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DER HÖLLENEXPRESS

Roman.
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Produktdetails

Titel: DER HÖLLENEXPRESS
Autor/en: Christopher Fowler

EAN: 9783958350274
Format:  EPUB
Roman.
Übersetzt von Stefan Mommertz
Luzifer-Verlag

2. Juni 2017 - epub eBook - 400 Seiten

Stellen Sie sich einen klassischen Horrorfilm vor, den Hammer Films nie gemacht hat. Ein grandioses Epos aus den Hochzeiten des Studios, eine Mischung aus den alten Dracula und Frankenstein Filmen und Dr. Terrors House Of Horrors ...

Vier Passagiere treffen sich auf einer Zugreise durch Osteuropa während des Ersten Weltkrieges; konfrontiert mit einem Mysterium, das gelöst werden muss, wenn sie überleben wollen.
Was ist in dem Sarg , vor dem jeder so viel Angst hat? Was ist das tragische Geheimnis der verschleierten Roten Gräfin, die mit ihnen reist? Warum wird ihr Mitreisender, der Brigadegeneral, von seinen eigenen Soldaten so gefürchtet? Und was genau ist das Geheimnis des teuflischen Ärzengels selbst?
Bizarre Kreaturen , satanische Riten, verängstigte Passagiere und die Romantik einer Bahnreise ... im Stile eines klassischen Horror-Romans.
Reisen Sie mit ... wenn Sie sich trauen!

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"Fowler schreibt teuflisch kluge und sarkastische Romane." [Val McDermid, The Times]

"Christopher Fowler ist ein preisgekrönter Schriftsteller, der auch einen guten Serienmörder abgeben würde." [Time Out]

"Fowler fordert seine Leser immer wieder auf, die Grenzen zwischen Unschuld und Bosheit, Rationalität und Paranoia neu zu finden ... Er hat die unheimliche Fähigkeit, den Terror ans Tageslicht zu ziehen." [The Guardian auf Demonised]
Christopher Fowler ist in London (Greenwich) geboren und aufgewachsen. Für viele Jahre war er Leibeigener eines Top-Film-Marketing-Unternehmens in Großbritannien.
Er ist der Autor zahlreicher Romane und Kurzgeschichten-Sammlungen wie beispielsweise Roofworld und Spanky, der Horror-Persiflage Hell Train und der viel gelobten und preisgekrönten Kriminal-Serie Bryant and May - sowie seiner beiden gefeierten Autobiographien, Paperboy und Film-Freak.
Christopher lebt in Kings Cross.

Zweites Kapitel

Das Spiel

Sie war allein zu Hause und langweilte sich fürchterlich.

Ihre Mutter war zum Bäcker gegangen und hatte wahrscheinlich angefangen, sich mit Frau Malik zu unterhalten. Wann immer sich die beiden trafen, tratschten sie fast eine Stunde lang. Sie hatte keine Ahnung, worüber ihre Mutter sprach; über Kochrezepte, Ehemänner, den neuen Pfarrer mit den meerblauen Augen, der die Peterskirche übernommen hatte. Ihr Vater war bei der Arbeit in der Gießerei und tat dort, was auch immer die Männer dort taten. Er würde erst heimkehren, wenn es schon dunkel war. Er kam immer spät nach Hause, und dann roch er nach Eisenspänen, Feuer und Schweiß.

Weshalb sie alleine war und aus dem Fenster in den herabstürzenden Regen blickte. Sie hatte ihr blondes Haar gebürstet und es zu Zöpfen geflochten, und sie hatte Memory mit einem Satz Karten gespielt, aber die Pikdame hatte gefehlt und so das Spiel verdorben. Ihre Mutter besaß ein Puzzle, das ein farbenprächtiges Gemälde von London ergab, aber es waren schon zu viele Teile verlorengegangen.

Sie blickte sich in dem vollgestopften Wohnzimmer um. Die Luft im Zimmer war abgestanden und muffig, weil sich hier kaum je etwas bewegte. Auf der Kommode befand sich das Gedenkbuch ihrer Schwester, hochkant aufgestellt und geöffnet. Sie war im Alter von fünf Jahren an Tuberkulose gestorben, und für die letzten Fotografien hatte man der kleinen Leiche ihre beste Kleidung angezogen und sie inmitten der Familie, die sie geliebt hatte, platziert. Neben dem Gedenkbuch stand die Spieldose ihrer Mutter mit einer starren Ballerina, die zu Leben erwachte, wenn man einen Schlüssel drehte, und sich dann zum Klang des Kaiserwalzers im Kreis drehte. Es gab auch ein Rätselbuch, aber die meisten der Rätsel war
en schon vor langer Zeit gelöst worden; die Antworten waren wiederholt mit Bleistift eingetragen und dann wieder ausradiert worden.

Ihr fiel ein, dass es auf dem Dachboden noch andere Spiele gab, alte, die ihrem armen, verrückten Großvater gehört hatten, und obwohl sie nicht hochgehen sollte, erinnerte sie sich, dass ihre Eltern den Messingschlüssel auf der Küchenanrichte aufbewahrten. Er war schwer zu erreichen, weshalb sie einen Stuhl herüberschob, auf ihn kletterte und sich auf die Zehenspitzen stellte, bis ihre Finger ihn endlich zu fassen bekamen. Sie würde nur einen kurzen Blick wagen und dann den Schlüssel zurücklegen, so dass ihre Mutter es niemals bemerken würde.

Das Haus hatte ein Giebeldach, unter dem sich ein langer, enger Dachboden voller mit Spinnweben bedeckter Wunder verbarg. Es gab kein Licht hier oben, aber sie wusste, wo sich befand, was sie suchte. Hinter der der purpurfarbenen Schneiderbüste und dem Schmetterlingskescher, neben den beiden alten Sesseln, die wie eine riesige Muschel verkehrtherum aufeinander gestapelt waren, fand sie die Spiele: vier bunte Pappschachteln, die mit Gipsstaub bedeckt waren.

Beim ersten handelte es sich um eine Sammlung von Spielen, wie Jungs sie mögen: Puste-Fußball, ein Leiterspiel, Dame und Astragaloi. Nichts, was sie interessierte.

Das zweite war eine Schachtel mit Zaubertricks, auf deren Deckel ein Mann mit Schnauzbart abgebildet war, der einen weißen Hasen aus einem glänzenden Zylinder zog, aber die Anleitungen waren schon lange verloren gegangen, und außerdem musste man für die meisten der Zaubertricks wochenlang proben, bevor man sie aufführen konnte.

Das dritte nannte sich ›Strategische Invasion‹ und schien davon zu handeln, dass man Armeen auf einer Karte von Russland aufstellen musste – was
für eine langweilige Idee für ein Spiel!

Aber die letzte – und bei weitem größte – Schachtel war am vielversprechendsten. Das fing schon damit an, dass die Schachtel mit einer Schnur zugebunden war, an der eine Karte hing, auf der stand: NICHT ÖFFNEN.

Sie trug die Schachtel vorsichtig hinunter in ihr Zimmer, ließ sich auf dem Flickenteppich nieder und studierte den Deckel. Die Illustration zeigte eine viktorianische Lokomotive mit einem Kuhfänger und einer brüllenden Teufelsfratze mit roten Hörnern. Aus der Lok traten Feuerwellen hervor, die aussahen wie böser Atem. Die kunstvolle Aufschrift unter dem Bild lautete: »Wagst du die Fahrt mit dem Höllenexpress?«

Es war seltsam, dass sie es noch nie zuvor bemerkt hatte. Nachdem sie sich feierlich vor das Spiel gesetzt hatte, schob sie die Schnur von der Schachtel, nahm den Deckel ab und entnahm das Spielbrett. Sie faltete es vorsichtig auf, legte es flach vor sich hin und entnahm die Figuren ihren Behältnissen.

Es gab keine Würfel, keine Spielmarken und keine Anleitung, aber je länger sie die Anordnung studierte, desto mehr schien sich alles von selbst zu erklären. Sie stellte die Passagiere – kleine bemalte Bleifiguren, die Koffer trugen – zu dem Bahnhof, der seltsamerweise den Namen ihrer eigenen Heimatstadt, Chelmsk, trug. Es gab sogar die gleichen Ziegelsteinkamine, den gleichen Marktplatz, die gleiche große Gießerei im Zentrum. Tatsächlich glich die gesamte Gestaltung einer Miniaturausgabe ihrer Stadt. Vielleicht hatte der Künstler hier gelebt und während des Malens zur Inspiration aus dem Fenster geblickt.

Im Spielbrett befanden sich auch die Schlitze eines mechanischen Schienenwegs, der durch niedliche Abbildungen ländlicher Idyllen führte und ein halbes Dutzend kleine
Bahnhöfe erreichte.

Am unteren Rand der Spielfläche entdeckte sie eine seltsame Beschriftung.

»Als der Teufel auf die Erde gerufen wurde, schuf er einen Zug, um die Verdammten in die Hölle zu bringen.«

Ein ziemlich ernster Leitspruch für ein Kinderspiel, das war sogar ihr klar. Ihre Mutter würde bestimmt nicht gutheißen, dass sie sich mit so einem Spiel beschäftigte, wodurch es noch viel aufregender wurde. Was für einen Schaden konnte es denn groß anrichten?

Sie blickte noch einmal in die Schachtel. Was gab es da noch?

Mit großer Vorsicht entnahm sie das größte, detaillierteste und schönste Stück – eine Spielzeuglokomotive zum Aufziehen. Ihr Name war auf dem Kesselblech eingraviert: ÄRZENGEL. Das Mädchen warf einen Blick in die minuziös ausgearbeiteten Waggons mit ihren Sitzen und Lampen und Gepäckablagen. Dann verband sie die sechs Waggons mit einander, darunter die Abteile der ersten, zweiten und dritten Klasse. Der letzte Waggon hatte einen Bereich mit privaten Suiten und eine kleine Aussichtsplattform am Ende.

Sie wählte die am wenigsten abgenutzten Figuren – sie waren aus Blei und hatten schon etwas von ihrer bunten Lackierung verloren –,entschied sich schließlich für zwei gutaussehende junge Männer und zwei hübsche Damen mit Hüten und Reifröcken – eine blond, die andere dunkelhaarig – und stellte sie an Bord des Zuges in den ersten Waggon. Das würden ein Ehepaar und zwei junge Liebende sein.

Es waren noch zwei merkwürdige kleine Figuren übrig, die sie in den zweiten Waggon gab. Zunächst ein dicker kleiner Mann, bei dem etwas mit dem rechten Bein nicht stimmte; das Blei war zerquetscht worden, wodurch sein Fu
ß missgestaltet war. Sie beschloss, dass er ein Handelsreisender mit einem Musterkoffer sein würde. Der andere Mann trug einen Zylinder, hatte einen Kotelettenbart und trug eine große Schachtel. Er sah aus wie ein Schausteller.

Funken sprühten an den Rädern des Ärzengels, als sie den Motor mit einem Blechschlüssel aufzog. Dann stellte sie den Zug auf seine schlitzförmige Spur und ließ ihn seine Reise beginnen.

Sie beobachtete gebannt, wie der Zug über das Spielbrett tuckerte, leise Dampflokgeräusche von sich gab und durch schön gemalte ländliche Szenen mit Engelchen, sonnenbeschienene Brücken und Schluchten mit Regenbogen fuhr.

Der Zug hielt an einem Bahnhof an und schien darauf zu warten, dass sie etwas tat. Sie fand einen kleinen Fahrkartenautomaten aus Blech, der Karten ausgab, und nachdem sie den Hebel betätigt hatte, entnahm sie die erste.

Auf ihr stand: »Frömmigkeit«. Aber was sollte sie damit tun?

Am Ende des Bahnsteigs befand sich ein Stellwerk mit einem Schlitz im Dach. Sie schob die Karte dort hinein und einen Moment später wurden die Weichen verstellt. Der Zug nahm wieder Fahrt auf.

Es war wunderbar gestaltet, aber was war das Ziel des Spiels?

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug drei. Draußen war die Straße menschenleer und vom fallenden Regen dunstig. Als sie wieder auf das Spiel blickte, sah sie, dass der Zug auf dem nächsten Teilstück der Strecke rollte und ein gemaltes Spruchband passierte, auf dem »Folge den Regeln & Beschäme den Teufel« geschrieben stand.

Das Leben, sagte ihre Mutter ihr immer, ist eine Reise, die man selbst bestimmen muss.

Das ist es<
span>, beschloss sie. Ein Spiel über das Leben.

Das Schema wiederholte sich, und an jedem Bahnhof gab sie eine weitere Fahrkarte für die nächste Etappe der Reise aus.

Auf den neuen Karten stand zu lesen: »Ehrlichkeit« und »Anständigkeit«.

Aber während der Zug sich fortbewegte und das Spiel weiterging, kam ihr das Glück mit den Karten abhanden. Die nächsten Karten waren »Alkohol«,...


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