Die Nacht, heißt es in der Novelle, gehört den Liebenden und ist eine Liebesgeschichte, die weder als Liebesgeschichte beginnt, noch als Liebesgeschichte endet. Ein Buch also, das zuerst eine Feststellung ist, aber dann eine Infragestellung wird.
Vorherrschend sind nicht nur die Suche und die Unsicherheit sondern auch die Haltlosigkeit wenn wir Halt finden oder zu finden meinen, weil unser Glück flüchtig ist.
Die Struktur des Buches ergibt sich hierbei nicht aus einer Suche oder einem Zusammentreffen oder einer Liebesentwicklung, sondern aus einem Trauma, das nicht geheilt werden kann, sowie aus einem Verlust, der vielleicht kompensiert werden kann, was jedoch offen bleibt. Die Gefahr von neuen Traumata schwebt darüber und von neuen Verlusten, die allerdings vorhergehende neue Glücksgewinne bedeuten. Die subjektive oder objektive "Abenteuerlichkeit" der Erlebnisse verschleiert das Drama, das in einem Exzess in einem Nachbarzimmer zum Ausdruck kommt. Die Klarheit der kurzen Sätze hebt die Undurchsichtigkeit der menschlichen Handlungen nicht auf. Die ungekünstelte aber dennoch Poesie eröffnende Sprache stellt das Geschehen in unseren Alltag, das über unseren Alltag hinausweisen soll.
Die Autorin zeigt - obschon von einem Ich erzählt - mehr wie wir Andere erleben als wie wir uns selber erleben und wechselt die Perspektive um die von Person zu Person wechselnde Perspektive zu verdeutlichen, wodurch unter anderem die Realität infrage gestellt wird, die von der eigentlichen Hauptperson, die nicht die erzählende Hauptperson ist, geflohen wird, weil sie geflohen werden sollte.
Dinge, Situationen und Personen werden ausgesprochen dosiert sowie konzentriert auf das wesentliche Geschehen beschrieben, so dass die Novelle insgesamt knapp aber völlig ausreichend, ohne dadurch zur Skizze zu werden, dimensioniert ist.
Auch wenn es sich in der Novelle um die Situation im Leben aus der Sicht junger Erwachsener dreht, geht es quasi als Nebeneffekt gleichfalls um die Veränderung der Sicht durch Erlebnisse sowie durch das einhergehende Älterwerden. Ersteres wird dennoch nicht zum Hauptthema und letzteres wird dennoch nicht nur Nebeneffekt, sondern jeweils eines von etlichen angesprochenen Themen.
In gewisser Weise könnte man die Novelle als eine Entwicklungsnovelle analog eines Entwicklungsromanes bezeichnen, die demgegenüber am Ende an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, wobei aber auch hierdurch gleichwohl eine Entwicklung stattfindet.
Preisgeben wird gegen Verbergen gesetzt und Aufbruch gegen Rückzug. Positivistische und pessimistische Weltbilder werden gegeneinander gestellt und bleiben ebenso quälend wie gnädig durch Amnesie in der Schwebe.
Wörtliche Rede ist eher spärlich zugunsten von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen eingesetzt. Erwartungen sind mit Befürchtungen ausbalanciert. Bilder werden ungezwungen zur Visualisierung oder zur Verdeutlichung eingestreut oder evoziert, welche gemeinsam mit der omnipräsenten Musik unsere Sinne ansprechen, um gegen eine schale Realität angehen zu können. Poesie erhält Raum.
Wir erfahren, dass die Musik der Gegenwart, die durchgängig zitiert wird, nicht "nur" Musik ist, sondern mehr sein soll. Sie soll, wie alle Musik, zunächst Stimmung sein aber soll auch ein Kommentar zu der Stimmung und zu der Wirklichkeit und zum Leben sein und soll auch Bewertung dessen sein, ohne unsere eigene Bewertung - die wie geschildert durchaus, abhängig vom Moment und unserer Lage und unserer Gefühlslage, wechseln kann - vorwegzunehmen.
Die positiven und negativen Seiten von Spontaneität werden zu Gewohnheit und zu Erwartung kontrastiert und als Zwiespalt vor Augen geführt, von dem wir uns nicht lösen können und dessen Problematik nicht gelöst werden kann. Dies geschieht in der Novelle ohne ausdrückliche "Problematisierung" und ohne die Novelle zu einem Problematisierungstext zu machen, sie bleibt durchgängig eine unausgesprochen erwartungsschwangere Liebesgeschichte.
Die angestrebte aber nicht gewährleistete Kontinuierlichkeit - ja, Sprunghaftigkeit - der geschilderten Zweierbeziehung spiegelt die Schwierigkeiten und Umbrüche und Zufälle des Lebens sowie die geringe Kenntnis der Menschen von Anderen, einschließlich von Geliebten, wider. Das nachhaltigste Bild der Charakterisierung ist der zugewandte - und dadurch abgewandte - Rücken bei einem spontanen Liebesakt. Und die nachhaltigste Grundlage der Charakterisierung ist eine psychische Schädigung, die - falls eine solche überhaupt vorliegt oder falls sie überhaupt vermieden werden kann - teilweise behauptet, teilweise verleugnet, teilweise vorgetäuscht, teilweise befürchtet, teilweise gemieden und teilweise erlitten wird.
Wem eine Sympathie oder eine Antipathie gelten könnte, wird den Lesenden verschwiegen. Das sprechende Subjekt ebenso wie das beschriebene Objekt können gleichermaßen Identifikationsfiguren sein, da sie trotz aller Unterschiede durch eine einander ergänzende Beziehung beinahe gleichgesetzt werden als meistens unmerklich verstörte Wesen, deren Verstörtheit sich zuletzt annähert und sich in der Annäherung äußert und sie mehr denn je trennt. In ihrer Trennung aber werden sie als Sehnende offenbart. Und offenbart liegt ihre Verletzlichkeit - in Sanftheit wie in Schroffheit - zutage.
Die Welt und die Menschen werden gezeigt, wie sie täglich sind. Die Ereignisse werden gezeigt, wie sie tatsächlich stattfinden. In der konkreten Handlung jedoch - die durchaus auch anders aufgefasst werden kann - scheint nicht gezeigt zu werden, was ist oder was war oder was wird, sondern was sein könnte.
Die Geschichte, wie sie endet, bleibt - erinnert vom Erzähler - bestehen ohne bestehen zu bleiben weil sie sich selber auslöscht und die Geschichte als Ganzes bleibt dadurch nicht bestehen um immerhin als Möglichkeit bestehen zu bleiben.
Die Autorin widmet in aller Unbeständigkeit die Nacht den Liebenden aber die Liebenden auch der Nacht.