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Ich esse gar kein Sauerkraut - Die Autobiografie

Drei Monate im Leben eines Managers.
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Produktdetails

Titel: Ich esse gar kein Sauerkraut - Die Autobiografie
Autor/en: Gus Backus

EAN: 9783940873743
Format:  EPUB
Drei Monate im Leben eines Managers.
hansanord Verlag

1. Januar 2012 - epub eBook - 280 Seiten

"Ich kenne Sie. Mit dem Song 'Da sprach der alte Häuptling der Indianer' bin ich groß geworden in den 1960ern."
Wenn man das sagt, antwortet Gus Backus: "Oh, das tut mir leid. Ich entschuldige mich dafür." Der Song hängt ihm nach. Dabei hat er ganz andere Musik gemacht, R & B, Doo Wop, damals, Mitte der 1950er Jahre in Amerika, mit seiner Gruppe "Del Vikings", die Wikinger. Da war er bei der Air Force und hat sich mit vier anderen Musikern zusammengetan. Sie waren drei schwarze und zwei weiße Musiker - und die erste erfolgreiche gemischtrassige Band in den USA. Ihr Song "Come, go with me" wurde millionenmal verkauft.
Doch dann kam der Einberufungsbefehl nach Deutschland, nach Wiesbaden. Der Karriereknick - so sah es zumindest aus. Doch dann wurde er auch hier entdeckt, von der Plattenfirma Polydor. Da war er gerade mal zwanzig. Sah aus wie eine Mischung aus James Dean und Horst Buchholz. Und sie haben ihm seinen neuen Stil verpasst. Er sang über Indianer (er kam ja schließlich aus Amerika), "Brauner Bär und weiße Taube" - und eben den "Häuptling"; er spielte in zahlreichen Filmen in den 1960er Jahren mit und sang dabei, zum Beispiel den "Mann im Mond" im "Schwarzen Rössl". Das waren alles Riesenerfolge. Und er verdiente eine Menge Geld. Und hatte zunächst auch Glück in der Liebe. Verliebt - verlobt - verheiratet. Und drei Kinder.
Doch allmählich ließ der Erfolg nach. Alkohol und Aufputschmittel, die erste Ehe ging in die Brüche. Da traf er seine große Liebe, Heidelore, die beim Fernsehballett war. Neue Heirat, kurzes Glück, zwei weitere Kinder. Dann ging auch diese Ehe schief. Der Alkohol ist geblieben, und dazu kamen noch Schulden. Also Flucht in die USA.
Neu anfangen. Doch es klappte nicht. Er schuftete auf den Ölfeldern in Texas, bei einem Fensterbauer, heiratete wieder und lebte in einem Wohnmobil. Comeback-Versuche in Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren brachten keinen durchschlagenden Erfolg. Doch dafür traf er seine große Liebe Heidelore wieder, kurz nachdem seine dritte Frau Byra nach langer Krankheit gestorben war, und sie haben noch einmal geheiratet. Das große Glück.
Jetzt tritt Gus Backus wieder auf, in Stadthallen mit der Band "Teddy und die Lollipops", und freut sich, wenn er die Leute mit seinen alten Hits vom Hocker reißen kann.

6. Kapitel


"Singen Sie das mal"



Karin wohnte noch bei ihrer Mutter, Auguste; ihr Bruder Marcel, der aber von allen nur Max genannt wurde, hatte im selben Haus in der Westendstraße in Wiesbaden eine Wohnung. Er war als Kriegsversehrter aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekommen und konnte nicht mehr arbeiten. Er hatte einen Lungendurschuss erlitten und hatte einen Zugang in der Brust für Medikamente, musste einen Verband tragen und die Wunde jeden Tag säubern und den Verband wechseln. Da ich bei der Air Force eine medizinische Ausbildung zum Sanitäter durchlaufen hatte, konnte ich ihm dabei helfen. Das war quasi meine erste direkte persönliche Berührung mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Als ich 1957 im Sommer nach Deutschland gekommen war, hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass die Deutschen vor nur etwa zwölf Jahren noch der „Feind“ gewesen waren und mit den Amerikanern im Krieg gelegen hatte.

Marcel sprach kein Englisch, ich sprach noch nicht richtig Deutsch, eine Unterhaltung war nicht wirklich möglich. Aber er hat mir den Fußball erklärt, bei der Weltmeisterschaft 1958, die damals in Schweden stattfand. Ich fragte auf Englisch, und er erklärte mir die Regeln in Deutsch und mit Händen und Füßen. Brasilien wurde Weltmeister mit dem damals 17-jährigen Pele, und er hat meine Begeisterung für den Fußball geweckt. Ich war ja ein begeisterter Baseball-Spieler gewesen, wollte eigentlich Baseball-Profi werden, aber ich war nicht gut genug.

Einmal saßen wir in seinem Wohnzimmer und sprachen über meine Musiker-Karriere bei den Del Vikings und über unsere Erfolge mit „Come Go With Me“, „Whispering Bells“ und „Cool Shake“. Ich zeigte ihm Zeitungsausschnitte, wo uns die goldene Schallplatte für „Come Go With Me“ &uum
l;berreicht wurde. „Come Go With Me“ war 1957 auch in den deutschen Charts. Wir waren mit der Platte die Nummer eins gewesen in Johannesburg in Südafrika, in Tokio ...

„Mensch, du bist so ein toller Musiker, du hattest so viel Erfolg in Amerika. Wieso willst du es nicht hier probieren mit der Musik?“

„Aber ich kenne hier keinen Produzenten und keine Plattenfirma. Wie soll ich das machen?“

Da ging er zum Schrank mit den Schallplatten und zog eine Platte von Freddy Quinn heraus – als großer Freddy-Quinn-Fan hatte er jede Menge Platten von ihm. „Polydor“ las er vor. „Da schreibst du hin“, entschied er.

Karin und Max halfen mir also, einen Brief an die „Polydor Hamburg“ aufzusetzen. „Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin ein amerikanischer Rhythm & Blues-Sänger und habe in Amerika mit der Band „The Del Vikings“ und „Come Go With Me“ großen Erfolg gehabt. Inzwischen lebe ich in Deutschland …“ Dann legten wir den Zeitungsausschnitt mit dem Foto vom Überreichen der goldenen Schallplatte bei – und warteten, was passieren würde.

Es dauerte keine zwei Wochen, da kam ein Brief mit einer österreichischen Briefmarke, ein Schreiben aus Wien, von der Musikproduktion Süd: „Die Polydor Hamburg hat Ihr Schreiben an uns weitergeleitet ...“ Ob ich Interesse hätte, auf Deutsch zu singen. Ja, dachte ich, ich hätte Interesse, auf Deutsch zwei Bier zu bestellen. So stand es mit meinen Deutschkenntnissen. Jedenfalls bekam ich kurz darauf eine Einladung vom Produzenten Gerhard Mendelsohn von der „Musikproduktion Süd“, die für die Polydor Hamburg produzierte. Er schlug ein Treffen im „Königshof“ in München vor, und ich fuhr mit dem Zug von Frankfurt nach München und begab mich dorthin. Wir trafen uns in der Halle des H
otels. Gerhard Mendelsohn, untersetzt, breitschultrig, rote Haare, rauchend, er rauchte Kette, wie ich feststellte, musterte mich jungen Burschen prüfend. Ich hatte ihm Platten von meiner Gruppe The Del Vikings mitgebracht, und er versprach, sich wieder bei mir zu melden. Zwischendurch bekam er einen Hustenanfall, dass ich dachte, er tut jeden Moment seinen letzten Schnaufer, doch das hinderte ihn nicht am Rauchen.

„Siehst du, das klappt schon“, sagte Max nur, als ich wieder zurück war.

Ich hatte meine Zweifel, doch schon kurz darauf bekam ich eine Einladung nach Wien, um Probeaufnahmen zu machen. Ich konnte es nicht fassen. Vielleicht konnte ich ja doch mit Musik mein Geld verdienen. Gelernt hatte ich ja nichts, keinen „richtigen“ Beruf. Bei der Luftwaffe in Pittsburgh hatte ich eine medizinische Ausbildung zum Sanitäter gemacht, EKGs, Blutabnahme, Spritzen geben, hatte im Labor gearbeitet, in der Apotheke und bei Flugtauglichkeitsuntersuchungen der Soldaten. Irgendwie musste ich ja nun auch hier Geld für die Familie verdienen.

Also fuhr ich nach Wien. Im Keller des Wiener Konzerthauses, wo die Firma Polydor ihre Plattenaufnahmen machte. Sie zeigten mir einen Song: „Have you ever had the Blues“. „Wir haben einen deutschen Text dazu: Ich bin traurig, wenn du gehst. Singen Sie das mal.“

Der sehr nette Wiener, der auch Gerhard hieß, sprach mir alles phonetisch vor, ich zimmerte mir den sperrigen deutschen Text nach meinem eigenen phonetischen Empfinden zurecht und übte die Aussprache. Es sind viele Tricks nötig, um deutsche Wörter so auszusprechen, dass sie verständlich sind. „Erinnerung“ ist auch so ein Eiger-Nordwand-Wort. Aber ich stellte fest, dass es eigentlich drei Wörter sind: Er-inne-rung. Und dann ging es. Nur nicht zu schnell.

Auf die Rückseite sollte die deutsche Fassung des Elvis Presley-Hits von 1959
„A Fool such as I“ kommen, zu Deutsch: „Ab und zu“.

Die Charts in Deutschland waren in den 1950er Jahren fast gänzlich bestimmt von englischen und amerikanischen Titeln. Von Chuck Berry, den Everly Brothers mit „Bye, bye Love“, Pat Boone, Buddy Holly, Harry Belafonte mit dem „Banana Boat Song“, man kann sie gar nicht alle aufzählen – und dazwischen der deutsche Schlager mit Freddy Quinn, „Heimatlos“, oder mit Peter Alexander und natürlich mit Peter Kraus und „Hula Baby“, irgendwie ganz verstreut.

Da war es wohl schwer, mit einem deutschen Titel zu „punkten“.

Die Platte „Ab und zu“ kam heraus, doch sie wurde kaum beachtet. Auch weitere Platten dümpelten in den Regalen vor sich in. War meine neue Musiker-Karriere schon zu Ende, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte?

Der nächste Versuch hieß: „Wenn ein schönes Mädchen weint“ – „Wenn ain shoenes Mad-chen weint“. Da war ich überzeugt, diese Platte müsste ein Erfolg werden. Doch wieder wollte kaum einer die Platte kaufen. Ein Redakteur des WDR, wo ich eine Sendung machte, sagte mir einmal: „‘Wenn ein schönes Mädchen weint‘ ist ein richtig guter Song. Ich hab den Titel immer geliebt.“ Und ich antwortete: „Tja, geliebt war nicht genug, du hättest die Platte auch kaufen müssen.“

Jetzt war ich überzeugt, dass Gerhard Mendelsohn mich fallen lassen würde. Warum sollte er weitere Aufnahmen produzieren mit einem Sänger, der keinen Erfolg hatte? Doch ich täuschte mich. Wieder kam ein Anruf aus Wien. „Sagen Sie, Gus, Sie sind doch aus Amerika, dem Land der Cowboys und Indianer. Habe Sie irgendetwas mit Indianern zu tun?“

Was für eine Frage. Nein, das hatte ich nicht. Trotzdem sollte ich kommen und eine Platte au
fnehmen, eine Nummer, in der es um Indianer ging. Das war der Song „Running Bear“ von Johnny Preston, eingedeutscht in: „Brauner Bär und weiße Taube“. Sie erklärten mir ungefähr, worum es ging – eine zunächst unglückliche Liebe zwischen einem Indianer und einer Indianerin – ja, das Wasser war viel zu tief –, die dann doch noch zu einem Happy End kam, und ich las bei der Aufnahme meine eigene phonetische Umschreibung ab.

Und dieser Titel lief gut. Es wurden immerhin um die 100.000 Scheiben verkauft. Das war zwar nicht zu vergleichen mit den Verkaufszahlen von „Come Go With Me“, aber es war zumindest nicht schlecht. Doch der Erfolg hielt nicht an bei den nächsten Platten, und ich war schon so weit, dass ich wieder nach Amerika zurückwollte. Aber Karin zögerte. Sie hatte Angst davor, wegzugehen in ein ihr fremdes Land.

Und dann wurde Karin schwanger. Wir würden ein Kind bekommen. Der Kinderarzt am Airbase-Krankenhaus in Wiesbaden, ein Kollege, hatte mich gefragt, als es Richtung Entbindung ging: „Wann wirst du entlassen?“ Er wollte das Kind gern noch auf der Militärbase zur Welt holen – als Freundschaftsdienst.

„Am 27. Juli.“

„Okay. Dann bring deine Frau am 21. Juli her. Und wenn das Kind bis zum 27. Juli nicht kommt, dann häng ich sie an den Tropf.“

„Gut“, sagte ich. „Du kennst dein Geschäft.“

Und am 21. Juli brachte ich Karin gegen sechs Uhr abends in die Airbase-Klinik und ging hinunter in mein Büro. Ich musste EKG-Kurven bearbeiten, auf Papier aufkleben und von Hand Namen und Datum eintragen.

Mein Dienst war schon zu Ende, da klingelte das Telefon, und ein Kollege von der Babystation rief an. „Hey, er ist da – es ist ein Junge“, rief er in den Hörer. „Kannst kommen und ihn dir anschauen. Es ist ein Mo
rdsvieh!“

Ich rannte hinauf in den Kreißsaal und schaute durch die Scheibe, hinter der die neugeborenen Babys nebeneinander in ihren Bettchen lagen. Ich gestikulierte fragend zu der Schwester hinter der Scheibe, dass sie mir zeigen solle, welches Baby es war. Sie deutete auf ein Bettchen, um zu zeigen: Der da ist es. Ja, es war ein Junge, und er war sehr groß, so als wäre er schon ein paar Monate alt. Er wog fast zehn Pfund und war über 60 Zentimeter lang, mit ganz dichten dunklen Haaren, und lag riesig und zufrieden in seinem Bettchen – fehlte nur noch die Pfeife. Obwohl er so groß war, hatte die Geburt nur knapp drei Stunden gedauert.

...

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