Leseprobe

9. Die antirassistische Internationale, Willy Brandt und die SI (S. 46-47)

Auch Willy Brandt will – gemeinsam mit Kreisky – an einer diplomatischen Annäherung zwischen den verfeindeten Parteien arbeiten. »Doch Brandt konnte nicht«,[89] bedauert Eliaw. Ein deutscher Politiker darf dreißig Jahre nach dem Holocaust nicht mit einer Organisation, die Israel vernichten will, offizielle Kontakte pflegen. Auch wenn die Kontakte genau dazu dienen, die PLO zu verändern. Brandt trifft Sartawi deshalb nur heimlich, das erste Mal im November 1977. Seit 1974 ist Brandt nicht mehr Bundeskanzler, ab 1976 ist er allerdings Präsident der Sozialistischen Internationale. Für Sartawi ist Brandt daher ein wichtiger Kontakt.

Doch allzu öffentlich kann Brandt den Palästinenser nicht unterstützen. Auch seinem Nachfolger als Bundeskanzler, Helmut Schmidt, geht es nicht anders. Er sagt zu seinem Berater Hans-Jürgen Wischnewski, der wegen seiner ausgezeichneten Kontakte in der arabischen Welt auch »Ben Wisch« genannt wird: »Mensch Hans-Jürgen, du machst Sachen, da kann man nachts nicht schlafen.« Und er fügt hinzu: »Besser, ich weiß davon nichts.«[90] Hans-Jürgen Wischnewski hat Kontakte zu PLO-Funktionären, die einem deutschen Kanzler nicht gut anstehen. Die PLO gilt offiziell immer noch als Terrororganisation.

Am 24. November 1977 etwa schickt Wischnewski seinen engsten [73]Mitarbeiter Peter Kiewitt nach Wien zu einem Geheimtreffen. Kreisky hat neben Kiewitt zwei palästinensische Politiker zu Gast. Sartawi und Ali Hassan Salameh, den Drahtzieher des Münchner Attentats auf die israelischen Athleten. Kreisky wollte wohl, meint der deutsche Historiker Matthias Dahlke, seine »längerfristige, außenpolitisch dominierte Antiterrorismuspolitik«[91] stärken.
Kreisky sichert sich ab, er informiert sogar den israelischen Geheimdienst über das bevorstehende Treffen. Wischnewski ist Kreisky für diese nach außen hin geheimen, inoffiziell aber sehr wohl angekündigten und wohl durchdachten Treffen ein guter Partner. Kanzler Schmidt allerdings resümiert im September 1979:

»Es bleibt dabei: Eine Anerkennung der PLO als rechtmäßige Vertretung des palästinensischen Volkes kommt für uns so lange überhaupt nicht in Frage wie die PLO nicht bereit ist, das Existenzrecht Israels in gesicherten Grenzen anzuerkennen.«[92] Der liberale Außenminister Hans-Dietrich Genscher verfolgt eine Linie, die der PLO den Status einer Partnerin im Nahostkonflikt einräumt. Die »technischen Kontakte« zwischen deutschen Regierungsstellen und PLO verbessern sich unter ihm beständig. Abdallah Franji darf als PLO-Vertreter 1977 in Bonn ein karges Büro eröffnen.

Die »Informationsstelle Palästina« ist die palästinensische Botschaft in der Bonner Kaiserstraße. Von dort aus besucht er die Cocktailparties der SPD-Granden.[93] Es ist nicht nur für die Deutschen wichtig, Palästinenser [74]wie Franji oder Sartawi kennenzulernen. Umgekehrt profitieren auch die PLO-Diplomaten von den Europäern: »Ich lernte erst in Europa, dass man nicht alle Konflikte unbedingt mit Gewalt lösen muss«,[94] erzählt Franji. Der in Beer Sheva geborene Palästinenser hatte als achtzehnjähriger Student die Fatah-Fraktion der palästinensischen Studenten in Deutschland gegründet. Als Sartawi den PLO-Diplomaten 1976–77 für seine Kontakte mit den Israelis begeistern will, reagiert Franji zurückhaltend.