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Das neue China

Von den Opiumkriegen bis heute.
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Produktdetails

Titel: Das neue China
Autor/en: Helwig Schmidt-Glintzer

EAN: 9783406616297
Format:  EPUB
Von den Opiumkriegen bis heute.
Beck C. H.

26. Februar 2014 - epub eBook - 127 Seiten

Nach chinesischer Auffassung beginnt die Geschichte des neuzeitlichen China mit den Opiumkriegen, und die Gegenwart beginnt mit der 4.-Mai-Bewegung 1919. In dem vorliegenden Buch werden, eingebettet in die Darstellung der wichtigsten Ereignisse der letzten 150 Jahre, die Entwicklungsrichtungen und die inneren Konflikte Chinas ebenso dargestellt wie die großen Errungenschaften dieses Riesenreiches und außenpolitische Verwicklungen. Die Kombination chinesischer Geschichtsdarstellungen und Außenperspektiven geben dem Leser ein komplettes Bild. Helwig Schmidt-Glintzer vermittelt das wichtigste Wissen, um die heutige Entwicklung Chinas und seine Stellung in der Welt verstehen zu können.
1;Cover;1 2;Titel;3 3;Impressum;4 4;Inhalt;5 5;Vorwort;7 6;Einleitung;9 7;I. Das Ende des Kaiserreiches (18391911);15 7.1;1. Der erste Opiumkrieg (18391842) und das Reich des Himmlischen Friedens (18511864);15 7.2;2. Konstitutionalismus und politische Neuansätze;25 7.3;3. Soziale Veränderungen und neue Öffentlichkeiten;30 7.4;4. Der Boxeraufstand und die Revolution von 1911;35 8;II. Politische Wirren und die Suche nach einem Neuanfang (19121927);43 8.1;1. Das Scheitern der Republik und die Zeit der Kriegsherren;43 8.2;2. Geistige Vielfalt und Suche nach Einheit;46 8.3;3. Die republikanische und die kommunistische Bewegung;50 9;III. Revolutionsmodelle im Widerstreit (19271937) und antijapanische Einheitsfront (19371945);56 9.1;1. Der Bruch zwischen Kommunisten und Republikanern;56 9.2;2. Nordfeldzug, Jiangxi-Sowjet und Langer Marsch;58 9.3;3. Die Bedrohung durch Japan;63 9.4;4. Der Widerstandskrieg;67 10;IV. Jahre des Übergangs und das Ende des sowjetischen Vorbilds (19451960);71 10.1;1. Bürgerkrieg, Staatsgründung und die Republik auf Taiwan;71 10.2;2. Neue Demokratie und Proletarische Revolution;76 10.3;3. Großer Sprung und große Hungersnot;80 10.4;4. Chinas Nordgrenze und die Tibetfrage;83 11;V. Chinas wechselnde Identitäten und die fünfte Modernisierung (ab 1960);88 11.1;1. Mao Zedong und die Kulturrevolution;88 11.2;2. Die Vier Modernisierungen und das Charisma Deng Xiaopings;93 11.3;3. Minderheiten und Spannungen am Rande;100 11.4;4. Neuorientierung der Intellektuellen?;103 12;VI. Chinas Aufbruch ins 21. Jahrhundert;108 12.1;1. Hongkong, Taiwan, Macau und Großchina;108 12.2;2. Die neue Identität des Südens;111 12.3;3. Dörfer und Städte;113 12.4;4. Schlußwort;116 13;Zeittafel;119 14;Literaturhinweise;122 15;Register;123 16;Karte: China heute;128


Helwig Schmidt-Glintzer, seit 1993 Direktor der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel und Professor für Sinologie an der Universität Göttingen, unterrichtete Sinologie und Ostasiatische Kultur- und Sprachwissenschaft an den Universitäten Bonn, Hamburg und München. Er ist Autor zahlreicher Werke zur Geschichte einschließlich der Literatur- und Religionsgeschichte Chinas und Ostasiens.

Einleitung


„Was wir der Welt beweisen müssen, ist nicht, daß das alte China nicht tot ist, sondern daß ein neues China im Entstehen ist.“

Li Dazhao (1888–1927)

Wenn man zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Geschichte Chinas der letzten einhundertfünfzig Jahre schreibt, so wird vieles, was über Jahrzehnte die Aufmerksamkeit gefesselt hat, in ein neues Licht gerückt. Ein schwieriger Übergang scheint abgeschlossen, der für China ein doppelter Übergang war: die Überwindung der alten Reichsverfassung und die Behauptung gegenüber den Kolonialmächten und den Territorialinteressen Japans und Rußlands.

Wirtschaftlich ist China heute wieder – wie während der längsten Zeit des chinesischen Kaiserreiches – das Gravitationszentrum in Ostasien. Angesichts der großen Ausfuhrüberschüsse verlagern sich die internationalen Finanzmärkte zunehmend in diese Region. Zugleich hat sich China seit der Öffnungspolitik dermaßen stark international eingebunden, daß es sowohl hinsichtlich seiner Rohstoff- und insbesondere Energieversorgung, aber auch bezogen auf Technologieabhängigkeit und Außenhandel zu einem Motor der Weltkonjunktur geworden ist; daraus resultiert ein hohes Maß an Abhängigkeit. Immer noch lebt die heutige Politik Chinas von dem seit dem Opiumkrieg bestehenden Zwang, für China einen Platz in der Welt zu finden. Auch wenn die Erinnerungen an den Zusammenbruch der Mandschudynastie im Jahre 1912 und die erlittenen Demütigungen bei der Besetzung durch die Japaner und an den Bürgerkrieg langsam verblassen, so werden nun die zum Teil traumatischen Erfahrungen der Zeit der Kulturrevolution in einem neuen Licht gesehen.

Im Rahmen der Wirtschaftsentwicklung in Ost- und Südostasien, an der auch Auslandschinesen maßgeblichen Anteil haben, kommt
China die wichtigste Rolle zu, die es politisch sowie militärisch anzunehmen und auszufüllen längst begonnen hat. China ist also nicht nur Teil der Weltgesellschaft geworden, der es in anderer Weise auch früher schon war, sondern die Geschichte Chinas muß heute, nach dem Ende des Kolonialzeitalters, neu geschrieben werden, genauso wie die Geschichte Europas und die der beiden Amerikas angesichts der globalen Entwicklungen aus neuen, zumindest bisher ungewohnten Perspektiven zu sehen ist.

Hier nun soll die Geschichte der letzten einhundertfünfzig Jahre in China als Teil der Geschichte Ostasiens sowie im Kontext internationaler Verflechtungen und Interdependenzen skizziert werden: aus der Perspektive Chinas, aber nun nicht des „offiziellen“ China allein, auch nicht aus der Perspektive chinesischer Dissidenten, sondern aus der reflexiven Betrachtung eines deutschen Europäers, der sich mit der Geschichte, der Geistesgeschichte und den Zeugnissen chinesischen Selbstverständnisses und immer auch mit dem gegenwärtigen China seit Jahrzehnten auseinandersetzt. Dabei geht es natürlich um die großen Linien, um die immer wieder aufflammenden Debatten um die Wahrung der Identität Chinas angesichts der vor allem mit dem Westen assoziierten Modernisierungsbestrebungen. Auch wenn es angesichts der langen Geschichte Chinas überraschen mag, so ist es doch wieder symptomatisch, daß die Frage nach der Identität Chinas die ideologisch-politischen ebenso wie die praktisch-politischen Aktionen durchzieht. Dabei ging es neben dem kulturellen Selbstverständnis immer auch um die Wahrung bzw. Wiederherstellung der Einheit Chinas in den Grenzen des letzten Kaiserreiches – und zum Teil darüber hinaus. Eine besondere Rolle kommt den Trägern der politischen Meinungen zu, den Parteieliten sowie den Angehörigen der Bildungselite, nicht zuletzt aber auch den militärischen
Eliten. Und es darf nicht vergessen werden, daß Chinas politische Einheit zwar von keiner Seite in Frage gestellt wird, daß aber aus historischer Erfahrung einige Teile Chinas sich nicht leicht – oder in Zukunft vielleicht überhaupt nicht – werden integrieren lassen.

Auf der Suche nach der Moderne befand sich China nicht erst seit dem ersten Opiumkrieg (1839–1842) und seit den folgenden Konflikten mit dem Westen, sondern es kann auf eine lange Tradition von Innovation und technisch-wissenschaftlicher Kenntnis zurückblicken sowie vor allem auf eine Reformtradition, die sich bis in die Zeit des Konfuzius zurückverfolgen läßt. Freilich sind diese Traditionen immer wieder neu bewertet worden, so daß jede Rekonstruktion der Geschichte Chinas – wie auch diese vorliegende – aus ihrer jeweiligen Gegenwart zu verstehen ist. Aufgrund bestimmter sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Indikatoren haben manche China seit dem 11. Jahrhundert als bereits „modern“ bezeichnen wollen. Auch wenn all solche Periodisierungsbemühungen sehr zeitverhaftet sind, so hat sich doch herausgestellt, daß es in China seit dem 16. Jahrhundert einen Reform- und Erneuerungsschub gegeben hat. Von „Sprossen des Kapitalismus“ ist daher die Rede und für das 19. Jahrhundert dann auch von Chinas „früher Industrialisierung“. Vor allem auf politischintellektuellem Gebiet sind die zahlreichen intensiven Reformbestrebungen und -debatten der vergangenen Jahrhunderte bisher noch kaum aufgearbeitet und erforscht. Dabei wirken diese Ideen und Vorstellungen, die von einzelnen und kleinen Gruppen vorgetragen worden waren und die nicht nur in ihrer jeweiligen Zeit die Gemüter bewegten, bis in die Gegenwart.

Wieweit nun die intellektuellen Strömungen mit sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Zusammenhang gebracht werden können, ist eine
offene Frage. Auffällig ist jedoch, daß bei rapider Zunahme des Bevölkerungswachstums von etwa zwischen 100 und 150 Millionen im Jahr 1650 auf 200 bis 250 Millionen im Jahr 1750, 410 Millionen im Jahr 1850 und 520 Millionen im Jahr 1950 einerseits und bei der Konsolidierung der äußeren Reichsgrenzen des Mandschureiches andererseits im Inneren die Zahl an Aufstandsbewegungen und Bauernrebellionen derart zunahm, daß China bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts als sozialpolitisch äußerst fragil zu bezeichnen ist. Daher ist es auch nachträglich kaum mehr möglich, die äußeren und die inneren Gründe für den Zerfall und den endgültigen Zusammenbruch des Kaiserreiches voneinander abzugrenzen.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts – man kann den Besuch der britischen Gesandtschaft unter Leitung von Earl George Macartney beim chinesischen Kaiserhof im Jahre 1793 als Schlüsseldatum nehmen – war China erneut und vollends in die Dynamik der Weltgesellschaft einbezogen, und zugleich hatte sich die innere Entwicklung derart beschleunigt, daß das Mandschu-Reich im 19. Jahrhundert vor internen und externen Herausforderungen stand, denen es am Ende dann nicht mehr gewachsen war. Es zeigte sich aber auch hier die Besonderheit Chinas, daß trotz großer interner Spannungen und trotz der Bedrohungen und großer Verlockungen von außen die Eliten Chinas an einem gesamtchinesischen Konzept festhielten und sich nicht aufspalten ließen. Diese Einheit der Eliten hat China gerettet; andererseits aber war der Preis für diese Einheit der Verzicht auf das, was in Europa als Individualismus und Bürgerstaat bis heute unser politisches Selbstverständnis prägt. So konnte die Ausgangslage für das China des 20. Jahrhunderts das Großreich der Mandschuren mit seiner geographischen und ethnischen Vielfa
lt werden. Diese Vielfalt kennzeichnet jedoch andererseits bis heute die inneren Spannungen und wird zur Schicksalsfrage Chinas und der gesamten Region im 21. Jahrhundert. Heute leben in China mehr als 1,3 Milliarden Menschen, und auch wenn es keine Hungerkatastrophen gibt und mancherorts sogar einen kleinen Wohlstand, so sind die zu lösenden Aufgaben von für europäische Vorstellungen zum Teil unvorstellbarer Größenordnung.

Kann man das heutige China nur aus der Geschichte verstehen? Dem Selbstverständnis der Akteure nach ist die Geschichte Teil der Identität Chinas; zugleich hat es immer wieder die These gegeben, China müsse sich von Grund auf erneuern, oder, wie Sun Yatsen es zu Beginn des 20. Jahrhunderts faßte, China sei ein „unbeschriebenes Blatt“. Bei einer näheren Betrachtung zeigt sich, daß es kein Entrinnen aus der Geschichte und doch auch keine Determination gibt. Die heutige Geschichtswissenschaft und der internationale Dialog bieten immer wieder Ansatzpunkte zu neuer Rekonstruktion der Geschichte Chinas. Die ganze chinesische Geschichte, die neuere wie die ältere, fordert schon allein deswegen stets von neuem ihre Rekonstruktion, weil sich nur auf diese Weise die politische wie die kulturelle Identität dieses riesigen Flächenstaates bekräftigen lassen. Hierzu tragen freilich auch äußere Faktoren bei, wie der Zusammenhalt und die Chinaorientierung der zahlreichen Überseechinesen sowie die Spannungen und gelegentlichen Angriffe, denen Chinesen insbesondere in Südostasien, wie im Mai 1998 in Indonesien, ausgesetzt sind.

Die endgültige Durchsetzung der Kommunistischen Partei Chinas und ihrer Truppen im Jahre 1949 begründete mit der Proklamation der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 die Konsolidierung der Reichseinheit, ohne bis heute die inneren Unruhepotentiale auflösen zu...

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