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Mörderischer Feldzug

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Produktdetails

Titel: Mörderischer Feldzug
Autor/en: Andrea Gerecke

EAN: 9783827198099
Format:  EPUB
Niemeyer C.W. Buchverlage

1. November 2011 - epub eBook

Natürlich mutmaßen die neuen Kollegen von Kommissar Alexander Rosenbaum, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein mag. Wer lässt sich schon freiwillig aus einer guten Position in der Hauptstadt in die Provinz nach Minden versetzen?
Rosenbaum trägt einige Last mit sich herum, seine Beweggründe möchte er auch nicht jedem auf die Nase binden. Er will einfach nur gute Arbeit leisten und gleichzeitig auf andere Gedanken kommen. In Berlin hatte er die schlimmsten Verbrechen zu klären. Bei manchen allerdings empfand er sogar eine gewisse Sympathie mit den Tätern. Als die Frau ihren Mann erschlug, der sie jahrelang gedemütigt und misshandelt hatte. Als der Hartz-IV-Empfänger den Beamten in der Arbeitsagentur erschoss, denn der einstige Professor für Soziologie sollte in die Putzkolonne der Stadtreinigung einsteigen.
Sexualverbrechen an Minderjährigen gehörten bislang nicht zu seinem Arbeitsfeld. Dieser Kelch war glücklicherweise an ihm vorübergegangen. Und nun ausgerechnet ein solcher erster Fall. Rasch scheint der Täter gefasst, doch es waren nur Indizien. Als er freigelassen wird, entwickeln sich die Dinge im Selbstlauf und der "Mörderische Feldzug" geht weiter ...

Alles auf Anfang


Als er den Wagen in der Nähe des Gebäudes zum Stehen brachte, zweifelte er plötzlich an allem. An sich, an seiner generellen Entscheidung, an seinem heutigen spontanen Entschluss. Er parkte ein wenig abseits mit Blick auf den Kanal. Immerhin hatten sie hier wenigstens auch Wasser, fuhr es ihm durch den Kopf. Zweifelsohne würde er einen eigenen Parkplatz in Anspruch nehmen dürfen. In Berlin jedenfalls hatte er einen. Aber jetzt wollte er eigentlich nur Hallo sagen. Montag sollte sein Dienst beginnen.

Heute war Freitag, der 13., und Kriminalhauptkommissar Alexander Rosenbaum war alles andere als abergläubisch. Eben fiel ihm das verflixte Datum ein, und beim Aussteigen legte sich doch ein Lächeln auf sein Gesicht.

Ja, seine Mutter hätte ihm bestimmt abgeraten, dachte er bei sich und betätigte die Zentralverriegelung des Wagens, um anschließend gewohnheitsmäßig der Sicherheit halber noch einmal an die Fahrertür zu fassen. Für sie war dieser Tag generell mit allen möglichen Verboten belegt: Nicht unter Leitern durchgehen, wobei man das grundsätzlich nicht machen sollte. Nicht mit dem linken Bein aus dem Bett aufstehen, das hatte er heute allerdings getan und tat es meist, wie ihm gerade eben einfiel. Nichts Entscheidendes erledigen. Nicht, nicht, nicht…

Reiß dich zusammen, Alexander Rosenbaum, sprach seine innere Stimme zu ihm, und atme tief durch. Es roch ein wenig nach dem Motorenöl der Dampfer und den Blüten der Gärten und Straßenbäume. Die Kastanien leuchteten üppig in Rot und Weiß. Eine schöne Maimischung, beinahe wie daheim. Nur ruhiger war es hier, entschieden ruhiger. Der hochgewachsene Mann sog die Luft fast ein wenig wohlig ein. Er fuhr sich mit der Linken durch das akkurat geschnittene, kurze blonde Haar, in das sich bereits graue Fäden verirrt hatt
en. Auf dem Gesicht lag eine leichte Solarstudiobräune. Und auf der Stirn hatten sich erste Falten eingegraben.

Gestern noch hatte der Kommissar bei seinem neuen Vorgesetzten angerufen. Auf seiner direkten Durchwahl, die ihm der Berliner Chef beim Abschied in die Hand gedrückt hatte, falls er vorher Kontakt aufnehmen wolle.

„Riechmann, ja bitte?“

„Alexander Rosenbaum hier. Guten Tag.“

„Ah! Die Verstärkung im Team. Wollen Sie etwa absagen? Kommenden Montag ist doch Ihr erster Tag.“

„Aber keineswegs. Ich habe mich nur gerade eingerichtet und würde gern schon morgen mal bei den Kollegen vorbeischauen, um einen Eindruck von meinem neuen Arbeitsplatz zu gewinnen. Wenn Sie nichts dagegen haben!“

„Nein, natürlich nicht. Gute Idee. Wann wollen Sie hier sein?“

„Ich dachte so an 15 Uhr.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte kurze Funkstille.

„Sind Sie noch am Apparat, Herr Riechmann?“

Alexander Rosenbaum fiel eben der blöde Spruch von „Freitag ab eins macht jeder seins“ ein, aber der konnte ja nun in einer Polizeibehörde nie und nimmer gelten. Natürlich würden sie auch in Minden die übliche Gleitzeit haben, vielleicht bis 16 Uhr und dann die Kommissariats-Wache bis 20 Uhr, ehe der feste Pool die Rufbereitschaft übernahm.

„Also gut, ich gebe in Ihrer neuen Abteilung Bescheid. Die werden Sie dann erwarten. Bis dahin. Ich freue mich und werde auch kurz da sein. Habe dann allerdings einen wichtigen Außerhaustermin bei der Staatsanwaltschaft im Bielefelder Gerichtszentrum.“

„Bis morgen und einen schönen Tag noch“, verabschiedete sich Alexander Rosenbaum.

Kurz vorher war der Lieferwagen mit den wenigen Möbeln, dem Mountainbike und ein paar Bücherkisten angekommen. Er wollte sich ja ei
gentlich nicht auf ewig hier einrichten. Zum Glück war die Küche komplett ausgestattet, auch mit einer Waschmaschine und selbst Bügelbrett und Bügeleisen hatte der Vermieter hinterlassen. Aber ein Bett brauchte er schon und den alten Lieblingssessel seiner Tante. Den hatte er sich im Wohnzimmer mit Blick aufs Wiehengebirge positioniert. Der Mann sah beim Telefonieren direkt am alten, knorrigen Birnbaum vorbei in die Ferne, gen Süden. Einfach unschlagbar diese Aussicht, dachte er bei sich, die Beine locker auf einem Karton abgelegt, und hatte dabei den Berliner Betonwohnblock im Hinterkopf, die Enge der Mietskasernen in seinem Einsatzbezirk Neukölln.

Auch seine Orchideensammlung hatte bereits ideale Plätze gefunden, einen davon auf diesem breiten Fensterbrett. Er erhob sich kurz, rückte eine zweifarbige Phalaenopsis mit drei Blütentrieben und die danebenstehende, gerade verblühte Dendrobie noch zurecht und ließ sich wieder auf dem Sessel nieder. Hoffentlich kommt die noch einmal zum Blühen, überlegte er, Dendrobien waren nicht einfach in der Handhabung. Der Baum davor würde den nötigen Schatten auf der Südseite spenden, damit die Sonne nicht zu heftig auf die Pflanzen schien, die natürlich fürsorglich verpackt mit ihm im Pkw gereist waren.

Ebenso wie der etwas üppige Kater Albert, der während der Fahrt auf der A2 ununterbrochen gemaunzt hatte, in den allerhöchsten, kläglichsten Tönen. Fast wie ein Baby. Und als Alexander Rosenbaum dann in Höhe von Hannover-Herrenhausen genervt die Katzenkiste öffnete, hatte das Tier nichts Besseres zu tun, als sich bei den Pedalen im Fußraum zu verbarrikadieren. Fast hätte der Mann auf der stark befahrenen Autobahn im Feierabendverkehr einen Unfall verursacht, als er ins Schlingern geriet, um den Wagen kurz auf dem Standstreifen zu parken.

Kater Albert ließ sich nur unter
heftiger Gegenwehr und dem Verlust zahlreicher fliegender Haare, die auf den Jeans des Kriminalhauptkommissars haften blieben, wieder in die Kiste bugsieren. Dann jammerte der Vierbeiner weiter in nervenzehrenden Tonlagen mit hechelnder Zunge und stierte vor sich hin. Speicheltropfen standen ihm dabei vor dem Maul. Das war keine Stunde her. Jetzt inspizierte er allerdings neugierig und putzmunter die Wohnung, als wäre nichts geschehen.

„Ach ja, ich muss die Mädchen anrufen“, murmelte Alexander Rosenbaum vor sich hin, als er seine Schlafstatt aufgebaut hatte. Die Bauanleitung des großen Möbelherstellers war fast völlig eindeutig gewesen, nur bei den Seitenteilen hatte der Mann zunächst die falschen Verstrebungen einsetzen wollen. Aber schließlich klappte alles. Seine Armbanduhr ging auf sieben.

Allabendlich erzählte er seinen Töchtern eine Gutenachtgeschichte. Entweder auf der Bettkante sitzend oder per Handy, wenn er irgendwo dienstlich unterwegs war. Sie würden gar keinen Unterschied bemerken. Manchmal fanden sie dabei tatsächlich in den Schlaf. Er betätigte die eingespeicherte Nummer.

„Hallo“, erklang es am anderen Ende. Mit Olga wollte er nicht sprechen. Außerdem ärgerte es ihn gleich wieder, dass sie sich nicht einmal mit ihrem gemeinsamen Namen gemeldet hatte. Schon als sie heiraten wollte, hatte sie lange versucht, ihren Namen für beide durchzusetzen. Aber das kam für ihn überhaupt nicht infrage. Das hätte er seinen Eltern auch nicht antun können.

„Ich bin’s, Alex. Gib mir mal Lena.“

„Und sonst hast du mir nichts zu sagen?“

„Nein, nicht dass ich wüsste.“

„Gut, dann bringe ich deiner Tochter das Telefon.“

Es dauerte einen Augenblick und er hörte, wie seine Frau durch die Wohnung ging. Er sah alles exakt vor sich, jedes Deta
il in den Räumen. Den langgezogenen Flur, die davon vorrangig auf einer Seite abgehenden Zimmer, die Küche mit dem Esstisch für alle vier, das breite weiße Lümmelsofa im Wohnraum, den großen flachen Fernseher an der Wand. Die insgesamt recht karge, dafür aber designermäßig gehaltene Einrichtung.

Ihre Schuhe trafen hart auf den Parkettfußboden. Er hasste es, wenn sie auf diesen hochhackigen auch durch die Zimmer lief. Aber das war jetzt sein geringstes Problem. Das Handy wurde weitergereicht und er hörte im Hintergrund, wie Olga zur Tochter sagte: „Dein Papa.“

„Hallo Papa, kommt jetzt unsere Gutenachtgeschichte? Ich habe schon so lange auf dich gewartet. Aber du musst wohl noch arbeiten. Oder? Und wo ist denn überhaupt der Albert, der ist jetzt gar nicht zum Kuscheln gekommen? Mama hat gesagt, der wäre bei dir?!“ Die Große war kaum zu stoppen.

„Warte mal, meine Süße, du lässt mich ja überhaupt nicht zu Wort kommen. Aber natürlich gibt es jetzt die Geschichte. Wie immer. Auf Papa ist Verlass. Und was Albert angeht, so wollte der auch einmal verreisen. Er wird euch bestimmt eine Postkarte schicken. Stellst du dann am Handy die Lautsprecherfunktion für deine Schwester zum Mithören ein? Liegt ihr auch schon artig im Bettchen?“

„Och Papa, du veralberst mich. Ein Kater kann doch gar keine Postkarten schreiben. Und natürlich sind wir im Bett. Ich muss doch morgen früh in die Schule. Zähne haben wir auch schon geputzt. Nur Tina nicht so gründlich wie ich. Die Borsten von meiner Bürste sind nämlich schon ganz krumm und die von Tina sieht richtig unbenutzt aus!“

„Stimmt nicht, ich putze viel doller und du hast ja danach noch ein Gummibärchen genascht“, fiel ihr Tina im Hintergrund ins Wort.

„Alte Petze!“

Alexander
Rosenbaum hatte ein Lächeln im Gesicht. Er sah seine Große vor sich, mit dem glatten, halblangen, dunkelbraunen Haar, in ihrem pinkfarbenen Schlafanzug, mit den Elefanten auf der Brust. Am liebsten hätte er sie jetzt und hier alle beide in den Arm genommen und gedrückt. Er merkte, wie ein Kloß in seinem Hals anwuchs und riss sich am Riemen.

„So, meine Kleinen, jetzt kommt die Geschichte von der Stadt- und der Feldmaus.“

„Au ja, Papa, aber die lange Fassung. Nicht dass du wieder so schnell erzählst und alles vergisst oder sogar durcheinanderbringst…“ Lena plapperte und plapperte und der Vater fing seine Geschichte an. Er blickte über...


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