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Alter, fremdes Land

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Produktdetails

Titel: Alter, fremdes Land
Autor/en: Natascha Wodin

EAN: 9783990271285
Format:  EPUB
Jung und Jung Verlag

2. September 2014 - epub eBook - 218 Seiten

Ein Roman über die Schrecken des Alters und den Versuch, ihnen zu entkommen.

Lea ist Schriftstellerin, sie lebt allein, in Berlin, sie ist 63. Ihr Alter hat sie nie gekümmert, es war eine Tatsache, jetzt ist es mehr als das: Es bestimmt ihr Leben, es zeigt ihr, was ihr noch bleibt, was sie erwarten kann und was sie versäumt hat. Nach und nach verschließt sich ihr die Welt, in der sie sich immer wie selbstverständlich bewegt hat, sie wird kleiner, ein fremdes Land plötzlich. Doch nicht weniger unvermittelt findet sie sich eines Tages im Internet wieder, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was sich darin auftut an Möglichkeiten und Gefahren der Täu schung und der Selbsttäuschung. Unver sehens landet sie in einem Erotikchat, sie führt ein Leben im Virtuellen. Aber auch in diesem Leben wird sie ihr Alter nicht los, es gewinnt nur eine andere Bedeutung.

Natascha Wodin sucht das Unerhörte. Ihr neuer Roman ist voll radikaler Energie und doch klar und nüchtern. Sie beschönigt nichts, sie schont sich nicht, und doch ist sie nie ehrlich, ohne vor allem diskret zu sein.
Natascha Wodin
1945 in Fürth geboren, lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Russischen in Berlin.
Für ihre Bücher hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten, etwa den Hermann-Hesse-Preis oder den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Zuletzt erschien »Nachtgeschwister« (2009).

Zuerst hatte sie geglaubt, die Schwäche, mit der sie eines Morgens aufgewacht war, sei eine der ganz gewöhnlichen kleinen Unpässlichkeiten, die kamen und genauso schnell wieder gingen. Mal hatte man einen guten Tag, mal einen schlechteren, das war normal. Aber auch am nächsten Morgen, sie hatte lange und tief geschlafen, fühlte Lea sich nicht besser, und eine Woche später immer noch nicht. Fast alles, was bisher beiläufig und fast wie von selbst gegangen war, forderte jetzt zwar keine große, aber doch fühlbare Kraftanstrengung, das Aufstehen vom Bett oder von einem Stuhl, das Ankleiden, selbst das Zähneputzen und das Kämmen. Bisher hatte sie ihre Wohnung immer an einem Tag geputzt, jetzt musste sie die Arbeit auf zwei Tage verteilen, weil sie es am Stück nicht mehr schaffte, nach spätestens zwei Stunden kraftlos aufs Sofa sank. Ging sie hinunter auf die Straße, um etwas zu erledigen, fühlte sie sich schon zwei Häuser weiter so erschöpft, dass sie am liebsten wieder umgekehrt wäre. Der Weg bis zu den kleinen Geschäften vor ihrer Haustür war weiter geworden, die Tasche mit den Einkäufen schwerer, die Treppe zu ihrer Wohnung höher. Es war, als müsse sie bei jedem Schritt irgendeinen unsichtbaren Widerstand überwinden, eine rätselhafte Kraft, die sich ihr ständig von außen entgegenstellte und sie an der Bewegung hindern wollte.

Lea war in ihrem Leben nie ernsthaft krank gewesen, aber seit jeher hatte sie eine labile Gesundheit. Ihr Körper war launisch, unberechenbar, mit unerschöpflicher, geradezu poetischer Fantasie brachte er Symptome hervor, für die es selten eine medizinische Erklärung gab. Vermutlich war auch die rätselhafte Schwäche, die sie befallen hatte, so eine Laune ihres Körpers, ein Symptom, das ein Phantom bleiben würde, wie immer bisher. Sie konn
te sich nicht entschließen, einen Arzt aufzusuchen, zumal sie den Verdacht hegte, dass die Sache mit der Medizin ein Missverständnis war. Sie gab sich allmächtig, aber in Wirklichkeit beherrschte sie nur die Grundrechenarten ihrer Kunst. Über die komplexen Vorgänge im menschlichen Körper schien die Medizin noch weniger zu wissen, als uns die Mondlandung über das Universum offenbart hatte. Die Ärzte gaben ihre Ohnmacht nicht zu, und die Patienten waren froh darum. Es blieb ihnen die Erkenntnis erspart, dass wir allein waren mit unserem Körper, dass wir in einer dunklen, unbegreiflichen, wenig beeinflussbaren und zuletzt immer rettungslosen Materie wohnten.

Schließlich, als die Schwäche nicht nachlassen wollte, vereinbarte Lea doch einen Termin bei ihrer Homöopathin. Zu ihr hatte sie sich schon vor langer Zeit vor der Apparatemedizin geflüchtet, wobei sie nie das Gefühl verließ, dass die Augen der Apparate etwas in ihr entdeckt hätten, was ihre Ärztin mit ihrer ganzen diagnostischen Kunst nicht entdecken konnte. In der Tat fand sie auch diesmal nichts, auch das große Blutbild zeigte keine verschlechterten Werte, es gab keine Anzeichen für eine ernste Erkrankung. Vorsorglich überwies die Ärztin Lea dennoch zu einem Kardiologen, aber der teilte ihr nach einer Sonografie mit, alles sei in bester Ordnung, sie habe das Herz eines jungen Mädchens. Lea zweifelte an der Verlässlichkeit der Maschine. In Wahrheit stimmte es nämlich längst nicht mehr, dass ihr Körper nur poetische Symptome hervorbrachte, die Zeit der Romantik war längst vorbei. Schon seit Jahren litt sie an der weit verbreiteten Trias aus essentieller Hypertonie, deutlich erhöhten Cholesterinwerten und einer chronischen Bronchitis. Lea zählte das nicht zu den wirklichen Krankheiten, es waren eher Vorstadien von Krankheiten, Zivilisationserscheinu
ngen, die sie mit der halben Menschheit teilte, aber ihrer Drohung konnte sie sich trotzdem immer weniger entziehen. Manchmal stieg ihr Blutdruck in so schwindelerregende Höhen, dass es jeden Augenblick zu einer Explosion in ihrem Körper kommen konnte. Schwer vorstellbar, dass das Herz in einem solchen Körper noch dem eines jungen Mädchens glich. War die unerklärliche Schwäche, die sie befallen hatte, nicht dennoch ein von der Medizin unerkannter Vorbote einer schweren Krankheit?

Die Wochen verstrichen, an manchen Tagen ging es ihr besser, sie fühlte sich schon gerettet, aber immer wieder fiel ihr Körper in die Kraftlosigkeit zurück. Trotz ihrer ständigen Müdigkeit schlief sie nachts noch schlechter als bisher, sie fror und schwitzte und hatte Albträume. Sie erwachte noch zerschlagener, als sie vor dem Schlafengehen gewesen war, schleppte sich mühsam durch den Tag. Etwas in ihrem Körper sagte nein, hartnäckig und unerbittlich, und ihr begann zu dämmern, dass die Schwäche nie mehr vergehen würde, dass es sich um etwas handelte, wofür die Medizin nur peripher zuständig war, um eine Krankheit, die man nicht heilen konnte, eine ganz allgemeine, dem Leben immanente Krankheit, von der die gesamte Menschheit seit ihrem Bestehen befallen wurde, die Krankheit zum sicheren Tode namens Alter.

Lea erlebte gerade ihren dreiundsechzigsten Frühling und war nach heutigen Maßstäben noch nicht wirklich alt, von den prominenten Methusalems, die zum Personal jeder Talkshow über die neue Langlebigkeit gehörten, war sie noch weit entfernt. Aber auch heute noch gab es zahllose Menschen, die trotz Fitness, Wellness und High-Tech-Medizin nicht sehr viel älter wurden, als Lea jetzt war. Zählte man zehn Jahre hinzu, war das Massaker bereits in vollem Gange.

Vor kurzem hatte ein ehemaliger Mitschü
;ler Lea nach Jahrzehnten ausfindig gemacht. Er lebte immer noch in der ländlichen Kleinstadt, aus der sie beide stammten, und wusste, dass von den vierundvierzig Sieben- bis Achtjährigen, die auf einem historischen Klassenfoto zu sehen waren, kleine Nachkriegsjungen und -mädchen mit Strickstrümpfen und hungrigen Gesichtern, inzwischen bereits acht oder neun tot waren. An die meisten von ihnen erinnerte Lea sich noch. An die knochige Adelheid mit den großen Zähnen, die als Einzige in der Klasse eine Brille trug und inzwischen an Unterleibskrebs gestorben war, an den schmächtigen Eberhard, den Klassenclown, der schon vor mehreren Jahren einen Asthmaanfall nicht überlebt hatte. Auch Josi war inzwischen tot, das kleinste und dünnste Mädchen der Klasse, das immer mit einer gebügelten Schürze in die Schule gekommen war und Lea manchmal zu sich nach Hause mitgenommen hatte. Je länger Lea in die Gesichter der Kinder sah, mit denen sie einst die verschrammten, von Tintenflecken verschmierten Schulbänke gedrückt hatte, desto mehr kamen die inzwischen Verstorbenen ihr vor wie tote Geschwister. In jedem von ihnen erkannte sie sich selbst.

Von den Freunden aus ihren Erwachsenenjahren war als Erster Dinesh gegangen. Sie erinnerte sich genau daran, wie sie ihn kennengelernt hatte. Es war auf einem Wohngemeinschaftsfest, und zwischen den lauten Gästen aus dem linken politischen Spektrum schwebte im Nebel des Zigarettenrauchs eine exotische, schneeweiß gekleidete männliche Gestalt mit bronzefarbener Haut und schwarzseidenem Haar, die aus einer damals noch sehr fernen, unbekannten Welt stammte, jenem Indien, das gerade erst von den westdeutschen Rucksacktouristen entdeckt wurde. Später hatte sie selbst mit Dinesh und seiner deutschen Freundin in einer Wohngemeinschaft zusammengewohnt. Er war Nichttrinker, Nichtraucher, Vegetarier, ein Mensch von asiatischer Gelassenhe
it, der innerhalb weniger Monate an einer aggressiven Autoimmunerkrankung gestorben war, die mit einem Pickel am Oberschenkel begonnen hatte. Er war nicht einmal sechzig Jahre alt geworden.

Vor kurzem war Lea in einer Zeitschrift auf das Foto einer Kultautorin der damaligen Zeit gestoßen. Sie hatte sie einmal auf einem Friedenstribunal kennengelernt. Toll, dass du auch schreibst, hatte sie zu Lea gesagt, als sie in der Mittagspause einander an einem Tisch gegenübersaßen und Spargel aßen. Lea hatte gerade ihr erstes Buch veröffentlicht und war erglüht vor Glück, die Göttin der damaligen Literatur hatte sie in ihren Olymp geholt, und gleichzeitig hatte sie sich gefühlt wie im Blick einer Boa constrictor, während die berühmte Autorin sie über den Tisch hinweg mit ihren kristallblauen Augen anblitzte und sich die aufgespießten Spargelstangen eine nach der anderen in ihre kolossale Mundöffnung schob. Nach dem Tribunal war sie auf ihr Motorrad gestiegen und davongebraust, ein Feuervogel, eine Himmelsstürmerin in einer prall gefüllten schwarzen Lederkluft, mit einem wilden, rot flammenden Haarbusch. Etwa fünfundzwanzig Jahre später war sie tot, sie war nur achtundfünfzig Jahre alt geworden. Das Foto in der Zeitschrift zeigte eine Sterbende. Den Rest eines Menschen, eine gewichtlos gewordene, an einen Baumstamm gelehnte Gestalt, die Zuflucht, Rettung bei diesem Baum zu suchen, in ihn hineinkriechen zu wollen schien, ein Körper, der bereits ins Formlose überzugehen begann.

Das Leben ist so kurz … das Leben vergeht so schnell … wie formelhaft und nichtssagend hatten diese Klagen alter Menschen einst in Leas jungen Ohren geklungen. Nun verstand sie zum ersten Mal, was gemeint war. Sie war noch gar nicht dazu gekommen, sich zu orientieren, zu begreifen, wo sie überhaupt war, sie...


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