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Brixton Hill

Roman.
von Zoë Beck
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Produktdetails

Titel: Brixton Hill
Autor/en: Zoë Beck

EAN: 9783641113094
Format:  EPUB
Roman.
Heyne Verlag

9. Dezember 2013 - epub eBook - 384 Seiten

Wir finden dich. Halte dich bereit! London, in einem der Luxushochhäuser von Canary Wharf: Erst fällt die Klimaanlage aus, dann der Strom. Sämtliche Ausgänge sind verriegelt, und Rauch strömt aus den Belüftungsschächten. Em muss hilflos zusehen, wie ihre Freundin im 15. Stock panisch ein Fenster zertrümmert und hinausspringt. Kurz darauf wird Em verhaftet. Sie soll sich in die Computer des Gebäudes gehackt und die Freundin dadurch in den Tod getrieben haben. Jemand spielt ein falsches Spiel. Und macht Jagd auf Em ...
Zoë Beck, geboren 1975, lernte Klavier und studierte Literatur. Nach diversen Film- und Theaterjobs arbeitet sie heute als Autorin und Übersetzerin. Für ihre Romane und Kurzgeschichten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis.

Kapitel 2

Dabei war Kimmy Rasmussen überhaupt nicht lebensmüde. Warum auch. Kimmy stand mindestens fünfmal am Tag zufrieden, wenn nicht sogar glücklich am Fenster ihres neuen Büros im fünfzehnten Stock des Limeharbour Towers und schaute hinaus. Vor ihr, oder eigentlich unter ihr, die Großbaustelle für den nächsten Tower, dahinter die vergleichsweise niedrigen alten Wohnblocks und Reihenhäuser, wie man sie in ein paar Jahren hier nicht mehr finden würde. Auch nicht die Menschen, die darin lebten.

Die strenge, klare Architektur der Wolkenkratzer von Canary Wharf hatte Kimmy von Anfang an geliebt. Und auch wenn sie erst einmal mit einem Randplatz vorliebnehmen musste, auch wenn der Ausblick in die falsche Richtung ging – zur Baustelle statt zum One Canada Square –, war Kimmy Rasmussen weit davon entfernt, sich schlecht zu fühlen oder gar ihr Leben beenden zu wollen.

Sie wartete auf Emma Vine, der allein sie es zu verdanken hatte, dass sie den neuesten Auftrag für ihre Agentur an Land ziehen konnte. Vor einem halben Jahr etwa hatten sie sich auf einer Veranstaltung kennengelernt und auf Anhieb gut verstanden. Em war die Frau in der Entertainmentbranche, wenn es darum ging, Liveshows zu inszenieren. Rockstars, Fashion Events, Filmpremieren – Em hatte alle großen Namen in ihrem Portfolio. Kimmy war weniger künstlerisch kreativ, hatte dafür aber ein Händchen für Finanzen und einen Instinkt für gute Geschäfte. Die perfekte Ergänzung.

Das war die berufliche Seite. An Kimmys Privatleben gab es, zumindest seit einigen Monaten, ebenfalls nichts auszusetzen. Nach einer Reihe unbedeutender Liebhaber war sie nun auf einen getroffen, der möglicherweise der vielzitierte Richtige war. Wie sie war er gebürtiger Kanadier, und wie sie liebte er London, gutes Essen und
harten Sex.

Außerdem verstand sie sich gut mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern, erfreute sich bester Gesundheit und bewohnte mit zwei netten Spanierinnen ein hübsches Appartement in Bermondsey. Und wie schon erwähnt, würde sie gleich Emma Vine in ihrem Büro empfangen, um auf den gewonnenen Pitch anzustoßen und die Einzelheiten der Projektumsetzung zu besprechen: die Verleihung der British Academy Film Awards. So etwas wie die Oscarverleihung, nur eben in England. Kimmy hatte keine Angst vor dieser Aufgabe, von der manche denken mochten, sie sei zu groß für ihre vergleichsweise kleine Agentur. Sie freute sich darauf. Sie war stolz. Sie hatte Pläne. Sie hoffte darauf, Em für eine dauerhafte Zusammenarbeit gewinnen zu können.

Es gab also wirklich keinen Grund für Kimmy Rasmussen, unglücklich zu sein. Trotzdem würde sie in weniger als einer Stunde aus dem Fenster des fünfzehnten Stocks springen.

Vermutlich fing alles an, als das Internet streikte. Vielleicht war es aber auch zuerst die Klimaanlage, die ausgefallen war. Irgendwann bemerkte Kimmy, dass sich die Temperatur im Raum verändert hatte. Sie hielt schon den Telefonhörer in der Hand und wollte die Nummer des Portiers wählen, als Em hereinkam und sagte:

»Leg wieder auf. Ich weiß, ich bin spät.«

»Ich wollte gar nicht dich anrufen«, sagte Kimmy und legte auf.

»Ich bin mit dem Fahrstuhl stecken geblieben.« Em zog den schwarzen Ledermantel nicht aus. »Kalt habt ihr’s hier drin.« Sie ließ sich auf den Besucherstuhl vor Kimmys Schreibtisch fallen und schlug die langen Beine übereinander.

»Was?«

»Nicht so kalt wie draußen, aber …«

»Nein, ich meine den Aufzug.«

Em verdrehte die Augen und winkte ab. »Das hat ke
ine halbe Minute gedauert.«

Kimmy schüttelte den Kopf. »So etwas darf nicht passieren. Und dann?«

»Dann ging’s weiter. Einfach so.«

»Hast du den Alarm …«

»Nein. Ich dachte, ich warte erst mal ab.«

So war Em: überlegt, kühl. Kimmy fragte sich, was passieren musste, um sie aus der Reserve zu locken. Und wie es wohl in ihr aussah.

»Ich hätte nach einer Viertelsekunde den Alarmknopf gedrückt.«

Em grinste und lehnte sich zurück. Kimmy nahm wieder den Telefonhörer auf, doch der Portier wusste auch nur zu berichten, dass es kleinere Störungen im ganzen Tower gab, um die man sich unverzüglich kümmern würde.

Als Kimmy wenige Minuten später die Eventkalkulation auf dem Server ihres Rechners aufrufen wollte, reagierte dieser immer noch nicht. Dann wurde der Bildschirm schwarz. Sie konnte auch nicht mehr telefonieren. Kimmy wollte etwas zu Em sagen, doch laute Rufe vom Flur schnitten ihr das Wort ab. Em sprang auf und lief aus dem Büro. Kimmy brauchte einen Moment. Etwas hielt sie fest, eine alte Angst, die sich regte. Sie musste sie abschütteln, um Em zu folgen.

»Jemand steckt im Aufzug fest«, sagte Jono, einer ihrer Praktikanten, als sie zu ihnen kam. Ihr Buchhalter hämmerte sinnlos gegen die geschlossenen Aufzugstüren. Dahinter hörte man eine Frau aufgeregt rufen.

»Bestimmt geht es gleich weiter«, sagte Em. »Vorhin ist er auch schon mal kurz stecken geblieben.«

Die Frau aus dem Off rief weiter um Hilfe.

»Im ganzen Gebäude ist der Strom ausgefallen«, sagte Jono. »Das Internet streikt auch.«

»Wozu hat man Smartphones?«, sagte jemand im Hintergrund.

Kimmy sah, wie Em die Schultern hochzog. »Wir können nur hoffen, dass sic
h schnell jemand darum kümmert.« Sie schob den Mann, der weiter gegen die Aufzugstür schlug, beiseite und sagte zu der eingeschlossenen Frau, Hilfe sei unterwegs, sie solle sich möglichst ruhig verhalten. Es half nichts, die Frau schrie weiter.

»Panikattacke«, sagte Em, und Kimmy musste denken, dass Em bestimmt noch nie in ihrem Leben eine Panikattacke gehabt hatte. Nicht Em.

Für Kimmy war Angst eine Zeit lang ihr ständiger Begleiter gewesen. Der Grund dafür lag allerdings schon viele Jahre zurück. Damals hatte sie noch in Toronto gelebt. Mit ihrem Freund war sie abends im Bovine Sex Club verabredet gewesen, einem angesagten Indie-Club, der zwischen Chinatown und dem Fashion District lag. Es sollte eine junge kanadische Band namens Metric auftreten, und was Kimmy vorab von der Band gehört hatte, gefiel ihr. Sie freute sich auf den Abend.

Das Konzert fand nicht statt, denn irgendjemand versprühte Reizgas. Massenpanik brach aus. Kimmy stürzte zu Boden, und die Leute trampelten über sie hinweg. Sie spürte, wie ihre Rippen brachen, und das Atmen fiel ihr schwer, nicht nur wegen der Schmerzen, sondern auch, weil das Gas in Nase und Hals brannte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis jemand sie hochriss und hinaustrug, doch bis dahin hatte sie schon so schlimme Quetschungen und Prellungen besonders im Bereich der Wirbelsäule erlitten, dass sie drei Monate lang im Krankenhaus liegen musste.

Während der ersten Wochen war sie überzeugt gewesen, nie wieder laufen zu können. Sie hatte kein Gefühl in den Beinen. Sie versuchte, sich ein Leben im Rollstuhl vorzustellen. Man gab ihr Antidepressiva und Beruhigungsmittel, damit sie diese Gedanken ertrug. Ihr Freund erwies sich wieder einmal als Feigling – nicht er hatte sie aus dem Club gerettet, wie sie nun wusste, sondern ein Fremder – und verließ sie. Kimmy hielt ihn nicht auf.
Tag für Tag lag sie da, starrte an die Decke, weinte, haderte, hasste.

Aber es kam alles in Ordnung. Die Schwellungen gingen zurück, sie spürte ihre Beine wieder, nichts war dauerhaft geschädigt. Nur die Angst hatte sich festgesetzt. Man attestierte ihr eine posttraumatische Belastungsstörung und schickte sie zur Therapie. Sie brauchte lange, bis sie sich wieder in Menschenmengen traute. Bis sie nicht mehr in jedem Gebäude als Erstes überprüfte, wo die Notausgänge waren. Keine Heulkrämpfe mehr bekam, wenn im Fernsehen Bilder von Tränengaseinsätzen gegen Demonstranten zu sehen waren. Heute, gute zehn Jahre später, waren diese Ängste nur noch ein Schatten, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als der Feueralarm im Limeharbour Tower losging.

Rauch quoll in den Flur.

Kimmy hörte nicht, was Em zu ihr sagte. Sie starrte auf den sich ausbreitenden weißen Nebel und versuchte zu verstehen, was gerade geschah. Wo sie war. Für einen Augenblick sah sie nämlich die leere Bühne vor sich, die bunten Scheinwerfer, wie vor zehn Jahren im Bovine.

Um Kimmy herum aufgeregtes Schreien, atemloses Husten. Sie spürte, wie sich ihre Kehle verengte. Sie wollte nicht atmen müssen, gleichzeitig forderte ihr Körper, dass sie es tat, und kaum, dass sie Luft geholt hatte, brannten ihre Schleimhäute, als hätte man sie verätzt.

Tränengas. Oder Schlimmeres. Gift. Dieser Rauch war vergiftet. Die Bühne blitzte wieder auf, und Kimmy hörte das anschwellende Gemurmel Hunderter Menschen. Jemand schrie: »Raus hier, sofort!«, und Kimmy sah sich nach der Stimme um. Vier oder fünf ihrer Kollegen, sonst war dort niemand. Sie konnte nicht ausmachen, wer gerufen hatte. In ihren Ohren rauschten unzählige Stimmen durcheinander, alle in Angst, alle in Not.

Sie drückte sich gegen die Wand. Wusste, dass sie sterbe
n würde. Wenn sie hier noch weiter dieses Gift einatmete, würde sie sterben. Sie spürte, wie es in ihren Körper kroch. Es zerstörte sie von innen, lähmte die Muskeln. Ließ sie Dinge sehen und hören, die nicht sein konnten.

Jemand rief: »Die Notausgänge sind blockiert.« Diesmal konnte sie die Stimme zuordnen. Es war der Buchhalter.

Kimmy sah sich weiter um, den Körper fest gegen die Wand gepresst. Sie sah Em, die sich um Jono kümmerte, der nun mit geschlossenen Augen auf dem Boden lag.

Auf dem...


"Schnörkellos, spannend, aktuell, ungekünstelt und immer wieder verblüffend. (...) Besser kann ein Krimi nicht sein."

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Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Besser auf Papier lesen! - von Ulminpoika - 04.05.2014 zu Zoë Beck „Brixton Hill“
Meine schlechte Bewertung richtet sich eher auf das ebook als auf das Buch an sich. Der Krimi ist recht unterhaltsam, auch wenn er bei der ständigen Erwähnung von Facebook und Twitter schon sehr gezwungen daher kommt. In ein oder zwei Jahren wird er daruch nicht mehr lesbar sein. Man sollte das Buch jedoch eher auf Papier lesen. Die Schrift ist bedingt durch den Font irgendwie sehr hellgrau. Das Lesen auf meinem Sony PRS-T2 war nicht sehr angenehm, im Vergleich zu anderen ebooks. Während die Kapitelüberschrift noch in tiefschwarz gehalten ist, liest sich der Inhalt in etwa wie der Servive Bereich ganz unten auf ebook.de.
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