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Der Duft der Seerosen

Roman.
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Produktdetails

Titel: Der Duft der Seerosen
Autor/en: Kirsten John

EAN: 9783955204228
Format:  EPUB ohne DRM
Roman.
dotbooks Verlag

29. November 2013 - epub eBook - 294 Seiten

"Endlich erscheint ein anderer Mann, der sie erneut nach dem Codewort fragt.
Waterlily. Hanna wiederholt es auf Deutsch, mehr für sich: Seerose."
Berlin in den 30er Jahren. Hanna wünscht sich nichts anderes, als ein normales Leben zu führen: mit den Freundinnen ins Café gehen, ihren Freund Moritz ins Museum begleiten, von einer glücklichen Zukunft träumen. Doch dann tauchen sie überall in den Schaufenstern auf - die Schilder, auf denen "Juden unerwünscht" steht. Bald gibt es keine Freundinnen an Hannas Seite mehr, und ihre unschuldigen Gefühle für Moritz können ihn in große Gefahr bringen. Doch was kann man tun, wenn das Unfassbare Tag für Tag näher rückt? Hanna fasst einen mutigen Entschluss ...
Ein Roman über das Grauen, das sich in unser Leben schleichen kann, und die Hoffnung, die stärker ist als alles andere.
Jetzt als eBook: "Der Duft der Seerosen" von Kirsten John. dotbooks - der eBook-Verlag.
Kirsten John, geboren 1966 in Hannover, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Für ihren Debütroman Schwimmen lernen in Blau, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde, erhielt sie unter anderem den Niedersächsischen Förderpreis für Literatur und den Kurt-Morawietz-Literaturpreis der Stadt Hannover. Kirsten John machte sich auch als Autorin von Kinder- und Jugendbüchern einen Namen.
Die Website der Autorin: www.kirsten-john.de
Bei dotbooks erschienen bereits ihre Romane "Der Duft ...

Kapitel 1


An jenem Tag, an dem Hanna zur Jüdin geworden war, hatte sie Mohnstriezel bestellt.

Der Glaube war ihr schon früh abhandengekommen: Ihre Großmutter Usch sprach nicht viel darüber, und wenn sie an bestimmten Tagen im Jahr Kerzen anzündete, war sich Hanna nicht sicher, ob es ein jüdisches oder aber katholisches Ritual zum Gedenken an die Toten war. Eine Kerze für den Mann ihrer Großmutter, der eines Tages nicht von der Arbeit zurückgekommen war. Er war Cheforthopäde einer großen Klinik gewesen, und gefunden hatte man ihn vor der hauseigenen Werkstatt im Keller, ein künstliches Bein im Arm, als hätte er sich daran festgeklammert, als sei dieses Fragment von Leben sein letzter Halt gewesen.

Eine Kerze für den Schwiegersohn, der sich von seiner Verwundung im Weltkrieg nur so weit erholt hatte, um eine einzige Tochter zu zeugen und sich anschließend unauffällig im Schlaf davonzustehlen, erleichtert darüber, seine Pflicht sowohl dem Vaterland als auch der Familie gegenüber erfüllt zu haben.

Und schließlich eine Kerze für die Tochter, die nur wenige Jahre danach an Lungentuberkulose erkrankt war und die kleine Tochter der Obhut ihrer Mutter überlassen hatte. „Kümmere dich“, waren ihre letzten Worte gewesen, der Rest war untergegangen in unstillbarem Husten, der endlich enden sollte.

Über Religion war von Uschs Seite kaum mehr zu erfahren. Es gab gute und es gab schlechte Menschen, so sah sie das, und im Übrigen sprach man nicht über den Glauben, genauso wenig wie über Politik. Das war unhöflich. Wie’s drinnen aussah, ging keinen etwas an.

Die Haushälterin Herta allerdings war eine gestandene Katholikin, und so war es kein Wunder, dass Hanna bald lernte, „Jessesmariaundjosef“ zu fluchen, sobald ihr etwas misslang. Als sie noch klein
war und die Mutter gerade erst gestorben, hatte Herta sie ein paar Mal in das dunkle, kalte Gemäuer mitgenommen, das ihr angeblich Trost spenden sollte, doch die kleine Hanna in ihrem Sonntagsstaat hatte dort nichts Tröstliches gefunden. Nur die vielen flackernden Kerzen, die hatten ihr gefallen, und die Frau mit dem Säugling im Arm, von der Herta behauptet hatte, sie sei „unser aller Mutter“. Usch, damals noch rüstig und energisch wie heute, hatte ihr befohlen, der Kleinen keinen Floh ins Ohr zu setzen. Und sowieso durfte Hanna nicht mehr mitgehen, nachdem der Mann in Schwarz herausgefunden hatte, dass sie ein „Judenbalg“ sei, das den Herrn verraten habe. Hanna war erleichtert, beiden Herren, sowohl dem Schwarzen als auch dem Verratenen, nicht mehr begegnen zu müssen.

Also hatte sie später, im Mädchenlyzeum, in die Spalte Religion „keine“ geschrieben. Die Sekretärin hatte das nach Rücksprache mit Herta, die zur Anmeldung mitgekommen war, berichtigt.

Mehr Auswirkungen hatte es zunächst nicht. Es war wichtiger, neben wem man saß, ob und wie rasch man beim Völkerball aufgerufen wurde, wie man den strengen Blicken der Hofaufsicht entkam. Später dann war es von höchster Bedeutung, welches Kleid man trug, welche Zeitschrift und welches Buch man las, wie viel Geld man für die Konditorei übrig hatte. Es gab so etwas wie Alltag, in den man hineinwuchs, und daran konnten auch die Nachrichten nichts ändern. Die braunen SA-Uniformen verschwanden, ihre Nachfolger standen schon parat, es wurden Gesetze erlassen und ermächtigt, aber das war draußen und dazu noch Politik, und wichtig waren die Freundinnen: eine Clique kichernder, gackernder Mädchen, die von der ersten Liebe träumten und Englischvokabeln büffelten.

Und dann kam der Nachmittag in der Konditorei, immer dort, immer war ein Kuchen, war ein Mohrenkopf i
m Spiel, auch wenn sie den nicht aß an jenem denkwürdigen Tag, als sie Jüdin wurde. Sie aß gar nichts, saß da und wartete auf ihre Freundinnen. Die sich verspätet hatten. Die sich sonst nie verspäteten, aber sie wollte nicht allein anfangen, und dem Fräulein sagte sie, sie hätte noch nicht gewählt. Nein, nicht einmal die übliche Schokolade.

Und sie kamen nicht. Zunächst nicht.

Hanna wartete eine Dreiviertelstunde, und das Fräulein war schon dreimal am Tisch gewesen, aber Hanna blieb eisern und wartete, konnte sich das Ganze nicht erklären. War sie ungenau gewesen? Hatte sie den Tag verwechselt? Aber nein: Auf dem kleinen Zettel, den ihr Liesel zugesteckt hatte, mitten in der Geschichtsstunde über die langweiligen Reformen eines Mönchs namens Luther, hatte es „drei Uhr“ geheißen. Sie hatte den Zettel nicht mehr, aber sie war sich sicher. Und einmal meinte sie, das Gesicht von Bärbel an der Scheibe zu sehen, aber das konnte nicht sein, sie wäre ja sonst wohl reingekommen und hätte sich zu ihr gesetzt.

Gerade als sie gehen wollte, kamen sie doch noch, alle fünf. Elisabeth war die Anführerin, mit der hatte sie sich einmal gestritten, aber das war Jahre her, und inzwischen verstanden sie sich gut. Alle fünf kamen herein, mit hochroten Köpfen, als seien sie gelaufen, als hätten sie etwas versteckt, was jetzt gefunden war, und sie setzten sich an den Tisch in der Ecke, neben der ein großer, golden gerahmter Spiegel hing. Kichernd hielten sie sich die Hand vor den Mund, stießen sich an mit verschwörerischen Mienen oder beugten sich über den Tisch wie über eine Beute, die sie bewachten. Eine nur, es war Bärbel, hielt den Kopf gesenkt.

Hanna, die annahm, die Freundinnen hätten sie nicht gesehen, hatte schon die Hand erhoben, als sie Elisabeths Gesichtsausdruck im Spiegel sa
h.

Hannas Hand sank hinunter, schwer wie Blei, während ihre Gedanken rasten. Jede Bemerkung, jede Geste der letzten Tage ging sie durch, jedes scheinbare Missverständnis, jede Begebenheit. Hatte sie an Effis Frisur etwas auszusetzen gehabt? Die Mutter von Lotte zu grüßen vergessen? Hatte sie Bärbel nicht abschreiben lassen oder Uschi im Turnen zu hart bei der Stütze angefasst?

Und dann fiel es ihr ein, das unterbrochene Gespräch auf dem Schulhof am Mittag, die verlegenen Mienen der Freundinnen, als sie sich wie jede Pause zu ihnen gesellt hatte. Etwas spät, weil sie noch die Tafel hatte wischen müssen. „Wir werden es ihnen schon zeigen“, hatte Elisabeth gerade gesagt.

„Wem wollen wir etwas zeigen?“, hatte Hanna atemlos gefragt und keine Antwort erhalten.

Dann hatte Bärbel hastig nach der Englischaufgabe gefragt, und Hanna hatte die Sache vergessen.

Bis jetzt. Jetzt hatte sie ihre Antwort, und die Welt stürzte ein, ganz leise und zu dem Geruch von Kaffee und Sahne, zu frischem Apfelkuchen und Mohn.

Ihr wurde heiß und kalt, und als das Fräulein jetzt noch einmal an den Tisch kam und fragte, da sagte sie, sie wisse es immer noch nicht. Wie im Taumel stand sie auf, obwohl sie Angst hatte vor den Blicken, die ihr das Rückgrat durchbohrten, und sie vergaß ihren Mantel an der Garderobe und rannte nach Hause.

Es war nicht weit, eigentlich nur um die Ecke, und in der Wohnung angekommen, ließ sie Herta stehen, auch wenn die ihr nachrief, und sie weinte, am Bett ihrer Großmutter weinte sie und weinte und sagte, schuld sei allein, dass sie Jüdin sei. Das sei die Wurzel allen Unglücks.

Usch ließ sie weinen und wartete ab. „Jüdischen Glaubens zu sein, ist keine Schuld“, sagte sie schließlich. „Ebenso wenig wie Katholik zu sein oder was weiß ich. Es gibt gute Mens
chen und schlechte Menschen, das ist alles.“ Und sie sah streng aus, unerbittlich. „Ich möchte, dass du jetzt zurückgehst und deine heiße Schokolade bestellst und dein Stück Kuchen; du wolltest doch Schokolade, nicht wahr? Lass dich nicht vertreiben. Zeig’s ihnen. Das Geld nimmst du aus dem Krug in der Küche, keine Widerrede.“ Beim Hinausgehen rief sie ihr nach, und es klang wie der Satz aus einer Operette: „Wie’s innen aussieht, geht niemanden etwas an.“ Das war eine Arie, musste eine sein.

Und Hanna sang sie innerlich, immer und immer wieder, als sie zurückging in die Konditorei, sich an einen der Tische setzte und der Bedienung sagte, ja, jetzt habe sie sich entschieden. Und sie trank eine Schokolade und aß einen Mohnstriezel und dann noch einen, bis ihr schlecht wurde. Und obwohl sie es kaum mehr aushielt, die Blicke und die demonstrative Ausgelassenheit in der Spiegelecke, blieb sie so lange sitzen, wie es ihr möglich war. Dann bezahlte sie mit dem Geld ihrer Großmutter und ging hinaus, nicht ohne sich vorher langsam, unerträglich beobachtet, den vergessenen Mantel anzuziehen.

Zu Hause schaffte sie es gerade noch auf die Toilette auf halbem Flur, bevor sie sich übergab.

Als sie wieder vor ihrer Großmutter stand, verheult, mit aufgelöstem Haar und hochrotem Gesicht, nickte die ihr zu. „Ich weiß, Kind, es ist hart.“ Und dann ließ sie Hanna sich zu sich aufs Bett legen und streichelte der Weinenden wieder und wieder über die Haare.

***

Wenn es doch bloß einmal still stehen würde! Wenn es nur eine Minute ruhig wäre, dann könnte sie sich einrichten, sich umsehen, vielleicht irgendwo eine Tasse Tee bekommen, aber daran ist nicht zu denken bei dem Geschaukel. Das schlingert nicht, das rollt, vor und zurück und seitwärts.

„Da gewöh
nst du dich dran“, sagt ihre Zimmergenossin Inge, eine Frau mit niedriger Stirn und dunklen Augen.

„Ja, gewiss“, erwidert Hanna tapfer, denn was bleibt ihr auch schon übrig, wie’s drinnen aussieht, geht schließlich keinen etwas an, schon gar nicht die dunkle, haarige Inge, die so anders aussieht, als ihr Name klingt. Inge. Das klingt hell, fröhlich, das klingt vor allen Dingen blond.

Jetzt muss sich Hanna...


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