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Das Haus in der Rothschildallee

Roman. 'Heyne-Bücher Allgemeine Reihe'. Erstmals im TB.
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Produktdetails

Titel: Das Haus in der Rothschildallee
Autor/en: Stefanie Zweig

ISBN: 3453406176
EAN: 9783453406179
Roman.
'Heyne-Bücher Allgemeine Reihe'.
Erstmals im TB.
Heyne Taschenbuch

1. Dezember 2008 - kartoniert - 288 Seiten

Keine dunkle Wolke scheint das Leben des jüdischen Kaufmanns Johann Isidor Sternberg und seiner Familie an "Kaisers Geburtstag", am 27. Januar 1900, zu trüben. Doch die harmonische Idylle erfährt bald ihre ersten Brüche.

Stefanie Zweig, 1932 in Oberschlesien geboren, wanderte im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung 1938 mit ihren Eltern nach Kenia aus und verlebte ihre Kindheit auf einer Farm. Ihre Romane "Nirgendwo in Afrika" und "Nur die Liebe bleibt" schildern diese Zeit. Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1947, die Stefanie Zweig in dem Roman "Irgendwo in Deutschland" schildert, zog ihre Familie schon bald in das Haus in der Rothschildallee, Schauplatz ihres neuen Romans.
Stefanie Zweig hat dreißig Jahre lang das Feuilleton einer Frankfurter Tageszeitung geleitet und lebt heute als freie Schriftstellerin in Frankfurt. Für ihre Jugendbücher wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Alle ihre großen Romane standen wochenlang auf den Bestsellerlisten und erreichen eine Gesamtauflage von über 7 Millionen Büchern. 1993 erhielt Stefanie Zweig die "Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland". "Nirgendwo in Afrika" wurde von Caroline Link verfilmt und erhielt 2003 den "Oscar" für den besten ausländischen Film.
Frankfurt, 27. Januar 1900


Strahlende Sonne am 27. Januar war seit zwölf Jahren eine Berliner Tradition. Am Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. strahlten die Sonne und die Bürger der Reichshauptstadt um die Wette. Selbstbewusst flanierten sie auf ihren Prachtstraßen und ein jeder wusste, dass Kaiserwetter eine Berliner Spezialität war.
Weit weniger kaisertreu zeigten sich die Januarwinde, die von den Bergen im Taunus nach Frankfurt wehten. In der ehemaligen Freien Reichsstadt waren die Leute zu bürgerstolz und skeptisch, um auf neumodische monarchistische Mythen zu setzen. Die Frankfurter empfanden den kaiserlichen Geburtstag als einen Tag, der sich nicht von den übrigen dreißig im Monat unterschied - übellaunig schimpften sie den Januar einen rücksichtslosen Wüstling. Mit eiserner Faust vergalt ihnen der garstige Geselle seinen schlechten Leumund; häufig übertraf er mit Wetterkatastrophen, die zu Tragödien führten, noch seinen fürchterlichen Ruf.
Der 27. Januar 1900 war allerdings in der schönen Stadt am Main der strahlende Beweis, dass in der Meteorologie noch weniger Verlass auf Verallgemeinerungen ist als auf besser überschaubaren Gebieten. An diesem letzten Samstag im Januar war das Frankfurter Wetter, wie die Leute einander aufgeräumt versicherten, wenn sie am Flussufer spazieren gingen und die Kirchturmspitzen in der Wintersonne wie die vergoldeten Kuppeln in Märchenbüchern glitzerten, zum Eier Legen. Der volkstümliche Ausdruck entstammte der Sommersprache, eignete sich aber trefflich, um am einundvierzigsten Geburtstag Seiner Majestät Kaiser Wilhelms II. das Lebensgefühl der Menschen zwischen den Ebbelweinwirtschafen in Sachsenhausen und den Feldern auf dem Lohrberg zu beschreiben. Der Himmel über den Frankfurtern, die dafür bekannt waren, dass sie nur glaubten, was sie sahen, anfassen und schmecken konnten, war am 27. Januar 1900 so klar und blau wie seit Wochen nicht mehr.
Solch rares Wetterglück erhellte die dunkelste Gesindestube.
Die Sonne erreichte feuchtes Gemäuer in engen Gassen und strahlte mit Titanenkraft auf Herrenhäuser und die weiträumigen Plätze, von denen es immer mehr in der Stadt gab. Hell im Licht der Hoffnung leuchteten die Schwanzfedern der Wetterhähne. Die alten Stadttürme wirkten, als wären sie in der Nacht geputzt worden. Auf der Zeil und in der Kaiserstraße pfiffen vorwitzige Spatzen von allen Dächern, dass es bald Frühling werden würde. Frisch gestriegelt waren die Pferde vor den geputzten Kutschen.
Es war ein buntes Völkchen, das am letzten Januarwochenende des noch taufrischen neuen Jahrhunderts in Frankfurt die Welt bejubelte, als wäre sie soeben erschaffen worden. Selbst Griesgrame lächelten, wenn sie den Hut lüfteten, um Bekannten einen Gruß zu entbieten. Alte Damen lockerten den Schal, hielten ihre Stirn verlangend in die Sonne und erinnerten sich an die Zeit, als die Frühlingsträume auch zu ihnen gekommen waren.
Eine junge Blumenverkäuferin im karierten Rock und knapp sitzendem Mieder bot auf dem Platz vor dem Dom Frühlingsblumen aus dem Gewächshaus an. Ein junger Mann kaufte eine langstielige rote Rose. Die Verkäuferin deutete einen Knicks an, der Rosenkavalier errötete und ging eilig weiter. In der Auslage einer beliebten Konditorei zwischen Mainufer und Römerberg glitzerten auf einer hohen Torte kandierte, rote Kirschen und Blätter aus grasgrünem Marzipan. Auf einer niedrigen Mauer gegenüber dem Café saßen zwei Katzen. Sie putzten ihre Barthaare und schauten mit halb geschlossenen Augen den Flanierenden nach. Junge Hunde jagten ihren Schwanz; die alten lahmten im gleichen Tempo wie ihre betagten Herrchen. Heitere Klänge einer Drehorgel kamen aus einem Hinterhof und reisten zu den Baumwipfeln am Fluss. Dass der kaiserliche Jubeltag auf einen Samstag fiel, war auch für eingeschworene Republikaner ein Grund zur Freude. In der Regel war der Samstag ja ebenso ein Tag von Arbeit und Pflicht wie alle anderen. Selbst Hausfrauen mit Personal hatten so viele Son
ntagsvorbereitungen, dass es Abend wurde, ehe sie die Zeit fanden, sich den ersten Seufzer des Tages zu gönnen. Am 27. Januar 1900 reichte allerdings ein zufälliger Blick aus dem Fenster, um aus einer fleißigen Hüterin von Heim und Herd eine Zeit verschwendende Träumerin zu machen. Ich kann schon den Frühling riechen, jubelte Betsy Sternberg, als sie morgens um neun in ihrer neuen Küche den ersten der beiden Sonntagskuchen in den funkelnagelneuen Herd schob. Ein extrafeiner Mandelkuchen war es, nach einem Rezept ihrer Wiener Großtante Julia mit Sultaninen gebacken und mit kandierten Veilchen verziert. Das hilfsbereite Julchen pflegte die Köstlichkeit zu besonderen Anlässen aus Wien zu schicken - der erste Kuchen, der in einer neuen Küche gebacken wurde, war eine solche Gelegenheit.
Betsys Gatte erachtete Nüchternheit für die Schwester der Klugheit. So dämpfte er umgehend den verfrühten Frühlingsrausch. Ich glaube, sagte er, du riechst eher die Sultaninen, die du in meinem guten Rum getränkt hast, meine liebe Betsy. Rum zwickt nämlich in der Nase. Hast du das zu Hause nicht gelernt? Komm, vergiss für einen Augenblick deinen Kuchen. Dein Mann ist dabei, ins Leben zu ziehen.
Aber nicht ins feindliche, lachte seine Frau; sie hatte eine gute Erziehung genossen und kannte sich mit der klassischen Literatur aus. Schiller rezitierte sie, so oft sich die Gelegenheit erbot.
Johann Isidor Sternberg, bald vierzig Jahre alt, ein Geschäftsmann mit Fortüne, angesehen und strebsam, seit vier Wochen Hausbesitzer, Vater eines Sohns, zog seinen schweren schwarzen Mantel mit dem grauen Pelzkragen an und holte seinen am Vortag von Betsy gedämpften Hut vom Ständer. Er ging nicht regelmäßig am Samstag in die Synagoge, doch an einem Sabbat, der mit Kaisers Geburtstag zusammenfiel, hatte er doch das Bedürfnis, für dessen und der deutschen Nation Wohl zu beten. Ein exzeptioneller Tag, sagte er, als er sich anschickte, das Haus zu verlassen, ganz exzeptionell. Johann Isidor strich
seiner Frau über das Haar und sagte, sie möge nicht vergessen, sich zu schonen. Du trägst, mahnte er, die Verantwortung für zwei.
Frau Betsys Wangen erglühten. Ob ihr Mann ahnte, wie sehr es sie erregte, wenn er auf Körperliches anspielte? Ihre Gedanken waren zärtlich, als sie ihm nachsah. Ihre Linke berührte ihren Leib, ihr Mund formte ein Wort, das sie in seiner Gegenwart nie auszusprechen wagen würde. Johann Isidor, längst nicht mehr nur Tuchhändler en détail und en gros, war nicht nur in den Augen seiner liebenden Gattin ein bemerkenswerter Mann. In vielerlei Beziehung war er seiner Zeit voraus. Er war tolerant, wissbegierig, gerecht im Urteil, überlegt in der Tat und allzeit gemessen im Ton - selbst, wenn er mit Untergebenen und Kindern sprach. Sogar in Gegenwart von Gästen genierte er sich nicht zu zeigen, dass ihm Frau und Sohn mehr bedeuteten als Ruhm und Ehre.


"Ein faszinierender Familienroman."
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Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Feinsinnig und geistreich - von Anja Winkler-Trott - 13.03.2012 zu Stefanie Zweig „Das Haus in der Rothschildallee“
Ein schönes Buch , wie ich finde: nicht nur sprachlich hochwertig, geistreich und teils sehr humorvoll geschrieben, sondern gleichzeitig aufwühlend und sehr, sehr menschlich. Stefanie Zweig schreibt über die Familie Sternberg, eine betuchte jüdische Familie, die in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein sorgenfreies Leben in der Rothschildallee Nr. 9 führt. Die Familie lebt assimiliert, was auch bedeutet, dass sie hinter ihrem Kaiser und der Kriegsideologie steht. Sogar ihr ältester Sohn zieht freiwillig an die Front. Doch die Geschichte greift nach den Rothschilds, genau wie nach dem Rest der Bevölkerung mit ihen Sorgen und Leiden der Kriegsjahre... Es gibt noch drei Nachfolge-Romane: Die Kinder der Rothschildallee Heimkehr in die Rothschildallee Neubeginn in der Rothschildallee Sicherlich erzählt die Autorin über ein vielbeschriebenes dunkles Kapitel unserer Zeit, jedoch mit einer, wie ich finde, unvergleichlichen Art, die ihr Buch ausgesprochen lesenswert macht.
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