammenarbeit bei vier weiteren Treffen in zwei verschiedenen Städten in diesem Shirt begegne, ist zu vermuten, dass die ausgefranste Kante Absicht ist. Ein pelzgesäumtes Kapuzenshirt spannt sich über einem kleinen Bauch, wenn er sich streckt, um die Falten glatt zu ziehen. Sein einst so wild toupiertes Haar wird inzwischen regelmäßig in seinem Lieblingsfriseursalon auf dem Strip in Form gebracht. Dort hat man es dunkelblond auf Netter-Junge-von-nebenan gefärbt, mit h
onigfarbenen Strähnchen versehen, geglättet und mittels der neuesten Technik zu seidiger Vollendung getrimmt; eine wirklich rockstarwürdige Frisur. Der Zahn der Zeit nagt lediglich am leicht zurückgehenden Haaransatz. Eine goldeingefasste Chanel-Sonnenbrille versteckt die nussbraunen Augen.

Der Gedanke an Vince lässt drei Bilder vor meinem geistigen Auge erscheinen. Eines davon ist der Vince von heute, den ich gerade beschrieben habe, wie er aus seinem Sportwagen aussteigt. Das zweite ist der Vince vom Cover des (wiederveröffentlichten) zweiten Mötley-Albums Shout At The Devil: Wie könnte man diese Augen vergessen, mit diesem gleichermaßen verletzlichen wie völlig geistesabwesenden Ausdruck? Ebenso einprägsam ist das dritte: Sein straff in Leder verpackter Schritt auf dem Cover des Mötley-Debüts Too Fast For Love, auf dem er den linken Daumen mit leichtem Druck an seinen sich deutlich abzeichnenden Penis legt.

Beim Lesen dieses Buches wäre es sicher nicht verkehrt, das zweite Bild im Kopf zu haben. (Wobei ich sicher bin, dass auch das dritte sich des Öfteren aufdrängen wird; schließlich hat Vince einen großen Teil seiner gesammelten wachen Minuten auf diesem Planeten damit verbracht, sich sexuell auszutoben.) Jenes Foto entstand, als Mötley Crüe 1983 auf der ersten großen Erfolgswelle schwammen, als die Band einem postapokalyptischen Stil frönte, der stark von Filmen wie Mad Max und Die Klapperschlange beeinflusst war. Mit seinen hohen Wangenknochen und den vollen Lippen, die er seinen teils mexikanischen, teils indianischen Vorfahren verdankt, war Vince die ideale Verkörperung der Goldenen Generation des Neuen Westens. Ein Hauch James Dean, ein Hauch Tony Hawk, ein Hauch Jeff Spicoli, dem coolen Surfer aus
der Komödie
Ich glaub, ich steh im Wald – Vince war die männliche Ausgabe des sonnengebräunten California Girls.

Man stelle sich einmal vor, wie es gewesen sein muss, dieser Mann zu sein – ein Rockstar, reich, verdammt gut aussehend, der in einem Privatjet zu einer Zeit durch die Welt gondelte, als es noch kein Aids gab, als Kokain, Quaaludes, Jack Daniel’s und wilder einvernehmlicher Sex die ganz normale abendliche Unterhaltung...


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