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Bagdad Marlboro

Originaltitel: Bagdad - Marlboro.
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Produktdetails

Titel: Bagdad Marlboro
Autor/en: Najem Wali

EAN: 9783446245471
Format:  EPUB
Originaltitel: Bagdad - Marlboro.
Übersetzt von Hartmut Fähndrich
Hanser, Carl GmbH + Co.

17. März 2014 - epub eBook - 352 Seiten

Ein Jahr nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak wird der Erzähler in Bagdad von einem Unbekannten kontaktiert. Der ehemalige Leutnant der US-Armee war während des zweiten Golfkriegs an der Tötung wehrloser irakischer Soldaten beteiligt. Nun möchte er dem Erzähler ein Heft übergeben, in dem die Träume und Wünsche jener Soldaten verzeichnet sind - er will Buße tun und die Namen der Opfer vor dem Vergessen retten. In seinem neuen großen Roman über Freundschaft, Verrat und Schuld zeigt Najem Wali, wie leicht und blind sich die Geschichte wiederholt - und wie man mit Literatur dagegen ankämpfen kann.
Najem Wali, 1956 im irakischen Basra geboren, flüchtete 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. Heute lebt er als freier Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Kulturkorrespondent der bedeutendsten arabischen Tageszeitung Al-Hayat und schreibt regelmäßig u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit. Von Sept. 2016 bis Aug. 2017 war er Grazer Stadtschreiber. Bei Hanser erschienen zuletzt sein Roman Bagdad Marlboro (2014),für den er mit dem Bruno-Kreisky-Preis 2014 ausgezeichnet wurde, sowie Bagdad (Erinnerungen an eine Weltstadt, 2015) und Saras Stunde (Roman, 2018).

1. DER ANFANG DES WEGS:
IRGENDWO … JETZT


Wenn ich meinen Reisepass betrachte und besonders meinen Namen und mein Geburtsdatum anschaue, kommt mir Daniel Brooks in den Sinn. Bis zu seinem plötzlichen Auftauchen hatte ich nie geglaubt, dass mein Leben sich je auf eine solch abrupte Weise verändern könnte, durch einen fremden Mann wie ihn, der von weit her kam.

All das geschah vor sieben Jahren in Bagdad. Es waren die schwersten und möglicherweise auch die gefährlichsten Jahre, die die Stadt je erlebt hat. Ehrlich, wenn ich an die Geschichte zurückdenke, kommt sie mir schon recht seltsam vor. Dass sich so etwas in einer Stadt wie Bagdad abgespielt haben soll! Dass zwei Männer wie wir, mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und durch Länder, Meere und Ozeane voneinander getrennt, sich unbedingt hier begegnen sollten!

Daniel wurde am Ufer des Mississippi in New Orleans im US-Bundesstaat Louisiana geboren und wuchs in New York im Stadtteil Queens auf. Ich dagegen habe das Licht der Welt in einer kleinen Stadt im westlichen Irak am Ufer des Euphrat erblickt und bin dann am Ufer des Tigris in Bagdad aufgewachsen.

Heute sieht das alles normal und echt aus, sogar mein gefälschter Name und meine neuen Papiere, mein neuer Aufenthaltsort und das Land, das ich mir zufällig ausgewählt habe und das mir, nach einer langen Odyssee, einer fast dreijährigen Irrfahrt durch verschiedene Länder der Welt, zu einer Art Heimat wurde. Aber damals, als ich mitten in dieser brenzligen Situation steckte, kam mir das sehr anders vor. Ich ließ es einfach geschehen. Im besten Falle glaubte ich wohl, allein der Zufall habe diesen Mann hergeführt, im schlimmsten Fall glaubte ich, jemand habe ihn zu mir geschickt, um mich zu quälen. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass jemand, der Tausende von Kilometern von mir entfern
t wohnte, all die Jahre auf eine Gelegenheit gewartet hatte, um mich zu treffen. Aber als der Krieg begann und die amerikanischen Truppen am 9. April 2003 in Bagdad einzogen, hatte dieser jemand gedacht: Das ist die Gelegenheit. Ich muss in die irakische Hauptstadt reisen, um diesen Mann zu suchen. Er hatte keine Ahnung, dass sich für diesen Mann, für mich, in dem Augenblick, da er an meine Tür klopft, für mich ein neues Leben beginnen wird. Auch für andere Iraker und sogar Amerikaner hat sich damals vieles verändert. Aber wenn ich jetzt eine Waage hätte, legte ich den Einmarsch der Amerikaner in die eine Waagschale und die Folgen meiner Bekanntschaft mit Daniel Brooks in die andere. Jawohl, Tausende, ja, Millionen Iraker haben danach ihre Namen geändert, aus Furcht vor Verfolgung oder weil dies üblich war, wenn eine neue Ära anbricht. Manche sind ausgewandert, andere sind geblieben. Für mich hat sich aber mein Leben verändert, vollständig. Das heißt nicht, dass das Leben, das ich jetzt führe, falsch ist oder dasjenige, das ich zuvor geführt hatte, richtig war. Sie sollen nur verstehen, dass die Person, die Ihnen diese Geschichte jetzt erzählt, eine andere ist als diejenige an dem Tag, an dem Daniel Brooks in ihr Leben trat. Wenn ich jetzt über mein Leben und alles Geschehene nachdenke, halte ich bei einem einzigen Bild inne: der Stadt Bagdad und Daniel Brooks.

Was geschah, geschah also nicht zufällig.

 

Damals, vor sieben, acht Jahren, wohnte ich in einem respektablen Stadtteil von Bagdad. Der Name bleibt hier besser unerwähnt. Wichtig ist, dass es sich nicht um ein Viertel der Altstadt handelte, sondern um eines jener neueren, die in den siebziger Jahren entstanden sind. Meine Wohnung lag an der Hauptstraße unweit des Marktes und des Polizeireviers. Verglichen mit anderen Teilen Bagdads, war diese Gegend damals relativ ruhig. Erst En
de 2003 und in den ersten drei Monaten des Jahres 2004 gab es einmal einen bewaffneten Überfall auf das Polizeirevier und einige gewaltsame Zwischenfälle. Vorher geschah in dem Viertel nichts, was einen Umzug oder gar den Verkauf des Hauses erforderlich gemacht hätte. Meine Frau hatte sich von mir getrennt und war zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das Haus, das für mich allein etwas zu groß war, wurde zu einer Art Gefängnis. Weder die Arbeit in dem nicht ganz kleinen Vorgarten noch der Fernseher oder das Radio im Wohnzimmer trösteten mich darüber hinweg. Was sollte jemand alleine mit mehr als dreihundertfünfzig Quadratmetern anfangen, zweihundert für die Wohnung, hundertfünfzig für den Garten? Es gab eine tägliche Stromunterbrechung, die für uns schon fast selbstverständlich geworden war, und Generatoren gab es damals noch kaum.

In jenen Tagen schaute mein Neffe, der Sohn meines Bruders, hin und wieder bei mir vorbei. Er blieb ein paar Stunden und ab und zu, an Wochenenden, auch über Nacht. Neben meinem Gang zum Getränkeladen am Ende der Straße hinter meinem Haus, wo ich Arak kaufte und manchmal ein paar Minuten in der Ecke saß, die der Inhaber für Stammgäste wie mich eingerichtet hatte, war dieser Neffe meine einzige Abwechslung. Sogar die wenigen Male, die ich zum Maidân-Platz ging, um meinen Freund, den Dichter Salmân Mâdi, zu treffen, verschafften mir keine wirkliche Ablenkung. Kaum vorstellbar, wie er die Amerikaner hasste! Er wollte sogar lieber beim Maidân-Platz leben als bei Frau und Kind. »Das ist er einzige Ort, wo ich keine Amifratze sehen muss«, sagte er. Ich glaube aber, das war nur so eine Behauptung, tatsächlich ging es um etwas anderes. Salmân hatte nämlich schon vor der Ankunft der Marines dort gewohnt. Die Amerikaner waren nur ein Vorwand, um seinen Traum zu verwirklichen, in diesem
Viertel zu leben und eine Art Solidarität mit den »Marginalisierten« zu praktizieren, wie er sie nannte. Er war stolz darauf, und wir wussten es.

Ich sagte, dass sogar die Gesellschaft Salmâns mir weder Trost noch Vergessen verschaffte. Eher machte mich sein Anblick noch deprimierter. Wir tranken zwar zusammen, aber Salmân soff exzessiv. Damals hielt er in jeder Ecke seiner Wohnung eine angebrochene Flasche Arak versteckt. Er fürchtete, die Vorräte auf dem Platz könnten sich erschöpfen und er würde gezwungen sein, Arak an Orten zu suchen, wo er Amerikaner sehen müsste. Ja, ich hatte eine Schwäche für Salmân. Alle wussten von unserer Freundschaft, die in die achtziger Jahre zurückreicht. Aber Salmân ist völlig verändert aus dem Kuwaitkrieg zurückgekehrt. Er versank immer tiefer in Depression, und das konnten auch die Ereignisse nach dem 9. April 2003 nicht ändern. Er wurde nur noch wütender. Stundenlang saßen wir da, ohne ein Wort zu wechseln, und wenn er einmal den Mund aufmachte, so nur, um über die ganze Welt zu schimpfen. Nichts und niemand konnte ihn zum Verstummen bringen, nur der Schlaf. Mit ihm in die Kneipe al-Gunun, »Der Irrsinn«, hinunterzugehen, war ein Erlebnis, denn wehe, er sah einen amerikanischen Soldaten oder eine Patrouille vorbeigehen! Dann kam eine Flut von Schimpfwörtern aus seinem Mund! Mit Salmân zusammenzusitzen wäre noch deprimierender, wenn ich ihm die Geschichte von meiner Trennung von Ashâr und von meiner miesen Lage erzählte.

Mit meinem Neffen war das ganz anders. Wenn er mich besuchte, war ich völlig entspannt. In seiner Gesellschaft konnte ich mein Elend zumindest vorübergehend vergessen. Er hatte gerade sein Studium an der Universität von Bagdad begonnen und freute sich über die Geschichten aus meiner Studienzeit in den siebziger Jahren. Er l
achte, weil er glaubte, ich flunkerte, wenn ich ihm zum Beispiel von Studentinnen im Minirock erzählte, oder dass man den Hidschab damals überhaupt nicht kannte. Manche trugen die Abâja, nahmen sie aber ab, wenn sie in die Uni kamen, und ließen sie in der Studentinnengarderobe zurück. Und wenn man draußen vorbeiging, roch es durchs Fenster nach Zigaretten. All das erzählte ich ihm und insbesondere Geschichten von Besäufnissen. Wenn wir zusammensaßen, trank ich immer. Auf allen Bildern, die er von mir aufnahm, hatte ich ein Glas Arak in der Hand, während er selbst nicht trank, er mochte mich so sehr, dass er sogar an derselben Fakultät für Tiermedizin studierte wie ich früher einmal. Einmal fragte ich ihn, warum er dieses Fach gewählt habe. Ich hatte diesen Beruf als Tierarztleiter des Schlachthauses ja an den Nagel gehängt und mich einer anderen Tätigkeit zugewandt, die keinerlei Beziehung zur Tiermedizin besaß. »Warum sollte ich das nicht studieren«, entgegnete er, »wo du selbst doch einmal gesagt hast: Wenn die Welt ein Saustall ist, liegt ihr Zentrum im Irak. Man braucht kein Studium der Humanmedizin.« Ich konnte mich nicht daran erinnern, so etwas gesagt zu haben. Doch ich war wieder einmal betrunken und ließ meiner Phantasie freien Lauf: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich daran gedacht habe, diesen miesen und stinklangweiligen Beruf als Bauunternehmer aufzugeben, weil ich gern Schriftsteller werden wollte.« »Aber das ist im Irak und in allen anderen arabischen Ländern ein Beruf ohne Perspektive«, warf er ein. Es war ihm klar, dass man mit der Schriftstellerei kein Geld verdient und dass einem dieser Beruf nur Unannehmlichkeiten bringt. Doch er mochte mich, und ebenso wie er meinte, dass die Geschichten, die ich zum Besten gab, Produkte meiner Phantasie waren, der Phantasie eines Alkoholikers, der lieber S
chriftsteller wäre, gefiel es ihm, für mich Geschichten zu erfinden und mir Aussagen oder Verhaltensweisen anzuhängen, die seiner Phantasie entstammten, der Phantasie eines gerade einmal zwanzigjährigen Mannes. Damit wollte er mir helfen, zu meinem alten Vorhaben zurückzufinden, ein Geschichtenerzähler zu werden. Weil er mich mochte, besuchte er mich, so oft er konnte, was mir Kopfzerbrechen bereitete, weil ich mir Sorgen machte, ihm könnte unterwegs etwas zustoßen. Doch auf Warnungen lautete seine Antwort konstant: »Hör mal, Onkel, in...


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