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Unsentimentale Reise

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Produktdetails
Titel: Unsentimentale Reise
Autor/en: Albert Drach

ISBN: 3552052658
EAN: 9783552052659
Ein Bericht.
Herausgegeben von Bernhard Fetz, Eva Schobel
Zsolnay-Verlag

28. Februar 2005 - gebunden - 492 Seiten

Die Flucht vor den Nationalsozialisten quer durch Südfrankreich schildert Albert Drach in diesem berühmten autobiographischen Roman. Aberwitzig sind die Umstände seines Überlebens. Mit einer gehörigen Portion Chuzpe und dem notwendigen Quentchen Glück gelingt es Drachs anderem Ich, Pierre Coucou, als von den Behörden legitimierter Nichtjude in einem kleinen Gebirgsdorf im Hinterland von Nizza zu überleben. Provokant, in der ihm eigenen, unnachahmlich lakonisch-ironischen Weise beschreibt er die Exiljahre, getrieben von Angst, der bürokratischen Willkür ausgesetzt und dauernd von Denunziation bedroht.Die Neuedition enthält erstmals reichhaltiges Dokumentationsmaterial zu Drachs Emigrationszeit.
Albert Drach, 1902 als Sohn eines jüdischen Mathematikprofessors in Mödling geboren, studierte Jura und promovierte 1926. Er arbeitete als Rechtsanwalt, emigrierte 1938 über Paris nach Nizza und entging mit Mühe der Auslieferung. 1947 kehrte er in sein Elternhaus in Mödling bei Wien zurück, wo er bis zu seinem Tod 1995 lebte.§Er galt stets als außenseiterische Figur im Literaturbetrieb. Sein Roman "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum" (1964), zugleich erster Band einer Werkausgabe, trug dem Autor endlich die Anerkennung ein, die ihm in den Dreißigerjahren verwehrt geblieben war. Vor allem durch seine Romane, deren Sprache das umständliche Amtsdeutsch der Kanzleien und Gerichte parodiert, gelangte er zu internationalem Ansehen. 1988, mit der Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises nach der Veröffentlichung seines Exilberichts "Die unsentimentale Reise", setzte seine endgültige Rehabilitation in der (literarischen) Öffentlichkeit ein. 1993 erhielt er den Grillparzer-Preis.
Zeigen Sie Ihre Papiere! sagte Fräulein Félice von der Flüchtlingspolizei. Ich breitete aus, was ich in der Mappe hatte. Der Taufschein fehlte. Doch hatte ich bei einer Polizeikontrolle meinen Heimatschein vergessen oder verloren, und meine Mutter hatte mir 1939 einen neuen besorgt. Auf dem stand schon I.K.G. Das sollte vermutlich heißen: Israelitische Kultusgemeinde. Doch übersetzte ich es mit Im katholischen Glauben. Fräulein Félice schob alle Papiere beiseite: Ich verstehe das nicht, es ist Deutsch. Sie begab sich in das Archiv. Darin fand sie ein Schriftstück des ehemaligen österreichischen Komitees in Paris, in dem mein früherer Kollege Dr. Schnackerl vermerkt hatte, daß eine rassische Qualifikation vorliege. - Der frühere österreichische Vizekanzler hatte die politische für mich verlangt gehabt. Aber Schnackerl meinte, man habe jetzt keinen Kanzler mehr, sondern das Komitee, und er kenne mich noch von meiner beruflichen Tätigkeit und wisse, daß ich nicht politisch, sondern rassisch belastet sei, der Kanzler aber kenne mich erst seit jetzt. Allerdings hatte ich den Vizekanzler in Wien nie gekannt. Wir waren erst in einem kleinen Café an der Place de la Madeleine in Paris bekannt geworden und hatten nur über Literatur, nie über Politik gesprochen, welch ersterer wir verfallen blieben, als er seinen großen Beruf und ich meine kleine Beschäftigung verloren hatte. Die rassisch Verfolgten waren damals zu viele und mußten aus Paris fort, die politischen durften bleiben. Dem früheren Vizekanzler lag ein wenig an meiner Gesellschaft. Dr. Schnackerl dagegen war früher ein bekannter, prominenter Verteidiger und ich ein unbekannter gewesen. Nur einmal hatte der Kleine gegen den Großen recht bekommen, und das sollte wieder in die richtige Ordnung gebracht werden, als er nicht mehr groß und ich nicht mehr klein war. - Sie sind Jude, das ist bewiesen, sagte Fräulein Félice. Dann will ich den Chef sprechen, sagte ich.
Wartend traf ich eine ungarische Tänzerin. Zwischen Tü
r und Angel begann mein letzter Flirt. Sie aß meine Bonbons, ich rauchte ihre Zigaretten. Ein Gendarm störte: Herr Coucou, wenn Sie noch zum Chef wollen, bestehen Sie jetzt darauf! Ich gehörte der ungarischen Tänzerin, ihre Beine waren mir viel näher als vom Zuschauerraum vor der Bühne her. Sie war trotzdem nur Zuschauerin, und ich auf der Bühne. Ein Beamter flüsterte mir ins Ohr: Ich warne Sie vor Fräulein Félice, Herr Coucou, Ihre letzte Chance! Ich beachtete die Gefahr nicht mehr, in der ich saß, und flüsterte ins Ohr von Ilona. Dann rief man sie auf. Morgen bei mir! Wenn ich nicht zu Hause bin, bin ich tot. In diesem Fall bitte ich Sie, zu diesem Herrn zu gehen..., und ich gab ihr Anschrift und Brief für den alten Siegfried. Ich gehe ungern zu fremden Herren, die mich nicht eingeladen haben. Aber für Sie... wenn Sie tot sind... Ilona ging, und ich winkte ihr nach. Zum Chef jetzt, sagte ich. Zu spät, warf der Beamte ein, indem er auf ein Schriftstück sah. Ein anderer in Uniform rief aus: Die folgenden Personen sollen mir folgen: Peter Kuckuck, Agnes Nußbaum... Ah, das war Agnes! Es kamen noch einige Namen. Man eskortierte uns nun. Man führte uns über den großen Platz hinunter, wo die Bouquinisten am Quai sind, deren guter Kunde ich war. Man liefert uns den Deutschen aus. Das ist Bruch des Asylrechtes. Aber es gibt einen Gott! Der Polizist drehte sich nicht um, es flankierten uns vier andere. Die Bouquinisten drohten der Eskorte mit der Faust. Vor dem Ort unserer ersten Ablieferung, der Kaserne Au Var, kehrte sich der Polizist zum ersten Mal um und fragte mich: Glauben Sie, daß es ihn wirklich gibt?
Auch die Leute in der Kaserne glaubten nicht an ihn, die maßgebenden aber glaubten an Hitler. Frau Neumann legte ihre Papiere auf, sie war die erste, die registriert werden sollte. Tadellos neue Papiere, echte Kopien von einem hiesigen Notar, der bestätigte, die Originale gesehen zu haben. Aus ihnen sollte sich ergeben, daß ihre Abstammung nicht die vermutete war.
Wo sind die Originale? Fräulein Félice von der Flüchtlingspolizei hatte schon dasselbe gefragt. Wahrscheinlich beim Notar. Sie hatte einen Mann über sechzig, den mochte sie nicht gerne in Gefahr bringen, oder es gab die Originale gar nicht. Wir werden sie dem Notar abverlangen! Frau Neumann war verzweifelt. Der nächste. Wie heißen Sie? Stanislaus Stircinsky. Ich war immer Antisemit wie jeder echte Pole. Ihren Taufschein! Ich bin der polnische Vizekonsul. Sie werden doch nicht wirklich glauben...? Ihren Taufschein und den Ihrer Ahnen. Der nächste! Agnes Nußbaum trat ein. Sie flüsterte nur, wurde schnell abgefertigt. Kein Befreiungsgrund. Die nächste! Adrienne Grinot. Wie kommen Sie hierher? Ich bin für meinen Untermieter zur Polizei gegangen. Ich habe gefragt, ob ich seinen Aufenthalt verlängert bekomme. Man wollte wissen, wo er gegenwärtig ist. Ich konnte es nicht sagen! Danke, Frau Grinot, wir brauchen Sie nicht mehr. Der Fall ist geklärt. Wir haben ihn schon. So hat es nichts genützt? Nein, gar nichts. Sie können über sich verfügen! Schluß für heute! Hier sind noch ich und dieser Herr, rief ich. Haben Sie nicht gehört: Schluß für heute! Ich habe nicht vor, hier zu übernachten! Sie haben nicht vor...? Nein, ich will, daß mein Fall sofort geprüft wird! Wie heißen Sie? Peter Kucku. Man wird Sie schlagen, zum Kuckuck.

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