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Das Ende der EGO-Gesellschaft

Wie die Engagierten unser Land retten.
von Nina Apin
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Produktdetails

Titel: Das Ende der EGO-Gesellschaft
Autor/en: Nina Apin

EAN: 9783827076571
Format:  EPUB
Wie die Engagierten unser Land retten.
Berlin Verlag

1. Oktober 2013 - epub eBook - 224 Seiten

Deutschland ist das Land der Kümmerer: Jeden Tag geben hierzulande Studenten Migrantenkindern Nachhilfe, Gutverdiener verteilen Lebensmittel an Bedürftige, Jugendliche lesen Sterbenden vor, Rentner fahren Bürgerbusse. Sie alle machen es gratis, nebenher und nur für die Ehre. Und sie werden immer mehr: Über 20 Millionen Bundesbürger leisten freiwillige Arbeit für das Gemeinwohl.

Nina Apin zeigt in ihrem Buch, wie sich dieser "Freiwilligensektor" in den letzten Jahren dramatisch ausgedehnt hat. Und während sich der Staat zurückzieht, wird unsere Gesellschaft zunehmend von engagierten Bürgern zusammengehalten. Was aber treibt sie an? Und was bedeutet diese neue soziale Bewegung für unser Land?

Auf der Grundlage umfangreicher Recherchen bei gemeinnützigen Projekten, Vereinen, Wohlfahrtsverbänden und Unternehmen quer durchs Land, aber auch anhand eigener Erfahrungen, zeichnet die Autorin ein überraschendes Bild von Menschen, die inmitten der Ego-Gesellschaft den Wert der Solidarität wiederentdecken.
Nina Apin, geboren 1974 in Wasserburg am Inn, hat in Passau, Aberdeen und Leipzig studiert, für ein Internet-Start-Up in Berlin gearbeitet und dort anschließend Kulturjournalismus studiert. Als freie Autorin arbeitete sie unter anderem für RBB-Kulturradio, die Zeit, dpa und Dummy. Seit 2006 ist sie Redakteurin bei der taz und dort für Berliner Gesellschafts- und Kulturthemen zuständig. Nina Apin lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Das unsichtbare Netz Früher Freitagmorgen. Ich sitze auf einem Erstklässlerstuhl und warte auf meine Kinder. Gemeinsam mit Arbeitskollegen habe ich beschlossen, Lesepatin an einer Berliner Grundschule zu werden. Lesen ist wichtig, dachte ich, kommt aber in vielen Familien kaum noch vor. Ich selbst lese gerne, und mir als Mutter zweier Kleinkinder kann es ohnehin nicht schaden, früh die Realitäten des Berliner Schulalltags kennenzulernen. Ein Verein organisiert den Einsatz, ein Kollege koordiniert die Treffen mit der Schule. Ich muss kaum mehr tun, als einmal pro Woche früher aufzustehen und vor Arbeitsbeginn eine Schulstunde lang mit den Kindern zu lesen. An dieser Förderschule stammen fast neunzig Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien. Alle haben Sprachprobleme. Die Sechs- bis Neunjährigen, die gemeinsam in einer Stufe lernen, können die Buchstaben nicht erkennen, oder ihnen fehlt das Vokabular, um Texte richtig zu verstehen. Die Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Dabei ist das Lesen nur eines von vielen Problemen, die diese Kinder plagen. Ein Mädchen wurde mit seinen sechs Geschwistern vom Jugendamt aus einer verwahrlosten Wohnung geholt und lebt nun im Heim; ein Junge hat Diabetes und ADHS; fast alle haben Eltern, die selbst nicht sehr gebildet sind, schlecht Deutsch sprechen und sich anscheinend kaum um ihre Kinder kümmern. Als ein Siebenjähriger auf einer Bildertafel keine Salatgurke zuordnen kann, bin ich kurz davor aufzugeben. Hier fehlt es an allem - was kann ich da schon in 45 Minuten pro Woche ausrichten? Dass ich bleibe, liegt an Nadine und Mehmet. Das Mädchen aus dem Heim ist trotz seiner Vorgeschichte unbeschwert, schlagfertig und schlau. Schnell macht Nadine Fortschritte, liest kleine Texte selbst und fragt mich nach allem, was sie noch nicht kennt: Wie es am Meer sei, ob es schwer sei, zu studieren, ob es sich lohne, ein Baby zu kriegen. Mehmet ist schwieriger. Er hat Mühe, sich fünf Minuten am Stück zu konzentrieren, dann wird er aggres
siv. Aber er will unbedingt lesen lernen. Zu Weihnachten schenkt mir Nadine einen selbst bemalten Porzellanuntersetzer. Für meine Lesepartnerin , steht da in krakeliger Schrift. Es ist ihr Abschiedsgeschenk. Das Jugendamt verlegt sie und ihre Geschwister kurzfristig in ein Heim am anderen Ende der Stadt. Ich baue mit den verbliebenen Kindern weiter Anlautpyramiden und bringe Bücher mit, die ich zu Hause mit meiner dreijährigen Tochter lese. Monatelang geht es nicht vorwärts. Dann liest Mehmet plötzlich unfallfrei das Wort Erdumlaufbahn - und kann mir sogar erklären, wie ein Raketenantrieb funktioniert. Und Selma hat gelernt, das d vom b zu unterscheiden. Manchmal komme ich, und die Kinder sind weg - beim Schwimmen oder draußen. Und die Lehrerin hat vergessen, mir Bescheid zu sagen. Manchmal sind meine Kandidaten krank - dann lese ich den anderen einfach irgendetwas vor. Hauptsache, ich schenke jedem Kind einige Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit - ein Luxus, den die Lehrerin nicht bieten kann. Sie ist vor allem damit beschäftigt, die Kinder in Schach zu halten. Vor und nach den Stunden ist eine Art Hilfslehrerin im Raum, die die Kinder eigentlich nur anschnauzt oder herumbrüllt. Der Umgangston ist rau. Aber die Lehrerin beruhigt: Nicht in allen Grundschulen sei das so. Hier gehe es hauptsächlich darum, die Schüler beschulbar zu machen - wenn einige an einer normalen Schule den Abschluss schafften, sei das schon ein Erfolg. Mit normale Schule ist die Gemeinschaftsschule um die Ecke gemeint, mit Abschluss der Hauptschulabschluss. Von mehr zu träumen erlaubt sich selbst diese engagierte Lehrerin nicht. Dabei fehlt es den meisten Kindern ganz offensichtlich nicht an Intelligenz, sie haben nur die denkbar schlechtesten Voraussetzungen. Ich frage mich, wie sich das Heimkind Nadine oder der verhaltensauffällige Mehmet in einer anderen Umgebung entwickelt hätten. Mir wird aber auch klar, dass Schule nicht alles leisten kann. Die Schule, die ich als Lesepatin kennengelernt ha
be, ist gut ausgestattet: Es gibt dort ein Schwimmbad und einen Abenteuerspielplatz, gesunde Pausensnacks, Elternfrühstücke und Familienberatung. Aber die Eltern nutzen diese Angebote kaum. Sie parken ihre Sprösslinge vor dem Fernseher, die Lehrerin erzählt mir, dass in vielen Familien kaum miteinander gesprochen werde. Der Job, den ich als Lesepatin habe, besteht also vor allem darin, ganz zweckfrei zuzuhören und zu erzählen. Etwas, das ich bis dahin für selbstverständlich gehalten habe. Bundesweit gibt es inzwischen rund dreihundert Lern-, Sprach- und Lesepaten-Initiativen. Sogar Freizeitpaten: Die gehen mit den Kindern Fußball spielen und ins Museum, lassen sie an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen, die ihnen sonst verschlossen blieben. Die Idee stammt ursprünglich aus den USA. Weil das Patenschaftsmodell so leicht verständlich und einfach umzusetzen ist, hat es sich schnell verbreitet und ist eine der größten Freiwilligeninitiativen der letzten Jahrzehnte geworden. Die Paten könnten mit ihrer Arbeit ebenso gut Geld verdienen: Schließlich bieten sie das an, was die bürgerliche Mitte für ihre Kinder in Form von Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Mittelschichtseltern sind nicht per se die besseren Eltern, sie können nur besser delegieren, zum Beispiel an professionelle Nachhilfeinstitute, Musikschulen und Sportvereine. Und sie können diese Dienstleistungen bezahlen. Benachteiligten Kindern wie Nadine und Mehmet bleiben nur die Leistungen aus dem staatlichen Bildungspaket: ein paar Stunden Musikunterricht, ein Zuschuss zur Klassenfahrt und etwas Nachhilfe - aber nur so viel, wie das Jobcenter bezahlt. Als ich in Elternzeit gehe, höre ich auf mit dem Lesen. Ich schicke den Kindern ein Foto meines neu geborenen Babys. Daraufhin kommt per Post ein großes buntes Leporello, auf das jedes Kind einen Wunsch für mein Baby geschrieben hatte: Dass du gut Türme bauen kannst. Dass du nicht krank wirst. Dass du schön bist. Ich bin gerührt. Wenig später erfahre ich, dass
die Lesepatenschaft zum Erliegen gekommen ist - viele Kollegen finden es zu anstrengend, das Lesen mit ihrem Berufsalltag zu vereinbaren. Einige zweifeln auch daran, dass ihr Einsatz irgendetwas bewegen kann. Und doch sind wir uns alle einig: Für die Kinder hat sich jede Minute gelohnt. Mein Einsatz als Lesepatin war nur ein kurzer Ausflug in die Welt der Freiwilligenarbeit. Und keineswegs außergewöhnlich, es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu engagieren. Und erstaunlich viele tun es bereits, ohne große Worte zu machen. Jeden Tag geben hierzulande Studenten Migrantenkindern Nachhilfe, Gutverdiener verteilen Lebensmittel an Bedürftige, Jugendliche lesen Sterbenden vor, Manager beraten in ihrer Freizeit Schuldner, Rentner fahren Bürgerbusse, und Arbeitslose leiten ganze Gemeinden. Sie alle machen es gratis, nebenher und nur für die Ehre. Und sie werden immer mehr. Was wir gerade erleben, ist nichts weniger als die Geburt einer neuen sozialen Bewegung, die unser Land verändert. Deutschland ist dabei, ein Land der Kümmerer zu werden. Das ist verwunderlich. Denn aus Zeitungsredaktionen und Universitäten hören wir regelmäßig Klagen darüber, dass unserer Gesellschaft der Zusammenhalt fehle. Wir sind, so war es zuletzt bei Frank Schirrmacher zu lesen, ein Volk von kaltherzigen Egoisten. In allen Lebensbereichen schielen wir allein auf den eigenen Vorteil. Und tragen noch nicht einmal Verantwortung dafür - denn wir folgen nur, ohne es zu merken, dem gnadenlosen Algorithmus eines globalen Informationskapitalismus. Sogar dann noch, wenn wir glauben, selbstlos zu handeln, eifern wir - unbewusst - dem Werbemotto aus der Finanzindustrie nach: Unterm Strich zähl ich. Wäre Geld tatsächlich die einzige Währung, die uns interessiert, dann dürfte es sie eigentlich gar nicht geben: Freiwillige, die ohne Bezahlung Sportler trainieren, Fledermausbrutkästen bauen, Kindern vorlesen. Es gibt sie aber. Sie sind mitten unter uns. Sie arbeiten in Vereinen, Kirchen, Hilfsorganisationen oder
öffentlichen Einrichtungen mit - die meisten von ihnen bis zu fünf Stunden in der Woche. Laut aktuellem Freiwilligensurvey engagieren sich in Deutschland mehr als 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Das sind 36 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre. Und zwei Millionen mehr als noch vor zehn Jahren. Der Begriff Engagement umfasst dabei ganz unterschiedliche Tätigkeiten: etwa als Schöffe, als Kassenwart eines Skatvereins oder als Klimaschutz-Aktivistin. Ein Anwalt, der pro bono Klienten berät, ist damit genauso gemeint wie eine Stiftung, die sich für sozialen Wandel einsetzt - oder eine Bürgerinitiative, die ein Bahnhofsprojekt verhindern will. Es scheint, als hätten wir Deutschen, lange auf Selbstverwirklichung und den eigenen Vorteil gepolt, die Solidarität neu entdeckt. Im Angesicht der permanenten Finanz- und Wirtschaftskrise besinnen wir uns auf das, was wirklich zählt: Zusammenhalt. Könnte das neue Füreinander und Miteinander vielleicht sogar mehr sein als nur ein Krisenreflex? Etwa eine bewusste Trotzreaktion auf die Ökonomisierung unserer Lebenswelt? Man handelt einmal ganz ohne Geldwert und Eigennutz, freut sich am Glück des anderen und fühlt sich gut dabei - Deutschland, ein Land der Selbstlosen? Dann wäre ja alles in Ordnung. Die Fakten sehen anders aus. Der neueste Armuts- und Reichtumsbericht belegt ein krasses Auseinanderdriften der sozialen Schichten: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügen über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens - den unteren fünfzig Prozent bleibt gerade mal ein Prozent. Immer mehr Deutsche bleiben arm trotz Arbeit, weil sich der Arbeitsmarkt unter dem Druck des Wettbewerbs flexibilisiert bis über die Schmerzgrenze. Arm wird auch der Staat, besonders in Städten und Gemeinden werden die Kassen immer leerer. Dazu kommt noch der demographische Wandel: Weil unsere Gesellschaft altert, müssen künftig wenige Nachkommen die Lasten von Renten-, Pflege- und Sozialkassen schultern. Und weil die Spannung im Land schon fast mit Hän
den zu greifen ist, aber niemand weiß, wie man Abhilfe schafft, versuchen sich alle noch mehr anzustrengen: immer verfügbar sein, dem Leistungsdruck standhalten, bloß nicht abrutschen. Bereits Schulkinder werden in einen engen Stundenplan gepresst, um den Anforderungen von morgen gerecht zu werden. Berufstätige müssen zusehen, dass sie mithalten können - möglichst bis zur Rente mit 67. Und wer keine Arbeit hat, versucht, wieder zurück ins Zentrum der Gesellschaft zu kommen. Wenn er nicht schon längst aufgegeben hat. Deutschland, Land der Abstiegsängste. In diesem rauen Klima verrichten über zwanzig Millionen Ehrenamtliche trotz allem ihr gutes Werk. Warum? Geht es ihnen noch zu gut? Wer sind diese Engagierten, die Schirrmacher mit seinem düsteren Egoismus-Szenario täglich Lügen strafen? Tatsächlich zeigt der aktuelle Freiwilligensurvey der Bundesregierung, dass die Bereitschaft zum Engagement mit steigendem Bildungsgrad und Einkommen zunimmt. In Gegenden, in denen Wohlstand herrscht, gibt es deutlich mehr Freiwillige, in ärmeren Regionen wie den neuen Bundesländern engagieren sich viel weniger Menschen. Forscher erklären das Ost-West-Gefälle mit der höheren Arbeitslosenquote und dem hohen Anteil an Geringverdienern im Osten. Engagiert ist, hier wie dort, die gut gebildete und finanziell meist abgesicherte Mittelschicht. Diese Gruppe spendet Zeit und Geld für Hilfsbedürftige, bringt sich aktiv in Parteien, Gesundheits- und Sozialverbände ein, sie trägt das deutsche Vereinswesen. Entscheidend ist dabei die subjektive Überzeugung, selbst etwas verändern zu können. Den meisten Bildungsfernen und Langzeitarbeitslosen fehlt genau diese Überzeugung: Sie fühlen sich sozial ausgegrenzt und ohnmächtig gegen die da oben - und sind an politischen Themen eher desinteressiert. Die Aktivbürger, wie sie von Politikern bisweilen leicht ironisch genannt werden, trauen sich derweil immer mehr zu: Jedes Jahr gründen sie zehn- bis fünfzehntausend neue Vereine, schließen sich zu Nachbars
chaftsinitiativen und Bürgerplattformen zusammen, gründen Bürgerstiftungen. In einigen Gemeinden übernehmen Bürger bereits Teile der öffentlichen Infrastruktur wie Bibliotheken und Schwimmbäder. Damit stoßen sie in Bereiche vor, die bislang dem Staat vorbehalten waren. Manchmal engagieren sich Menschen, weil die eigentlich Verantwortlichen versagen: Wenn eine Mutter, die wieder arbeiten gehen will, nirgends einen Betreuungsplatz für ihr Kind findet, schließt sie sich notgedrungen mit anderen Eltern zusammen und gründet eine Elterninitiative. Wenn das einzige Schwimmbad im Ort geschlossen werden soll, weil die Gemeinde kein Geld mehr für den Unterhalt hat, springen die Bewohner eben selbst ein. Wenn in einer Stadt günstiger Wohnraum knapp wird, weil Investoren Wohnungen aufkaufen und als Ferienwohnungen vermieten, bilden Bürger dagegen eine Initiative und sammeln Unterschriften. Gibt es also deshalb so viele Engagierte, weil in unserem Land so vieles im Argen liegt? Gewerkschafter und Anhänger eines starken Sozialstaats glauben genau das. In ihren Augen ist Ehrenamt ein billiger Lückenbüßer für einen Sozialstaat im Sparmodus. Dass es so viele ehrenamtliche Lesepaten, Sterbebegleiter oder sogar ehrenamtliche Standesbeamte gibt, halten sie für den Beweis, dass unser Gemeinwesen von der Sparwut der Politiker und dem leidigen Effizienzdruck der Wirtschaft allmählich aufgefressen wird. Unterm Strich zählt nur, was sich lohnt - nach diesem Credo werden unrentable Bereiche wie Altenpflege oder Armenfürsorge in die Hände von freiwilligen Helfern gegeben. Hat Schirrmacher also doch Recht? Hat unsere von Egoismus getriebene Gesellschaft das Solidarische delegiert an eine kleine Minderheit, die Gutes tut und dafür von allen bewundert wird - damit die Mehrheit weiter ungestört ihrer Selbstsucht frönen kann? Dafür sind die Freiwilligen zu viele: ein Drittel der Bevölkerung, das ist keine Minderheit. Es stimmt zwar, dass freiwilliges Engagement viele Härten auffängt, die eine unso
ziale Politik verursacht hat. In einem gerechteren Schulsystem müsste es vielleicht nicht so viele Lesepaten geben. Und das gespendete Mittagessen für Kinder aus armen Familien wäre überflüssig, wenn ein Schulessen für alle gratis angeboten würde. Doch wir sind weit davon entfernt - wie Kritiker des Ehrenamts befürchten -, in angeblich amerikanische Verhältnisse abzurutschen. In den USA fühlt sich der Staat traditionell kaum für die elementare Absicherung seiner Bürger zuständig: ohne freiwilliges Engagement würden dort sogar Krankenhäuser und Universitäten zusammenbrechen. (Dabei ist es allzu simpel, überhaupt pauschal von amerikanischen Verhältnissen zu sprechen. Dieser politische Kampfbegriff ist kaum hilfreich für die Beschreibung einer Gesellschaft, die nicht nur aus einem schwachen Staat, sondern eben auch aus einer starken Bürgerschaft besteht. Dass aus den USA viele wichtige Impulse für die Freiwilligenarbeit kommen, wird sich im Folgenden immer wieder zeigen.) Wer die Engagierten als bloße Helfer oder Ausputzer abtut, macht es sich zu leicht. Der Feuerwehrmann oder die Caritas-Spendensammlerin mögen helfend tätig sein, aber was ist mit der Anti-Fluglärm-Aktivistin oder dem urbanen Gärtner? Auch diese Engagierten sind Bürger, die selbstbestimmt ihr Lebensumfeld gestalten wollen. Ins Bild vom Lückenbüßer passen sie aber nicht so recht. Nicht einmal der verbohrteste Gewerkschafter käme auf die Idee, staatlich finanzierte Nachbarschaftsgärten zu fordern.
»Anhand zahlreicher Beispiele weist sie auf gesellschaftliche Missstände hin - ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Druck auf die Tränendrüse. Ihr Buch ist kein Weckruf für die Revolution, vielmehr ein Aufruf an Politik und Gesellschaft, sich mit den Engagiertenund ihren Motiven auseinanderzusetzen.«, Berliner Zeitung, Laura Wagner, 09.11.2013

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