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Der Gral

Mythos und Literatur (Reclam Literaturstudium).
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Produktdetails

Titel: Der Gral
Autor/en: Volker Mertens

EAN: 9783159503066
Format:  PDF
Mythos und Literatur (Reclam Literaturstudium).
Dateigröße in MByte: 1.
Reclam Verlag

1. Januar 2003 - pdf eBook - 280 Seiten

Der Gral ist der faszinierendste, fruchtbarste der aus dem Mittelalter überkommenen Mythen. Sein Ursprung verliert sich im Dunkel der keltischen Vorzeit, was folgte, war eine jahrhundertlange Rezeption, die bis heute andauert - von Chrétien und Wolfram über Wagner bis zu Monty Python und Indiana Jones. Was genau sich hinter dem "Gral" verbirgt? Fest steht nur: "Man kann ihn nicht besitzen. Man muss ihn suchen."
Christliches Heilssymbol oder keltischer Herrschaftsmythos - Den Gral erzählen: Chrétien de Troyes - Den Gral erklären / und relativieren: Wolfram von Eschenbach - Sakralisierung und Historisierung: Robert de Boron - Liebessünder und Ritterheiliger vor dem Gral: Lancelot und Galahad - Der Gral als höchstes Abenteuer: Heinrich von dem Türlin Diu Crone - Der Gral der Artuswelt: das Brackenseil - Der Gral am Ende des Mittelalters - "Von der Pforte des töthilchen Vergessens": der Gral im 18. Jahrhundert - Vom Menschengedicht zum Mythos: der Gral in der Romantik - Der ferne Gral: Richard Wagners Lohengrin - Der Gral als Bühnentableau: Parsival - Der Gral in England: Tennyson, Burne-Jones, Eliot - Der Gral im frühen 20. Jahrhundert: Lyrik, Roman, Programmschrift, Drama und der Parsifal - Der Gral verschwindet: Dorst, Handke und Muschg - Gralkino: Syberberg, Rohmer, Boorman, Gilliam.

6. Kapitel

Der Gral als höchstes Abenteuer: Heinrich von dem Türlin Diu Crône
(S. 125-126)

Um 1250 bindet Heinrich von dem Türlin den Gral völlig in die Artuswelt ein und macht damit die Außenstellung rückgängig, die Wolfram ihm gegeben hatte. Er behält zwar seine Position als höchstes Abenteuer, vermittelt jedoch keine spirituelle oder politische Bedeutung mehr, was im Zusammenhang mit dem Sinnloswerden der Abenteuerwelt schlechthin in der Crône zu sehen ist. Die Lektüre des (nur in einer vollständigen Handschrift überlieferten) Werkes bietet ein von tieferen Sinndimensionen entlastetes Vergnügen, das Erzähltempo ist durchweg recht schnell, der Bezug auf Gawein hält die Handlung zusammen, die durch die regelmäßige Rückkehr an den Artushof gegliedert wird. In der abstrusen Bildfülle der Wunderketten übertrifft Heinrich alle Vorgänger weit; die Blässe der Gralszenen soll eine wohl kalkulierte Enttäuschung bewirken, da der Autor einen Anti-Gralroman verfassen wollte.

Gerade vor dem Hintergrund der religiösen Bedeutungsaufladung in der Queste erweist sich die Crône als buntes Abenteuerspektakel von erzählerischem Reiz, in dem die Öffnung eines phantastischen Raums neben der Realität in Überbietung der herkömmlichen Aventiurenszenen diesen tatsächlich die »Krone« aufsetzt und sie damit als halbherzig bloßstellt, sobald man die Erfindung von anderen Welten als Erzählprinzip akzeptiert. Sie beginnt als Artusroman mit einem ausführlichen Preis des Königs im Prolog und der Ankündigung, von Artus’ Jugend zu erzählen. Der erste Teil zeigt ihn als König mit Schwächen, der auf seinen besten Ritter Gawein angewiesen bleibt. Diese Schwächen sind jedoch nicht ethisch-m
oralischer Art, sondern liegen im Bereich der herrscherlich-kämpferischen Dimension. Das wird zu Beginn mit einer Tugendprobe gezeigt: nur die sind vollkommen, die aus einem Becher trinken können, ohne zu verschütten. Keine Dame besteht, von den Rittern ist es allein Artus, der damit als würdiger Protagonist eingeführt wird. Doch er ist gefährdet: bei der Winterjagd trifft er auf einen minnesingenden Ritter, Gasozein, der Anspruch auf die Königin erhebt.

Er kann den Begleiter des Königs besiegen, der Kampf aber mit Artus selbst wird abgebrochen und an den Artushof verlagert. Damit ist die Bühne bereit für den besten Ritter des Königs, Gawein, der diese Rolle bereits in den vorhergehenden Romanen gespielt hatte; er ist der vollkommene Ritter, ohne dass Bewährungsproben nötig wären. Er wird um Hilfe gebeten und löst sein Versprechen nach einer Reihe von Aventiuren auf dem Weg dorthin auch ein, zu denen die Liebesbeziehung zu Amurfina gehört, die er erst infolge eines Vergessenheitstranks eingeht, aber bereits nach fünfzehn Tagen wieder aufgibt. Auf dem Hoftag von König Artus soll Ginover selbst entscheiden, wem sie folgen will, Artur oder Gasozein. Sie entscheidet sich für den König, damit also für die Stabilität der Institution der Ehe und implizit für die Herrschaft. Gawein befreit daraufhin die von Gasozein entführte Königin, Gasozein widerruft nach einem schweren Kampf seinen Anspruch auf sie, wieder kommt es zu einem Fest. Solche Feste gliedern den Roman, der nicht einer typischen arthurischen Bedeutungsstruktur folgt, in vier Handlungskomplexe. Der nächste Abenteuerkomplex ist um den Erbstreit zweier Schwestern zentriert, eingelagert sind eine Reihe von klassischen Aventiuren wie das Überwinden einer Schwertbrücke und das sog. Kopfabschlagespiel mit dem Zauberer Gansguoter: Gawein darf ihm den Kopf abschlagen,
muss dafür jedoch die gleiche Probe bestehen.


"Das gut lesbare Bändchen bemüht sich, Licht ins Dunkel unterschiedlicher Auslegungen zu bringen und die unübersichtliche Fülle des Materials zu ordnen. ... Dem Interessierten liefert der Autor wertvolle Verstehenshilfen und aufschlussreiche Informationen."
-- Badische Neueste Nachrichten
"Der hier vorgelegte Überblick über Bedeutung und Veränderung des Gralmotivs konzentriert sich auf die einflussreichsten literarischen Bearbeitungen, berücksichtigt aber auch Ausgestaltungen in Musik, Film und bildender Kunst. Entlang pointierter und luzider inhaltlicher Zusammenfassungen zeichnet Mertens den Wandel in Bedeutung und Betrachtungsweise des Grals präzise nach. ... Mitunter freilich terminologisch etwas voraussetzungsvoll, bietet das Buch einen äußerst lohnenden Einstieg für die Beschäftigung mit dem Gralmotiv, dessen epochenübergreifende Darstellung seiner Entwicklung in rezeptions- und kulturgeschichtlicher Hinsicht schon lange ein Desiderat war."
-- Germanistik
"Der einladend schlanke Band weist dem Leser einen Weg durch die Welt des Gralmythos in seiner zeitlichen Abfolge (...). Die ausführlichen Inhaltsreferate und die damit einhergehenden Interpretationen bezeugen die Belesenheit des Verfassers für die äußerst umfangreichen Texte und auch seine umfassende Kenntnis der Forschungsliteratur. Auch nur so ist es möglich, dass der Leser von souveräner Hand Kapitel für Kapitel durch die über 800jährige Geschichte des Gralmythos geführt wird. (...) Ingesamt bietet der Reclam-Band eine angenehme, dabei doch anspruchsvolle Lektüre, informiert umfassend und kompetent über die historische Gestaltung eines zentralen europäischen Mythos."
-- Zeitschrift für deutsches Altertum und Literatur

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