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Mittersendling

Münchner Lausbubengeschichten.
von Olaf Maly
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Produktdetails

Titel: Mittersendling
Autor/en: Olaf Maly

ISBN: 3944596110
EAN: 9783944596112
Münchner Lausbubengeschichten.
Morisken Verlag

8. Dezember 2016 - gebunden - 192 Seiten

HEITER. URIG. BAYERISCH. Eine Kindheit nach dem Krieg: Die Lederhose wird auf der Auer Dult beim Billigen Jakob gekauft, man wird selten richtig satt und Kino ist gleich gar nicht drin. Aber Hansi und seine besten Freunde aus Mittersendling wissen sich doch immer irgendwie zu helfen. Schließlich können sie sich auch ohne viel Geld amüsieren: Sie erkunden Hausruinen, schleichen sich ins Freibad, trinken heimlich von der Maß ab und träumen von wilden Indianern oder einer Karriere
als Fußballer.
Olaf Maly erzählt in diesem Buch amüsante, lebensnahe Geschichten aus dem alten München. Sie wecken Erinnerungen an eine Zeit, in der es für freche Lausbuben immer ein Abenteuer zu bestehen gab und sie nichts fürchteten - außer vielleicht die Mama oder ein paar Mädchen!
Unsere Siedlung
Der Fußball
Meine Mutter
Maria
Beim Schrotthändler
Im Kino
Bad Maria Einsiedel
Die Rache der Proleten
Der Geigenspieler
Am Bahnhof
Johnny
Der Zirkus kommt
Herr Pöschl und das Radio
Ein Schloss
Luigi
Die Parade
Vor langer Zeit bin ich in München aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe dort auch ein Maschinenbaustudium absolviert. Mittlerweile nenne ich hauptsächlich die Golfküste Floridas mein Zuhause, der Sonne und des unkomplizierten Lebens wegen. Gleichwohl zieht es mich immer wieder in die Heimat nach München zurück.
Vor ein paar Jahren habe ich beschlossen, mich ganz dem Schreiben zu widmen. Dabei versuche ich, Bücher in einer leicht verständlichen Sprache zu verfassen, einer Sprache, die sich gut liest. Ich möchte unterhaltsame Geschichten schreiben, die entspannen, bei denen sich die Leser in eine andere Welt versetzen und für ein paar Stunden den Alltag vergessen können. Meine Bücher spielen alle in München oder der näheren Umgebung. Hauptsächlich arbeite ich an Kriminalromanen, ich versuche aber auch, Belletristik und Kurzgeschichten nicht zu kurz kommen zu lassen.
Wenn ich nicht schreibe, lese ich begeistert neue deutsche Autoren, gehe ins Theater und die Oper, höre Musik und reise um die Welt, wo auch immer es interessant zu sein scheint und man neue Eindrücke sammeln kann.
In unserer Siedlung gab es eine Mauer. Sie verlief um die ganze Siedlung herum und war zwar nicht hoch, aber eben doch eine Mauer. Sie trennte uns von der Nachbarschaft der kleinen Häuser. Für uns, die wir noch jung und kurz waren, war sie hoch. Zu hoch. Man konnte nicht einmal drüber sehen, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte. Der Kerber Franz, mein bester Freund, war mindestens einen Kopf größer als ich und schaffte es auch nicht. Er war schon so groß, weil er in der Schule eine Ehrenrunde hatte drehen müssen, er also eigentlich bereits in der nächsten Klasse hätte sein sollen, eine höher als ich. Wenn man ihn darauf ansprach, meinte er, dass ihm die Lehrerin, die Frau Zwirbel, viel besser gefallen habe als der Lehrer Zwick, den er nicht hat ausstehen können. Also ist er noch einmal in dieselbe Klasse gegangen in der Hoffnung, dass der Herr Zwick nicht mehr da sei, wenn er dann doch irgendwann versetzt werden musste.
»Ich hoff, der geht in Pension, bis ich in die nächste Klass komm, sonst sieht s schlecht aus, Hansi. Viel mehr als ein- oder zweimal kann ich ned noch amal zur Frau Zwirbel.«
Deswegen war er also einen Kopf größer. Und deswegen stellte er sich hin, mit dem Rücken zur weiß verputzten Mauer, griff mit den Fingern seiner Hände ineinander und bildete so eine Trittfläche, auf die ich steigen konnte, um einen Blick über die Mauer werfen zu können. Er hielt seine Hände sehr tief, ich stieg hinein und er drückte mich nach oben.
»Mei, bist du a Brocken«, sagte er, als er sich anstrengte, aufrecht zum Stehen zu kommen. »Hilf halt a bisserl! Lang doch amal an die Mauer und zieh dich hoch, du Depp!«
Ich tat, was ich konnte, wenn auch ohne großen Erfolg.
»Was is n da, Hansi?«, fragte er, als ich mich endlich an den Ziegeln festklammerte, die auf dem oberen Rand der Mauer angebracht waren.
»Nix Bsonders, nur a paar Häuser. Und an Garten ham die um ihre Hütten. Sehen tut ma nix.«
»Des weiß ich auch, dass da Häuser stehn, du Simpel! Ich mein den Ball, kannst den sehn? Des kann ned sein, dass du nix siehst. Tu ned a so, als wenn da nix wär.«
»Wennsd es ned glaubst, dann schau doch selber!«
»Depp, wie soll ich denn des machen? Siehst wenigstens den Ball?«
Ich schaute angestrengt nach allen Richtungen und versuchte, den Ball zu orten, den der Friedel Schorsch gerade über die Mauer geschossen hatte. Eigentlich sollte er abgeben und ich, der ich das Tor bewachte, dann halten. Aber wie immer, wenn wir da auf dem Rasen zwischen den Häusern Fußball spielten, wollte er das anders machen. Ich war in perfekter Position zwischen den Pfosten, gerade vor dem Verteidiger, dem Toni, der den Ball nie und nimmer erwischt hätte. Aber nein, der Schorsch musste uns unbedingt beweisen, dass er auch schießen kann, wenn wir ihm das auch schon hundertmal gesagt hatten, dass er eine träge Flasche sei, die nicht einmal ein Scheunentor aus zwei Metern Entfernung träfe.
»Ich mach des schon!«, rief er und schoss wie zu erwarten zu hoch und über die verdammte Mauer. Damit war unser Ball weg. Der einzige Lederball, den wir hatten, war weg. Wir hatten noch einen Gummiball, aber der zählte nicht. Der war nur Notersatz, sozusagen.
»Und jetz, du Depp?! Was mach ma jetz?«, schrie ihn der Franz an, lief hinter ihm her und wollte ihm einen Tritt geben, der allerdings voll ins Leere ging, da der Schorsch unter solchen Umständen immer sehr schnell sein konnte.
Der Franz überschlug sich durch die Wucht seines Tritts, was die anderen dann besonders amüsierte, dem Franz aber ganz und gar nicht gefiel.
»Des wirst noch büßen, du Dorfdepp, du depperter!«, rief er dem Schorsch nach, der immer noch so schnell lief, wie er konnte.
Also, hatten wir uns nach ein paar Minuten des Beratschlagens gedacht, dann schaun wir doch einmal, was mit dem Ball ist. Und so kam es, dass ich auf den Händen vom Franz stand und in den Nachbarsgarten blickte.
»Ich hab ihn! Der is da ganz am Haus und in die Blumen. Die werns sich freun, wenns des sehn, den Verhau. Die Blumen kannst vergessen. Die kannst ned amal mehr in a Vasen stelln.«
In genau diesem Moment kam der Sohn aus dem Haus, der Steiger Wilhelm, der mit uns in die Schule ging. Wir kannten ihn. Und er kannte uns. Aber wir mochten uns nicht. Er hielt uns für Unterschicht, Asoziale und so, da er in einem Haus wohnte und wir in einer Sozialwohnung; hinter der Mauer eben. Er war einer derjenigen, die uns Proletarier nannten. Außerdem trug er immer eine Fliege und ein kariertes Hemd. Im Winter sogar eine Jacke und einen Mantel, was wir nicht hatten. Und er besaß einige Hosen aus Stoff nicht wie wir aus grobem, rauem Leder, das uns immer die Haut an den Beinen aufrieb. Und Schuhe trug er, jeden Tag Schuhe aus Leder. Unsere Schuhe durften wir nur am Sonntag anziehen und die drückten so, dass man sie sowieso gleich wieder auszog. Was wir hatten, waren Sandalen, die wir beim Fußballspielen als Torpfosten verwendeten, weil man mit Sicherheit damit rechnen konnte, dass sich die Sohle ablöste, wenn man damit den Ball trat. Und das war nicht gut, da man dann wieder zum Schuster musste und den ganzen Tag zu hören bekam, was das wieder gekostet hatte.
Wenn man sich also in der Schule traf der Wilhelm ging in eine Klasse über uns riefen wir ihm nach, dass er doch mal abheben solle mit seinem Propeller.
»Mach doch amal an Hubschrauber, Willi!«, hieß es dann und die halbe Schule lachte. Er machte sich nichts daraus, drehte nur an seiner Fliege und sah uns verächtlich an.
»Der Willi is jetz im Garten«, flüsterte ich zum Franz, der inzwischen etwas röter im Gesicht zu werden schien.
»Dann sag dem Schnösel, der soll den Ball rüber werfen. Und zwar schnell. Lang kann ich des nimmer aushalten da mit dir.«
»Willi«, rief ich ihm zu, »schieß doch amal den Ball da rüber, der da in die Blumen liegt!«
Der Wilhelm sah mich an, dann drehte er sich um, um den Ball zu suchen, blickte wieder in meine Richtung, grinste unverschämt und entgegnete: »Flieg doch einfach her und hol ihn dir, du Prolet!«
Ich wusste nicht, was ein Prolet war, und der Willi wahrscheinlich auch nicht, aber es konnte nichts Gutes sein, das war klar. Auch der Franz wusste es nicht, war aber meiner Meinung, dass das nichts Gutes bedeuten konnte, weil der Willi es sicher nicht gut mit uns meinte. Ich fragte den Franz, was wir denn jetzt machen sollten.
»Sag ihm«, kam es mittlerweile mühevoll aus seiner Kehle, »dass ich ihm persönlich eine auf sein freches Maul hau, wenn er nicht augenblicklich den Ball rüber schießt! Morgen in der Schul könnt er was erleben, der Sauhund. Des würd er sein Leben lang nicht vergessen, was er da abbekommen würd. Seine Mutter wird ihn nicht mehr erkennen, wenn er heim kommt. Ich hätt schon lang auf einen Grund gwartet, ihm des endlich amal zu zeigen, wer hier in der Gegend des Sagen hat.«
Ich übermittelte die Nachricht an den Willi, der nur da stand und mich dumm ansah, immerzu dieses Grinsen auf den Lippen. Ich ging sicher, zu betonen, dass der Franz ihn in die Zange nehmen würde und nicht ich. Ich hielt das für wichtig, da ich nicht wollte, dass er meinte, ich würde es ihm zeigen wollen.
»Den Ball, den könnts euch abholen, ihr Proleten. Ich schieß euch nix rüber.«
Schon wieder versah er uns mit diesem Wort, von dem keiner wusste, was es zu bedeuten hatte. Aber wenn er es zweimal gebrauchte, dann musste es wirklich sehr schlimm sein. Halbaffe, Idiot, Saubär und all diese (und noch ganz andere) Ausdrücke, die man sich gegenseitig an den Kopf warf, die kannten wir, das war nicht so schlimm. Wir nannten uns das sogar gegenseitig. Aber Prolet hatten wir noch nicht gehört.
»Also, der heißt uns immer Proleten. Ich glaub, des hat was mit dene Proletarier zum tun. Mit dene, die arbeiten und nicht ihr Zeit im Büro versaun.«
»Des is mir wurscht, was der uns nennt, der kriegt morgen eine aufs Maul, dass er weiß, wie die Proleten zuhaun«, meinte der Franz.
Derweil ging der Willi zum Blumenbeet, nahm den Ball heraus und ging Richtung Haus. Auf der Terrasse blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und meinte:
»Sag dem Franz, dass ich mich auf morgen freu, weil ich den Gerber Sigi dabei haben werd. Und dann soll er kommen, dein Franz. Dann wird man ja sehn, wer die blauen Augen hat!«
Dann lachte er und verschwand mit dem Ball im Haus. Die Terrassentür fiel ins Schloss.
Der Gerber Sigi war so etwas wie der Rächer der Gerechten, oder auch ein Schläger, den man sich sozusagen mieten konnte, wenn man selbst nicht in der Lage war, sein Problem zu lösen. Es kostete dann immer etwas, zum Beispiel eine Schachtel Zigaretten, die er besonders gerne nahm, obwohl er erst so um die zwölf, aber immer noch in der vierten Klasse stecken geblieben war. Es gab das Gerücht, dass er im nächsten Jahr in die Baumschule, wie wir das nannten, aufsteigen würde.
»Der hat gsagt, dass er den Gerber Sigi «
»Hab ich ghört, du Depp. Und jetz geh runter. Mir tun die Händ schon weh.«
Damit löste er seinen Griff, ging zur Seite und ich hing mit meinen Fingern an den Ziegeln und versuchte verzweifelt, nicht herunterzufallen.
»Ja spinnst jetz, du Depp?«, rief ich in meiner Verzweiflung, noch immer mit meinen blau werdenden Fingern an die Ziegel geklammert.
»Jetz mach ned so a Tragödie, Hansi, als wennsd an einem Hochhaus hängst. Lass dich einfach fallen, is doch nur a halber Meter.«
Auch wenn es wirklich nur ein halber Meter war, es kostete allen Mut und Geschicklichkeit, den Sprung lebend zu überstehen, was ich dann auch jedem in den nächsten Wochen in allen Facetten eines Abenteuers erzählte, der genug Geduld hatte, mir zuzuhören. In diesen Fällen war der Sprung allerdings zwei Meter tief auf einen harten Weg, den ich aber mit Leichtigkeit und einer Seitenrolle perfekt abgefangen hatte.
»So, hast es gschafft. Da bin ich aber froh. Und überlebt hast es auch. Und was mach ma jetz wegen dem Ball?«
Wir saßen alle zusammen auf dem Rasen. Der Schorsch, der inzwischen wieder zurückgekommen war, stand als einziger, da er den Vorteil des schnellen Starts haben wollte, musste er noch einmal vor dem Franz weglaufen.
»Kannst dich ruhig setzen, du Depp«, meinte der Franz, was der Schorsch ihm aber nicht ganz abnahm. Er meinte: »A bisserl später.«
Wie wir da so saßen, das Gras zupften und uns gegenseitig Steinchen an den Kopf warfen, kam die Seliger Maria den Weg entlang. Normalerweise hatten wir mit Mädchen nichts am Hut und es gab wenige, die wir, auch nur zeitweise, in unseren Kreis aufnahmen. Aber bei der Maria war das etwas anderes. Erstens war sie nicht aufs Maul gefallen wie die meisten ihrer Gattung und zweitens sah sie auch noch ganz nett aus. Nicht so zickig wie die anderen, halt mehr natürlich. Sie hatte einen runden Kopf, der ein bisschen zu groß für ihren Körper war, dunkelbraune Haare, eine kleine Nase und viele Sommersprossen im Gesicht. Angezogen war sie immer mit so einem blauen Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte. Sie schien nur blaue Kleider im Schrank zu haben. Oder sie hatte nur ein einziges. So wie wir eben immer dieselbe Lederhose anhatten, den ganzen Sommer lang.
»Gehst schon heim, Maria?«, fragte ich, als sie an uns vorbei ging.
»Ja, is was?«, meinte sie und blieb stehen.
»Na, nix. Nur so.«
»Nur so, des gibt s ned bei euch, wenn ihr wissen wollts, was ich mach. Ihr wollts doch nie wissen, was ich mach. Ihr habts doch was.«
Wir sahen uns gegenseitig an. Ich hatte da eine Idee gehabt und alle blickten auf einmal auf mich.
»Ja, wir hätten da was. Du magst doch den Löffel da drüben von dene Häuser, den Steiger Willi, den magst du doch a ned, oder?«
»Wieso, was hat der denn ausgfressen?«
»Nix richtig ausgfressen, aber unsern Ball hat der sich gnommen und will den nimmer rausgeben.«
»Und was soll ich da machen?«
Wir besprachen, wie man den Ball wieder zurückholen und dem Willi auch noch eine verpassen könne ...
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