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Was wir unseren Kindern in der Schule antun

. und wie wir das ändern können.
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Produktdetails

Titel: Was wir unseren Kindern in der Schule antun
Autor/en: Sabine Czerny

EAN: 9783641041427
Format:  EPUB
. und wie wir das ändern können.
Random House ebook

16. Mai 2011 - epub eBook - 400 Seiten

Muss es wirklich auch Fünfer und Sechser geben?

Etwas ist faul an unseren Schulen, etwas läuft ganz und gar nicht rund in unzähligen Klassen. Wie kann es sonst sein, dass schon kleine Kinder die Lust am Lernen verlieren, dass sich Eltern und Lehrer vollkommen ohnmächtig fühlen, dass eine Sortierung in Haupt-, Real- oder Gymnasialschüler wichtiger ist als die individuelle Förderung eines jeden Kindes?

Doch wer ist schuld an der aktuellen Schulmisere? Die Lehrerin Sabine Czerny ist überzeugt: Es sind nicht die ehrgeizigen Eltern, die eigentlich nur das Beste für ihre Kinder wollen. Und auch nicht die Lehrer, die sich zwischen Bildungs- und Sortierauftrag komplett aufreiben. Und schon gar nicht die Schüler. Die Schuld liegt eindeutig bei unserem Schulsystem. Einem System, das sich unerbittlich und bürokratisch über das Wohl der Kinder stellt.

Sabine Czerny schildert schonungslos den schwierigen und zermürbenden Alltag einer Grundschullehrerin und erklärt, wie und warum unsere Schulen Bildungsversager produzieren. Doch das Beispiel von Sabine Czerny zeigt auch, dass es anders geht: Dass man mithilfe eines engagierten und spannenden Unterrichts Schüler motivieren und fördern kann. Das Buch endet mit dem dringenden Appell, das Schulsystem grundlegend zu verändern, um damit endlich eine Debatte auszulösen und Veränderungen herbeizuführen, die längst fällig sind.

Sabine Czerny wurde 1972 in der Nähe von München geboren und ist seit über zehn Jahren an bayerischen Grundschulen tätig. Für sie ist Lehrerin kein Beruf, sondern eine Berufung. Daher war es ihr immer ein großes Anliegen, sich neben dem Schuldienst weiterzubilden - unter anderem in den Bereichen Pädagogik und Psychologie. Getreu ihrem Motto "Ich kenne kein Kind, das nicht lernen will" gestaltet sie ihren Unterricht mit viel Leidenschaft, Engagement und neuesten Kenntnissen aus der Lernforschung. Und das seit Jahren mit großem Erfolg: Ihre Schüler haben nicht nur Spaß am Lernen, sondern schreiben dadurch auch bessere Schulnoten. Eine Tatsache, für die sie von den Schulbehörden nicht belobigt oder befördert wurde, sondern strafversetzt, bedroht und boykottiert. Für ihren Einsatz erhielt sie 2009 das Karl-Steinbauer-Zeichen für Zivilcourage.
Seit nunmehr vierzehn Jahren unterrichte ich als Grundschullehrerin. Man erlebt viel in so einer langen Zeit. Ich kann erzählen von unglücklichen Kindern, von verzweifelten Eltern, von resignierten Lehrern. Das werde ich. Aber nicht, um über dumme und faule Kinder zu klagen, die Schuld den Eltern zuzuschieben oder den Grund für die Bildungsmisere in der scheinbaren Inkompetenz der Lehrer zu suchen. Nein. Mir geht es darum, einen Einblick in das System zu geben, das in hohem und unverantwortlichem Maße Kinder zu Versagern und Verlierern macht. In diesem Schulsystem sind alle Opfer: Eltern, Lehrer und Schüler. Es baut auf falschen Grundlagen auf, hält sich an veralteten und von der Realität entfremdeten Strukturen aufrecht und zwingt alle Beteiligten durch immer mehr unüberlegte und nicht grundlegende Teilreformen unbarmherzig in Rollen, in die keiner je kommen wollte.
Ich schildere dabei ausschließlich meine Erfahrungen und Eindrücke. Diese habe ich in vielen verschiedenen Schulen gewonnen. Nach meinem Studium bin ich zunächst heimatfern, nach der zweiten Ausbildungsphase dann wie sehr oft üblich an einer anderen Schule eingesetzt worden, habe mich danach wieder in meinen Heimatlandkreis zurückbeworben und war nach einem weiteren Turnus, wie es für jeden Lehrer obligatorisch ist, als Mobile Reserve, also als Krankenvertretung, für drei Jahre tätig. Hier hatte ich zahlreiche Einsätze in den verschiedensten Jahrgangsstufen und Schulen, bevor ich erneut eine Klassenführung übernahm. Bereits von Anfang an wurde ich trotz fehlender Ausbildung auch an Hauptschulen eingesetzt und habe hier Erfahrungen bis zur zehnten Jahrgangsstufe sammeln können. Und auch wenn ich all meine Erfahrungen im bayerischen Schulsystem gewonnen habe - das mit Sicherheit in der Vielfalt der Schullandschaft eine besondere Rolle einnimmt -, bin ich überzeugt davon, dass in vielen anderen Bundesländern Ähnliches geschieht. Die Klagen der Eltern, Lehrer und Kinder hören sich einfach zu ähnlich a
n. Immer wieder geht es um den Druck, dem schon die Allerkleinsten ausgesetzt sind und der auch in höheren Klassen nicht aufhört, es geht um erbarmungslose Aussortierung ohne Rücksicht auf die individuellen Lebensumstände oder Alter und Konstitution eines Kindes. Es geht weniger und oft gar nicht darum, Kindern Anerkennung zu verschaffen und sie zu starken, selbstbewussten Persönlichkeiten heranreifen zu lassen.
Um Schule zu verstehen, genügt es nicht, Theorien und Statistiken zurate zu ziehen und dann nach wunderbar klingenden Lösungen fernab der Realität zu suchen. Den Kindern helfen diese Theorien nicht. Sie und auch ihre Eltern und die Lehrer sind Menschen, die nicht nur 'funktionieren' wollen. Diese Menschen 'sind', sie leben, mit all ihrer ihnen eigenen Individualität. Will man gute Schule machen, führt nichts daran vorbei, sich die Individualität des Einzelnen zur obersten Prämisse zu machen. Es gäbe durchaus umsetzbare Möglichkeiten, Schule so zu gestalten, dass Kinder mit Freude und erfolgreich lernen, starke Beziehungen erfahren und in ihren individuellen Begabungen gefördert werden. Dafür ist meines Erachtens vor allen Dingen ein Umdenken nötig, das manch einem nicht leichtfallen wird. Wir müssen dafür einige Aspekte hinterfragen, die für uns jahrzehntelang selbstverständlich gewesen sein mögen, früher aber aufgrund anderer gesellschaftlicher Verhältnisse noch nicht zu so großem Schaden geführt haben wie heute. Grundlegende Defizite im Schulsystem machen unsere Kinder zunehmend krank, aggressiv und lethargisch. Wir sind es unseren Kindern schuldig, uns wenigstens einmal auf eine andere Sichtweise einzulassen. Es ist höchste Zeit.
Meine Ausführungen erzählen aus der Praxis, so wie ich Schule erlebt habe, wobei die Theorie, die Vorgaben, irgend- welche Bestimmungen oft gänzlich anders sind, als sie in der Schule gelebt und umgesetzt werden - und werden können. Theorie und Praxis sind eben doch zweierlei Paar Stiefel. Die Präambel des Lehrplans b
eispielsweise ist ganz wunderbar am Kind orientiert geschrieben, doch die dafür vorausgesetzten Zustände, so viel Freiraum und solch ein Geist, der die Schulen durchweht, binden sich vor Ort leider nicht. An unseren Schulen arbeiten zahlreiche hervorragende Pädagogen mit einer Liebe und Hingabe für jedes Kind, doch die Rahmenbedingungen und strukturellen Vorgaben machen dieses Engagement oft zunichte.
Eine besondere Schwierigkeit dabei, diese Zustände in diesem Buch strukturiert zu beschreiben, entstand für mich dadurch, dass alles mit allem zusammenhängt, einander bedingt und sich gegenseitig beeinflusst. Die Geschehnisse in der Schule sind so vielfältig und vielschichtig, zudem überall doch wieder irgendwie anders, dass es unmöglich ist, all diesen Facetten gerecht zu werden. Jedes Kind, jedes Elternteil, jeder Lehrer durchlebt andere Situationen, macht unterschiedliche Erfahrungen, nimmt Situationen anders wahr. Dennoch möchte ich versuchen, die wichtigsten Faktoren anhand meiner persönlichen Erlebnisse beispielhaft darzustellen, ihren gemeinsamen Kern gut sichtbar und klar herauszuarbeiten und einen Einblick zu geben - um ein Verstehen zu ermöglichen.
Darüber hinaus möchte ich erzählen, wie es mir als Lehrerin mit meiner Haltung ergangen ist. Mein Ziel war und ist es, alle Kinder im Unterricht zu gewinnen und nicht zuzulassen, dass eines auf der Strecke bleibt. Nachweislich hat sich mein Bemühen so ausgewirkt, dass alle Kinder positive Lernerlebnisse hatten und sich der Notenschnitt jeweils drastisch verbesserte. Dies führte in einem System, das auf Aussortierung durch Noten und Proben angelegt ist, zu massiven Problemen mit einigen Schulleitern und Schulbehörden und schlussendlich zu meiner Strafversetzung an eine andere Schule mit der Begründung, ich hätte den Schulfrieden gestört.
Immer wieder habe ich erlebt, wie Kinder 'abgestempelt' wurden, wie sie innerlich resignierten und wie ihre Eltern verzweifelten. Immer wieder habe ich erlebt, das
s Lehrer zu Bürokraten degradiert wurden, anstatt sich liebevoll um die ihnen anvertrauten Kinder kümmern zu können. Diese Zustände müssen aufhören.
Nein, an unseren Schulen ist nicht alles schlecht, gleichwohl erlebe ich, dass tendenziell die in diesem Buch beschriebenen Zustände zunehmend häufiger und schwerwiegender auftreten. Alle ausgewählten dargestellten Situationen basieren auf tatsächlich Geschehenem, nichts ist dazuerfunden, nichts im Kern verändert. Lediglich die Namen der Personen habe ich geändert, teilweise auch die örtlichen und zeitlichen Bezüge, um ein Erkennen der betroffenen Personen so weit wie möglich zu verhindern. Mir ist es wichtig, nicht einzelne Personen aufgrund ihres Handelns und Redens für die Fehler im System verantwortlich zu machen.
Nach meiner Strafversetzung unterrichte ich derzeit an einer Schule mit einem sehr herzlichen Kollegium, die von einem Schulleiter geführt wird, der trotz aller auch ihm aufgezwungener Bürokratie immer noch den Menschen in den Mittelpunkt stellt und sein Handeln und seine Anweisungen danach ausrichtet. Eine inzwischen selten gewordene Wohltat für alle - Eltern, Kinder, Lehrer und alle anderen dort, wenngleich die Einflüsse und Auswirkungen der Systemstruktur natürlich auch in dieser Schule Einzug halten. Ich möchte ganz herzlich darum bitten, meine Ausführungen nicht auf diese Schule zu beziehen, wenngleich ich oft im Präsens erzähle. Die geschilderten Erlebnisse habe ich fast ausschließlich in den Vorjahren an anderen Schulen gemacht. Aus diesem Grund bitte ich auch darum, diese Schule und die Personen, die im Zusammenhang mit ihr stehen, völlig in Ruhe zu lassen.
Sie werden im Laufe des Buches merken, dass einige grundsätzliche Aspekte in unserem Schulsystem zweifelhaft sind. Dies habe nicht nur ich bemerkt, andere Kolleginnen und Kollegen sehen das ebenfalls und leiden auch unter den Unzulänglichkeiten eines fragwürdigen Systems. In diesem Zusammenhang hätte ich mir von manch einem Vor
gesetzten oder gerade von Schulpsychologen etwas mehr Reflexion gewünscht, aber sie sind eben doch alle Teil dieses Systems und ihm damit mehr oder weniger verpflichtet. Nur so kann ich mir manch abwegig anmutendes Verhalten erklären. Ich bin innerhalb des Systems dafür bestraft worden, dass Kinder bei mir erfolgreich und mit Freude lernen, obgleich wir gesellschaftlich ein unbestreitbares Bildungsproblem haben - das ist absurd. Ähnliches spielt sich, nach meinen Erfahrungen und wenn ich den vielen Rückmeldungen Glauben schenken darf, an vielen Orten ab - vielleicht nicht in dieser Härte, vielleicht nicht in dieser Ausprägung, aber im Ergebnis mit ähnlich fatalen Auswirkungen für die Kinder. Ich möchte deshalb darum bitten, auch die beteiligten Personen und die Menschen an den Schulen außen vor zu lassen, an denen ich in den vergangenen Jahren unterrichtete.
Es ist höchste Zeit, dass sich die Diskussion um Schule endlich einmal auch dem Kernpunkt der Misere widmet - der Leistungsbeurteilung. Der Leistungsbeurteilung, auf der dieses System basiert und mit der die Mehrgliedrigkeit gerechtfertigt wird, der allerdings ein äußerst fragwürdiges und zudem völlig veraltetes Verständnis von Leistung zugrunde liegt. Eine Leistungsbeurteilung, die guten, modernen Unterricht und nachhaltiges Lernen verhindert, die das Engagement vieler hervorragender Lehrer zunichtemacht und die verantwortlich dafür ist, dass viele Kinder nicht mehr mit Freude und erfolgreich lernen.
Ich freue mich, wenn dieses Buch dazu beiträgt, dass Zusammenhänge verstanden werden, die das Leid unserer Kinder verursachen, und wir mit der neu gewonnenen Klarheit das Schulsystem zum Wohle unserer Kinder und unserer Gesellschaft verändern.
Sabine Czerny
Noch eine formale Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwende ich in diesem Buch manchmal die weibliche, manchmal die männliche Form bei Berufsbezeichnungen und Ähnlichem. Ob Lehrer, Schülerinnen, Rektoren - es sind selbstverstä
ndlich immer beide Geschlechter gemeint. Meine Darstellungen aus der Praxis werden in diesem Buch ergänzt durch Informationskapitel zu ausgewählten Themenbereichen, wie Neurophysiologie oder Hintergründe zum Lernen. Diese Informationskapitel sind zur Vertiefung gedacht: Wer mehr über die jeweiligen Themen erfahren möchte, ist dazu eingeladen, diese Spezialkapitel zu lesen. Es ist jedoch nicht grundlegend notwendig, all diese Kapitel sofort zu lesen, wenn Sie als Leser lieber zuerst einmal die Ausführungen rund um die aktuelle Bildungssituation in Deutschland an einem Stück lesen möchten. In den Informationskapiteln können Sie sich eingehend über den neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse informieren. Zu wenig ist beispielsweise darüber bekannt, wie die Gehirnentwicklung bei Kindern verläuft oder wie genau die Intelligenzmessung funktioniert. Wären all diese Einsichten weiter verbreitet, stünde es völlig außer Frage, dass unser Schulsystem einer grundlegenden Reform bedarf.
Der Ernst des Lebens - eine Einführung
Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.
Albert Einstein, Wissenschaftler
Der Pausenhof ist gefüllt, knapp einhundert Schulanfänger stehen dort und warten auf die einleitenden Worte des Rektors. Mehr als doppelt so viele weitere Menschen - Eltern, Verwandte und Freunde - erweitern den Kreis. Ich stehe mit meinen Kolleginnen und Kollegen am Eingang, ebenfalls wartend.
Ein neues Schuljahr beginnt. Immer wieder ist das ein ganz besonderer Moment. Noch weiß ich nicht, welche dieser Kinder meine Klasse besuchen werden, doch ich freue mich schon sehr darauf, sie alle kennenzulernen. Kinder sind etwas Wunderbares. Jede Klasse hat ihren ganz eigenen Charakter, jede ist anders. Wie wohl diese Klasse sein wird? Die Klassenliste habe ich zwar erhalten, darin stehen aber nur der Name, Geburtsdatum, Staatsbürgerschaft und Anschrift jedes Kindes. Mehr Informationen erhält der Lehrer nicht, er soll
ja nicht voreingenommen sein. Einzig die Erziehungsberechtigten sind angegeben, sodass man zumindest erahnen kann, welches Kind von einem Elternteil allein erzogen wird. Manchmal wäre es sinnvoll, weitere Informationen vorab zu haben, denn es täte den Kindern gut, wenn man sie jetzt bereits anders empfangen, mehr auf ihre individuelle Situation eingehen könnte.
Seit zwei Wochen bereite ich mich auf die Kinder dieser Klasse vor. Ziemlich viel Schriftkram war zu erledigen, Listen mussten geschrieben, das Klassenzimmer hergerichtet werden. Nicht selten habe ich in diesen Wochen vor einem Schulanfang mit dem Hausmeister oder mit Freunden Tische und Schränke geschleppt, Regale aufgebaut, Bilder aufgehängt, abgeschabte, alte Pinnwände mit Stoff überzogen, selbst Wände habe ich schon gestrichen oder Fenster geputzt. Nun sind die Planungen der ersten Tage erledigt, die notwendigen Arbeitsmittel wie etwa die Anschauungsmaterialien zum ersten Rechnen und Lesen für die Kinder, für die Tafel oder das Klassenzimmer sind gebastelt, Arbeitsblätter für die kommenden Tage und Namenskärtchen für die Tische, die Garderobe, die Fächer, die Hefte und Ordner erstellt, ein Tafelbild mit fröhlich lachenden Tieren und einem 'Herzlich Willkommen' ist gemalt. Nun also soll es losgehen.
Gedankenversunken habe ich dem Begrüßungslied des Chores zugehört, jetzt werden gleich die Kinder aufgerufen, um mit mir zum ersten Mal in ihr Klassenzimmer zu gehen. Was für eine Mischung! Da ist Chloe, ein zierliches kleines Mädchen. Der Schulranzen scheint doppelt so groß wie sie. Peter haut dem Franz schon beim Raufgehen eins über die Mütze, nimmt Anlauf und schlittert den Boden entlang. Sophie wirkt bereits wie eine Drittklässlerin, so groß ist sie, doch in wenigen Tagen schon wird deutlich werden, dass man sich nicht darüber täuschen sollte, wie jung auch sie noch ist. Carla schaut mich bei der Begrüßung gar nicht an, schüchtern hält sie den Blick auf den Boden geheftet. Bis sie das erste Mal
spricht, werden Wochen vergehen, und selbst dann redet sie mit allen Fingern im Mund und so leise, dass ich sie nur verstehe, wenn ich ganz nah neben ihr stehe. Jussuf ist eines meiner fünf Kinder mit Migrationshintergrund, sie kommen aus vier verschiedenen Ländern. Er spricht sehr gut Deutsch, dass er Türke ist, würde man nicht merken. Im Gegensatz zu Jakob, der, obwohl aus einem deutschsprachigen Elternhaus, keinen ganzen Satz grammatikalisch richtig formulieren kann und nur Wortbrocken von sich gibt. Auf dem T-Shirt eines Mädchens steht: ABI 2022. Na, da weiß wohl jemand, was er will. Ob aber Anna selbst überhaupt schon eine Ahnung hat, was 'Abi' bedeutet? Annabell muss während der Begrüßung aufs Klo, und Corinna weint hemmungslos, als die Eltern das Klassenzimmer verlassen. Ja, die Eltern: Da ist Familie Marquart - Mama, Papa, dazu Oma, Opa und noch drei weitere Personen sind am ersten Schultag dabei. Alle mit gepflegtem Äußeren, gut angezogen, höflich, zurückhaltend. Von Josef ist nur die Mutter da, ihre Haare sehen zottelig aus, sie wirkt müde und ausgelaugt. Ihr Mann habe nicht kommen können, er sei auf Tour mit dem LKW, in einer Woche komme er erst wieder zurück - für eineinhalb Tage, bevor er erneut aufbreche. Sie müsse jetzt leider auch zur Arbeit, heute hätte sie eine Stunde später anfangen dürfen, wegen der Einschulung. Josef solle doch mit dem Hans nach Hause gehen, einen Schlüssel habe sie ihm mitgegeben. Und hier Herr Sifers: Er bugsiert seinen Sohn gleich auf einen Platz in der ersten Reihe. 'Wenn er nicht brav ist, dürfen's ihm gern eine mitgeben', sagt er beim Rausgehen. Und dann ist da auch noch das Elternpaar Üzgül. Ich glaube nicht, dass sie verstanden haben, was ich gesagt habe, sie scheinen kein Deutsch zu sprechen. Später wird immer die große Tochter - eins von insgesamt sechs Kindern - zum Gespräch mitkommen und wenigstens versuchen zu übersetzen.
Was für eine bunte Mischung! Wie anders jedes Kind ist. Wie wunderbar, so eine Vielfalt z
u haben. Jedes Kind bringt etwas anderes mit ein, jedes Kind hat die ersten Lebensjahre völlig unterschiedlich erlebt. Einige waren im Kindergarten, manche haben Geschwister, zwei haben bis vor Kurzem noch in einem anderen Land gelebt, eines wurde in den letzten Jahren mehrfach wegen eines Herzfehlers operiert, eines ist schwerhörig und versteht mich nur mit Hörhilfe, sodass ich beim Unterrichten ständig ein Mikrofon tragen muss. Vier Kinder haben die Trennung ihrer Eltern miterlebt, drei andere wachsen seit ihrer Geburt ohne Vater auf. Über die Hälfte geht nach der Schule in den Hort oder in die Mittagsbetreuung, daheim von der Mutter empfangen werden immer weniger. Nun, ich bin gespannt. Ich habe siebenundzwanzig ganz unterschiedliche Kinder vor mir, mit etwa vierundfünfzig unterschiedlichen Eltern, alle mit anderen Erwartungen und Vorerfahrungen.
Am nächsten Tag sind alle Kinder wieder da: Wir begegnen gleich von Anfang an allen Buchstaben. Der Zauberer aus der Geschichte, die ich dazu erzähle, kann daraus Wörter zaubern. Riesenunterschiede offenbaren sich: Einige Kinder können bereits lesen, andere kennen noch keinen einzigen Buchstaben. Problematisch ist das nicht. Auch nicht für die Kinder. Solange die einzelnen Phasen, in denen man sich mit einer Aufgaben-
Stellung beschäftigt, nicht zu lange dauern, machen alle fröhlich mit. Mal liest Jonas ganze Sätze, dann zeigt Sarah auf einen Buchstaben. Wir machen alles gemeinsam, jeder trägt etwas bei, und insgesamt ist es gut. Für Kinder ist es wichtig, dazuzugehören, ein Teil von einem Ganzen, Großen zu sein. Wer dazu was und wie viel beiträgt, ist den Kindern egal. Mir übrigens auch. Ich weiß, dass jedes Kind lesen, schreiben und rechnen lernen wird und noch vieles mehr, wenn es mir gelingt, ihnen die Freude daran zu erhalten.
In den letzten Jahren fällt mir mehr und mehr auf, wie jung die Kinder bei der Einschulung noch sind. Seit die Regierung das Einschulungsalter systematisch herabgesetzt hat, h
at sich viel geändert. Hatte ich früher hauptsächlich Siebenjährige in der Klasse, sind es nun zumeist Sechsjährige, gut eine Handvoll Fünfjährige und vielleicht ein oder zwei vom Schulbesuch im vergangenen Jahr zurückgestellte Siebenjährige. Der Unterschied ist gravierend. Die Kinder waren früher wirklich reif genug, um einen Schultag zu durchleben. Heute blicke ich meine Zwerge an und merke, dass sie oft am liebsten einfach nur auf dem Boden mit Bauklötzen spielen wollen.
Für manche Eltern scheint es jedoch beschämend, ihr Kind zurückstellen zu lassen, fast so, als würden Eltern glauben, ihr Kind sei weniger begabt, wenn es nicht so frühzeitig wie möglich eingeschult wird. Andere wiederum fürchten den Leistungsdruck, dem ihr Kind in der Schule ausgesetzt ist. Sie haben erkannt, dass Zeit in unserem Schulsystem eine große Rolle spielt, dass ältere und reifere Kinder die größeren Chancen haben, den Leistungsanforderungen zu genügen und so anschließend leichter auf weiterführende Schulen zu kommen. Daher setzen sie oft alle Hebel in Bewegung, um ihr Kind zurückstellen zu lassen.
Für manche ist die Frage der Einschulung auch einfach eine finanzielle Frage: Der Kindergarten kostet, die Schule nicht. Und manchmal entscheidet auch die Schule insgeheim über das einzelne Kind hinweg, nämlich dann, wenn es darum geht, noch eine weitere Parallelklasse bilden und damit die Klassengrößen senken zu können.
Doch die Unreife der Kinder hängt nicht nur mit ihrem Alter zusammen, sondern unter anderem damit, dass Kinder heutzutage ganz anders aufwachsen als früher. Viele wichtige Erfahrungen machen sie nicht mehr selbst, sondern über den Bildschirm. Auf jeden Fall wäre es meines Erachtens derzeit für wenigstens die Hälfte der Kinder sinnvoll, erst etwas später eingeschult zu werden. Zumindest solange Schule so gestaltet wird wie zur Zeit üblich. Den Kindern fehlen oft ein paar wertvolle Monate - die jedoch in diesem Alter manchmal 'Welten' ausmachen.
Zwar ist
es nicht so, dass die Kinder die Unterrichtsinhalte an sich nicht bewältigen würden. Aber auf welche Weise? Wie mühsam ist für sie Schule und alles, was damit zu tun hat! Eltern berichten, dass ihre Kinder völlig erschöpft nach Hause kommen und die Hausaufgaben allein deshalb zur Qual werden. Manchmal brauchen sie dafür Stunden, obwohl eigentlich alles in gut dreißig Minuten zu schaffen wäre. Die Kinder gehen gern zur Schule, keine Frage, aber der Unterricht ist einfach sehr anstrengend für sie. Nicht etwa wegen der Inhalte wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Eine halbe Stunde aufmerksam zu sein, das geht. Viel länger nicht wirklich. Kleine Kinder in diesem Alter können und wollen einfach noch nicht so lange ihre Aufmerksamkeit gezielt auf vorgegebene Themen richten und ständig unter Erwartungsdruck stehen. Sie wollen gern noch ein wenig für sich sein, sie sind neugierig auf die Welt und finden immer wieder etwas anderes für sie Überraschendes und Interessantes, dem sie sich dann unvermittelt zuwenden.
Ich erlebe auch, dass selbst freies Arbeiten in der Form, wie es in den Regelschulen durchgeführt wird, bei den ganz Kleinen wenig sinnvoll ist. Haben sich früher die Kinder bereits in der zweiten Woche aus einem inneren Interesse heraus allein mit Buchstaben oder Zahlen beschäftigt, waren an allem um sie herum interessiert, wollten lernen, so entscheiden sich die frisch Eingeschulten heute in ihren freien Zeiten häufig fürs Malen und Spielen. Im Prinzip ist das okay, es ist unbestritten, wie kostbar und wichtig Malen und Spielen für die Entwicklung der Kinder sind - wenn da nicht ein Lehrplan zu erfüllen wäre, für den eben nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht. Quasi von der ersten Minute an wird ständig etwas von den Kindern gefordert.
Wie viel sinnvoller wäre es deshalb, Kinder erst dann einzuschulen, wenn sie als Menschen die nötige Reife erlangt haben, um einen Regelschultag durchzustehen, statt nur deshalb, weil sie an einem bestimmten Tag Gebu
rtstag haben oder weil sie schon im Zahlenraum bis zehn rechnen, Mengen erkennen, ihren Namen schreiben, eventuell bereits lesen oder Schnürsenkel binden können. Die Art, in der kleine Kinder die Welt entdecken - unbewusst, durch ihr tägliches Erleben und in einer großen, häufig ungefilterten Vielfalt - entspricht nämlich nicht dem Lernen, wie wir es aus der Schule kennen. Sich auch längere Zeit konzentriert mit einer vorgegebenen Aufgabenstellung zu beschäftigen, einem Lehrer oder Mitschüler bewusst zuzuhören und auf diese Weise zu lernen, all das wird erst mit einer bestimmten Reife möglich. Ist nicht das die ursprüngliche Bedeutung von Schulreife?
Das Schlimmste an der derzeitigen Einschulungssituation ist jedoch die innere Überzeugung, die viele Kinder dadurch schon früh entwickeln. Wie sehr man sich als Lehrer auch engagiert, die erste Erfahrung für Kinder ist zu häufig: Schule ist anstrengend. Lernen ist anstrengend, Hausaufgaben sind anstrengend. Ob das so sein muss? Immerhin wirken Erfahrungen und Überzeugungen nachhaltig. Wenn Eltern mich fragen, ob sie ihr Kind einschulen sollen, antworte ich daher: 'Statt zu fragen: ,Schafft mein Kind die Schule?', fragen Sie sich lieber: ,Wie schafft mein Kind die Schule? Welche Überzeugungen wird es gewinnen?' Denn diese werden Ihr Kind sein ganzes Leben lang begleiten, unabhängig davon, ob sie positiv oder negativ sind.'
Die ersten Schulwochen nutze ich dazu, eine Klassengemeinschaft zu bilden, die den Kindern einen Ort der Geborgenheit und Sicherheit bietet. Wir lernen Arbeitstechniken kennen und führen Regeln ein, die für unser Zusammensein wichtig sind. Wir beschäftigen uns mit Buchstaben und Zahlen und greifen Themen aus der Lebenswelt der Kinder auf, sprechen also zum
Beispiel über verschiedene Obstsorten oder darüber, warum man in der Dunkelheit am besten helle und reflektierende Kleidung trägt. Vieles würden die Kinder im Laufe der Zeit mehr oder weniger nebenbei mitbekommen, einfach indem sie i
hre Umwelt beobachten und erleben. Ich finde es wichtig, alle diese Inhalte zu nutzen, um Strukturen im Denken jedes Kindes anzulegen, Haltungen und Arbeitstechniken zu vermitteln, den Kindern zu helfen, das Lernen zu lernen, und auch bei einigen Kindern Erfahrungs- oder Wissenslücken zu schließen. Vieles, was in der ersten und zweiten Klasse unterrichtet wird, dient mir dazu, eine Saat zu legen, die erst später aufgehen wird. Lesen und Schreiben würden die Kinder meist auch allein lernen, wenn ihnen nicht die Lust daran genommen wird. Aber ob ein Kind einmal eine flüssige, ansprechende Schrift haben wird, hängt damit zusammen, wie es das Schreiben lernt. Eine Zahlvorstellung brauchen Kinder nicht zwingend, wenn sie nur bis zehn oder zwanzig rechnen, dafür zählen sie einfach mit den Fingern. Aber eine solche Vorstellung muss jetzt, am Anfang der Schulzeit, grundlegend entwickelt werden, damit das Kind später überhaupt eine Chance hat, auch mathematische Operationen wie das Bruchrechnen zu beherrschen. Oft kann man Ausblicke geben und Lust auf mehr machen - große Zahlen faszinieren Kinder, genauso wie Chemie und andere Naturwissenschaften -, auch wenn sie viele Inhalte jetzt noch gar nicht verstehen. Sie freuen sich auf alles, was es da noch zu entdecken gibt. Wir schreiben die ersten Geschichten, finden Zugänge zu schwierigeren Inhalten innerhalb der Grammatik und der Rechtschreibung, nehmen einen Schatz an Märchen und anderen Erzählungen mit, da doch in so vielen Familien nicht mehr vorgelesen wird. Man gibt Rüstzeug mit, das den Kindern später dienlich ist - oder zumindest dienlich sein sollte.
Ja, es gibt große Unterschiede darin, was Kinder zur Einschulung können und wie sie sind. Spätestens nach ein paar Wochen kann ich Rückschlüsse ziehen, die sich eigentlich immer bewahrheiten: Sprachlich geschickt, mit gutem Wortschatz und auch ansonsten mit einem reichhaltigen Erfahrungsschatz ausgestattet, sind meist Kinder aus einem besser situierten
Elternhaus
. Diese Kinder wirken häufig auch schon souveräner, reifer, strukturierter und in sich ruhend. Sie können von Ausflügen oder vom Urlaub erzählen, sie haben eventuell schon einmal eine Tempelanlage in Griechenland gesehen oder verschiedenste Gemüsesorten gegessen. Sie verstehen Anweisungen und Regeln gut, da sie zum Beispiel daheim regelmäßig mit den Eltern Spiele spielen. Meist ist die Mutter, seltener der Vater nicht berufstätig und hat Zeit und Muße, sich liebevoll um das Kind zu kümmern.
Ohne zu sehr verallgemeinern zu wollen, fallen Kinder aus sozial benachteiligten Familien dagegen oft schon auf, weil Materialien fehlen, sie unordentlicher sind und ihre sprachliche Entwicklung weniger fortgeschritten ist. Nicht selten sind sie verhaltensauffällig, vielleicht weil eine schwierige familiäre Situation sie innerlich beschäftigt, oder sie sind unsicher, unselbstständig und manchmal auch aggressiv, da sie mit dem vielen Frust, der sich bis zu diesem Zeitpunkt schon in ihnen angestaut hat, einfach nicht umgehen können. Ob sie deshalb tatsächlich weniger intelligent sind oder weniger Leistung bringen können?
Bei Elterngesprächen habe ich mich schon oft gefragt, wer sich eigentlich darum kümmert, dass Eltern überhaupt wieder die Kraft und die Möglichkeit haben, um gut für ihre Kinder sorgen zu können. Dabei wird die Grundlage für eine erfolgreiche Schullaufbahn in der Familie gelegt, sie ist der zentrale Ort für den Reifeprozess der Kinder. Das Geheimnis für den späteren Lebenserfolg liegt zu einem Großteil in der gelungenen, warmen und erfüllenden Beziehung zu stabilen, erwachsenen Bezugspersonen in der Kindheit.
Wie einfach machen wir es uns aber, wenn wir sagen, Erziehung sei Sache der Eltern, die Eltern hätten sich zu kümmern, sie sollten eben keine Kinder in die Welt setzen, wenn sie nicht für diese sorgen könnten. Ich habe jedoch noch kein Elternteil kennengelernt, das sich nicht kümmern wollte, aber viele, die einfach nicht mehr konnten oder nic
ht wussten, wie. Eltern, die keine Kraft mehr hatten. Wertevermittlung kostet Kraft. Kraft, diesen Werten treu zu bleiben, trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Gegenspieler wie den Medien, oder ganz allgemein trotz unserer schnelllebigen Konsumgesellschaft. Wie viel einfacher ist es nachzugeben. Allein der normale Alltag ist oft sehr fordernd und anstrengend. Nicht wenigen Eltern fällt es schwer, diesen Alltag auch noch ansprechend und kindgerecht zu gestalten. Kein Wunder, dass viele Kinder stundenlang vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen - mit schlimmen Folgen. Schon in der ersten Klasse wird dann über 'Das Schweigen der Lämmer', 'Star Wars', 'Terminator' oder ähnliche Filme gesprochen. Oder die Kinder erzählen, wie viele Wesen sie bei diesem oder jenem PC-Spiel am gestrigen Nachmittag abgeschossen haben. Aus den Steckwürfeln für die Mathematikaufgaben werden in der Freiarbeitszeit die vielfältigsten Waffen gebaut. Wenngleich sie die Bedeutung noch nicht verstehen, kennen viele Kinder zahlreiche sexuelle Gesten und Begriffe, mit denen sie sich gegenseitig betiteln. Nicht selten lässt sie nicht mehr los, was sie im Fernsehen, im Internet oder auf Papas Video gesehen haben, und sie zeichnen nackte Frauen und Männer oder verunstalten Abbildungen auf den Arbeitsblättern entsprechend.
Ich habe über die Jahre viele hundert Elterngespräche geführt und dabei zahlreiche verzweifelte Eltern getroffen. Da ist die alleinerziehende Mutter, die nachts arbeiten ging und deren Kind, seit es drei Jahre alt war, allein mit zwei Hunden daheim blieb, die Nachbarn schauten hin und wieder nach ihm. Warum? Diese Mutter tat das, um tagsüber für ihr Kind da zu sein und es nicht in den Hort geben zu müssen, sich aber zugleich durch die Vollzeitstelle eine Wohnung leisten zu können, die es ihr erlaubte, auch einmal eine Tür hinter sich zuzumachen. Dafür schlief sie seit nunmehr acht Jahren nur noch die vier Stunden am Vormittag, in denen ihr Kind in der Schule oder früher im
Kindergarten war. Dennoch ließen sie ihre finanziellen Sorgen, die Tatsache, dass sie nie einfach einmal durchatmen konnte und seit Jahren keinen Urlaub, keine Erholung mehr hatte, so verzweifeln, dass sie einmal schluchzte: 'Wissen Sie, Frau Czerny, manchmal wünschte ich, mein Kind wäre nicht geboren. Auch ich will mal wieder ein Stück meines Lebens haben! Manchmal denke ich daran, mein Kind auszusetzen.' Ich wusste, sie würde das nie tun, aber sie war verzweifelt und brauchte Hilfe. Und allein das einmal aussprechen zu können, hat ihr gutgetan: Wir konnten nun gemeinsam Unterstützungsmöglichkeiten suchen, wir schalteten Ämter ein, von denen sie noch nicht einmal wusste. Nach einigen weiteren Elterngesprächen hatten wir gemeinsam eine für sie annehmbare Lösung gefunden, die nicht nur einem vordergründig pragmatischen Ansatz entsprang, sondern die Bedürfnisse dieser Mutter mit einbezog und sie ihre Selbstachtung behalten ließ. Dennoch hat sie jetzt das Gefühl, sich ständig vor den Behörden für alles rechtfertigen zu müssen, im Gegenzug für deren Hilfe mit ständiger Kontrolle durch diese Ämter leben zu müssen und fremdbestimmt zu sein.
Da ist die Mutter, die zum zweiten Mal geheiratet und mit dem neuen Mann eine kleine Tochter bekommen hat. Der ältere Sohn wird vom neuen Ehemann nicht angenommen, seitdem tobt und rebelliert er, seine Mutter ist hilflos und droht ihm mit dem Kinderheim. Die Kleine ist der Sonnenschein, und ständig wird der Sohn mit ihr verglichen, nichts kann er recht machen. Körperlich stärker als seine Mutter ist er bereits im Alter von acht Jahren, einige tätliche Auseinandersetzungen gab es schon zwischen den beiden. Sie ist verzweifelt, denn von ihrem Mann bekommt sie keine Unterstützung, der fährt sie, wenn er abends nach Hause kommt, nur an, dass die Kinder still zu sein haben - er wolle fernsehen. Eine Familientherapie wird ihr nur für zehn Stunden bewilligt. Da will ihr Mann aber ohnehin nicht mit, allein der Vorschlag lässt ihn ausras
ten.
Da sind die Familien, bei denen die Eltern in zwei oder gar drei Jobs arbeiten müssen, um die Familie überhaupt ernähren und die Wohnung zahlen zu können. Viele davon Migrantenfamilien, die teilweise jahrelang ihre Verwandten im früheren Heimatland nicht gesehen haben und sich jeden Cent vom Mund absparen, um wenigstens hin und wieder die Großeltern besuchen zu können. Und dann kommt ein Politiker auf die Idee, an den Flughäfen Kontrollen zu veranlassen, damit ja niemand mit Kindern ein oder zwei Tage vor Ferienbeginn wegfliegt - anstatt sich dafür einzusetzen, dass nicht mit Ferienbeginn die Preise in astronomische Höhen steigen und dadurch das Reisen für viele Familien gar nicht mehr finanzierbar ist. Alle Eltern haben Erholung nötig, und insbesondere jene, die ihre Kinder unter erschwerten Bedingungen großziehen. Es ist nicht die Armut an sich, die eine unzureichende Kindererziehung bewirkt, aber Armut schafft Situationen und Umstände, in denen ein freudvolles, entspanntes und anregendes Miteinander kaum mehr möglich ist. Die Eltern sind oft so belastet, dass sie trotz größtem Bemühen einfach keine Kapazitäten mehr für ihre Kinder haben.
Ich erinnere mich auch noch gut an die Mutter, die mich bat, das Kopiergeld von zwanzig Euro in Raten zahlen zu dürfen. Oder an ein Kind, das mit Heften in die Schule kam, auf deren Schutzumschlägen jeweils sieben Etiketten klebten. Als ich sie einzeln ablöste, merkte ich, dass jedes der vier Kinder dieser Familie diese Umschläge mehrfach in verschiedenen Schuljahren verwendet hatte. Sie starrten vor Dreck und waren eingerissen. Mit Umweltschutz und bewusstem Wiederverwenden hatte das nichts zu tun, die Familie hatte einfach nicht genug Geld.
Einige Kinder kommen ohne Essen für die Pause in die Schule, auf Nachfrage geben sie stets an, keinen Hunger zu haben. Vielleicht müsste jeder einmal erleben, wie es ist, wenn eines dieser Kinder zur Weihnachtsfeier, zu der jeder etwas zum Büfett beitragen sollte, ein
orangefarbenes Netz mit Semmeln mitbringt. Jene trockenen Brötchen, die es beim Discounter für wenige Cent gibt und die die ganze Weihnachtsfeier liegenbleiben, weil niemand sie essen mag. Dieses Kind aber packt das übrig gebliebene Brot danach wieder ein und nimmt es mit nach Hause, und hat an den nächsten Tagen wenigstens etwas zu essen dabei: eine trockene Semmel. Nichts zu trinken, kein Obst, nur ein trockenes Brötchen, das für die Weihnachtsfeier gekauft werden musste. Nein, ich unterrichte nicht in einem sozialen Brennpunkt, sondern in normalen Wohnorten außerhalb Münchens.
Sicher, es gibt auch Eltern, die sich von den äußeren Rahmenbedingungen her kümmern könnten und es dennoch nicht tun.

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