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"Dann hör doch einfach auf...!" - Lebensgeschichte eines Alkoholikers

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Produktdetails

Titel: "Dann hör doch einfach auf...!" - Lebensgeschichte eines Alkoholikers
Autor/en: Alfred Endres

EAN: 9783862822096
Format:  EPUB
1. Auflage.
Acabus Verlag

11. Juni 2013 - epub eBook - 162 Seiten

"Dann hör doch einfach auf ...!" Es klingt so leicht, doch spätestens als sein Alkoholkonsum Alfred Endres auf die Intensivstation bringt, ist klar, dass er die Kontrolle über die Sucht komplett verloren hat. Was lief schief im Leben des jungen Mannes, dass ihn der Alkohol beinahe tötete? Vom melancholischen Jugendlichen zum depressiven Erwachsenen bis hin zum Schwerstabhängigen mit Suizidwünschen erlebt er die Fesseln der Sucht, ohne sich diesen erwehren zu können. Seit frühester Jugend von niemandem verboten oder eingeschränkt, wird die beruhigende und stimulierende Wirkung des Alkohols in allen Lebenslagen von ihm benutzt. Lange Zeit fällt er damit kaum auf und kann seine bürgerliche Existenz aufrechterhalten. Die Katastrophe scheint vorprogrammiert, doch bevor Alfred alles verliert, schenkt ihm das Schicksal eine zweite Chance, die er mit aller Macht ergreift... Mit authentischen Worten lässt Alfred Endres sein Leben Revue passieren und reflektiert, wie seine Suchterkrankung entstanden ist und wie er, als sein Leben auf Messers Schneide stand, schließlich begann, zusammen mit Familie, Therapeuten, Ärzten und Freunden um seine Genesung zu kämpfen. Als Teil seines Heilungsprozesses schreibt er seine Erfahrungen nieder und möchte damit auch anderen Betroffenen und Angehörigen Mut und Hoffnung machen.
1;Vorwort;6 2;Tiefe Wurzeln in der Vergangenheit;8 3;Mai 2009, Koma;15 4;Eine schwierige Jugend;16 5;Auf Freiersfüßen;22 6;Mai 2009, Koma;29 7;Der bewegte junge Mann;30 8;Erste Probleme im Beruf;34 9;Mai 2009, Koma;41 10;Tsunami im Gehirn;42 11;Neue Hobbys und das gleiche Laster;46 12;Mai 2009, Koma;50 13;Verschlechterung statt Besserung;52 14;Silberstreif am Horizont?;55 15;Mai 2009, Koma;58 16;Die Frau fürs Leben kommt zu spät;59 17;Der Alltag und der Alkohol melden sich zurück;64 18;Mai 2009, Koma;68 19;Die Schlinge zieht sich zu;69 20;Verzweifelter Kampf um das berufliche Überleben;73 21;Mai 2009, Koma;83 22;Schwarze Schatten;84 23;Das nahende Ende;93 24;Mai 2009, Koma;102 25;Der letzte Tag eines nassen Alkoholikers;103 26;Die ersten Schritte in ein neues Leben;110 27;Schuld und Sühne;117 28;Schritte zur Genesung;121 29;Suchttherapie;125 30;Ein geflickter Bauch;136 31;Keine Schonfrist mehr;142 32;Der Frieden nähert sich;147 33;Der Weg zurück zur Arbeit ist steinig;151 34;Der hohe Preis für ein gewonnenes Leben;153 35;Abschiedsbrief;156 36;Epilog;158 37;Der Autor;160


Alfred Endres, Jahrgang 1967, ist Maschinenbautechniker und arbeitet seit über 25 Jahren in der Kfz-Zulieferindustrie. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in München. Schon als Jugendlicher begann Alfred Endres regelmäßig Alkohol zu trinken und wurde schließlich zum Suchtkranken. Erst Jahrzehnte später gelang es ihm, seine Sucht zu besiegen und er beschloss seine Erfahrungen in einer Autobiografie niederzuschreiben.

Tiefe Wurzeln in der Vergangenheit

In dem Sechs-Parteien-Haus, in dem ich aufwuchs, ging es Anfang der 80er Jahre recht munter zu. Die Nachbarn hatten sich im Laufe der Jahre miteinander arrangiert, ja angefreundet; die Kinder waren alle langsam im Teenageralter und das Fahrradgeschäft meines Vaters im Nebenhaus verlieh der ganzen Haus- und Hofgemeinschaft eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder kannte jeden, man sah sich täglich und hatte sich natürlich auch immer wieder den neusten Klatsch zu erzählen. Wir lebten die „Lindenstrasse“ bevor es sie gab. Natürlich spielten die Kinder Fußball und die Väter waren aufgeteilt in „Bayern“- und „1860“-Anhänger. Die Jungs taten es ihnen gleich und alles in allem waren wir eine verschworene kleine Wohngemeinschaft.

So ergab es sich natürlich auch, dass man sich gelegentlich einlud, um abends im Wohnzimmer zusammen mit den „Männern“ jeden Alters Fußball zu gucken, wenn Spiele im Fernsehen übertragen wurden. In den Jahren vor der medialen Überflutung, die wir heute kennen, war das noch lange nicht selbstverständlich. Soweit ich mich erinnern kann, stand dieses Mal das Länderspiel Deutschland – Brasilien auf dem Programm. Nur ein Freundschaftsspiel, und das Aufregendste, das passierte, waren zwei Elfmeter, die noch dazu beide von meinem Idol Paul Breitner kläglich verschossen wurden. Wie gesagt, nicht dass das von Bedeutung gewesen wäre, aber in dieser fröhlichen Runde genoss ich die ersten beiden Weizenbiere meines Lebens. Oder zumindest die ersten, an die ich mich zurück erinnern kann.

Niemand kam auch nur auf die Idee, dass man einem 14-jährigen vielleicht nicht pro Halbzeit ein Bier einschenken sollte. Nein, es war doch so, dass es alles in allem toll war, wenn die Jungs erwachsen werden wollten, mitredeten und natürli
ch auch mittranken. So schlimm war das alles ja auch nicht. Bier ist ja in Bayern ein Grundnahrungsmittel, und das schadet ja keinem. Mir hat es auch nicht geschadet, jedenfalls nicht, bis ich nach dem Schlusspfiff aufgestanden bin.

Ich wollte nur einen Schritt nach vorne machen und krachte, ohne es zu merken, seitlich gegen den neuen Wohnzimmerschrank der Nachbarn. Das Gelächter war die Krönung des Abends. Nicht, dass ich ausgelacht wurde, nein, das Lachen war mehr als Anerkennung gedacht. „Passt’s auf, der Bua hat ja einen Rausch“, so klang es durch den Raum. Ich fand schließlich den Weg in unsere Wohnung im ersten Stock und kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass mir damals ein Vorwurf gemacht wurde. Ich wurde von diesen Monaten an dazu erzogen, den Alkohol als etwas Alltägliches zu betrachten. Verboten hat es mir eigentlich niemand. Schließlich war mein Papa an diesem und an vielen anderen Tagen meiner Trinkerkarriere ja mit dabei.

Es ist weiß Gott nicht so, dass ich ihm oder irgendjemand anderen einen Vorwurf daraus machen würde, meine Eltern haben mich so gut erzogen wie sie konnten. Sie selbst konnten jedoch nie eine kritische Einstellung gegenüber Suchtkrankheiten wie Rauchen oder Trinken aufbauen, zu sehr waren diese „Allerweltssünden“ bei ihnen beiden selbst beheimatet. Sucht bedeutete Sachen wie Heroin oder ähnliche illegale Substanzen, aber nicht Alkohol. Und Bier ist ja auch nicht gleichzusetzen mit Sachen wie Schnaps, Cognac, „harten Sachen“. Dass alleine der Bierkonsum in der Familie schon vor Generationen „Einschläge“ hinterlassen hatte, wurde geflissentlich übersehen. Bier ist einfach zu „normal“, um als Todbringer angesehen zu werden.

Während und nach meiner Therapie entstand in mir eine Distanz zu diesem Leben und dieser Einstellung, die nur mit einer 180-Grad-Wendung zu beschreiben ist. Ich k
ann mir seitdem sehr gut vorstellen, wie hilflos und einsam mein Vater und all die anderen vor ihm in der Familie waren, als sie Trost, Flucht oder einfach nur Entspannung im Alkohol suchten. Sie merkten dabei nicht, dass sie an dem Ast sägten, auf dem sie saßen – und auf den sie mich setzten, als sie mich großzogen.

Eigentlich hätten meine Eltern ja wissen müssen, dass sie mich in Gefahr bringen, als sie mich im Umgang mit Alkohol nicht warnten. In der Generation meiner Eltern war zwar die Suchtproblematik unter der Bevölkerung noch nicht so ein breites Problem, das auch in den Medien behandelt wurde, wie heute, aber Trinker gab es dennoch, und zwar jede Menge. Bloß hatte das damals einen anderen Stellenwert.

Die Verhältnisse, aus denen meine Mutter kam, waren schlichtweg einfach, meine Großmutter war seit ihrer Kindheit schwerbehindert, ein Unfall kostete sie den linken Arm, ihr Mann starb früh und die ganze Familie litt unter den katastrophalen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges.

Mein Großvater mütterlicherseits trank sich um seine Existenz und riss die Familie fast an den Abgrund. Ich lernte ihn nie kennen, er starb als ich ein Kleinkind war, daher habe ich keine eigenen Erinnerungen daran, wie er als Familienvater war. Was ich von ihm weiß, ist nur, dass er auf Grund seines Alkoholkonsums seinen Lebensabend in einem Pflegeheim verbrachte, wo er dann eines Tages an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Die „Pflegeheime“, die es damals gab, sind mit denen von heute nicht zu vergleichen. Damals galten Süchte eher als Charakterschwäche denn als Krankheit. So verbleibt er in meiner Erinnerung nur von einem alten Foto aus einem Familienalbum. Meine Mutter wickelt mich auf einem Bett in Opas Heim, während mein Großvater milde lächelnd mit gutmütigem Blick daneben steht. Auf dem Foto sieht die Welt in Ordnung aus.

>Sein Sohn, mein Onkel, kam zwar unversehrt aus dem Krieg zurück, aber lange Zeit später verfiel er zu Hause im Alltag dem Alkohol. Das Bier war wohl für ihn die einzige Möglichkeit, sich mit der Dominanz seiner Frau zu arrangieren. Die terrorisierte mit ihrer übertrieben Fürsorge bis weit in die nächste Generation hinein die gesamte Familie. Oft hörte ich nur die pauschale Aussage, dass sich der Onkel „aufgegeben“ habe. Als er Anfang der 90er einen Herzinfarkt erlitt (von dem er sich jedoch wieder gänzlich erholte), bekam er in der Reha seine Tagesration Bier bereitwillig ans Krankenbett gebracht. Schon damals war ein stetes Quantum notwendig, damit ihm der körperliche Entzug nicht noch weiter zu schaffen machte. Als schließlich seine Frau starb, war es schnell um ihn geschehen. Ohne Struktur und Kontrolle wurde aus dem Bier Weinbrand und aus Gleichmut Hoffnungslosigkeit. Als man ihn eines Tages ins Krankenhaus einlieferte, gaben ihm die Ärzte aufgrund seines Zustandes noch ein Jahr zu leben. Um mit dem Trinken noch aufzuhören und damit seine Gesundheit zu retten, dafür schien es schon lange zu spät zu sein. Er entschuldigte sich bei seiner Familie zu gegebener Zeit und starb bald darauf.

Väterlicherseits war es nicht viel anders, die Großeltern kamen aus ihrer Armut nie heraus. Eine Eigenheit, die meinen Opa am meisten prägen sollte, waren seine Wutanfälle. Die liefen schon mal darauf hinaus, dass er beim Essen mit der Familie den ganzen Topf voll Braten wutentbrannt aus dem Fenster warf, wenn eins der Kinder etwas Falsches sagte. Dazu sei gesagt, dass es zu der Zeit nicht oft Fleisch gab, was die Sache natürlich nicht vereinfachte. Das Schicksal ersparte ihm die Sucht nur insofern, dass er einfach zeitlebens kein Geld hatte, um regelmäßig ein Wirtshaus zu besuchen.

Mein Großvater sah seine Fehler erst ein, als ich auf de
r Welt war und die Liebe zu seinem Enkelkind endlich sein Herz öffnete. Den Herzfehler, den er aus der Gefangenschaft mit nach Hause brachte, konnte man mit Hilfe eines Herzschrittmachers in den Griff bekommen. Leider waren in den Siebzigern diese Geräte noch nicht besonders ausgreift und so wollte es das Schicksal, dass sein Herzschrittmacher versagte, als er die Fenster putzte. Der Sanitäter erklärte uns, dass sich wohl ein Kabel gelockert habe. Wie auch immer das genau ablief, bekam ich als zehnjähriger Stöpsel nicht mit, auf einmal stand jedenfalls der Pfarrer in der Küche, Opa lag auf der Eckbank und meine Mutter weinte.

Die Trinkerkarrieren seiner Kinder verliefen unterschiedlich. Meine Tante war die Intellektuelle von den Dreien. Ihr spielte das Leben zwar seitens der Partnersuche übel mit, allerdings war sie in jeder Beziehung die Vernünftigste von den drei Kindern und verfiel keinen Süchten.

Mein Onkel väterlicherseits, war schlichtweg ein „normaler Trinker“ – wobei diese Definition heute nicht mehr zeitgemäß erscheint. Er hatte einfach das Glück, zeitlebens keinen spürbaren körperlichen Schaden dadurch zu nehmen. Dass man nicht betrunken Auto fährt, ist allerdings nie bis zu ihm durchgedrungen. Einzig als ihm seine einfach strukturierte Frau das sprichwörtliche Messer auf die Brust setzte und sagte „entweder das Bier oder ich“, hörte er auf. Er trank zwar sehr wohl noch eine ganze Weile heimlich, aber am Ende seines Lebens kam er komplett von Alkohol los, ohne jemals einen Arzt deswegen konsultiert zu haben. Auf seine Gesundheit achtete er trotzdem nicht genügend. Statt zu trinken, rauchte er bis zu seinem letzten Tag. Eines Tages ereilte ihn der Herzinfarkt im Treppenhaus, die Einkauftüten noch in der Hand.

Bleibt noch mein Vater zu erwähnen. Er war eigentlich ein kluger Kopf gewesen. Aber wie es
nach dem Krieg so war, hatte er, wie viele in seiner Generation, nicht die Möglichkeit sein geistiges Potential voll auszuschöpfen. So blieb ihm nur die Möglichkeit, mit seiner Hände Arbeit zu versuchen, aus dem Sumpf des Proletarier-Daseins zu entkommen. Eine Hochschule für arme Kinder gab es eben nicht. Er tat also das, was er ein Leben lang am liebsten tat: lesen, lernen, noch mal lesen und immer nach vorne schauen....


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