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Über Literaturkritik

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Produktdetails

Titel: Über Literaturkritik
Autor/en: Marcel Reich-Ranicki

ISBN: 3421056757
EAN: 9783421056757
DVA Dt.Verlags-Anstalt

26. Juni 2002 - gebunden - 80 Seiten

Welche Aufgabe hat die Literaturkritik? Welche Funktion übt sie aus? Welche Rolle kommt ihr zu? An wen wendet sie sich? Was will sie erreichen?
Seit mindestens zweihundertfünfzig Jahren werden diese Fragen in Deutschland gestellt und immer wieder mehr oder weniger erregt debattiert. Denn sie treffen ins Zentrum des literarischen Lebens - gestern wie heute. Daher büßen sie, sooft sie auch erörtert und beantwortet wurden, nichts von ihrer Aktualität ein. Jene, die über diese Fragen diskutieren und diesmal besonders leidenschaftlich und bisweilen sogar unerbittlich, die vielen Schriftsteller, Leser und natürlich auch Kritiker, möchten wir an eine Arbeit von Marcel Reich-Ranicki erinnern. Vor vielen Jahren entstanden, ist sie gerade jetzt von besonderem Interesse und bestens geeignet, der Orientierung in den aktuellen Auseinandersetzungen zu dienen.

Der vorliegende Essay wurde 1970 als Einführung zu Reich-Ranickis Buch »Lauter Verrisse« geschrieben; der Band fasst Aufsätze über Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Peter Härtling, Günter Kunert, Anna Seghers, Martin Walser, Peter Weiss und andere zusammen. Der ursprüngliche Titel dieses Essays lautete: »Nicht nur in eigener Sache. Bemerkungen über Literaturkritik in Deutschland«. Die ersten beiden Absätze, die Auswahl und Gegenstand des Bandes »Lauter Verrisse« betreffen, wurden hier weggelassen. Davon abgesehen, wird der Text von 1970 unverändert nachgedruckt.


Marcel Reich-Ranicki, geboren 1920 in Wloclawek an der Weichsel, ist in Berlin aufgewachsen. Er war 1960 - 1973 ständiger Literaturkritiker der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" und leitete 1973 - 1988 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Redaktion für Literatur und literarisches Leben. In den Jahren 1968/69 lehrte er an amerikanischen Universitäten, 1971 - 1975 war er ständiger Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur an den Universitäten von Stockholm und Uppsala, seit 1974 ist er Honorarprofessor an der Universität Tübingen, in den Jahren 1991/1992 bekleidete er die Heinrich-Heine-Gastprofessur an der Universität Düsseldorf. Seit 1988 leitete er das "Literarische Quartett" im Zweiten Deutschen Fernsehen.§Reich-Ranicki erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem: die Ehrendoktorwürde der Universitäten Uppsala, Augsburg, Bamberg und Düsseldorf, den Ricarda-Huch-Preis (1981), den Thomas-Mann-Preis (1987), den Bayerischen Fernsehpreis (1991), den Ludwig-Börne-Preis (1995), die Ehrendoktorwürde der Berliner Humboldt-Universität (2007), den Henri Nannen Preis für sein journalistisches Lebenswerk (2008), die Ehrenmedaille für Literatur der Ludwig-Börne-Stiftung (2010), den Internationalen Mendelssohn-Preis (2011) sowie den Kulturpreis der B.Z. für sein Lebenswerk (2012).§Marcel Reich-Ranicki verstarb im September 2013.
Welche Aufgabe hat die Literaturkritik? Welche Funktion übt sie aus? Welche Rolle kommt ihr zu? An wen wendet sie sich? Was will sie erreichen?
Seit mindestens zweihundertfünfzig Jahren werden diese Fragen in Deutschland gestellt und immer wieder mehr oder weniger erregt debattiert. Denn sie treffen ins Zentrum des literarischen Lebens - gestern wie heute. Daher büßen sie, sooft sie auch erörtert und beantwortet wurden, nichts von ihrer Aktualität ein.
Jene, die über diese Fragen diskutieren und diesmal besonders leidenschaftlich und bisweilen sogar unerbittlich, die vielen Schriftsteller, Leser und natürlich auch Kritiker, möchten wir an eine Arbeit von Marcel Reich-Ranicki erinnern. Vor vielen Jahren entstanden, ist sie gerade jetzt von besonderem Interesse und bestens geeignet, der Orientierung in den aktuellen Auseinandersetzungen zu dienen.
Der vorliegende Essay wurde 1970 als Einführung zu Reich-Ranickis Buch Lauter Verrisse geschrieben; der Band faßt Aufsätze über Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Peter Härtling, Günter Kunert, Anna Seghers, Martin Walser, Peter Weiss und andere zusammen. Der ursprüngliche Titel dieses Essays lautet: Nicht nur in eigener Sache. Bemerkungen über Literaturkritik in Deutschland. Die ersten beiden Absätze, die Auswahl und Gegenstand des Bandes Lauter Verrisse betreffen, wurden hier weggelassen. Davon abgesehen, wird der Text von 1970 unverändert nachgedruckt.
Deutsche Verlags-Anstalt, Juni 2002


Über Literaturkritik


I
Wann darf oder soll der Kritiker einen Autor verreißen? Fortwährend erscheinen miserable literarische Arbeiten. Wann lohnt es sich, in aller Öffentlichkeit zu erklären, warum man glaubt, daß ein bestimmtes Buch, das man für schlecht hält, schlecht sei? Was immer ein Kritiker gegen ein solches Buch sagt, er hat es doch wohl nicht zufällig aus einer Fülle ähnlicher ausgewählt; die anderen ignoriert er, auf dieses lenkt er, ob er es will oder nicht,
die Aufmerksamkeit des Publikums. In welchen Fällen ist er dazu berechtigt oder sogar verpflichtet?


Verrisse - wozu eigentlich und für wen?
Die Beantwortung derartiger Fragen hängt vor allem von den Ansprüchen ab, die man an die Kritik überhaupt stellt. Und diese Ansprüche wiederum haben fast immer mit den Erwartungen zu tun, die man an die Literatur knüpft. Was auf den ersten Blick ein eher praktisches Problem im Alltag der Redakteure und Rezensenten scheint, rührt bei näherer Betrachtung unversehens an Fundamentales - an die Möglichkeiten und Aufgaben der Literatur und an die Funktion der Kritik.


II
Wer sich über die Arbeit anderer öffentlich äußert und nicht alles schön und gut findet, bereitet manchen Schadenfreude, setzt sich aber sofort dem Verdacht aus, er sei ein hämischer Kerl, dem es Spaß mache, seinen Mitmenschen am Zeug zu flicken. Kritik, welchem Bereich des Lebens sie auch gelten mag, ruft mit dem Zweifel an ihrer Berechtigung zugleich die Frage hervor, was denn den Kritisierenden, gerade ihn, befuge, über die Leistungen anderer zu urteilen.
Daß die erste Reaktion auf die Kritik in der Regel defensiv ist, scheint indes keineswegs verwunderlich; und diese Reaktion ist nicht bloß für einzelne Länder charakteristisch oder nur für bestimmte Epochen. Überall, also auch dort, wo man die Bedeutung der Kritik voll anerkennt und in ihr ein entscheidendes Element jeglichen geistigen Lebens sieht, begegnet man ihr mit einiger Empfindlichkeit, mit einem mehr oder weniger getarnten Unbehagen, nirgends ist das Verhältnis zu jenen, die kritisieren oder gar aus dem Kritisieren einen Beruf gemacht haben, frei von Ressentiments und Mißtrauen. Genau wie es den reichsten Kandidaten jeden Heller kostet, den er wert ist, wenn er ein wahrer Bettler werden will, so wird es einen Menschen alle guten Eigenschaften seines Geistes kosten, ehe er beginnen kann, ein wahrer Kritiker zu werden; allerdings würde man das vielleicht auch bei
einem geringeren Preis für einen nicht lohnenden Kauf halten - meinte um 1700 Jonathan Swift.
Aber so gewiß Empfindlichkeiten und Mißtrauen gegen Kritik allgemeine und internationale Erscheinungen sind, so gewiß ist das Verhältnis der Deutschen zur Kritik von besonderer Art. Diese Frage, über die Historiker und Soziologen, Philosophen und Psychologen schon viel geschrieben haben, gehört offenbar zu jenen heiklen Themen, die ihre Aktualität und Dringlichkeit, wie immer die geschichtliche Entwicklung hierzulande verlief und verläuft, fatalerweise nicht einbüßen wollen. Vielleicht ist es nicht überflüssig, in diesem Zusammenhang an ein Werk zu erinnern, das häufig genannt, beschimpft und zitiert und nur sehr selten gelesen wird - an Madame de Staëls zwischen 1808 und 1810 entstandenes Buch De l'Allemagne.
Trotz vieler unzweifelhaft apologetischer Partien, die auf französische Leser einen pädagogischen Einfluß ausüben sollten, entwirft Madame de Staël nun doch kein so einseitig-verherrlichendes Deutschlandbild, wie man ihr dies gern nachsagt. So behauptet sie in dem Kapitel Über die Sitten und den Charakter der Deutschen: Die Liebe zur Freiheit ist bei den Deutschen nicht entwickelt. Sie haben weder durch ihren Genuß noch durch ihre Entbehrung den Wert kennengelernt, den man auf ihren Besitz legen kann. Die Deutschen - heißt es weiter - möchten, daß ihnen in bezug auf ihr Verhalten jeder einzelne Punkt vorgeschrieben werde - Und je weniger man ihnen Gelegenheit gibt, selbständig einen Entschluß zu fassen, um so zufriedener sind sie - Daher kommt es denn, daß sie die größte Gedankenkühnheit mit dem untertänigsten Charakter vereinen. Das Übergewicht des Militärstandes und die Rangunterschiede haben ihnen in gesellschaftlicher Beziehung die größte Untertänigkeit zur Gewohnheit gemacht - Sie sind in der Ausführung jedes erhaltenen Befehls so gewissenhaft, als ob jeder Befehl eine Pflicht wäre.
Auch das, was sich in dem Kapitel Über den Einfluß der neuen Philo
sophie auf den Charakter der Deutschen findet, kann schwerlich als schmeichelhaft gelten: Leider muß man bekennen, daß die Deutschen der Jetztzeit das, was man Charakter nennt, nicht besitzen. Sie sind als Privatleute, als Familienväter, als Beamte tugendhaft und von unbestechlicher Redlichkeit; ihr gefälliger und zuvorkommender Diensteifer gegen die Macht aber schmerzt, besonders wenn man sie liebt - Nicht ohne Spott bemerkt Madame de Staël, daß sich die Deutschen philosophischer Gründe bedienen, um das auseinanderzusetzen, was am wenigsten philosophisch ist: die Achtung vor der Macht und die Gewöhnung an die Furcht, die diese Achtung in Begeisterung verwandelt.
Nationale Verallgemeinerungen haben schon zuviel Unheil angerichtet, als daß wir sie ohne Skepsis hinnehmen könnten. Dennoch fällt es schwer, Madame de Staël zu widersprechen. Und diese jedenfalls nicht abwegigen Beobachtungen aus den ersten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts weisen zugleich auf die Faktoren hin, die das öffentliche Bewußtsein in Deutschland bestimmt und zu einer prononciert antikritischen Tendenz geführt haben - auf jene Mentalität also, die wir gemeinhin als Untertanengesinnung und Obrigkeitsdenken bezeichnen.
Es liegt auf der Hand, daß der Untertanenstaat die Kritik, in welcher Form auch immer, als etwas Überflüssiges und Lästiges empfand, daß er sie bekämpfte und womöglich ganz zu verhindern suchte und daher die Kritisierenden zu verketzern bemüht war: Wo man Unterordnung und Ergebenheit fordert und den Gehorsam und die Gefolgschaft verherrlicht, wird das selbständige Denken sogleich zum Ärgernis, wo Befehle gelten sollen, muß sich die Kritik als gefährlicher Störfaktor erweisen. Mit anderen Worten: Freiheit und Kritik bedingen sich gegenseitig. Wie es also keine Freiheit ohne Kritik geben kann, so kann auch die Kritik nicht ohne die Freiheit existieren.
Nicht weniger augenscheinlich ist es wohl, daß zwischen der verspäteten Entwicklung des deutschen Bürgertums und der d
amit zusammenhängenden verspäteten Einführung der Demokratie in Deutschland einerseits und der antikritischen Mentalität und Einstellung der Öffentlichkeit andererseits eine unmittelbare Wechselbeziehung besteht. Demokratie wird durch Kritik geradezu definiert, da ja die allen Demokratien nach wie vor zugrunde liegende Konzeption der Gewaltenteilung nichts anderes besagt, als daß jeweils die eine dieser Gewalten an der anderen Kritik übt und dadurch die Willkür einschränkt, zu der eine jegliche, ohne jenes kritische Element, tendiert.
Adorno, der daran in einer seiner letzten Arbeiten erinnerte, wies zugleich auf die Folgen hin, die die hinter der Geschichte herhinkende nationalstaatliche Einigung Deutschlands für die Kritikfeindschaft hatte: Sie wurde im Kaiserreich eher noch gesteigert, weil das deutsche Einheits- und Einigkeitstrauma - in jener Vielheit, deren Resultante demokratische Willensbildung ist, Schwäche wittert. Wer kritisiert, vergeht sich gegen das Einheitstabu, das auf totalitäre Organisationen hinauswill. Der Kritiker wird zum Spalter und, mit einer totalitären Phrase, zum Diversionisten.
Wer sich einreden will, daß - nach einem Wort Emanuel Geibels aus den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts - am deutschen Wesen die Welt genesen konnte und sogar sollte (und viele Deutsche haben daran offenbar aufrichtig geglaubt), der mochte von Kritik nichts hören und war rasch bereit, die Kritisierenden für üble Querulanten, permanente Spielverderber und ekelhafte Parasiten zu halten. Mehr noch: Sie gerieten im allgemeinen Bewußtsein oft genug in die Nähe von Verrätern und Volksfeinden. Es entstand eine einigermaßen groteske Situation: Im Land, dessen hervorragendster Philosoph das Wort Kritik schon in den Titeln seiner Hauptwerke verwendete, wurde die kritische Einstellung allen Ernstes und mit Erfolg als undeutsch, als etwas Fremdartiges diffamiert.
So konnte es geschehen, daß die Abschaffung der Kritik durch den Nationalsozialismus bei
beträchtlichen Teilen der deutschen Intelligenz allem Anschein nach keine sonderliche Verwunderung hervorgerufen hat: Ohnehin waren sie gewohnt, in der Kritik nicht einen immanenten Faktor jeder geistigen Betätigung zu sehen, vielmehr einen solchen, der im Grunde bloß hemmt und zersetzt.
Daß dies alles nicht für die Vergangenheit gilt, daß es hingegen die beiden Weltkriege überlebt hat und auch heute - mutatis mutandis - in verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens spürbar wird, mag eine Trivialität sein: Immer noch ist das Verhältnis vieler Deutschen zur Kritik in hohem Maße gestört und trägt häufig geradezu neurotische Züge. Schon der Sprachgebrauch läßt dies erkennen.
Denn im Gegensatz zu den wichtigeren europäischen Sprachen bedeutet ja das Wort kritisieren im Deutschen meist nicht etwa soviel wie unterscheiden, prüfen, analysieren, werten oder beurteilen, sondern hat einen einseitig pejorativen Sinn oder zumindest einen unmißverständlich pejorativen Unterton: Werten verwechselt man mit abwerten und urteilen mit verurteilen. Die verbindlichen Wörterbücher bestätigen das sehr deutlich. In Dudens Vergleichendem Synonymwörterbuch findet sich unter dem Stichwort kritisieren lediglich ein Hinweis auf das Stichwort bemängeln. Und Dudens Fremdwörterbuch erklärt das Verbum kritisieren mit drei anderen Verben; sie lauten: beanstanden, bemängeln, tadeln.
Ein aus dem Absolutismus stammendes und nie überwundenes Vorurteil gegen das kritische Element, eine dumpfe, offenbar häufiger empfundene als artikulierte Abneigung, ein tiefverwurzeltes und gereiztes Mißtrauen und schließlich die ungetarnte und aggressive Feindschaft, der Haß gegen die Kritik - das ist jener allgemeine Hintergrund, vor dem sich seit über zweihundert Jahren die deutsche Literaturkritik zu behaupten versuchte, vor dem sie sich entwickelte und nicht entwickelte.


III
Am Anfang war Lessing. Er ist - wie es schon in Adam Müllers 1806 gehaltenen Vorlesungen über die de
utsche Wissenschaft und Literatur heißt - eigentlicher Urheber, Vater der deutschen Kritik. Ihre Geschichte beginnt um 1750 mit den ersten journalistischen Versuchen des etwa Zwanzigjährigen, mit seinen Beiträgen für die Berlinische privilegierte Zeitung und ihre monatliche Beilage Das Neueste aus dem Reiche des Witzes, deren Titel übrigens nicht auf ein Witzblatt hindeutete, da das Wort Witz damals im Sinne von Esprit gebraucht wurde.
Die Herkunft von Journalismus ist der kritischen Prosa Lessings fast immer anzumerken. Das hat ihr nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie ist gerade in dieser Hinsicht vorbildlich und exemplarisch geblieben. Denn er diente der Wissenschaft mit dem Temperament des Journalisten und betrieb den Journalismus mit dem Ernst des Wissenschaftlers. Die Tagesschriftstellerei machte aus ihm einen Polemiker und drängte ihn zur Rhetorik; noch seine abstraktesten Schriften
- so Walter Jens - haben den Charakter des Werbens, Rechtens und Eiferns. Und der Journalismus ist es, der Lessing nötigte, in manchen seiner kritischen Arbeiten demagogische Mittel nicht zu verpönen.
Er war - auch in dieser Beziehung beispielhaft - ein Kritiker, der sich seiner Gegenwart und ihrem literarischen Leben verpflichtet fühlte, den also zu den unmittelbaren Themen seiner Betrachtungen die aktuelle Buchproduktion, die Zeitschriften und die Spielpläne anregten. Ein Praktiker, urteilte er am liebsten von Fall zu Fall und blieb dicht am konkreten Gegenstand, ohne freilich das Ganze, um das es ihm stets und vor allem ging, aus den Augen zu verlieren. Die Praxis des Journalismus hinderte ihn, nur für die Kenner zu schreiben. Mit Recht rühmte Friedrich Schlegel, Lessings Kritik sei doch durchaus populär, ganz allgemein anwendbar, ihr Geist liege ganz in dem Kreise des allgemein Verständlichen.
Aber Lessing muß das Publikum erst einmal von der Nützlichkeit und Daseinsberechtigung der Kritik überzeugen. Schon damals sind ihre eifrigsten Gegner jene Schriftstelle
r, die sich von ihr ungerecht behandelt fühlen und welche so gern jedes Gericht der Kritik für eine grausame Inquisition ausschreien. Im Zusammenhang mit derartigen Attacken gegen die Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste appelliert Lessing an die Leser: Lassen Sie sich in Ihrer guten Meinung von diesem kritischen Werke nichts irren. Man hat ihr Parteilichkeit und Tadelsucht vorgeworfen; aber konnten sich die mittelmäßigen Schriftsteller, welche sie kritisiert hatte, anders verantworten? Und in dem berühmten letzten Stück der Hamburgischen Dramaturgie bekennt Lessing, er sei immer beschämt und verdrüßlich geworden, wenn er zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte.
Daß Lessing genötigt war, für die Kritik als Institution nachdrücklich zu plädieren,sie zu verteidigen und um ihre Anerkennung zu kämpfen, leuchtet ein. Bemerkenswerter und verwunderlicher scheint jedoch der Umstand, daß er auch in dieser Hinsicht über die Jahrhunderte hinweg vorbildlich geblieben ist: Denn die Geschichte der deutschen Literaturkritik ist die Geschichte des Kampfes um ihre Anerkennung. Wer sich in Deutschland ernsthaft mit der Literatur seiner Zeit auseinandersetzte, kam früher oder später in die Lage, sich auf jenes Bekenntnis Lessings berufen zu müssen oder nach Friedrich Schlegel zu wiederholen:In der Tat kann keine Literatur auf die Dauer ohne Kritik bestehen -
Aber die Wirkungsgeschichte oder, richtiger gesagt, die Nichtwirkungsgeschichte des neben Lessing hervorragendsten Vertreters der deutschen Literaturkritik, eben Friedrich Schlegels, spricht eine so deutliche wie deprimierende Sprache. 1932 schrieb Ernst Robert Curtius: Wir haben an Friedrich Schlegel viel gutzumachen, denn kein großer Autor unserer Blütezeit ist so mißverstanden worden, ja so böswillig verleumdet worden, schon zu seinen Lebzeiten, aber merkwürdigerweise auch noch lange darüber hinaus, ja, eigentlich bis auf die unmittelbare Gegenwart. Es ist peinlich und schwer begreiflich, w
ie zäh sich Vor- und Fehlurteile in unserer deutschen Universitätswissenschaft fortpflanzen - Was hat denn die deutschen Professoren so sehr gegen Friedrich Schlegel aufgebracht? Warum haben sie ihn wie einen ungezogenen Schüler behandelt, der Allotria treibt?
Curtius wußte sehr wohl, daß dieses feindselige und oft kleinbürgerlich-bornierte Verhältnis zu Friedrich Schlegel in hohem Maße symptomatisch war, weil hier jene dumpfen Gefühle - von der Geringschätzung bis zum Haß - augenscheinlich wurden, mit denen man in Deutschland der Literaturkritik von Anfang an begegnete. Und Curtius wurde nicht müde, zumal nach 1945, als zumindest die äußeren Bedingungen für die Restitution der Kritik gegeben waren, auf ihre Bedeutung und ihren Verfall immer wieder hinzuweisen. In seinem 1948 erschienenen Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter stellt er fest: Lessing, Goethe, die Schlegels, Adam Müller hatten die literarische Kritik in Deutschland zu höchster Blüte gebracht. Aber sie vermochten nicht, ihr einen bleibenden Rang im geistigen Leben der Nation zu sichern. So ist es bis heute geblieben. Seinen aus derselben Zeit stammenden Essay über Goethe als Kritiker beginnt Curtius mit der oft zitierten Klage: Die literarische Kritik hat im deutschen Geistesleben keine anerkannte Stelle - Literarische Kultur ist bei uns Sache verstreuter Einzelner -
Seit über zwei Jahrhunderten werden solche oder doch recht ähnliche Töne angeschlagen, diese düstere Diagnose ist schon Tradition geworden, ja sie scheint mittlerweile ebenso zum Habitus des Gewerbes zu gehören wie der eher melancholische als stolze Verweis auf seine Meister, auf die hehre Ahnenreihe. Curtius führt bloß wenige Namen an, doch ließe sich die Aufzählung leicht ergänzen und die Reihe bis in unsere Zeiten, zumindest bis zu Benjamin und Curtius selber, fortsetzen. Nur würde das die elegische Klage mitnichten erschüttern, es würde sie vielmehr erhärten.


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