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Aspergers Kinder

Die Geburt des Autismus im "Dritten Reich". Originaltitel…
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Produktdetails

Titel: Aspergers Kinder
Autor/en: Edith Sheffer

ISBN: 3593509431
EAN: 9783593509433
Die Geburt des Autismus im "Dritten Reich".
Originaltitel: Asperger's Children. The Origins of Autism in Nazi Vienna.
mit Lesebändchen.
GB.
Übersetzt von Stephan Gebauer
Campus Verlag GmbH

4. Oktober 2018 - gebunden - 356 Seiten

Wien 1938: Der Arzt Hans Asperger beschreibt Symptome bei Kindern, die er unter die Diagnose "autistische Psychopathie" fasst. Er hatte bei Patienten Schwächen im sozialen Verhalten beobachtet. Im selben Jahr ziehen die Nationalsozialisten in Wien ein. Asperger sollte bald verantworten, dass Kinder, die er für "nicht sozial integrierbar" hielt, in der Anstalt Am Spiegelgrund zu "Euthanasie"-Opfern wurden.
Edith Sheffer, Mutter eines von Autismus betroffenen Kindes, hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen der Diagnose begeben. Sie zeigt, welche Wertvorstellungen Asperger geprägt haben und welche Entwicklung die Diagnose genommen hat. Ihr berührendes und eindrucksvolles Buch wirft ein neues Licht auf die Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus und auf das Asperger-Syndrom.
Inhalt
Einleitung 9
Kapitel 1: Auftritt der Experten 25
Kapitel 2: Die Diagnose der Klinik 53
Kapitel 3: NS-Psychiatrie und sozialer Geist 69
Kapitel 4: Menschenleben auf dem Index 98
Kapitel 5: Tödliche Theorien 112
Kapitel 6: Asperger und das Tötungssystem 144
Kapitel 7: Mädchen und Jungen 167
Kapitel 8: Das tägliche Leben mit dem Tod 205
Kapitel 9: Im Dienst der "Volksgemeinschaft" 237
Kapitel 10: Die Abrechnung 254
Nachwort 273
Danksagung 287
Abkürzungen 291
Anmerkungen 293
Bildnachweise 337
Auswahlbibliografie 338
Edith Sheffer ist Historikerin an der University of California, Berkeley. 2011 erschien von ihr "Burned Bridge: How East and West Germans Made the Iron Curtain" bei Oxford University Press.
Einleitung
Was ist der Unterschied zwischen einem Schmetterling und einer Fliege? "[D]er Schmetterling wächst nicht im Zimmer auf wie die Fliege", erklärt Harro. Die Frage ist Teil eines Intelligenztests. Harro möchte mehr über die Fliege erzählen:
[Die Fliege] hat eine gaaanz andere Entwicklung! [ ] Die Fliegenmutter legt viiiele Eier in eine Dielenritze hinein und dann in ein paar Tagen kriechen Maden heraus; ich hab das einmal in einem Buch gelesen, da erzählt der Fußboden - ich muss mich halbtot lachen (!), wenn ich dran denk: "Was guckt da heraus aus dem Tönnchen, ein riesiger Kopf mit einem winzigen Körper und einem Rüssel wie ein Elefant?" Und dann nach ein paar Tagen verpuppen sie sich wieder und dann kriechen auf einmal ganz herzige kleine Fliegen heraus.
Der achtjährige Harro lebt gemeinsam mit anderen Kindern ebenfalls in einem Kokon, abgeschirmt in der Heilpädagogischen Abteilung der Universitäts-Kinderklinik in Wien. Wie die eigenartig geformten Larven fallen diese Kinder auf. Ihre eigentümlichen Wesenszüge stoßen im "Dritten Reich" auf Ablehnung, und die Ärzte und Krankenschwestern in der Abteilung bemühen sich, die Psyche der Kinder zu korrigieren. Hans Asperger, der Leiter der Abteilung, ist der Meinung, mit dem "volle[n] Einsatz des liebenden Erziehers" sei es möglich, dafür zu sorgen, dass "auch solche Menschen ihren Platz in dem Organismus der sozialen Gemeinschaft" fänden.
Asperger spricht über die einzigartigen Persönlichkeiten der Kinder, die er behandelt, und nimmt für sich in Anspruch, seine Methode ihren individuellen Bedürfnissen anzupassen. Er wählt einen ganzheitlichen Ansatz. Die Kinder gehen im eleganten, geräumigen Widerhofer-Pavillon verschiedensten Aktivitäten nach: Sie betreiben Sport, spielen Theater, musizieren. Asperger setzt sich mit den Kindern hin und krümmt seinen hochgewachsenen Körper, um sich seinen kleinen Patienten anzupassen. Sein aufmerksamer Blick fängt sämtliche Nuancen ihres Verhaltens ein, das er in seiner Habilitationsschrift beschreiben wird. Der Fall des achteinhalb Jahre alten Harro zählt zu den Fallstudien, aus denen Asperger eine neue Diagnose ableitet: die "autistische Psychopathie".
Harros Schule hat die Universitäts-Kinderklinik um eine Beurteilung des Jungen gebeten. Aus dem Bericht der Schule geht hervor, dass Harro selten Anweisungen befolgt. Er widerspricht den Lehrern, macht seine Hausaufgaben nicht und beklagt sich über den Unterricht, der ihm "viel zu dumm" scheint. Er wird immer wieder zum Ziel des Spotts seiner Klassenkameraden und reagiert auf geringste Provokationen sehr aggressiv: Kleinigkeiten versetzen ihn derart in Wut, dass er andere Jungen attackiert und verletzt. Er krabbelt während des Unterrichts auf allen Vieren durch das Klassenzimmer, und es gibt sogar Berichte darüber, dass es zu "argen sexuellen Spielereien mit anderen Knaben" einschließlich von "Coitusversuchen" gekommen ist. Dabei hat seine Lehrerin den Eindruck, dass er "könnte, wenn er wollte". Aber Harro ist in allen Fächern durchgefallen und muss das Schuljahr wiederholen.
Es fällt den Betreuern in der Heilpädagogischen Abteilung schwer, Harro zu testen. Er verweigert oft die Mitarbeit und scheitert an gewöhnlichen Aufgaben. Auf der anderen Seite beweist der Junge in bestimmten Bereichen für sein Alter ungewöhnliche Fähigkeiten. So wählt er beispielsweise beim Rechnen eigene Lösungswege. Wie viel ist 47 weniger 15? "[E]ntweder 3 dazugeben und zu dem, was weg soll, auch 3 dazugeben, oder erst 7 weg und dann 8." Asperger gelangt zu der Überzeugung, dass diese "besondere Originalität des Denkens und Erlebens" Jungen wie Harro "besondere Leistungen im späteren Leben" ermöglichen werden.
Das Problem sieht Asperger darin, dass es Harro an sozialem Empfinden mangelt. Der Arzt beobachtet, dass sich der Junge von Gruppen oft absondert und in der Abteilung "nie warm, zutraulich, fröhlich" ist. Harro nimmt nicht am sozialen Leben teil, er spielt nicht mit den anderen Kindern, sondern sitzt lieber teilnahmslos mit einem Buch in einer Ecke. Er versteht keinen Spaß, "auch wenn dieser sich gar nicht gegen ihn richtet; er ist "ganz humorlos". Sein Blick ist "oft ganz verloren und abwesend", er ist "sehr arm an Mimik und Gestik"; dazu passt seine "allgemeine Steifheit und Ungeschicklichkeit".
Asperger gelangt zu dem Schluss, dass Harro unter einer "autistischen Psychopathie" leidet. Aufgrund seiner Intelligenz ist er jedoch im "günstigen" Bereich des autistischen Spektrums anzusiedeln. Das bedeutet, dass seine Persönlichkeit korrigiert werden kann, womit es ihm möglich sein sollte, sich in den "Organismus der sozialen Gemeinschaft" einzufügen. Kinder wie Harro können nach Ansicht Aspergers "soziale Integration" lernen und in spezialisierten technischen Berufen "sozialen Wert" haben. Diese Kinder brauchen seiner Einschätzung nach eine individuelle Betreuung, um ihr kognitives und emotionales Wachstum anzuregen. Asperger kann ihre Schwierigkeiten nachvollziehen, er sieht ihr Potenzial und preist ihre Einzigartigkeit.
Dies ist das wohlwollende Bild, das wir uns heute von Hans Asperger machen. Aber dieses Bild stellt nur eine Seite seiner Arbeit dar. Asperger verteidigte "erziehungsfähige" autistische Kinder, die er unterstützen wollte. Gleichzeitig äußerte er sich geringschätzend über Kinder, die er für stärker behindert hielt. Und abfällige Äußerungen über die Psyche eines Menschen konnten im Dritten Reich ein Todesurteil sein. Tatsächlich waren die Urteile Hans Aspergers über einige Kinder Todesurteile.
Harro bestand Aspergers Tests, aber mit dem Etikett der "autistischen Psychopathie" unterschätzte der Arzt diesen Jungen. Asperger behauptete, autistische Kinder passten nicht richtig in die Welt und wirkten, als seien sie "vom Himmel gefallen". Doch Harro war keineswegs gefallen. Wie die Fliege, die er so schön beschrieb, suchte er einfach seinen eigenen Weg:
[D]ie Fliege ist viel geschickter und kann auf glitschigem Glas hinaufspazieren und auf die Wand hinaufklettern. [ ] Gerade gestern habe ich eine gesehen, die hat ganz kleine Klauen auf den Füßen und auf den Enden winzige Häkchen; wenn sie fühlt, dass sie ausglitscht, dann hängt sie sich mit den Häkchen ein.
Es geht hier jedoch nicht um die Geschichte eines Jungen. Es geht auch nicht um die Kinder am "günstigeren" Ende von Aspergers autistischem Spektrum. Vielmehr geht es in diesem Buch um all jene Kinder, die dem Diagnoseregime der NS-Psychiatrie ausgeliefert wurden. Es geht darum, wie die Psychiater in der NS-Zeit den Verstand dieser Kinder beurteilten und über ihr Schicksal entschieden. In medizinischen Diagnosen kommen auch die Wertvorstellungen, Befürchtungen und Hoffnungen einer Gesellschaft zum Ausdruck. In diesem Buch werden wir die albtraumhafte Welt betrachten, in der die Diagnose "Autismus" entstand, und wir werden sehen, dass etwas, was heute wie eine außergewöhnliche Idee wirkt, das Produkt einer Gemeinschaft war: Aspergers Diagnose der "autistischen Psychopathie" hatte ihren Ursprung in den Wertvorstellungen und Institutionen des Dritten Reichs.
Der Begriff "Autismus" wurde im Jahr 1911 von dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler eingeführt, der den Terminus zur Beschreibung schizophrener Patienten verwendete, die keine Beziehung zur Außenwelt herstellen konnten. Hans Asperger und Leo Kanner, ein in Österreich-Ungarn geborener Arzt, waren die Ersten, die den Autismus als eigene Diagnose zur Beschreibung bestimmter Charakteristika des sozialen Rückzugs verwendeten; andere hatten Kinder mit ähnlichen Merkmalen beschrieben, diese Patienten jedoch als schizoid eingestuft. Im Lauf der Jahre wuchs das Interesse der Psychiater an Kindern, die sich anscheinend von ihrer Umwelt isolierten. Zur Einstufung solcher Kinder wurden verschiedene Begriffe geprägt.
Kanner, der 1924 in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, wo er am Johns Hopkins Hospital arbeitete und zum Vorreiter der amerikanischen Kinderpsychiatrie wurde, veröffentlichte im Jahr 1943 eine Arbeit über den Autismus mit dem Titel "Autistic Disturbances of Affective Contact". Im selben Jahr legte Hans Asperger in Wien seine Habilitationsschrift "Die Autistischen Psychopathen im Kindesalter" vor, die 1944 veröffentlicht wurde. Kanner beschrieb Kinder, die ihm relativ ähnlich schienen: Sie waren durchweg sozial und emotional in sich gekehrt und auf Objekte und Rituale fixiert, zeigten repetitives Verhalten und wiesen ein eingeschränktes Sprachvermögen sowie erhebliche kognitive Einschränkungen auf. Diese Form der Störung wird heute als "klassischer" Autismus bezeichnet. Die Mediziner in den Vereinigten Staaten wandten jahrzehntelang Kanners eng gefasste Definition an, und noch im Jahr 1975 war der Autismus eine relativ seltene Diagnose, die bei einem von etwa 5000 Kindern gestellt wurde.
Asperger fasste seine Diagnose der "autistischen Psychopathie" sehr viel weiter und wendete sie auf Kinder mit geringeren Einschränkungen an, zum Beispiel auf solche, die sich gut ausdrücken konnten und in der Lage waren, eine normale Schule zu besuchen. Seine Diagnose blieb fast vier Jahrzehnte lang weitgehend unbekannt - bis die führende britische Psychiaterin Lorna Wing seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 1944 entdeckte und die von ihm geschilderte Störung 1981 unter der Bezeichnung "Asperger-Syndrom" bekannt machte. Das Konzept brach sich in psychiatrischen Kreisen Bahn; im Jahr 1994 nahm die American Psychiatric Association (APA) die von Asperger beschriebene Störung in die vierte Auflage ihres Diagnosehandbuchs DSM auf (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-IV). Da das Asperger-Syndrom zusehends als "hochfunktionaler" Autismus betrachtet wird, nahm die APA die Diagnose 2013 aus DSM-V heraus und fasste sie als eine von mehreren Varianten unter die allgemeine Diagnose "Autismus-Spektrum-Störung". Auf internationaler Ebene ist das Asperger-Syndrom jedoch weiterhin eine eigene Diagnose und wird in der maßgeblichen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD), als solche geführt.
Die Einführung von Aspergers Arbeit änderte in den neunziger Jahren die Vorstellung vom Autismus. Die Psychiater begannen den Autismus als Spektrumstörung zu betrachten, die bei Kindern mit sehr unterschiedlichen Merkmalen diagnostiziert werden konnte. Kanner hatte erheblich behinderte Kinder beschrieben, die Sprachschwierigkeiten hatten und kaum mit anderen Menschen interagieren konnten. Nun wurde die Diagnose auf sozial ungelenke Mathematikgenies ausgeweitet.
Die Zahl der Diagnosen von Autismus-Spektrum-Störungen schoss in die Höhe. Die spezifischen medizinischen, genetischen und Umweltursachen für diesen Anstieg sind sehr umstritten, aber die meisten Fachleute sind sich darin einig, dass er zumindest teilweise auf die Erweiterung der Diagnosekriterien zurückzuführen ist. Nach Angabe der United States Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wurde im Jahr 1985 bei einem von 2500 Kindern eine Autismus-Spektrum-Störung festgestellt. Zehn Jahre später wurde sie bei einem von 500 Kindern diagnostiziert. Als Aspergers Erkenntnisse im Lauf der Zeit allgemeine Anerkennung fanden, stieg die Zahl der Diagnosen auf eine bei 150 Kindern im Jahr 2002, 2016 wurde bereits bei einem von 68 Kindern eine Autismus-Spektrum-Störung festgestellt. Die Spezialisten führen diesen rasanten Anstieg auf eine größere Sensibilität für Probleme in der kindlichen Entwicklung und eine objektive Zunahme der Symptome zurück.
Die Kriterien der American Psychiatric Association für die Diagnose einer Störung aus dem Autismus-Spektrum beruhen auf der Arbeit Hunderter Psychiater, aber wir finden darin immer noch den Nachhall von Vorstellungen und sogar eine Sprache, die vor siebzig Jahren entwickelt wurden. Asperger erklärte seinerzeit, die Grundstörung der "autistischen Psychopathen" sei "eine Einengung der Beziehungen zur Umwelt", und laut dem Diagnosehandbuch DSM-V sind "bleibende Defizite in der sozialen Kommunikation und Interaktion" ein wesentliches Diagnosekriterium. Asperger definierte die "autistische Psychopathie" auch als "eine Einengung auf das eigene Selbst (Autismus), eine Einschränkung der Beziehungen zur Umwelt".
Da Asperger das Autismus-Spektrum erweiterte, halten ihm viele Leute zugute, er habe die Verschiedenheit der betroffenen Kinder erkannt und gewürdigt. Er wird oft als Vorreiter der Neurodiversität gefeiert. Indem Lorna Wing in den achtziger Jahren seine Theorie aus dem Jahr 1944 in die öffentliche Diskussion einführte, trug sie tatsächlich zur Anerkennung der Einzigartigkeit jedes individuellen Patienten bei. Nun ist es aber an der Zeit, Klarheit darüber zu gewinnen, dass die Dinge, die Hans Asperger tatsächlich schrieb und tat, Produkte der NS-Psychiatrie und der Gesellschaft waren, in der er lebte.
Das Ziel dieser Untersuchung ist es nicht, eine bestimmte Person anzuklagen oder die begrüßenswerte Diskussion über die Neurodiversität zu untergraben, die durch Aspergers Arbeit angeregt wurde. Vielmehr geht es mir darum, im Interesse der Neurodiversität zu Vorsicht zu mahnen und zu zeigen, wie Diagnosen von gesellschaftlichen und politischen Kräften geprägt werden können, wie schwierig es sein kann, den Einfluss dieser Kräfte zu erkennen, und wie schwer es ist, ihnen zu widerstehen.
Hans Asperger wird oft als mitfühlender, progressiver Arzt dargestellt, der im Dritten Reich unberührt vom politischen Geschehen seiner Forschung nachging und das NS-Regime ablehnte. Tatsächlich war er ein gläubiger Katholik und trat nie in die NSDAP ein. Er steht auch in dem Ruf, behinderte Kinder vor der Verfolgung durch den NS-Staat gerettet zu haben. Viele Leute glauben, er habe die besonderen Fähigkeiten betroffener Kinder und ihren potenziellen Wert für die Gesellschaft in technischen Berufen hervorgehoben, um sie vor dem "Euthanasieprogramm" des Regimes zu bewahren. Demnach war Aspergers Autismusdiagnose so etwas wie eine psychiatrische Schindlers Liste. Nach dem Untergang des Dritten Reichs behauptete Asperger selbst, er habe Widerstand gegen das Regime geleistet und sein Leben aufs Spiel gesetzt, um Kinder vor der Vernichtung im NS-Euthanasieprogramm zu bewahren.
Die in den Archiven erhaltenen Dokumente erzählen eine ganz andere Geschichte. Aus den Akten geht hervor, dass sich Asperger auf verschiedenen Ebenen an der systematischen Tötung von Kindern in Wien beteiligte. Er arbeitete eng mit den führenden Köpfen im Kindereuthanasieprogramm zusammen und schickte als Inhaber zahlreicher Posten im NS-System Dutzende Kinder in die Pflegeanstalt "Am Spiegelgrund", wo Hunderte als behindert oder "asozial" eingestufte Kinder ermordet wurden.
Es ist schwierig, Aspergers Rolle im Kindereuthanasieprogramm mit seinem Ruf in Einklang zu bringen, er habe sich sein Leben lang für behinderte Kinder eingesetzt. Beides lässt sich belegen. Ein genaues Studium der erhaltenen Aufzeichnungen über Aspergers Arbeit zeigt, dass sein Verhalten zwiespältig war. Asperger unterschied zwischen Kindern, die er für erziehbar hielt, weshalb er ihnen das Potenzial zur "sozialen Integration" zusprach, und solchen, die er für unverbesserlich hielt. Er sprach sich für eine intensive und individualisierte Betreuung von Kindern aus, bei denen er Fähigkeiten erkannte. Auf der anderen Seite ordnete er die Internierung von Kindern an, die in seinen Augen keinen Nutzen für die "Volksgemeinschaft" hatten - oder schickte sie sogar in die Tötungsanstalt "Am Spiegelgrund". Asperger war nicht der Einzige, der sich so verhielt. Führende Kollegen in der NS-Medizin sprachen sich für eine einfühlsame und intensive Betreuung von Kindern aus, die für die "Volksgemeinschaft" gerettet werden konnten, und verlangten gleichzeitig die Beseitigung jener, die sie für unverbesserlich hielten.
Das janusköpfige Verhalten Aspergers offenbart auch den Charakter des Dritten Reichs. Das nationalsozialistische Projekt zur Umgestaltung der Menschheit beinhaltete sowohl Behandlung als auch Beseitigung: Abhängig von ihren Mängeln konnten manche Menschen korrigiert werden, sodass sie den Ansprüchen des NS-Regimes genügten. All jene, bei denen das nicht möglich war, mussten ausgelöscht werden.
Es war leicht, neue Gruppen zu definieren, die verfolgt und getötet werden mussten. Die Verantwortlichen hielten sich nicht an unabänderliche, gesichtslose Regeln, sondern entwickelten laufend neue Etiketten und elastische Kategorien. In diesem Diagnoseregime war ein Teil der Menschen, bei denen Defekte beobachtet wurden, umzuerziehen, damit sie den Standards des NS-Regimes entsprachen: Beispielsweise waren Juden an sich unverbesserlich, aber bestimmte Menschen mit slawischer Herkunft konnten germanisiert werden. "Arbeitsscheuen" konnte man beibringen, arbeitsam zu werden. Asperger nahm ähnliche Unterscheidungen vor und erklärte, Autisten mit "günstiger" Prognose könnten dazu gebracht werden, sich "sozial zu integrieren", und in einigen Fällen hielt er es sogar für möglich, ihre "besonderen Fähigkeiten" zu nutzen.
Um eine homogene "Volksgemeinschaft" aufzubauen, musste die Zahl jener Menschen erhöht werden, die das Regime für wünschenswert hielt, während unerwünschte Individuen ausgesondert werden mussten. Die Absicht, das Gemeinwesen zu säubern, mündete in den Holocaust - die Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden im größten Völkermord der Geschichte - sowie zu zahlreichen anderen systematischen Vernichtungsprogrammen. Der NS-Staat tötete mehr als 200.000 vermeintlich behinderte Menschen, 220.000 Sinti und Roma und große Gruppen der osteuropäischen und sowjetischen Bevölkerung, darunter 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene.
Bei der Beseitigung unerwünschter Menschen orientierten sich die Verantwortlichen an "wissenschaftlichen" Prinzipien der "Rassenhygiene". "Problematische" Wesenszüge wurden minderwertigen Erbanlagen und physiologischen Mängeln zugeschrieben. Das Regime versuchte, anhand biologischer Kriterien zu bestimmen, wer zur "Volksgemeinschaft" gehörte und wer nicht, weshalb Historiker das Dritte Reich als "Rassenstaat" bezeichnet haben. Die "Rasse" war zweifellos ein Organisationsprinzip des NS-Regimes. Aber die Bezeichnung kann in die Irre führen, suggeriert sie doch eine klare Abgrenzung der Definitionen und Programme.
In der Realität fielen die Entscheidungen darüber, welche Menschen auszusondern waren, in einem Prozess von Versuch und Irrtum. Die Definitionen waren elastisch, die Maßnahmen uneinheitlich: Sie änderten sich abhängig von Zeitpunkt, Ort und Akteuren. Sogar die scheinbar klare Definition dessen, wer als Jude zu betrachten war, hing von der Anwendung der komplizierten Kriterien in den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 und später vom Ergebnis der Debatten über das Schicksal von "Mischlingen" oder "Halbjuden" ab. Den Behörden war auch nicht klar, wie viele biologisch "minderwertige" Individuen es eigentlich gab: Die Schätzungen schwankten zwischen einer Million und 13 Millionen Menschen (das heißt einem Fünftel der deutschen Bevölkerung). Auch die Menschen, die als nicht gesunde Arier verfolgt werden sollten, wurden willkürlich ausgesucht: "Asoziale" und "Arbeitsscheue" (zum Beispiel Kriminelle, Arbeitslose, Obdachlose, Alkoholiker, Prostituierte), Homosexuelle, politische Gegner (insbesondere Kommunisten und Sozialisten) und religiöse Dissidenten (zum Beispiel Zeugen Jehovas). Die Entscheidung darüber, wer zu verhaften, zu deportieren oder zu töten war, lag oft bei einzelnen Personen und Behörden, die eigene Klassifikationen vornahmen.
In diesem Buch wird das NS-Regime unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtet und als Diagnoseregime untersucht. Der Staat war besessen von der Kategorisierung der Bevölkerung und sortierte die Bürger nach "Rasse", politischen Ansichten, Religion, Sexualität, Kriminalität, Erbanlagen und biologischen Mängeln. Diese Etiketten dienten dann als Grundlage für die Verfolgung und Vernichtung von Menschen. Der Nationalsozialismus wird normalerweise an seinen gewalttätigen Ergebnissen gemessen, aber wenn man die Verursachungskette zurückverfolgt, zeigt sich, dass diese Ergebnisse vom ursprünglichen Akt der Diagnose abhingen. Die nationalsozialistische Eugenik wurde eingesetzt, um das Menschsein neu zu definieren und zu katalogisieren. Die fortschreitende Kategorisierung der Defekte gab dann den Anstoß zu staatlich organisierter Verfolgung und Vernichtung.
Besondere Aufmerksamkeit galt der Psyche. In der NS-Zeit aktive Ärzte beschrieben mindestens dreißig neurologische und psychiatrische Diagnosen, die noch heute nach ihnen benannt sind. Da die geistige Gesundheit von zahlreichen Faktoren wie Erbanlagen, physiologischer Gesundheit, familiärem Status, Klassenzugehörigkeit und Geschlecht abhing, stellte der Verstand den Knotenpunkt der NS-Eugenik dar. Den Neuropsychiatern kam eine entscheidende Rolle in der medizinischen Säuberung der Gesellschaft, in der Entwicklung der Zwangssterilisierung, in Menschenversuchen und in der Tötung jener zu, die als behindert eingestuft wurden.
Der Zugang der NS-Psychiatrie zur Beobachtung und Behandlung von Kindern war umfassend. Um statt einzelnen Symptomen die gesamte Persönlichkeit eines Kindes beurteilen zu können, musste sich der Psychiater ein umfassendes Bild von Verhalten und Wesen des Patienten machen. Daher mussten die betroffenen Kinder genau beobachtet werden, wobei auch geringfügige Verhaltensabweichungen festgestellt wurden, was das Tor zu neuen Diagnosen aufstieß.
Was genau wurde diagnostiziert? In Aspergers Kreisen wurden Rasse und Physiologie als notwendige Voraussetzungen für die Zugehörigkeit zur "Volksgemeinschaft" betrachtet. Darüber hinaus brauchte der Mensch jedoch auch Gemeinschaftsgeist: Jedes Individuum musste die Vorstellungen der Gruppe teilen, und sein Verhalten musste den Erfordernissen des Kollektivs entsprechen. Die Überlebensfähigkeit des deutschen Volkes hing davon ab, dass sich die Individuen als Bestandteil der Gemeinschaft fühlten. Die Faszination vom sozialen Zusammenhalt verdeutlicht die zentrale Rolle faschistischer Ideale im Nationalsozialismus.
Da die Zugehörigkeit zur "Volksgemeinschaft" von größter Bedeutung für das NS-Regime war, wurden die kollektiven Emotionen Teil der nationalsozialistischen Eugenik. Ein Mangel an Geselligkeit wurde neben ethnischer Zugehörigkeit, politischen Überzeugungen, Religion, Sexualität, Kriminalität und Physiologie ein weiterer Grund für die Verfolgung von Menschen. Asperger und seine Kollegen verwendeten den Begriff des "Gemüts", um zu beschreiben, was für Menschen ihnen vorschwebten. Das "Gemüt", das im 18. Jahrhundert ursprünglich ein Synonym von "Seele" gewesen war, wurde in der NS-Kinderpsychiatrie zur Beschreibung der metaphysischen Fähigkeit zu sozialen Bindungen verwendet. Das Individuum musste Gemüt besitzen, um eine Verbindung mit dem Kollektiv herstellen zu können, und die Integration ins Kollektiv war ein wesentlicher Bestandteil des faschistischen Empfindens. Die nationalsozialistischen Psychiater begannen Kinder auszusondern, denen es ihrer Meinung nach an Gemüt mangelte, was zur Folge hatte, dass sie schwächere soziale Bindungen herstellten und den Erwartungen des Kollektivs nicht entsprechen konnten. Die Psychiater entwickelten verschiedene Diagnosen wie die "Gemütsarmut", lange bevor Asperger 1944 die "autistische Psychopathie" beschrieb - die er ebenfalls als Mangel an Gemüt definierte.
Die Geschichte von Aspergers Arbeit zeigt, dass einzelne Ärzte entsprechend den Kriterien des nationalsozialistischen Diagnoseregimes in einem sehr flexiblen Prozess neue Kategorien von Defekten entwickelten. Indem wir uns am Paradigma eines Diagnoseregimes orientieren, beschränken wir uns nicht auf die Vernichtungsvorhaben des NS-Staats, sondern können uns dem übergeordneten Vorhaben der Vervollkommnung eines bestimmten Menschentyps zuwenden. Das Ziel des NS-Regimes war es, Menschen zu beurteilen und umzugestalten. Dieses Vorhaben war nicht auf rassische und körperliche Merkmale beschränkt, sondern erstreckte sich auf das Denken und Fühlen der Menschen. Mit Blick auf ein Persönlichkeitsmodell wurden mentale und emotionale Normen entwickelt.
Medizin und Psychiatrie in anderen Teilen der Welt waren diesem Vorhaben damals nicht völlig unähnlich; der Unterschied war, dass das Diagnoseregime im Dritten Reich im Schatten des Todes funktionierte und den Tod als Behandlungsoption beinhaltete. Die Zunahme der Diagnosen führte zu einer Radikalisierung, die in die Vernichtung all jener mündete, die als "lebensunwert" eingestuft wurden, weil sie keinen Nutzen für die "Volksgemeinschaft" hatten. Die Maßnahmen wurden als "Euthanasie" bezeichnet, obwohl diese Bezeichnung falsch war, denn die große Mehrheit der getöteten Menschen war körperlich gesund und litt nicht unter unheilbaren Krankheiten. Viele Kinder wurden zu Opfern, weil ihr Verhalten als problematisch betrachtet wurde oder weil Zweifel an ihrem gesellschaftlichen Nutzen bestanden - insbesondere in der sogenannten Heilanstalt "Am Spiegelgrund" in Wien, wo Asperger und seine Kollegen zahlreiche Kinder hinschickten. In der NS-Psychiatrie musste ein Kind angepasst, "erziehbar" und "arbeitsfähig" sein, damit es als "gemeinschaftsfähig" eingestuft werden konnte. Auch der familiäre Hintergrund und die Klassenzugehörigkeit wirkten sich aus.
"Ein wichtiger und gelungener Beitrag zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der österreichischen Medizingeschichte." David Rennert, Der Standard, 05.11.2018

"Edith Sheffer hat eine verdienstvolle Studie vorgelegt, in der sie anschaulich schildert, welchen furchtbaren Konsequenzen die nationalsozialistische Ideologie für wehrlose Kinder haben konnte. [...] Sheffer kann, und das ist schon bedeutsam genug, für sich in Anspruch nehmen, die dunkle Seite von Aspergers Tätigkeit endlich ans Licht der Öffentlichkeit gebracht zu haben - ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung über die nationalsozialistische Euthanasie." Ernst Piper, Der Tagesspiegel, 20.12.2018

"Edith Sheffer hat in ihrem engagierten, sehr lesbaren und auch für Nichtmediziner verständlichen Werk einen beachtlichen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Medizin in Wien und zur Infragestellung der Person und des Werkes von Hans Asperger geleistet." Wolfgang Neugebauer, H-Soz-Kult, 30.11.2018

"Klassifikation kann einerseits Unterstützung mobilisieren - etwa für angemessene Pflege und angepasste Lehrmethoden in Schulen - oder als Käfig wirken, wenn verschiedene Symptome und Verhaltensweisen zusammengeworfen werden. Das ist eine wichtige, noch lange nicht abgeschlossene Debatte, deren Bedeutung weit über den Autismus hinausreicht. Sheffers Buch gibt ihr eine neue historische Tiefe." Thomas Weber, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2018

"Für historisch interessierte Leser [...] eine Findgrube." Ilona Jerger, Psychologie Heute, 10.12.2018

"Ein ungeheuerliches, mutiges, fantastisches Buch." Astrid Viciano, Süddeutsche Zeitung, 26.11.2018

"In ihrer detaillierten Analyse betrachtet Scheffer nicht nur das ambivalente Verhalten Aspergers. Vielmehr beleuchtet die Historikerin die Folgen einer überzeugten oder auch pragmatischen Anpassung an ein verbrecherisches Regime. Das Buch eignet sich für Leser, die sich mit einem dunklen Kapitel der Medizin- und Psychiatriegeschichte sowie mit den Euthanasieverbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzen möchten." Martin Schneider, Spektrum der Wissenschaft - Gehirn und Geist, 14.01.2019

"Sheffers Forschungsarbeit überzeugt durch eine klare Interpretation des Quellenmaterials und der umfangreichen Sekundarliteratur." Christa Hager, Wiener Zeitung, 01.04.2019

"Die Autorin nähert sich der dunklen Seite dieser Geschichte mit großer Sensibilität und eröffnet Einblicke in eine Welt, deren Grausamkeit die menschliche Vorstellungskraft übersteigt." autismus verstehen, 01.04.2019

"Das Buch ist eine materialreiche, moralisch hochdifferenzierte und spannende historische Untersuchung. Sie beschreibt die Verstrickung der Kinderpsychiatrie und der Heilpädagogik, besonders der Person Hans Aspergers, in das Kindereuthanasieprogramm der Nazis und entwickelt das diagnostische Label 'Autismus' aus dem ideologischen Denken des Nationalsozialismus." Prof. Dr. Carl Heese, Socialnet, 04.06.2019
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