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Hass, Neid, Wahn

Antiamerikanismus in den deutschen Medien. 40, teils farb…
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Produktdetails

Titel: Hass, Neid, Wahn
Autor/en: Tobias Jaecker

EAN: 9783593422633
Format:  PDF
Antiamerikanismus in den deutschen Medien.
40, teils farbige Abbildungen.
Campus Verlag

13. Februar 2014 - pdf eBook - 409 Seiten

Wildwestgebaren, Raubtierkapitalismus, Hollywoodschund - die Klage über vermeintlich typisch amerikanische Zustände ist in Deutschland verbreitet. Tobias Jaecker fragt nach den Ursachen, der Funktionsweise und den Auswirkungen des Antiamerikanismus. Er untersucht dazu mediale Kontroversen aus Politik, Wirtschaft und Kultur: von 9/11 über Obama bis zur Finanzkrise. Im Mittelpunkt der Analysen stehen die alltäglichen stereotypen Bilder, die in Zeitungsartikeln, Filmen und Popsongs, aber auch auf Zeitschriftencovern und in Karikaturen zum Vorschein kommen. Das Ergebnis führt eindringlich vor Augen, dass der Antiamerikanismus im 21. Jahrhundert als Welterklärungsmuster dient, um gesellschaftliche Umbrüche und Missstände scheinbar schlüssig zu deuten. Er kann sich so zu einer gefährlichen Ideologie verdichten.
Inhalt

Dank9

1.Einleitung11
1.1 Kontroversen und Leerstellen: Der Forschungsstand13
1.2 Fragestellung und Vorgehen21
Zum Diskursbegriff25
Stereotype und Deutungsmuster28
Kritische Diskursanalyse30
Aufbau des Buches33

2. Der antiamerikanische Diskurs37
2.1 Politik 37
"Das passiert nicht ohne Grund": Die Anschläge vom 11. September37
"Selbst gemacht": Die 9/11-Verschwörung40
"Antideutsche Drohkulisse": Donald Rumsfelds "neues Europa"50
"Am amerikanischen Wesen soll die Welt genesen": US-Außenpolitik56
"Als Hitler mit Hitler vergolten wurde": Deutschland im Bombenkrieg63
"Demokratischer Faschismus": Die amerikanische Öffentlichkeit67
"Der Colt als Leitkultur": Amokläufe in den USA70
"Wildwest-Justiz": Das amerikanische Rechtssystem74
"Missionierender Irrer": US-Präsident George W. Bush78
"Die Macht der >Kosher Nostra<": Die Israel-Lobby83
"Das andere Amerika": Michael Moore & Co.91
"Barack, Obama uns!": Die Präsidentschaftswahl 200894
"Wie viel Bush steckt in Obama?": Barack Obama als Präsident99
Detailanalyse: Der Spiegel-Artikel "Wie man Terroristen fördert"103
Resümee125
Tobias Jaecker, Dr. phil., ist Kommunikationswissenschaftler, Politikwissenschaftler und Historiker. Er arbeitet als Redakteur beim RBB-Hörfunkprogramm Radioeins.
1. Einleitung

'USA aufs Maul' - 'raus aus 36'. Diese Graffiti prangen an der Fassade eines kleinen Cafés zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal im Berliner Szeneviertel Kreuzberg 36. Und: 'fart cafe, shit cake, fuck off'.

Es ist ein Tag im August 2011. Im Gastraum steht Kris Schackman hinter der Theke. Der 35-Jährige kommt ursprünglich aus New York. Das Café hat er ein halbes Jahr zuvor mit einer Freundin eröffnet. Es gibt Torten, Tees und selbstgerösteten Bohnenkaffee. Auf die Frage nach den Graffiti reagiert Schackman ratlos: 'Ich bin doch nicht die USA.' Er erzählt, dass die Fassade bereits mehrmals beschmiert wurde. Mit Sprüchen wie 'Tourist Fick', 'Pissladen' und 'Kill USA'. Der Eingangsbereich sei eines Morgens mit einer klebrigen Masse aus Eiern und Zucker verschmutzt gewesen. Schackman sagt, dass man ihn für die steigenden Mieten im Bezirk verantwortlich mache: 'Aber ich kann doch auch nichts dafür. Ich habe den Laden nur gemietet. Es ist nicht mal eine Kette.' Und wie zur Entschuldigung: 'Ein Kaffee kostet bei uns gerade mal 1,50 Euro. Das ist weniger als in den meisten anderen Läden in der Gegend hier.' Dann sagt er noch, dass Kreuzberg ja eigentlich als liberal gelte. 'Aber die Leute, die diese Graffiti sprühen, sind so hasserfüllt.'

Oberflächlich betrachtet ist es der Unmut über die Gentrifizierung, der sich hier Bahn bricht. Unmut über die schleichende Aufwertung eines Stadtteils, in dem sich einkommensschwache Anwohner das Leben kaum noch leisten können. Doch warum werden die USA oder gar ein junger Amerikaner für diese Entwicklung verantwortlich gemacht?

Über Amerika und dessen Einfluss in der Welt wird in Deutschland heftig gestritten. Ein Antiamerikanismus, der sich wie hier geschildert gegen Objekte oder einzelne Amerikaner richtet, stellt dabei die Ausnahme dar. In der öffentlichen Debatte zeigt er sich dafür umso offener. In Zeitungen, in Funk und Fernsehen, im Internet. Von links bis rechts, quer durch die Gesellschaft. Antiamerik
anische Meinungen sind breit akzeptiert - selbst unter Menschen, die sich als fortschrittlich verstehen. Auch wenn das die Meisten weit von sich weisen. Antiamerikanismus? Wer das Thema heute anspricht, bekommt oft zu hören: Das war doch nur eine Folge der politischen Sünden von US-Präsident Georg W. Bush. Den haben die USA kräftig selbst befeuert: mit dem Irak-Krieg, Guantanamo, Abu Ghraib.

Als ich im Jahr 2007 mit der Arbeit an diesem Buch begonnen habe, war Bush noch im Amt - und die antiamerikanische Stimmung auf einem Höhepunkt. Die Frage, wie sich dies nach einem Regierungswechsel entwickeln würde, versprach spannend zu werden. Obgleich die Politik nur einen Aspekt darstellt. Weniger beachtet ist, dass sich der Antiamerikanismus auch im Zusammenhang mit wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen zeigt. Vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Krisen. Zeiten der Unsicherheit und Angst, in denen viele Menschen nach Hintergründen, Verantwortlichen oder Schuldigen fragen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 markieren den Beginn einer solchen Phase. Der US-geführte 'War on Terror', die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008, aber auch kulturelle Veränderungen durch das Internet haben den Beginn des neuen Jahrhunderts geprägt.

Ziel dieser Untersuchung ist es, die Elemente und Erscheinungsformen des Antiamerikanismus im medialen Diskurs in Deutschland aufzuzeigen und so zu einer besseren Erklärung des Phänomens beizutragen. Die Analyse umfasst vielfältige Medienformen: Zeitungs- und Online-Texte, Sachbücher, Hörfunk- und TV-Beiträge, aber auch Zeitschriftencover, Karikaturen, TV-Filme und Musikvideos. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie der Antiamerikanismus auf der diskursiven Ebene funktioniert - und welche Funktion er für die Individuen und in der Gesellschaft erfüllt.

Um dem verbreiteten Einwand zu begegnen, der Antiamerikanismus stelle nur eine (legitime) Reaktion auf die US-Politik dar, werde ich den Diskurs zunä
chst getrennt in Bezug auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Themen analysieren. So kann ich anschließend herausarbeiten, in welchen inhaltlichen Zusammenhängen der Antiamerikanismus am stärksten ausgeprägt ist und in welcher Form er sich dort zeigt. Der Untersuchungszeitraum umfasst das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, also die Jahre 2001 bis 2010. Es geht dabei ausschließlich um den medialen Diskurs in Deutschland. So kommen auch einige landesspezifische Besonderheiten in den Blick - obgleich dies mitnichten heißen soll, dass der Antiamerikanismus nur ein deutsches Problem darstellt.

1.1 Kontroversen und Leerstellen: Der Forschungsstand

Seit der Jahrtausendwende wird der Antiamerikanismus in der Wissenschaft breit diskutiert - motiviert nicht zuletzt durch die wohl heftigste antiamerikanische Tat der Moderne, die Terroranschläge vom 11. September 2001, sowie deren weltpolitische Folgen. Neuere Länder- und Vergleichsstudien bringen dabei starke Belege für einen weltweiten Aufschwung des Antiamerikanismus. In Bezug auf Deutschland zeigt der Historiker Dan Diner in seinem Essay Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments (2002), dass der Antiamerikanismus eine lange Geschichte hat. Er zeichnet die Entwicklung von der Aufklärung bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nach und diskutiert abschließend kursorisch die Zeit nach dem 11. September. Diner sieht im Antiamerikanismus das 'Ergebnis einer verschrobenen Welterklärung', in der 'Amerika immer wieder als Ursprung und Quelle aller nur möglichen Übel identifiziert' werde. Historisch sei der deutsche Antiamerikanismus auch Ausdruck einer verbreiteten antiwestlichen Einstellung. In vielerlei Hinsicht ähnele er zudem dem Antisemitismus: beide Phänomene seien 'weltanschaulich gehaltene Reaktionen auf die Moderne'. In Deutschland sitze das 'antiamerikanische Ressentiment' dabei 'tiefer [...] als anderswo in Europa', was vor allem mit tief verankerten anti-westlichen Traditionen sowie mit de
r militärischen Niederlage im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu erklären sei.


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