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Rhythmen des Lebens - Die erste Genesis-Autobiografie

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Produktdetails

Titel: Rhythmen des Lebens - Die erste Genesis-Autobiografie
Autor/en: Mike Rutherford

EAN: 9783854454588
Format:  EPUB
Übersetzt von Alan Tepper, Mike Rutherford, Alan Tepper
Hannibal Verlag

21. Juli 2014 - epub eBook - 256 Seiten

Mike Rutherford hat mit Genesis Meisterwerke des Progressive Rock eingespielt. Alben wie Foxtrot oder The Lamb Lies Down On Broadway prägten das Genre und haben einen festen Platz in der Musikgeschichte. Die Karriere von Genesis ist geradezu legendär: Vier schüchterne und bescheidene Schuljungen gründeten eine Band und wurden zu weltweiten Superstars. Mit ihrem radiotauglichen Mainstream-Rock wurde Genesis mit Sanger Phil Collins und Keyborder Tony Banks zu einer der kommerziell erfolgreichsten Musikgruppen der 1980er und frühen 1990er Jahre. In ihrem Zentrum stand Mike Rutherford, der die Musik vom innovativen Progressive Rock, damals noch in der Besetzung mit Peter Gabriel und Steve Hacket, bis hin zu globalen Riesenhits vorantrieb. Jetzt erzählt er erstmalig die erstaunliche Geschichte von Genesis und seiner eigenen Band Mike + The Mechanics.
Mike Rutherford wurde am 2. Oktober 1950 in Guildford, Surrey, Großbritannien geboren. Der Bassist, Gitarrist und Background-Sanger gehört zu den Gründungsmitgliedern von Genesis und ist neben Keyboarder Tony Banks das einzige konstante Mitglied. 1985 gründete er Mike + The Mechanics. Der zurückgezogen lebende Musiker hat mit seiner Frau Angie drei Kinder, zählt zu den wohlhabendsten Einwohnern in West Sussex und wurde mit Genesis 2010 in die "Rock and Roll Hall of Fame" aufgenommen.

Ich erblickte im Mai 1906 in einer Londoner Entbindungsklinik das Licht der Welt. Mein Vater war damals als Stabsarzt in den Chelsea Barracks stationiert. Er führte zuerst eine Privatpraxis, trat dann dem Royal Army Medical Corps bei und wurde zum Krieg in Südafrika abberufen, nach dessen Ende er meine Mutter ehelichte. Sie gehörte zu den Cloetes, einer der alten Familien am Kap, die 1652 nach Südafrika übergesiedelt waren und keine Zeit verloren hatten, die Anzahl der Familienmitglieder drastisch zu erhöhen.

Mein Vater wurde im Zeitalter des Empire geboren, einer Ära, charakterisiert durch Erzherzöge, Kaiser und eine vielversprechende Karte der Welt. Die Marine von Edward VII beherrschte die Meere. Sie hatte seit der Schlacht von Trafalgar keinen Gegner mehr gesehen, der ihr die Stirn bieten konnte. Haushalte wie der meines Vaters wurden meist von Kindermädchen mit Unerbittlichkeit und eiserner Faust regiert.

Die Reisen von Dad begannen im Alter von zehn Jahren, als Opa nach Südafrika zurückkehrte – mit der Nanny im Schlepptau, obwohl ich an ihrer Freude an dem Umzug zweifle.

Wir erreichten Durban. Nachdem wir von Bord gegangen waren, konnte ich mich an der ersten Fahrt in einer Rikscha erfreuen, einem zweirädrigen Gefährt, von einem Zulu gezogen, der zwischen den beiden Holzholmen lief. Der eher spärlich bekleidete Mann trug dekorative Kleidung und einen Kopfschmuck aus Hörnern. Von Zeit zu Zeit hüpfte er mit einem das Blut gefrieren lassenden Schrei in die Luft, wobei die Fahrgäste beinahe aus den Sitzen fielen. Ich konnte mich köstlich über Nanny amüsieren, eine Anhängerin der damals allgemein verbreiteten Ansicht, dass schon in Calais das Land der schwarzen Rasse begann. Diese Erlebnisse raubten ihr den Atem und ließen sie
verstummen.

Drei Jahrzehnte später hielt sich Vater erneut in Durban auf, wo er meiner Mutter Anne begegnete. Zu der Zeit absolvierte er seinen Dienst als stellvertretender Captain des schweren Kreuzers „Suffolk“, der dort für eine Überholung vor Anker gegangen war. Er traf Mum bei einer Wohltätigkeits-Tanzveranstaltung, und die beiden heirateten nur sechs Wochen später. Trotz des eher impulsiven Charakters meiner Mutter erscheint mir das dennoch als sehr schnell. Egal, das glückliche Brautpaar genoss sechstätige „Flitterwochen“, wonach Dad wieder in See stach, diesmal nach Trincomalee in Sri Lanka. Die beiden sahen sich erst nach einer Trennungszeit von zehn Monaten wieder.

Meine Eltern fielen sich in England am VE-Day erneut in die Arme, an dem die Alliierten den Sieg in Europa feierten. Mum war mit einem Truppentransporter nach Großbritannien gereist, und Dad hatte man einen Posten bei der Admiralität angeboten. Das Dienststellengebäude lag an dem Paradeplatz der berittenen Garde nahe Whitehall. Als Mum 1947 die Geburt meiner Schwester Nicolette erwartete, hatte das Militär Dad bereits zum Stabschef der Marinevertretung der Joint Chiefs of Staff in Australien berufen. Man entschloss sich, dass Mum zu Nickys Geburt nach Durban reisen und danach die Schifffahrt nach Australien antreten sollte, um Dad zu treffen. Das bedeutete Folgendes: Dad erfuhr erst von der Geburt seiner Tochter, als man ihm auf der Gangway seines Schiffs in Adelaide eiligst ein Telegramm überreichte.

Nach dem Ende seiner Dienstzeit zogen meine Eltern und Nicky nach Großbritannien. Dad trat wieder den Dienst bei der Admiralität an und fand ein Mietshaus in Chertsey, Surrey, wo ich am 2. Oktober 1950 geboren wurde. Bei der Suche nach einem passenden Namen entschieden sich die beiden für möglichst viele Optionen, und so taufte man mi
ch Michael John Cloete Crawford Rutherford. Weniger als zwei Jahre nach meiner Geburt musste Dad uns dann neuerlich verlassen, diesmal eilte er in den Koreakrieg.

Vater war erst acht Jahre alt, als er Opa dabei beobachtete, wie dieser – mit Fernglas, einem Schwert und einem Revolver bewaffnet – in den Ersten Weltkrieg zog. Im Alter von nur 18 Monaten konnte ich zwar noch nicht wahrnehmen, was Dad bei sich trug, als er sich in den Fernen Osten aufmachte, aber ich erinnere mich genau an den Tag seiner Rückkehr zwei Jahre später. Er fragte mich, wie viele Zähne ich schon hätte, und dann ließ er mich über das ganze Auto klettern – meiner Meinung nach sympathische Begrüßungsgesten.

Bis ich ins Bett musste, lief alles ganz gut, doch dann wunderte ich mich ein wenig: Was machte der fremde Mann in unserem Haus? Der hatte doch sicher nichts mit uns zu tun?

Offensichtlich aber doch!

Ich kann das Bild meines Vaters immer noch klar vor mir sehen, der in der Abenddämmerung in meinem Zimmer auftauchte, um mir eine gute Nacht zu wünschen. Er war ein großer, stämmiger Mann – nicht so groß allerdings, wie ich mal werden sollte –, erschien mir aber trotzdem nicht furchteinflößend.

Ich hegte immer noch den Gedanken, ob er nicht im Laufe der Nacht wieder verschwinden würde, und so stand ich mehrmals auf, um nachzuschauen, wo er steckte. Schließlich gaben meine Eltern nach und stellten mein Bett in ihr Schlafzimmer, damit sie endlich in Ruhe die Augen schließen konnten.

Vater war stets ein standesgemäß gekleideter Mann mit einer verblüffenden Grundhaltung. Sogar ohne Uniform bewahrte er Haltung und strahlte eine Präsenz aus, die andere Menschen beeindruckte. Wo auch immer er hinging – in ein Restaurant, ein Geschä
;ft oder in einen Schreibwarenladen –, er zwang den Leuten förmlich Respekt ab, die sich daraufhin höflich und zuvorkommend verhielten. Darüber hinaus würde ich ihn als pünktlich, in allen Belangen methodisch vorgehend und gründlich charakterisieren.

Als kleiner Junge richtete ich mich jedoch eher nach meiner Mutter.

Sie wollte in ihrer Jugend die Kunsthochschule besuchen, was jungen Mädchen damals jedoch versagt blieb. Auch schwebte ihr eine Laufbahn als Balletttänzerin vor, doch dafür war sie zu groß. Mum nahm Klänge und Energie mit hoher Sensibilität wahr. Ein Sonnenuntergang oder ein kräftig blauer Himmel begeisterten sie jedes Mal: „Liebling! Schau dir diese Farben an!“

Ich möchte sie als eine wunderbare, auf eine bestimmte Art faszinierend verschrobene Frau beschreiben. Ich glaube, dass Dad ihre Persönlichkeit schätzte und genoss, was ihm jedoch einige Probleme einbrachte. Als die beiden in Melbourne lebten, verlor sich Mum ganz und gar im Sammeln von Gold-Akazien, die sie wegen der kräftig gelben Farbe liebte und die sie an Südafrika erinnerten. Allerdings wusste Mutter nicht, dass die Pflanzen in Australien – ganz im Gegensatz zu Südafrika – unter Naturschutz stehen. Eines Tages belud sie Dads Wagen mit Gold-Akazien, die ihr eine Strafe von 200 Pfund eingebracht hätten. Dad musste daraufhin mitten in der Nacht an den Strand fahren, ein Loch buddeln und das Grünzeug darin verschwinden lassen.

Mum war die Ehe mit Dad als Witwe eingegangen. Ihre vorhergehende Beziehung zählte zu den Tabuthemen der beiden. Erst im Alter von 13 Jahren, während eines Familienurlaubs in Italien, dachte ich laut darüber nach, warum jedes silberne Besteckstück im Schrank des Esszimmers die Gravur „Captain Woods“ trug. Die beiden schreckten
hoch. Mum war kreidebleich. Damals stigmatisierte man noch eine zweite Ehe. Hinzu kam, dass „Captain Woods“ an Krebs gestorben war, worüber man erst recht nicht sprach. Ich schätze, es muss Mums Idee gewesen sein, ihre persönliche Geschichte unter den Teppich zu kehren, denn mein Vater war viel zu direkt, um etwas zu verbergen.

Vielleicht bewahrten die beiden Stillschweigen darüber, weil sie sich ernsthafte Sorgen machten, dass sich dieses Wissen auf mich auswirken könnte. Na ja, wenn sie wirklich von solchen Bedenken geplagt wurden, hätten sie nicht das gravierte Tafelsilber rumliegen lassen dürfen. Wie dem auch sei, Mums erste Ehe berührte mich nicht.

Als ich fünf Jahre alt war, ernannte man meinen Vater zum Kommandierenden Offizier der kleinen Insel Whale Island im Hafen von Portsmouth. Dad hatte dort vor 20 Jahren seine Ausbildung als Leitschütze der Marineartillerie absolviert und kehrte nun, 1955, zurück, um das Kommando zu übernehmen.

Es stellte den Höhepunkt seiner Laufbahn in der Marine dar. Schon bald bezog unsere Familie das Haus des Captains. Dieses Arrangement mutete ein wenig ungewöhnlich an, denn bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war die Unterbringung alleinig Männern vorbehalten. Von den Familien erwartete man, dass sie in ihrer Wohnung an Land blieben. Hinzu kam noch, dass die Kinder der meisten Offiziere beim Erreichen des Captain-Rangs schon erwachsen waren und eine Universität besuchten. Mein Vater hingegen hatte im Alter von 49 Jahren eine siebenjährige Tochter und einen fünfjährigen Sohn. Doch Nicky und ich lernten schnell, uns in die Abläufe einzufügen:

In der Militäreinrichtung bezogen beide Kinder die ihnen zugewiesenen Plätze. Es gab keine Kinderpsychologie oder etwas Vergleichbares. Wenn sie die Dreiräder nicht benutzten, wurden
sie exakt zwischen die weißen Linien ihres Fahrradparkplatzes außerhalb des Hauses gestellt. Nach jeder Freizeit wurde ihr Spielzeug auf Seemannsart eingezogen. Falls sie fragten: „Ist das ein Befehl?“, lautete die gewohnte Antwort: „Ja – rechts um – im Eilschritt Marsch!“ Mehr lässt sich darüber nicht berichten.

Ebenso wie Dad hatte ich in der...


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