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Roter Vogel erzählt

Erzählungen einer Dakota. Interessierte an Literatur von …
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Produktdetails

Titel: Roter Vogel erzählt
Autor/en: Zitkala-Sa

ISBN: 3938305703
EAN: 9783938305706
Erzählungen einer Dakota.
Interessierte an Literatur von nordamerikanischen Ureinwohnern.
Illustriert von Angel De Cora
Übersetzt von Frank Elstner, Ulrich Grafe
Palisander Verlag

1. Dezember 2015 - gebunden - 400 Seiten

Zitkala-Sa (1876-1938) war eine Dakota-Indianerin. Die Jahre ihrer unbeschwerten Kindheit bei ihrem Stamm wie auch die traumatischen Erlebnisse in einer Internatsschule sind - neben anderen Erzählungen - Gegenstand ihres 1921 veröffentlichten Buches "American Indian Stories". Bereits 1901 erschien ihr erstes Buch, "Old Indian Legends", der unter anderem einen Zyklus von Geschichten über Iktomi, den Spinnenmann, enthält. "Roter Vogel erzählt" enthält die vollständigen Texte der beiden von Zitkala-Sa veröffentlichten Bücher und weitere Texte aus ihrer Feder.
Zitkala-sa - Roter Vogel - ist der selbstgewählte indianische Name der 1876 geborenen Dakota-Indianerin Gertrude Simmons Bonnin, unter dem sie ihre Texte in verschiedenen Zeitschriften und in ihren Büchern veröffentlichte.
1913 wurde die von ihr mitgeschaffene »Sonnentanzoper« in Utah uraufgeführt, die erste Oper, an der eine amerikanische Ureinwohnerin maßgeblich beteiligt war.
Zitkala-sa war nicht nur Schriftstellerin und Musikerin, sondern vor allem auch eine engagierte Aktivistin der Indianerbewegung. Als Generalsekretärin der panindianischen Organisation Society of American Indians, in Zeitungsartikeln und zahlreichen öffentlichen Vorträgen, von denen mehrere in diesem Buch enthalten sind, setzte sie sich vehement für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner ein. Ihr Wirken trug dazu bei, dass nach vielen Jahren der Hoffnungslosigkeit und der Entwurzelung wieder indianisches Selbstbewusstsein aufkeimen konnte. Zitkala-sa starb 1938 in Washington.
Mein langes Haar wird geschnitten (aus Schultage eines Indianermädchens)
Der erste Tag im Land der Äpfel war ein bitter kalter. Noch immer bedeckte der Schnee den Boden, und die Bäume waren kahl. Eine große Glocke läutete zum Frühstück, ihre laute Metallstimme schmetterte hoch vom Glockenturm herab in unsere empfindlichen Ohren. Das störende Geklapper von Schuhen auf blankem Holzfußboden ließ uns keine Ruhe. Das unaufhörliche Aufeinanderprallen harscher Geräusche, unterlegt von einem Gemurmel aus vielen Stimmen in einer Sprache, die ich nicht verstand, schufen ein wahres Tollhaus, in dem ich mich fest angebunden fühlte. Mein Geist riss sich selbst in Stücke in seinem Ringen um die verlorene Freiheit, aber es war vergebens.
Eine Bleichgesicht-Frau mit weißem Haar kam zu uns. Wir wurden in eine Reihe von Mädchen eingereiht, die in den Speisesaal gingen. Es waren Indianermädchen; sie trugen steife Schuhe und eng anliegende Kleider. Die kleinen Mädchen trugen Schürzen mit Ärmeln, und ihr Haar war kurz geschnitten. Während ich geräuschlos in meinen weichen Mokassins ging, wäre ich am liebsten im Boden versunken, denn man hatte mir meine Decke von den Schultern genommen. Ich blickte fest zu den Indianermädchen, die sich nicht darum zu kümmern schienen, dass sie sogar noch unanständiger gekleidet waren als ich in ihrer eng sitzenden Kleidung. Als wir in den Saal gelangten, kamen die Jungen durch eine gegenüberliegende Tür herein. Ich hielt Ausschau nach den drei jungen Burschen, die mit unserer Gruppe gekommen waren. Ich erspähte sie in den hinteren Reihen, und sie schienen sich genauso unbehaglich wie ich zu fühlen.
Jemand schlug eine kleine Glocke an, und jeder der Schüler zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. In der Annahme, dass dies dazu gedacht war, sich hinzusetzen, zog ich meinen auch heraus und glitt sogleich von der Seite auf den Sitz. Aber als ich mich umschaute bemerkte ich, dass ich die einzige war, die saß, alle anderen an unserem Tisch standen
noch immer. Gerade, als ich wieder aufzustehen begann und mich dabei scheu umblickte, um herauszufinden, wie man Stühle benutzen musste, erklang ein zweiter Glockenschlag. Alle setzten sich, und ich musste wieder auf meinen Stuhl klettern. Ich vernahm die Stimme eines Mannes an einem Ende des Saals, und ich drehte mich um, um nach ihm zu sehen. Aber alle anderen hingen mit ihren Köpfen über ihren Tellern. Während ich die lange Reihe der Tische entlang blickte, bemerkte ich, dass eine Bleichgesicht-Frau mich ansah. Sofort senkte ich die Augen und wunderte mich, warum die seltsame Frau mich so scharf anblickte. Der Mann beendete sein Gemurmel, und ein dritter Glockenschlag erklang. Alle griffen nun zu Messer und Gabel und begannen zu essen. Ich hingegen begann zu weinen, denn ich hatte Angst vor dem, was noch kommen mochte.
Aber das förmliche Essen war nicht die schwerste Probe jenes ersten Tages. Spät am Morgen kündigte meine Freundin Judéwin mir gegenüber etwas Schreckliches an: Sie sprach schon ein paar Worte Englisch, und sie hatte gehört, wie die Bleichgesicht-Frau davon gesprochen hatte, dass man uns unser langes, schweres Haar abschneiden wolle. Unsere Mütter hatten uns beigebracht, dass nur ungeschickten Krieger, die in Gefangenschaft geraten waren, vom Feind die Haare kurz geschnitten würden. In unserem Volk trugen nur Trauernde das Haar kurz, und nur Feiglingen wurden sie abgeschnitten!
Wir besprachen unser Schicksal, und als Judéwin sagte: Wir fügen uns, denn sie sind stark, rebellierte ich.
Nein, ich werde mich nicht fügen! Ich werde kämpfen! antwortete ich.
Ich wartete auf meine Chance, und als niemand auf mich achtgab, verschwand ich. Ich schlich in meinen quietschenden Schuhen - meine Mokassins waren gegen Schuhe ausgetauscht worden - so leise ich konnte, die Treppe hoch. Ich kam durch einen Saal, ohne dass ich wusste, wohin ich ging. Ich wandte mich zur Seite zu einer offenenstehenden Tür und fand dahinter einen großen Raum mit drei wei
ßen Betten darin. Vor den Fenstern hingen dunkelgrüne Vorhänge, die den Raum sehr düster erscheinen ließen. Glücklich darüber, dass niemand hier war, richtete ich meine Schritte zu der am weitesten von der Tür entfernten Ecke. Auf Händen und Knien kroch ich unter das Bett und kauerte mich in die dunkle Ecke.
Ich spähte aus meinem Versteck hervor, vor Furcht bebend, wenn ich in der Nähe Schritte vernahm. Obgleich im Saal laute Stimmen meinen Namen riefen und ich wusste, dass sogar Judéwin nach mir suchte, öffnete ich nicht den Mund, um zu antworten. Die Schritte wurden schneller und die Stimmen aufgeregter. Die Geräusche kamen immer näher. Frauen und Mädchen kamen in das Zimmer. Ich hielt den Atem an und beobachtete, wie sie Schranktüren öffneten und hinter große Koffer spähten. Jemand zog die Vorhänge auf, und plötzlich war der Raum von Licht durchflutet. Was der Anlass dafür war, dass sie innehielten und schließlich unter dem Bett nachsahen, weiß ich nicht. Ich erinnere mich daran, wie ich darunter hervorgezogen wurde, obgleich ich mich mit Tritten zur Wehr setzte und wild kratzte. Gegen meinen Willen wurde ich die Treppen hinab getragen und fest an einen Stuhl gebunden.
Ich schrie laut, warf die ganze Zeit meinen Kopf hin und her, bis ich die kalten Klingen der Schere an meinem Hals spürte und das Geräusch hörte, wie sie einen meiner dicken Zöpfe abfraßen. Ich war außer mir. Seit ich von meiner Mutter weggenommen worden war, hatte ich äußerste Demütigungen erdulden müssen. Leute hatten mich angestarrt. Ich wurde in die Luft geworfen wie eine Holzpuppe. Und jetzt wurde mir mein langes Haar abgeschnitten wie bei einem Feigling! In meiner Seelennot wimmerte ich nach meiner Mutter, aber niemand kam, um mich zu trösten. Nicht eine einzige Seele sprach ruhig mit mir, wie meine Mutter dies zu tun pflegte. Von nun an war ich nur noch eines von vielen kleinen Tieren, die von einem Hirten getrieben wurden.

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