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Tödlicher Schnappschuss

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Produktdetails

Titel: Tödlicher Schnappschuss
Autor/en: Andreas Schmidt, Andreas Schmidt

EAN: 9783827198013
Format:  EPUB
Niemeyer C.W. Buchverlage

4. April 2011 - epub eBook - 320 Seiten

Bei einem konspirativen Treffen zwischen Vorberg und einem Bekannten auf Burg Polle wird der Fotograf erschossen - später behauptet der vermeintliche Täter, nicht geschossen zu haben, sondern selber zum Opfer geworden zu sein. Kommissar Ulbricht stolpert während seiner Kur im Weserbergland auf der Burg Polle bei Bodenwerder über eine Leiche. Er alarmiert die Kollegen und gerät prompt mit Maja Klausen, die die Ermittlungen im Mordfall Christian Vor-berg leitet, aneinander. Sie besteht darauf, dass er sich aus den Ermittlungen heraushält. Der Tote ist ein in der Region bekannter Fotograf, den man als "Paparazzo des Weserberglands" bezeichnet. Auffällig ist, dass Vorberg zwar Papiere, aber keinen Schlüssel bei sich trägt, zumal er mit dem eigenen Wagen, einem neuen Porsche 911, angereist ist. Ulbricht hat einen Verdacht........

ZWEI


Burg Polle, 8.05 Uhr


Kein Auto nahm ihm den Parkplatz weg. Nur ein Sportwagen parkte trotz früher Stunde hier. Ein knallrotes Porsche Cabriolet, nicht älter als ein halbes Jahr. Oft schon hatte er davon geträumt, sich einmal im Leben einen solchen Wagen gönnen zu können. Doch als kleiner Kommissar würde der Traum vom eigenen Porsche wohl immer ein Traum bleiben. Dagegen wirkte sein alter Vectra wie ein automobiles Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.

Norbert Ulbricht atmete tief durch, als er aus dem Wagen stieg und mit unverhohlenem Neid zu dem Porsche blickte, neben dem er seinen Vectra geparkt hatte. Die Luft im Weserbergland war nicht zu vergleichen mit dem Mief, der seine Lungen in Wuppertal täglich quälte. Doch ob es das wert war, hier eine Kur unter strenger medizinischer Aufsicht zu verbringen, wagte er zu bezweifeln. Er hatte sich in die Hände irgendwelcher Quacksalber begeben, fühlte sich ihnen ausgeliefert. Ulbricht war ein erwachsener Mann, und allein die allmorgendliche Frage „Wie geht es uns denn?“ brachte ihn zur Weißglut. Das war Ärztedeutsch und hatte nichts damit zu tun, wie man einen volljährigen Mann ansprach, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Am liebsten hätte Ulbricht dem Weißkittel mit einem „Mir geht es gut, ich weiß natürlich nicht, wie es Ihnen geht“ geantwortet. Aber er hatte es sich abgewöhnt, sich aufzuregen. Stattdessen entzog er sich den Ärzten, wo immer er nur konnte. Ulbricht kam auch allein gut zurecht. Immerhin zahlte die Kasse den ganzen Mist. Schon in den frühen Morgenstunden hatte er sich aus dem Kurhotel geschlichen und war dem allzu gesunden Frühstücksbuffet entkommen, um sich unterwegs in einer Bäckerei mit belegten Brötchen und einem Kaffee im Pappbecher zu versorgen.

Als er
weitergefahren war, hatte ihn die Burgruine, die über dem kleinen Ort thronte, magisch angezogen. Hier, so hatte er beschlossen, würde er sein heutiges Frühstück genießen. Die Gesundheit, die man ihm in der Kur predigte, war ihm zuwider. Obwohl er erst seit zwei Tagen hier war, sehnte er sich zurück nach Wuppertal, der Stadt im Bergischen Land, von der die Menschen hier nicht viel mehr wussten, als dass dort in den 1950er-Jahren ein Elefant aus der weltberühmten Schwebebahn gestürzt war.

Nun, sei’s drum, dachte er sich. Die vier Wochen Kur würde er überleben, und dann wartete wieder der graue Alltag auf ihn. Er würde sich früh genug wieder mit Gewaltverbrechern und Brandstiftern herumschlagen müssen. Also hatte er beschlossen, das Beste aus seiner Situation zu machen und verdrückte sich, wo es ging, um den Anwendungen, die ihm der Arzt verschrieben hatte, zu entgehen. Der ganze Gesundheits-Kram ging ihm gehörig auf die Nerven, und während sein Blick an den Resten der Burgruine emporglitt, sehnte er sich nach einer Zigarette. Doch er blieb hart. Vielleicht würde er wenigstens ein Erfolgserlebnis mit nach Hause nehmen. Niemand hätte auch nur einen verdammten Euro darauf verwettet, dass Kommissar Norbert Ulbricht als Nichtraucher zurückkehren würde.

Sein Magen meldete sich mit einem vernehmlichen Knurren. Ulbricht umrundete den Wagen, stellte den Kaffeebecher auf dem Dach ab, öffnete die Beifahrertür und angelte nach der Tüte mit den Brötchen. Seine Laune besserte sich schlagartig, als er mit Brötchen und Kaffee bewaffnet die Stufen zur Burg erklomm. Oben angekommen, stellte er fest, dass der jahrzehntelange Nikotingenuss ihn kurzatmig hatte werden lassen. Es hatte schon seinen Grund, weshalb sein Hausarzt ihm die Kur verschrieben hatte. Doktor Märtins hatte darauf bestanden, dass sich Norbert Ulbricht w&au
ml;hrend der vier Wochen in Bad Pyrmont das Rauchen abgewöhnte. „Sie haben Raubbau mit Ihrer Gesundheit betrieben“, hallten seine Worte in Ulbricht nach. „Und nun ist es an der Zeit, den Lebensstil zu ändern, wenn Sie noch etwas von Ihrem wohlverdienten Ruhestand genießen wollen.“

Der Ruhestand, durchzuckte es Ulbricht. Ja, lange dauerte es nicht mehr, bis ihn die Wuppertaler Polizeipräsidentin aufs Abstellgleis schieben würde. Lust auf seinen Job hatte er schon lange nicht mehr, aber der Gedanke an die Pension, egal ob verdient oder nicht, behagte ihm auch nicht sonderlich. Mit wem hätte er denn den Lebensabend genießen sollen? Seit Jahren war er notorischer Einzelgänger und hatte längst aufgegeben, sich eine Partnerin zu suchen. So hatte er das gemacht, was ihm einfacher erschien: Norbert Ulbricht hatte sich in den Job gestürzt und war voll darin aufgegangen. Doch das Leben als Leiter des KK 11 hatte ihn verbittert gemacht. Es schien ihm, als würden die Menschen immer verrückter, immer brutaler und immer gewaltbereiter werden.

Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er an eine etwa hüfthohe Mauer trat und hinunter ins Tal blickte. Die ehemalige Burg lag direkt an einer Weserschleife. Unten querte eine kleine Fähre den Fluss. Ulbricht betrachtete die saftig grünen Wiesen, über denen noch der Frühnebel hing. Gelbe Rapsfelder und Weiden lagen wie ein natürliches Schachbrett auf der sanft hügeligen Landschaft des Weserberglandes. Der kleine Ort lag verschlafen zu Füßen der Burgruine und erinnerte ihn unwillkürlich an das Dorf einer Modellbahnlandschaft.

Als er den Kopf in den Nacken legte und zum Himmel hinaufblickte, ahnte er, dass es ein angenehm warmer und sonniger Tag werden würde. Ulbricht hockte sich auf die Mauer und genoss den ländlichen Ausblick. Auf der Straße, die sic
h gleich neben dem Fluss entlangzog, rumpelte ein Kieslaster mit surrenden Reifen nach Norden. Sechs PKW hingen ihm wie lästige Insekten an der Stoßstange. Die Fahrer fluchten wahrscheinlich, weil sie den gemächlich dahinschleichenden Lastwagen auf der kurvenreichen Straße nicht überholen konnten.

Ein Grinsen huschte um Ulbrichts Mundwinkel, doch es war kein schadenfrohes Grinsen. Er genoss es zum ersten Mal, keinen Stress zu haben und atmete tief durch. Ja, dachte er sich, die Luft hier tut gut. Dann nahm er einen Schluck von seinem Kaffee und machte sich an der Tüte zu schaffen. Die Brötchen dufteten herrlich. Er entschied sich für das Mettbrötchen, nahm es heraus und biss hinein. So könnte es doch immer sein, dachte er zufrieden mit sich und seiner Welt. Mit nichts und niemandem etwas am Hut zu haben und einfach dort zu sein, wo es ihm gefiel.

Während er frühstückte, genoss er vom Bergsporn aus das Panorama. Immer wieder spülte er mit einem Schluck Kaffee nach. Irgendwann blickte er jenseits der Mauer, auf der er saß, nach unten. Weit ging es nicht hinunter, und dichtes Buschwerk und einzelne Bäume hinderten ihn daran, die Tiefe zu schätzen. Efeu kletterte an den mächtigen Steinquadern empor.

Doch da war etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ: Ulbricht sah eine Person, die in verrenkter Haltung leblos im Grün hing. Sofort dachte er an den roten Porsche auf dem Parkplatz. Handelte es sich bei dem Mann um den Besitzer des Sportwagens? Er war nicht sicher und zog auch einen Wanderer ins Kalkül, der über die Mauer nach unten gestürzt war und sich im Astwerk hatte fangen können. Doch zum einen trug der Mann nicht die typische Kleidung eines Wanderers, zum anderen blickte Ulbricht in weit geöffnete, leblose Augen, die anklagend zu ihm aufblickten und auch aus der Entfernung keinen Zweifel daran ließen,
dass der Mann tot war.

Die Hand, mit der Ulbricht das Brötchen hielt, öffnete sich. Das Brötchen entglitt ihm und stürzte nun ebenfalls in die Tiefe. Als er nach dem Handy angelte, das sich in der Tasche seines leichten Sommermantels befand, kippte er auch noch den Becher um, der vor ihm auf dem Mauerwerk stand. Im Fallen löste sich der Plastikdeckel des Bechers. Die braune Brühe schwappte nach unten und ergoss sich über den Toten, der nun erst recht keinen schönen Anblick mehr bot. Ulbricht vergaß, dass er hier zur Kur war.

Sein Gehirn funktionierte wieder präzise wie ein Computer, als er den Notruf wählte und den Kollegen in der Zentrale schilderte, welch grausame Entdeckung er hier oben auf der Burgruine von Polle gemacht hatte.

Osterstraße, Hameln, 8.50 Uhr


Normalerweise hätte sie Lisa, ihre Praktikantin, zur Bäckerei geschickt. Doch die hatte sich pünktlich zum Dienstbeginn krankgemeldet: Migräne. Aber Maja Klausen wusste, dass die Kleine gestern zu einer Party eingeladen gewesen war. Dumm genug, ihrer Vorgesetzten vorher davon zu berichten, war sie immerhin gewesen. Vermutlich hatte sie die Nacht durchgemacht, reichlich Alkohol getrunken und war schlicht nicht aus dem Bett gekommen, als der Wecker sie aus den Träumen gerissen hatte. Völlig verkatert hatte sie sich telefonisch krankgemeldet.

Ein Schmunzeln legte sich auf Majas volle Lippen. Die Kleine musste eben noch viel lernen und war noch nicht lange genug bei der Polizei, um ihr etwas vormachen zu können. Doch sie war ihr nicht böse, denn auch wenn Maja die Vierzig überschritten hatte, so war sie eine lebensfrohe Frau und hatte ihre eigene Sturm- und Drangzeit nicht vergessen. In der kleinen Bäckerei in der Osterstraße herrschte reger Betrieb an diesem Morgen, und es dauerte eine Weile, bis sie an der Reihe war. Die Wartezeit überbr
ückte sie damit, die Auslagen im Kuchenregal zu bewundern. Maja Klausen hatte eine Schwäche für Süßigkeiten, und es hatte durchaus seinen Grund, dass sie in der Regel Lisa zum Bäcker schickte: Sie selbst wurde angesichts der Leckereien immer wieder schwach und kaufte viel mehr als nur Brötchen. Eine menschliche Schwäche, die sich allzu gern auf der Hüfte zeigte und die dann mit stundenlangem Joggen im Hamelner Stadtwald wieder mühsam abtrainiert werden musste.

Entschied sie sich für einen Amerikaner mit...


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