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Wie man eine Wohnung einrichten soll

Stilvolles über scheinbar Unverrückbares.
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Produktdetails

Titel: Wie man eine Wohnung einrichten soll
Autor/en: Adolf Loos

EAN: 9783993007041
Format:  EPUB ohne DRM
Stilvolles über scheinbar Unverrückbares.
Metroverlag

9. Januar 2014 - epub eBook - 128 Seiten

Brauchen wir Möbel "mit Stil"? Und müssen wir unsere Wohnung nach den neuesten Trends einrichten? Adolf Loos wusste eine Antwort darauf: Schluss mit dem Mode-Terror. Damals wie heute gilt: Wer frei wohnen will, der vertraue auf sein eigenes Urteil und auf klassische, praktische Möbel. Denn diese haben sich bewährt, während die neuesten Entwürfe oft nur schicke, aber schlechte Kopien sind. Loos fordert Stilmix statt Garniturdenken, Geschmacksfreiheit statt Einheitsbrei - so amüsant wie zeitgemäß!
Geboren 1870, war Journalist und Architekt. Als scharfer Kritiker der angewandten Kunst gilt Loos heute als einer der Pioniere der modernen Architektur. Adolf Loos starb 1933 in Wien.

Interieurs – ein Präludium

Rechts und links vom Silberhof haben die Tischler ihre Erzeugnisse ausgestellt. Es sind Kojen geschaffen worden und in diesen wurden Musterzimmer aufgestellt. So geschieht es schon seit Jahren bei jeder Ausstellung. Dem Publikum wird auf diese Weise gesagt: So sollst du wohnen!

Das arme Publikum! Selber darf es seine Wohnung nicht einrichten. Da käme ein schöner Gallimathias heraus. Das versteht es gar nicht. Die »stilvolle« Wohnung, diese Errungenschaft unseres Jahrhunderts, verlangt ein außerordentliches Wissen und Können.

Das war nicht immer so. Noch bis zu Anfang unseres Jahrhunderts kannte man diese Sorge nicht. Vom Tischler kaufte man die Möbel, vom Tapezierer die Tapete, vom Bronzegießer die Beleuchtungskörper und so fort. Das stimmte aber doch nicht zusammen? Vielleicht nicht. Aber von diesen Erwägungen ließ man sich auch gar nicht leiten. Damals richtete man sich so ein, wie man sich heute anzieht. Vom Schuster nehmen wir die Schuhe, vom Schneider Rock, Hose und Weste, vom Hemdenfabrikanten Kragen und Manschetten, vom Hutmacher den Hut, vom Drechsler den Stock, keiner kennt den anderen, und doch stimmen alle Sachen zusammen. Warum? Weil alle im Stile des Jahres 1898 arbeiten. Und so arbeiteten auch die Handwerker der Wohnungs-Industrie in früheren Zeiten alle in einem gemeinsamen Stile, in dem jeweilig herrschenden, im modernen.

Da geschah es auf einmal, daß der moderne Stil in Mißkredit kam. Es würde zu weit führen, das Warum hier zu erörtern. Hier genügt wohl zu sagen, daß man mit seiner Zeit unzufrieden wurde. Modern zu sein, modern zu fühlen und zu denken, galt als oberflächlich. Der tiefe Mensch aber versenkte sich in eine andere Zeitperiode und wurde entweder als Grieche oder mittelalterlicher Symbolist oder als Renaissancemann glücklich.

Dem ehrlichen Ha
ndwerker aber war dieser Schwindel zu viel. Da konnte er nicht mit. Er verstand wohl, wie er seine Kleider im Schrank verwahren sollte, er verstand wohl, wie sich seine Nebenmenschen ausruhen wollten. Nun sollte er aber für seine Kundschaft je nach ihrem geistigen Glaubensbekenntnisse griechische, romanische, gotische, maurische, italienische, deutsche, barocke und klassizistische Schränke und Sessel bauen. Aber noch mehr. Ein Zimmer sollte in diesem Stile, das nächste im anderen eingerichtet werden. Wie gesagt, er konnte absolut nicht mit.

Da wurde er denn unter Kuratel gesetzt. Unter dieser befindet er sich heute noch. Zuerst warf sich der studierte Archäologe als Vormund auf. Nicht lange aber. Der Tapezierer, dem man nicht viel anhaben konnte, da er in früheren Jahrhunderten am allerwenigsten zu tun hatte und daher nicht gut verhalten werden konnte, alte Muster nachzuahmen, hatte seinen Vorteil bald heraus und warf eine Unzahl neuer Formen auf den Markt. Es waren das Möbel, die so vollständig gepolstert waren, daß man das Holzwerk des Tischlers nicht mehr erkennen konnte. Man jubelte den Sachen zu. Das Publikum hatte die Archäologie nachgerade satt und war froh, Möbel in sein Heim zu bekommen, die seiner Zeit angehörten, die modern waren. Der Tapezierer hatte seinen Vorteil bald erkannt. Der brave Mann, der in früheren Zeiten fleißig die Heftnadel geführt und Matratzen gestopft hatte, ließ sich nun die Haare lang wachsen, zog ein Samt-Jackett an, band sich eine flatternde Krawatte um und wurde zum Künstler. Auf seinem Firmenschilde löschte er das Wort »Polsterer« aus und schrieb dafür »Decorateur«. Das klang.

Und nun begann die Herrschaft des Tapezierers, eine Schreckensherrschaft, die uns jetzt noch in allen Gliedern liegt. Samt und Seide, Seide und Samt und Makart-Bouquets, und Staub und ­Mangel an Luft und Licht, und Portieren
und Teppiche und Arrangements – Gott sei Dank, daß es nun damit ­vorbei ist.

Die Tischler bekamen also einen neuen Vormund. Das war der Architekt. Der wußte gut mit der einschlägigen Fachliteratur umzugehen und konnte daher mit Leichtigkeit alle in sein Fach einschlagenden Aufträge in allen Stilarten ausführen. Wollt ihr ein barockes Schlafzimmer? Er macht euch ein barockes Schlafzimmer. Wollt ihr einen chinesischen Spucknapf? Er macht euch einen chinesischen Spucknapf. Er kann alles, alles in allen Stilarten. Er kann jeden Gebrauchsgegenstand aller Zeiten und Völker entwerfen. Die Lösung des Geheimnisses seiner geradezu unheimlichen Produktivität besteht in einem Stück Pauspapier, mit dem er sich nach erhaltenem Auftrag, sobald er nicht selbst dem Buchhändler eine größere Hausbibliothek schuldig ist, in die Bücherei der Kunstgewerbeschule begibt. Nachmittags sitzt er schon fest am Reißbrett und liniert das barocke Schlafzimmer oder den chinesischen Spucknapf herunter.

Aber einen Mangel hatten die Zimmer der Architekten. Sie waren nicht gemütlich genug. Sie waren kahl und kalt. Gab es früher nur Stoffe, so gab es jetzt nur Profile, Säulen und Gesimse. Da wurde denn wieder der Tapezierer herbeigeholt, der die Gemütlichkeit per Meter an Türen und Fenster aufhing. Aber wehe dem armen Raum, wenn die Stores und Portieren zum Reinigen herabgenommen werden mußten. Dann konnte es kein Mensch in dem öden Zimmer aushalten, und die Hausfrau schämte sich bis in den tiefsten Grund ihrer Seele hinein, wenn sich zu der Zeit, in der die Gemütlichkeit und Traulichkeit des Raumes ausgeklopft wurde, ein Besuch einfand. Das war um so seltsamer, als doch die Renaissance, der diese Zimmer größtenteils nachgebildet waren, diesen Behelf überhaupt nicht kannte. Und doch war die Gemütlichkeit dieser Räume sprichwörtlich
geworden.

Bei uns herrscht noch gegenwärtig der Architekt, und wir sehen, wie sich der Maler und der Bildhauer anschicken, sein Erbe anzutreten. Werden die es besser machen? Ich glaube nicht. Der Tischler verträgt keinen Vormund, und es wäre die höchste Zeit, wenn man die vollständig ungerechtfertigt verhängte Kuratel aufheben würde. Allerdings dürfte man dann nichts Unmögliches von ihm verlangen. Unser Tischler kann Deutsch, Deutsch, wie es in Wien im Jahre 1898 gesprochen wird. Scheltet ihn nicht dumm oder unbeholfen, wenn er nicht zu gleicher Zeit Mittelhochdeutsch, Französisch, Russisch, Chinesisch und Griechisch spricht. Das kann er freilich nicht. Aber auch in seiner eigenen Sprache ist er etwas aus der Übung gekommen, nachdem er nun ein halbes Jahrhundert verhalten wurde, alle Idiome nachzuplappern, die ihm vordiktiert wurden. Verlangt daher nicht gleich eine virtuose Behandlung seiner Sprache. Lasset ihm Zeit, sich dieselbe wieder langsam anzueignen.

Ich weiß wohl, daß man mit solchen Worten weder dem Tischler noch dem Publikum helfen kann. Der Tischler ist durch die jahrzehntelange Bevormundung so verschüchtert, daß er sich nicht traut, mit seinen Ideen hervorzukommen. Und so ist es auch das Publikum. Hofrat v. Scala, der Direktor des Österreichischen Museums, hat aber praktisch helfend eingegriffen. Er zeigte an englischen Möbeln, die er kopieren ließ, daß das Publikum auch vom Tischler empfundene, vom Tischler erdachte und vom Tischler gemachte Möbel kaufte. Diese Möbel hatten kein Profil und keine Säulen und wirkten nur durch ihre Bequemlichkeit, durch ihr solides Material und durch ihre genaue Arbeit. Das waren die Wiener Zigaretten­taschen ins Tischlerische übersetzt. Gar mancher Meister wird sich damals gedacht haben: So einen Stuhl, den könnte ich eigentlich auch machen, zu dem brauche ich keinen Architekten.
Noch einige solche Weihnachtsausstellungen, und wir haben eine andere Tischler-Generation. Das Publikum aber ist schon da und wartet der Dinge, die da kommen sollen.

Ja, das Publikum wartet. Das beweisen mir die vielen Briefe, die ich bekomme, mit Bitten, Handwerker zu nennen, die modern arbeiten können. »Bitte um gütige Mitteilung von Adressen einiger Möbelfabriken, welche den von Hofrat v. Scala vorgezeichneten Weg des Fortschrittes eingeschlagen haben. Ich beabsichtige, einen Salon zu möblieren, doch wo ich anklopfe, empfiehlt man mir, Louis XV., Louis XVI., Empire u. s. w. immer wieder«, wird mir aus der Provinz geklagt. Das gibt zu denken.

Im Saale des Gewerbevereins klagten sich die Wiener Kunstgewerbetreibenden jüngst ihre Not. Hofrat v. Scala sei an allem Schuld. »Sehen Sie, Herr Architekt«, klagte mir ein Kunstgewerbetreibender nach der Versammlung, »sehen Sie, uns geht es jetzt recht schlecht. Unsere guten Zeiten sind vorbei. Vor zwanzig Jahren, ja, da konnte man ein Lusterweibchen für hundert Gulden verkaufen. Und wissen Sie, wie viel ich heute für dasselbe Lusterweibchen bekomme?« Er nannte wirklich eine kleine Summe. Der Mann dauerte mich. Er schien von dem Wahne erfaßt zu sein, daß er für sein ganzes Leben Lusterweibchen machen müsse. Wenn man ihn nur davon abbringen könnte. Denn die Leute wollen keine Lusterweibchen. Sie wollen Neues, Neues, Neues. Und das ist ein wahres Glück für unsere Gewerbetreibenden. Im Geschmacke des Publikums ist ein steter Wechsel. Die modernen Erzeugnisse werden die höchsten Preise, die unmodernen die niedrigsten Preise erzielen. Also, Wiener Kunstgewerbler, ihr habt die Wahl. Diejenigen unter euch aber, die durch ein volles Lager unmoderner Möbel der modernen Bewegung mit Angst entgegensehen, haben das Recht nicht, sich dieser Bewegung entgegenzustemmen. Am allerwenigsten dürfen sie aber
an den Leiter eines staatlichen Institutes, das, wie das Österreichische Museum, die Interessen aller Gewerbe­-treibenden zu wahren hat, mit der Aufforderung herantreten, eine Richtung einzuschlagen, die den Verkauf ihres Möbelmagazins erleichtern würde. Auf solche Transaktionen kann sich ein Staatsbeamter nicht einlassen, auch auf die Gefahr hin, unhöflich zu erscheinen.

Für heute will ich nur über den Rahmen sprechen, den die Wiener Tischler in der...


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